zufall oder schöpfung?

zum verhältnis von glaube und naturwissenschaft

statements

EZW 2011 Nr. 204, Seite 47

Henrik_Ullrich_EZW

Anliegen der Studiengemeinschaft Wort und Wissen

1.   Die aktuelle Debatte um „Evolution" und „Schöpfung" wird von einer fehlen­
den Bereitschaft charakterisiert, die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen der
jeweiligen Wirklichkeitssicht, die damit verbundenen Regeln des Denkens und des
argumentativen Schließens im Wechselspiel mit naturwissenschaftlichen Methoden
zu benennen.'  Die vor allem in der Öffentlichkeit wiedergegebene Auseinander­
setzung konzentriert sich auf medienwirkmächtige Details und verarmt in einer Art
Kriegsberichterstattung. So hört und liest man vom „Kreuzzug gegen die Evolution",
der „Wissenschaft als Werkzeug des Teufels", von „Darwin gegen Gott", von „Got­
tesleugnern", „Gotteskriegern", einem „Kulturkampf in den Klassenzimmern", oder
man warnt vor der Gefahr eines „Rückfalls in das Mittelalter".- Selten verweisen die
Teilnehmer auf die eigentlichen Kernfragen, die hinter der spannenden Thematik um
„Schöpfung und Evolution" stehen: Existiert Gott? Was ist der Mensch? Was kann ich
wissen? Was darf ich hoffen? Was soll ich tun?

Meine persönlichen Antworten auf diese Fragen sind bestimmend für die Inhalte und Offenheit eines Gespräches zwischen Glaube und Naturwissenschaft.

2.  Eine prinzipielle Weichenstellung, die das Verstehen und Erklären dessen bestimmt,
was wir sinnlich - auch mittels entsprechender Instrumentarien - wahrnehmen, und
welche Bedeutung der menschlichen Vernunft zuzuordnen ist, stellt die Antwort dar­
auf dar, ob ein Gott existiert oder nicht und welchen Handlungsspielraum ich diesem
Gott in der Welt zugestehe. Fragen wie „Ist der Wille Gottes erfahrbar?", „Kann Gott
Wunder tun?", „Ist Jesus Christus von den Toten auferstanden?" beziehen sich für mich
auf real ertahrbare oder real historische, weltimmanente Zusammenhänge. Im Apo­
stolischen Glaubensbekenntnis wird festgehalten, dass es eine göttliche Wirklichkeit
gibt, die unabhängig, aber ursächlich für das Werden und Sein der Schöpfung ist. „Ich

Vgl. Mathias Cutmann, Die Evolutionstheorie und ihr Gegenstand, Berlin 1996.

Vgl. Robert Schmidt, Götter und Designer bleiben draußen, in: Religion - Staat - Gesellschaft

2/2006, 135-185; Ulrich Kutschera (Hg.), Kreationismus in Deutschland, Berlin 2007.

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glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde ..." Christlicher Glaube war und ist eng verwoben mit diesem Bekenntnis, dass ein Gott als Schöpfer des Himmels und der Erde existiert, außerhalb der Zugriffsbereiches menschlicher Wahrnehmung oder menschlicher Vernunft. Dieser Glaube fordert aber auch gleichzeitig dazu auf, sich der menschlichen Wahrnehmung und Vernunft zu bedienen, um den Schöpfergott zu erkennen (Hebr 11,1-3). Wie ist das möglich?

3.        Glaube und Wissenschaft sind komplementäre Zugangsweisen des menschlichen
Erkenntnisvermögens an die eine Wirklichkeit, ohne diese jedoch jeweils vollständig
erfassen oder gar verstehen zu können. Christlicher Glaube basiert auf einer individu­
ellen Gotteserfahrung, die aus der Wahrnehmung, Wertung und Akzeptanz verschie­
dener Offenbarungsquellen (Bibel, Jesus Christus, Heiliger Geist, Natur, Gewissen,
individuelle Erfahrungen usw.) gespeist wird. Ich denke nicht, dass irgendjemand be­
haupten könnte, diese Quellen vollständig und einzig richtig verstanden zu haben.
Mein Gottesbild oder mein Verständnis der Heiligen Schrift ist unvollkommen und
muss offen bleiben für neue Einsichten und Korrekturen. Wer diese Selbstbeschrän­
kung aufgibt, läuft einem kommunikationslosen Fundamentalismus in die Arme. Das
dem Menschen Unmögliche - Gott aus sich selbst heraus zu erkennen - ermöglicht
Gott, indem er uns -jedoch nicht nach den Regeln der wissenschaftlichen Methodik
bzw. des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnes - in unserer Wirklichkeit begegnet
(Hebr 1,1 ff).

4.   Wissenschaft stellt eine methodisch definierte und rational begründete Herange­
hensweise an die vom Menschen wahrnehmbare Natur dar mit dem Ziel, über sie
(inkl. die Menschen) transsubjektiv gültige Aussagen bzw. Erkenntnisse zu formulie­
ren.' Dabei wird die Natur und ihre Geschichte pragmatisch so betrachtet, als „ob es
Gott nicht gäbe". Dieser Leitgedanke oder dieser „Tunnelblick" ermöglicht Einsichten
in das „Dass", das „Wie" und das Funktionieren der Schöpfung. Die Gottesfrage (vgl.
Punkt 2), Sinn- und Zielfragen werden dabei zwar aufgeworfen, können aber mit der
vorgegebenen Methodik allein nicht beantwortet werden. Unter dem Schleier der
„Wissenschaftlichkeit" verbirgt sich im kreationistischen wie auch im naturalistischen
Lager häufig eine Ideologisierung von Wissen. Unabhängig davon steht jede Wissen­
schaft, die sich ihrer Grundlagen und Grenzen nicht mehr bewusst wird, in der Ge­
fahr einer weltanschaulichen Transformation des methodischen Reduktionismus zur
normativen und allein erklärenden Sicht der Welt und des Menschen (Szientismus).'

1 Vgl. Mathias Gutmann, Begründungsstrukturen von Evolutionstheorien, in: Ulrich Krohs / Georg Toepfer (Hg.), Philosophie der Biologie, Frankfurt a. M. 2005, 249-266.

J Z. B. Giordano Bruno Stiftung (www.giordano-bruno-stiftung.de); Richard Dawkins, Der Gottes­wahn, Berlin 2007.

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5.      „Evolution" und „Schöpfung" sind mehrdeutige bzw. mehrstellige Begriffe und
bedürfen   deshalb  der   konkreten   inhaltlichen   Bestimmung  als   Grundlage  eines
fruchtbaren Diskurses.' Sie reflektieren auf der Basis des jeweils spezifischen Wirk­
lichkeitsverständnisses (z. B. die Möglichkeit Gottes in Naturprozesse einzugreifen)
unterschiedlich über die Natur und den Menschen. „Schöpfung" und „Evolution" stel­
len daher keine alternativen Erklärungsansätze innerhalb eines einheitlich gedachten
Wirklichkeitsrahmens dar.

6.      Die Überzeugung von der Existenz Gottes, die Annahme des Ursprungs allen Seins
in einem göttlichen Schöpfungsakt oder das Bekenntnis zur Irrtumslosigkeit der Bibel
stehen einem förderlichen, offenen und ideologiefreien Umgang mit der Wissenschaft
bzw. ihren Ergebnissen nicht entgegen. Darüber legt die Geschichte der Wissenschaf­
ten ein beredtes Zeugnis ab.'1 Dass weltweit in Instituten und Laboren Wissenschaftler
völlig unterschiedlicher religiöser Prägungen analoge und deckungsgleiche Ergebnis­
se bei der funktionsalanalytischen Erforschung des Lebens vorlegen, steht der platten
Behauptung entgegen, dass wissenschaftliche Forschung unter dem Vorzeichen eines
tatsächlich geglaubten Schöpfungsaktes nicht möglich wäre/ Die Widersprüche zwi­
schen Glauben und Wissenschaft ergeben sich in der Regel aus berechtigten oder
unberechtigten   Interpretationen  wissenschaftlicher  Befunde oder aus  Grenzüber­
schreitungen über das wissenschaftlich Sagbare hinaus, in deren Konsequenz das ei­
gene Wirklichkeitsverständnis in Frage gestellt wird. Dies wird insbesondere bei der
retrospektiven Bewertung biologischer, geologischer oder kosmologischer Befunde
zur Rekonstruktion der Lebensgeschichte bzw. Erdgeschichte deutlich. Das ist der
Grund, weshalb gerade über das Thema Schöpfung und Evolution häufig so erbittert
gestritten wird.

7.      „Evolution" bewegt sich in unserer Sprachkultur auf drei Bedeutungsebenen, die in
vielen Darstellungen jedoch nicht sachlich korrekt differenziert werden, was zu einem
meist unkritischen und quasireligiösen Umgang mit dem Begriff „Evolution" führt.8
Die Rede von Evolution zielt erstens auf einen naturhistorischen Prozess, der eigent­
lich den Forschungsgegenstand der Evolutionsbiologie repräsentiert, aber gleichzeitig
von ihr als bewiesene Naturtatsache deklariert wird.9 Zweitens wird Evolution als

Für „Evolution" siehe M. Gutmann, Begründungsstrukturen von Evolutionstheorien, a.a.O.

'' Vgl. Peter C. Hagele / Rainer Mayer, Warum glauben - wenn Wissenschaft doch Wissen schafft? Wuppertal 2003.

7 Vgl. Ulrich Kutschera, Von Darwin zu Einstein. Der Evolutions- und Photonenglaubc, in: ders. (Hg.), Kreationismus, a.a.O., 13-44.

" Vgl. M. Gutmann, Begründungsstrukturen von Evolutionstheorien, a.a.O.; Alfred E. Locker, Evolu­tion und „Evolutions"-Theorie in System- und metatheoretischer Betrachtung, in: Acta Biothcoreti-ca 32/1987, 227-264.

''    Vgl. Ulrich Kutschera, Tatsache Evolution, Berlin 2008.

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eine paradigmatische Leiticlee (Leitthema) naturgeschichtlicher Modellrekonstruktio-nen verwendet, die davon ausgeht, dass das Werden und der Wandel der Natur allein aus den ihr innewohnenden Gesetzmäßigkeiten heraus zu erklären sei. Damit bildet sie einen vorgegebenen theoretischen Rahmen, in dem wissenschaftliche Daten, Hy­pothesen-und Theorienbildungen eingepasst werden. Drittens begegnet uns Evolution als ideologisches oder weltanschauliches Programm. Mit „Evolution" wird viel erklärt, sie gilt als Sinnstifter nicht nur in der Biologie10, obwohl sich der Prozess der Evolution bisher einer wissenschaftlichen Erklärung entzogen hat. Es existiert keine einheitliche Evolutionstheorie, sondern eine große Anzahl sich zum Teil gegenseitig ausschließen­der theoretischer Modellierungen von Evolution. Die aktuellen Diskussionen um eine alternative Evolutionstheorie" jenseits von Selektion und Mutation bestätigen diese Situationsbeschreibung.

8. Eine weitere Besonderheit besteht darin, dass es zur Evolution als Leitidee aus naturalistischer Perspektive keine aktuell verfolgte wissenschaftliche Alternative gibt. Evolution in ihrer Qualität eines rekonstruierten Prozesses im hypothetischen Mo­dus kann wissenschaftlich nicht widerlegt, aber auch nicht bewiesen werden. Eine Analyse über die Möglichkeiten zur Falsifikation kladistisch erstellter Stammbäume bestätigte diesen wissenschaftstheoretischen Schluss eindrucksvoll.12

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9. Die Deutung der Welt unter der Vorgabe von Schöpfung ist keine Alternative zu irgendeiner Evolutionstheorie (vgl. Punkt 5). Sie stellt einen qualitativ anderen - um mit Thomas S. Kuhns Worten11 zu sprechen: zur Evolution inkommensurablen - In­terpretationszugang der Wirklichkeit dar. Dieser basiert auf der Akzeptanz (Nullhypo­these) einer historisch geschehenen Schöpfung, die sich einer wissenschaftlichen Be­schreibung entzieht. Deshalb ist auch Schöpfung weder wissenschaftlich zu beweisen noch zu widerlegen. Beide Sichtweisen - Evolution bzw. Schöpfung - stimulierende wissenschaftliche Erforschung des Lebens und der Welt, so wie sie ist einschließlich der ihr innewohnenden Möglichkeiten des Wandels. Die Erwartungshaltungen hin­sichtlich historischer Rekonstruktionen sind freilich deutlich verschieden.

" Dafür steht exemplarisch Theodosius Dobzhanskys Aussage: „Nothing in biology makes sense except in the light ot cvolution", in: The American Biology Teacher 35 (1973), 125-129.

" Siehe die Dokumentation zu den „Altenberg 16": www.scoop.co.nz/stories/HL0803/S00131.htm; Georgiy S. Levit u. a., Alternative Evolutionstheorien, in: U. Krohs / C. Toepfer (Hg.), Philosophie der Biologie, a.a.O., 267-286; Stephen Jay Gould, The Structurc ot Evolutionär}' Theory, Cambridge 2002.

2 Vgl. L. Vogt, The Unfalsifiability of Cladograms and its Consequences, in: Cladistics 24 (2008), 62-73.

1   Thomas S. Kühn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen, Chicago 1962.

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10.       Wissenschaftliche Evolutionskritik bedeutet nicht pauschal Kritik oder Ablehnung
der Wissenschaften14, sondern die kritische Wertung vorgelegter Argumente und The­
orien, die das „Wie" und das „Dass" der „Evolution" scheinbar begründen auf der
Basis naturwissenschaftlicher und wissenschaftstheoretischer Überlegungen. Ich den­
ke, dass die derzeitigen Wissenslücken evolutionsbiologischer Forschung nicht nur
temporärer, sondern fundamentaler Natur sind. Diese Defizite dürfen aber nicht als
„Belege" für die Wahrheit der Schöpfung oder als wissenschaftlicher Beleg für „Intel­
ligent Design" proklamiert werden.1'

11.       An weiterer Evolutionsforschung sowie an einer naturwissenschaftlichen Evolu­
tionskritik führt kein Weg vorbei. Verzicht oder Verbot weiterer Evolutionstorschung
kennzeichnet den ideologisch fundamentalistischen Kreationismus. Das Ignorieren
einer kritischen Hinterfragung der Evolution auf allen drei Bedeutungsebenen und
die Nichtbeachtung der methodischen Grenzen von Evolutionsforschung sind Kenn­
zeichen eines fundamentalistischen Evolutionismus. Beides ist wissenschaftsfeindlich!

12.       Zu einer wissenschaftlichen Haltung gehört das demütige Eingeständnis, dass wir
vieles eben nicht wissen. Außerdem gehört dazu der Entschluss als Wissenschaftler,
für unerwartete oder unerwünschte Tendenzen, Fragen und Ergebnisse des wissen­
schaftlichen Forschungsprozesses offen zu sein - auch wenn dadurch das eigene
Weltbild in Frage gestellt wird.

13.       Für mich als Christ bedeutet die Unterordnung der Vernunft unter die Autorität
der Allwissenheit und Allmacht Gottes eine selbst auferlegte Unmündigkeit im Sin­
ne Kants. Diese Unmündigkeit Gott gegenüber ist aber ein lebenstüchtiger und sich
bewährender Lebensentwurf, der die Sinnfrage und die Wahrheitsfrage nicht in der
Weisheit menschlicher Unvollkommenheit verorten muss und dennoch voller Freude
und Wissbegierde jeder wissenschaftlich möglichen Fragestellung nachgehen kann.

So z. B. bei Hansjörg Hcmmingcr, Mit der Bibel gegen die Evolution. Krcationismus und „intelli­gentes Design" - kritisch betrachtet, EZW Texte 195, Berlin 2007.

Vgl. Reinhard Junker/ Siegfried Seherer, Evolution. Ein kritisches Lehrbuch, Gießen ''2006; Henrik Ullrich / Reinhard Junker, Schöpfung und Wissenschaft, Dillenburg / Wetzkir 2008.

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