Der christliche Glaube nur
ein frommer Wunsch?
Philipp Stoellger über oder
gegen Leibniz.
Phillip
Stoellger 
Aus „Vernunft, Kontingenz und Gott“ bei Mohr Siebeck, Seite 113
|
das Daseinsstreben der Essenzen |
Neben diesem theologischen formuliert Leibniz auch einen ontologischen Aspekt zur Begründung von Da- und Sosein der Welt als Kampf ums Dasein zwischen den Essenzen. Die harmonische Vollkommenheit maximaler kompossibler Pluralität sei seitens Gottes nicht willkürlich gesetzt, sondern von ihm faktisch alternativlos vorgefunden.138 Die ontologische Begründung für das Daß dieser Welt ist das Daseinsstreben der Essenzen. Ihre »gradus realitatis seu quantitas essentiae«13'' unterscheidet die zum Dasein drängenden Möglichkeiten, und die Vollkommenste hat die größte essentielle Quantität. Diese >intrinsische< Begründung, der Existenzdrang der Essenzen, ist allerdings nur mit der nouvelle hy-pothese verträglich auf dem Hintergrund des principium perfectionis und ist damit an Gottes eigene Vollkommenheit rückgebunden. Der Daseinsgrund unserer Welt ist ihre Perfektibilität, die als maximaler kompossibler Essenzen-Pluralismus bestimmt wird. Nur ist auch diese Voraussetzung nicht Resultat begrifflicher Analyse, sondern abduktiv. Daher gilt auch letztlich existentia definiri nequit, da das cur aliquid nicht ohne die unbegriffliche Voraussetzung von Gottes >Neigung und Gefallen < auskommt.140
»Man muß anscheinend zugeben, daß Gott niemals anders als weise handeln kann, ... Und es scheint in Gott niemals der Fall des reinen Beliebens gegeben zu sein, welches nicht zugleich Wohlwollen [bene-placitum] wäre«141. Leibniz plausibilisiert seine Grundgewißheit, die er nicht beweisen kann, in Gestalt einer Metapher vom Gefallen Gottes als dem irreduzibel >unbegrifflichen< Grund des Daß seiner Schöpfung, der nicht begriffsanalytisch gefunden, sondern abduktiv erfunden ist. Die Kontingenz des cur aliquid wird nicht mit infiniter Resolution bearbeitet, sondern mit einer Grundmetapher >stattdessen<. Gottes >Gefallen< wie seine >Neigung< sind nicht »wie die skotistisch-molinistische
|
ein frommer Wunsch, |
Indifferenzfreiheit«142
gedacht, sondern formulieren einen Ausweg zwischen indifferenter Möglichkeit und
Nezessität. Hier kann man nun streiten, ob dieses Gefallen >mehr oder weniger als
notwendig< ist; aber damit bliebe man an der Notwendigkeit orientiert.
Passender schiene mir, hier von einer nicht nezessierten Wesentlichkeit eben dieser
Kontingenz zu sprechen, die sich in Gottes Geschmacksurteil ausdrückt. Gottes
Gebrauch
seiner Freiheit ist schön und in einer Weise wesentlich kontingent, die nicht abgründig,
nicht gefährlich oder latent nihilistisch ist, sondern die die ursprüngliche
Überwindung der Seinsgrundfraglichkeit gewährt. Dieser Rekursgrund ist aber keinesfalls
begriffsanalytisch zu gewinnen, sondern unvermeidlich
abduktiv, ein frommer Wunsch, der seinerseits ein Ausdrucksphänomen für Leibniz' Horizont und
Einstellung ist.
|
„Gottes Gebrauch seiner Freiheit ist schön und in einer Weise
wesentlich kontingent, die nicht abgründig, nicht gefährlich oder
latent nihilistisch ist, sondern die die ursprüngliche Überwindung der
Seinsgrundfraglichkeit gewährt.“ – also nicht das Verhalten des Molochs einer
blinden gnadenlosen Evolution? Wenn Stoellger eine solche „Abduktion“ als den „frommen Wunsch“ des
gläubigen Leibniz bezeichnet, klingt das ziemlich negativ, als sei damit der
Glaube überhaupt gemeint. |
Die Kontingenz seiner eigenen Perspektive und
damit die Kontingenz seiner Vernunft ist Leibniz allerdings nur von marginalem
Interesse, und seines Erachtens wohl ein vorläufiger Mangel. Daß dieser
vermeintliche Mangel aber zur Kompossibilität dieser, hoffentlich bestmöglichen, Welt gehört, bleibt ihm
verdeckt.
|
Einmal skeptisch, frage ich mich, ob die Formulierung „vermeintlicher Mangel“ jetzt nicht nur eine theologische Pflichtübung ist. |
|
„Kompossibilität (von lat. compossibilis) ist eine in Zusammenhängen der Philosophie verwendete Begrifflichkeit. Kompossibel bedeutet so viel wie zusammen möglich, vereinbar (miteinander), nicht ausschließend. Nach Gottfried Wilhelm Leibniz, der diesen Begriff prägte, ist nicht alles (vom Menschen) Denkbare auch tatsächlich kompossibel; die Welt allerdings (die nach Leibniz die beste aller möglichen Welten ist), ist Inbegriff alles Kompossiblen.“ Wikipedia Ginge es nur darum, zurecht einen trotz oder mit Kontingenzeinsicht bei Leibniz versuchten Gottesbeweis als unhaltbar herauszustellen, - d'accord, Ginge es darum, wie wohl zu vernuten, über die „Kontingenz innerhalb der bestmöglichen aller Welten“ nur ein Schlupfloch aus dem empiristischen Gefängnis gegenwärtiger Argumentation aufzuzeichnen, ok, 15 weitere Beiträge aktiver Theologen der neuen Generation. Ein wenig Elfenbeinturm jedenfalls – jenseits der evangelikalen Wirklichkeit. |
10