Das Urchristentum von Prof. Joh. Von Walter. 1938-1939

 

Ganzer Text vom Vorwort: http://www.jesus-und-kirche.de/Vorwort.pdf

Ganzer Text unter: http://www.jesus-und-kirche.de/Urchristentum.pdf

http://www.jesus-und-kirche.de/Urchristentum.html

http://www.jesus-und-kirche.de/Fromm.pdf.pdf

 

Aus dem Vorwort:

Mit hat ursprünglich eine Geschichte der christlichen Frömmigkeit in ihrer Verschiedenheit vorgeschwebt. Den Ansatzpunkt bildete die Erkenntnis der Eigenart der reformatorischen Frömmigkeit im Gegensatz zum Humanismus. Des weiteren ergab sich, daß auch die Entstehung des Katholizismus frömmigkeitsgeschichtlich verstanden werden muß. Die Artung der Frömmigkeit wurde somit an entscheidenden Stellen zum Ausgangspunkt des Verständnisses für die notwendig sich hieraus ergebenden Differenzierungen in der gedanklichen Erfassung wie der praktischen Ausgestaltung der christlichen Religion. Damit fiel auch der m.E. unberechtigte Dualismus zwischen Kirchen- und Dogmengeschichte dahin.

Es sollte nicht verkannt werden, daß wir mit der Frömmigkeitsgeschichte auf den Herzpunkt der kirchlichen Entwicklung stoßen, denn keiner, der wirklich Christ sein will, betätigt sich als Glied seiner kirchlichen Gemeinschaft, weil ihn deren Verfassung, deren Rechtstellung im Staat, deren wissenschaftliches denken oder deren Kulturformen reizen. Viele meiner Kritiker haben die frömmigkeitsgeschichtliche Bestimmtheit meiner Darstellung herausgefühlt, manche von ihnen die Frage an mich gestellt, warum ich diesen Gesichtspunkt nicht zu ausschließlicher Geltung gebracht habe. Sie deckt sich mit der Frage, die ich an mich selbst zu stellen hatte, warum aus der Geschichte der christlichen Frömmigkeit eine Geschichte des Christentums werden mußte. Die Antwort, die ich mir als Historiker geben mußte, geht dahin, daß die Frömmigkeit zwar der wichtigste, nicht aber der einzige Faktor ist, der den Gang der Kirchengeschichte bestimmt. Infolgedessen mußte die frömmigkeitsgeschichtliche Gliederung des Stoffes oft durch rein zeit- und machtgeschichtliche gekreuzt werden.

 

Etwas anderes muß desgleichen noch gesagt werden. Gerade wer da versucht, die Arten der Frömmigkeit zu differenzieren, kann nicht anders als selbst Partei nehmen. Hier würde das Ideal „voraussetzungsloser“ Geschichtsschreibung sich als unmöglich erweisen. Man darf das Gute am gegnerischen Standpunkt nicht übersehen, man muß aber auch sagen, daß und warum man den eigenen Standpunkt für den besseren hält. In diesem sinne bekenne ich gern, meine Geschichte des Christentums vom Standpunkt lutherischer – ich will nicht sagen Kirchlichkeit, aber Frömmigkeit geschrieben zu haben.

Walchensee (Oberbayern, den 10 August 1938.

 

Das Urchristentum

Nur aus dem Vorhandensein einer „Kirche“ erklärt es sich, daß die Jüngerschaft Jesu nach seiner Kreuzigung nicht zerfiel. Die erste Tat der Gemeinde war nach seiner Kreuzigung eine Ergänzungswahl für den ausgeschiedenen Judas Ischarioth. Die Organisation der „Zwölf“ sollte beibehalten werden, und unter den zwei präsentierten Kandidaten entschied das Los. Am folgenden Pfingstfest, noch nach Josephus einem Erntefest und erst in späterer Zeit von den Juden zum Fest der Gesetzgebung am Sinai umgewandelt, bewies die Gemeinde zum ersten Mal ihre Kraft. Im Tempel hörte die erschütterte Menge eine Predigt des Petrus, die sie angesichts der Kreuzigung Jesu zur Buße rief, sie zur Taufe aufforderte und ihr als Gabe des auferstandenen den Empfang des Geistes verhieß. So gewaltig waren des Jüngers Worte, daß die Christengemeinde sie auf die „Ausgießung des Geistes“ zurückführte und die Zahl der Christen erheblich stieg. Es war keine Rede mehr davon, daß die Jünger wie dereinst Predigtwanderungen in galiläische Dörfer und Flecken unternahmen, sie sahen es vielmehr als ihr Aufgabe an, in der Hauptstadt des Landes für die Festigung der Gemeinde zu sorgen. Einstweilen hören wir nur von gelegentlichen Missionsreisen bei von anderen, namentlich von Philippus, dann auch von Paulus, gewonnenen Gemeinden zu bezeichnen sind. Die Zwölf blieben vielmehr etwa zwei Jahrzehnte in Jerusalem.

Die Wechsel hatte zur Folge, daß die Beziehungen des täglichen Lebens zur Hochburg des jüdischen Kultus und Gesetzes die prinzipielle Frage nach den Verhältnissen des Christentums zum Judentum in den Vordergrund rückten.

Das umsomehr, als sich die Brüder Jesu der Gemeinde anschlossen, unter ihnen namentlich Jakobus, der sehr bald neben den Zwölfen eine leitende Stellung in der Gemeinde einnahm. Es kam hinzu, daß einige Pharisäer christlich wurden. Es konnte die Möglichkeit einer loyalen Regelung der Beziehungen zum Judentum in Frage kommen. Gewiß, die christliche Gemeinde bedeutete dem Judentum gegenüber etwas Neues: das Bekenntnis zu Jesus als zu dem für das Heil der Menschen gestorbenen und auferstandenen Messias, der bald zum Gericht wiederkommen würde, bedeutete für sie den Glauben an die Erfüllung alttestamentlicher Weissagungen, den das Judentum nicht teilte. Die Überzeugung, den Geist zu besitzen, die in der christlichen Gemeinde heimisch ist, gab ihrer Frömmigkeit eine Eigenart, die dem Judentum fehlte. Denn obgleich die Vorstellung von einer Einwirkung Gottes auf den Menschen, die in der Mitteilung des Geistes an ihn besteht, dem Alten Testament in keiner Weise fremd ist und schon hier die deutlich voneinander verschiedenen Formen einer Befähigung zu außergewöhnlichen Taten und einer Umwandlung des religiös-sittlichen Lebens im Sinne einer vollen Aufgeschlossenheit für Gott und einer hieraus fließenden freiwilligen Erfüllung des Gesetzes aufweist, so konnte nur ein an Christus Glaubender sich dieses Besitzes freuen. Das Gebot der Liebe zu den Brüdern wurde sofort in die von der ganzen Gemeinde übernommene Fürsorge für die Armen umgesetzt. Der freiwilligen Verzicht wohlhabender Gemeindemitglieder, wie des Barnabas, auf ihren Besitz ermöglichte eine Wohltätigkeit, wie sie die Welt noch nicht erlebt und auch das Judentum bisher in keiner Weise gekannt hatte. Aber alles braucht noch keinen Bruch mit dem Judentum zu bedeuten, sondern konnte christlicherseits als Versuch einer Reform des Spätjudentums aufgefaßt, von jüdischer Seite so lange geduldet werden, als die Christen den Tempel als ihr Gotteshaus in Anspruch nahmen, das Gesetz hielten und Jesu Kritik der spätjüdischen Frömmigkeit nicht allzu stark in polemischem Interesse verwerteten.

 

Weiter Seite 30

 

Daß die jüdische Gesetzlichkeit dem Willen Gottes nicht entsprach, das hatte Jesus der Menschheit deutlich gemacht; warum das nicht der Fall war, das sagt ihr Paulus. Man kann das auch so ausdrücken: die durchsichtige Klarheit der Frömmigkeit wie des sittlichen Wollens Jesu war so einfach, daß jeder sie verstehen mußte, aber der Weg zu dieser neuen Gerechtigkeit mußte für jeden zum Problem werden, für den sie maßgebende Norm wurde. An diesem Problem hat Paulus gearbeitet, leidenschaftlich kämpfend, nie ausruhend, wenn man will theologisch reflektierend, aber gerade dadurch fördernd, weil der Weg zu Jesus nunmehr menschlich verständlich wurde.

 

Jesus hatte gesagt, daß er gekommen sei, das Gesetz zu erfüllen, im wahren sinne des Wortes, d.h. so, daß die volle Übereinstimmung des eigenen Wollens, d.h. so, daß die volle Übereinstimmung des eigenen Wollens mit dem göttlichen Gebot zur Selbstverständlichkeit wurde; das Gesetz ist heilig, und das Gebot ist heilig und gerecht und gut, so hatte auch Paulus gesprochen. (Röm.7,12) Dem entspricht, daß Paulus nur ganz selten den Inhalt des Gesetzes einer Beurteilung unterzieht, so etwa dort, wo er vor der Speisegesetzgebung oder den Feiertagen der Juden warnt (Kol.2,16). Weil aber dieses Heilige an den Menschen in der Form des den Menschen zwingenden „Du sollst“ herantritt, darum kann es nicht erfüllt werden, wie es erfüllt sein will und muß, nämlich freiwillig und von innen heraus und stürzte ihn in den Zwiespalt der inneren Zustimmung zum Inhalt des Guten und des Widerspruchs gegen Zwang, unter den er sich stellen soll, um Gutes zu tun.

Die Form des Gesetzes, in der das Gute an den Menschen herantritt, reizt zur Übertretung; und dadurch wird die naive Gott widerstrebende Ichgebundenheit des Menschen erst im Vollsinn zur Sünde.

Ist das aber so, dann hat das Gesetz nur die Bedeutung, daß es eine Krise im Menschen auslöst, aus der nur der Weg herausfindet, der den Geist empfängt, d.h. die volle Freiwilligkeit im Tun des Guten, denn die höchste Gabe des Geistes ist die Liebe (1.Kor.12,31), die sich in der Hingabe an den Bruder verzehrt, weil sie es gar nicht anders kann. So lebt der Christ ein Doppelleben, ein Leben im „Geist“, in der Freiwilligkeit des Guten, und ein Leben im Fleisch, d.h. der Ichgebundenheit, die über Sünde und erzwungenes Tun des Guten doch nie hinauskommt, aber doch in der Hoffnung, daß das Leben des Geistes obsiegen werde. Den Geist aber empfängt der Mensch von dem nach seinem Sühnetod für die Sünden der Welt erhöhten Christus, der eben deswegen auch sein „Herr“ ist, in dessen Dienst sein Leben, soweit es im Geist ist, aufgeht und an den zu glauben des Menschen Seligkeit wird, denn weil Christus es ist, der die Macht seines neuen Lebens ist, darum kann dem eigenen Tun keinerlei Bedeutung vor Gott zugebilligt werden. Das eigene Werk schafft kein Verdienst, der Sünder wird allein durch den Glauben gerechtfertigt.

Das war das Evangelium des Paulus, das er, von der antiochenischen Gemeinde ausgesandt (Apg.13,1-3), in unermüdlicher Missionsarbeit über Kleinasien und Griechenland bis nach Rom, vielleicht sogar bis nach Spanien, getragen hat, überall Gemeinden von Christusgläubigen gründend und sie persönlich wie durch seine Schüler leitend oder durch Briefe allerpersönlichster Art tröstend und mahnend, auch dort, wo sie ohne sein Zutun entstanden waren, wie in Rom. Auf diese Weise war eine Kirche unter den Heiden entstanden, mit der Jerusalemer Gemeinde geeint durch die „Anrufung des Herrn“ (1.Kor.1,2) und durch den Glauben an den Besitz des Geistes, von ihr getrennt, weil nicht mehr an das jüdische Gesetz gebunden. Die Ansätze einer Loslösung vom Judentum, die wir bei Stephanus vorgefunden hatten, waren durch Paulus aufgenommen, erweitert, genau durchdacht und auf eine Formulierung gebracht, die an Schärfe nichts zu wünschen übrigließ: das Gesetz ist kein notwendiger Weg zu Christus und damit hat es seine Heilsbedeutung verloren. Hiermit war die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit dem palästinischen Christentum gegeben, und das um so mehr, als die Jerusalemer Gemeinde sich immer stärker konsolidiert hatte und den Anspruch auf die geistige Führung der gesamten Christenheit erhob.

Schon das ist auffällig, daß Simon Kephas seinen Namen zu dem in der hellenischen Welt ganz ungewöhnlichen „Petros“ gräzisiert und damit offenbar auch die Heidenchristen auf seine hervorragende Stellung in der Gemeinde Christi aufmerksam machen will. In Jerusalem war aber auch neben den Zwölfen der Bruder des Herrn, Jakobus, zu immer ausschlaggebender Bedeutung gelangt. Die Bedeutung dieser Tatsache wird erst deutlich, wenn wir aus späterer Zeit hören, daß der Vetter Jesu, Simeon, der Lewiter der Gemeinde wurde und daß gegen Ende des Jahrhunderts zwei Großneffen Jesu in der Gemeinde eine Bedeutung erlangten, die den Kaiser Domitian veranlaßte, gerade sie vorführen und verhören zu lassen.

Die Zugehörigkeit zu Jesu Familie wurde augenscheinlich von Jakobus als Grundlage für die Führerstellung in der Jerusalemer Gemeinde angesehen, ein Gedanke, der von dem Plan der Errichtung einer „Dynastie“ Jesu nicht allzuweit entfernt gewesen sein dürfte. Die Gemeinde selbst hatte in den „Ältesten“ (Apg. 11,30), von denen übrigens zwei mindestens als Propheten galten (Apg. 15,6 vgl. mit 27 u. 32) ein neues Amt erhalten, vor allem aber glaubten sie sich berechtigt, eine Kontrolle über die nunmehr allerwärts entstandenen christlichen Gemeinden auszuüben, wie wir schon an dem Besuch des Barnabas in Antiochien sahen und noch weiter sehen werden. Es fragte sich aber, ob sie diesen Anspruch angesichts der vorab durch Paulus geschaffenen Heidenkirche würde aufrechterhalten können.

Es war ein Verdienst des Paulus, daß es nicht zu einem unheilvollen Bruch kam. In Antiochien war es aus Anlaß des Auftretens einiger judäischer Christen, die die Heilsnotwendigkeit des Gesetzes lehrten, zu einem schweren Zwist gekommen, den die dortige Gemeinde durch Entsendung des Paulus und Barnabas nach Jerusalem beizulegen wünschte. Auf Grund einer Offenbarung unterzog sich Paulus der nicht leichten Aufgabe. Die Auseinandersetzung in Jerusalem (49 n. Chr.?) war schwierig: Paulus war kein Jünger Jesu wie die Zwölf, man griff in Jerusalem sowohl sein Postulat als auch die Art seines Evangeliums an. Obwohl Paulus „den eingeschlichenen falschen Brüdern . . . auch nicht eine Stunde gewichen ist“ (Gal. 2,4), gelang es ihm doch, die „Säulen“ der Gemeinde, d.h. Petrus, Johannes und sogar Jakobus, von dem Recht seines Apostolats und Evangeliums zu überzeugen. Sie behielten sich die christliche Predigt unter den Juden vor, ihm überließen sie sie auf dem Gebiet des Heidentums und reichten ihm die Hand der Gemeinschaft, ohne ihm etwas anderes aufzuerlegen, als daß er für die Jerusalemer Armen sammeln sollte. Hatte Paulus auch keinen vollen Erfolg erzielt, so hatten doch die maßgebenden Führer sein Evangelium anerkannt. Auf der anderen Seite hatte sich die bisher einheitliche Jerusalemer Gemeinde in der Beurteilung des Heidenchristentums gespaltet.

 

Das trat in der Folgezeit deutlich zutage. Bedeutete die Anerkennung der Heidenchristen auch die Herstellung einer Lebensgemeinschaft mit ihnen? Im Kreise der Jerusalemer Führer wurde diese Frage verschieden beantwortet: als Petrus auf den Boden der Gemeinde kam, wo der Gegensatz zum austrag gebracht werden mußte, nach Antiochien, entschloß er sich, die jüdische sitte der Absonderung von der Tischgemeinschaft mit Unbeschnittenen den antiochenischen Heidenchristen gegenüber aufzugeben. Jakobus war der Ansicht, daß dieser Schritt durch die Jerusalemer Übereinkunft nicht veranlaßt sei, und schickte Gesandte nach Antiochien, die den Petrus veranlassen sollten, sein Zugeständnis zurückzunehmen, was auch einstweilen gelang. Es mag sein, daß er hierbei mit Rücksicht auf die offenen Paulusgegner handelte, deren Zahl um so größer wurde, je stärker die Erfolge des Paulus waren. Wir sehen, daß sich in Jerusalem drei Gruppen gebildet hatten: die eine zeigte Neigung zum Paulinischen gesetzesfreien Evangelium, die Zweite hielt ein friedliches, aber schiedliches Nebeneinander von Judenchristen und Heidenchristen für wünschenswert, die dritte befehdete den Apostel.

Man kann es als weiteren Erfolg des Paulus ansehen, daß die Jerusalemer Führer die beiden ersten Richtungen den Versuch der Herstellung einer Grundlage für die  Lebensgemeinschaft von Juden- und Heidenchristen machten: laut Apg. 21,25 berichtet Jakobus dem Paulus bei dessen letzter Anwesenheit in Jerusalem, sie hätten den Heidenchristen (Syriens und Kilikiens) die Anweisung geschickt, sich des Götzenopferfleisches, des Blutes, des Erstickten sowie der Hurerei zu enthalten. Wie man sieht, ist diese Verfügung ohne Beteiligung des Paulus erlassen worden und der Bericht über dieses sog. Aposteldekret Apg. 15,22ff. steht in falschem Zusammenhang. Dieser neue und nicht sehr glückliche Vermittlungsversuch hat jedenfalls die Jerusalemer Gegner des Paulus vln energischerem Vorgehen nicht abgehalten: Paulus mußte sich in den Gemeinden Galitiens und wohl auch Korinths mit einer von ihnen ausgehenden Gegenmission auseinandersetzen. Es nütze natürlich erst recht nichts, daß Jakobus den Pauilus bei seiner letzten Anwesenheit in Jerusalem veranlaßte, ein Nasiräatsgelübde zu übernehmen. (??????????) Damals hat Paulus nur mit ihm und den Presbytern verhandelt. Die auffallende Tatsache, daß keiner von den Zwölfen zugegen ist, ist nur so zu erklären, daß diese, in richtiger Erkenntnis dessen, daß der Schwerpunkt des Christentums allmählich auf das Heidenchristentum übergegangen war, den aussichtslosen Versuch aufgegeben hatten, von der Jerusalemer Zentrale aus die Christenheit zu leiten, und sich an der Missionsarbeit unter den Heiden zu beteiligen. Von Petrus können wir vermuten, daß er in Korinth gewesen ist, und fast mit Sicherheit annehmen, daß er in Rom wirkte. Vom Zebedaoden Johannes dürfen wir glauben, daß er in ephesus wirkte, denn die Behau0tung seiner Verwechslung mit seinem Doppelgänger, dem Presbyter Johannes, ist unhaltbar, da des letzteren ephesinischer aufenthalt erst auf eine Kombination des Eusebius zurückgeht, zu der dieser selbst kein großes Zutrauen hat. Von den meisten übrigen Aposteln behauptet die allerdings nicht mehr kontrollierbare Legende eine außerpalästinensiche Wirksamkeit. Jekobus wurde in Jerusalem seinen verunglückten Regierungsversuchen allein überlassen. Ihn schützte seine stark jüdisch gefärbte Devotion nicht vor dem Haß der Juden. Als er seiner Hoffnung auf Jesu wiederkunft öffentlich Ausdruck gegeben und dadurch die Pharisäer gereizt hatte, wurde er vom Dach des Tempels herabgestürzt und gesteinigt. Das wurde anlaß dazu, daß ein großer Teil der Jerusalemer Urgemeinde in das im Transjordanland gelegene Städtchenb Pella übersiedelte, wo er alsbald mit verschiedenen, uns nicht nähere erkennbaren sektiererischen Seitenzweigen des Judentums in Berührung trat.

Nicht auf dem Wege der Verhandlungen wurde der Gegensatz zwischen Judenchristen und Heidenchristen aus der Welt geschafft. Die nationale Spannung zwischen Juden und Römern führte kurz nach der Ermordung des Jakobus zum Jüdischen Kriege, der im Jahre 70 in der Eroberung Jerusalems durch Titus gipfelte. Welcher die Zerstörung des Tempels und die Beseitigung des Synedrions folgten. Spätere verzweifelte aufstandsversuche nützten nichts. Unter Hadrian /117-138) wurde Jerusalem zur römischen Militärkolonie Aelia Kapitolina. Mit dem Judentum verlor auch das Judenchristentum seine Bedeutung: Es schrumpfte zur Sekte zusammen, in der noch immer die eine Gruppe das Heidenchristentum ablehnte, die andere es anerkannte, ohne doch die eigene Gesetzestreue aufzugeben. Unter dem Namen Ebioniten oder Nazaräer, beides alte Bezeichnungen für die Christen überhaupt, hielten sich Judenchristen bis ins 5 Jahrhundert in Palästina, ohne irgendwie für die Geschichte der Kirche maßgebend zu sein. Auch ihre streitigkeiten über die Jungfrauengeburt blieben ohne Belang.

Die Geschichte hatte für das Heidenchristentum entschieden, dieses aber war schon stark genug geworden, um sich selbständig

36

entwickeln zu können.  Wenn man sich gegenwärtig hält, daß die Gemeinden, an die Paulus schreibt oder mit denen er in Beziehung tritt, zum größten Teil aus Handwerkern und Kaufleuten sowie Sklaven bestanden, daß Reiche und Vornehme in ihnen selten, Vertreter der Bildung überhaupt nicht zu finden sind, so wird man Weltanschauungskämpfe mit prinzipieller Auseinandersetzung zwischen heidnischer Bildung und christlichem Glauben nicht erwarten können. Wo philosophisch Gebildete vom Christentum überhaupt Notiz nehmen, da ist es für sie eine „Torheit“, die sie belachen, und nur ganz vereinzelt ist Paulus genötigt, in seinen Briefen auf einwendungen einzugehen, die von aufklärerischer Seite her stammen. Soweit die Vertreter der staatlichen Amtsgewalt das Christentum beachten, da drängt sich für sie der Zusammenhang mit der jüdischen Gedankenwelt so stark auf, daß sie zwischen Juden und Christen einen Unterschied nicht recht zu machen vermögen. Man wird das begreifen. Welches Verständnis konnte ein römischer Beamter, dem die Sittlichkeit höchstens als stütze der Staatsmoral in Frage kam, für den streit um die Gerechtigkeit haben, „die da besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer,“ oder gar um den Messiasanspruch Jesu? In den christlichen Gemeinden gab es vieles, was ans Judentum erinnerte. Aus den an die Synagoge angegliederten Kreisen der „Gottesfürchtigen“ rekrutierten sie zu einem guten Teil die christlichen Gemeinden; an dem Bekenntnis zum Monotheismus hielten Juden wie Christen fest und bekämpften den Götterglauben in ähnlicher Weise; das Alte Testament war auch für die Christen von vornherein das heilige, von Gott wörtlich inspirierte Buch, auf ein besseres Jenseits wurde beiderseits gehofft; wie die Juden, so hielten auch die Christen an bestimmten Tagen ihre gottesdienstlichen Versammlungen ab. Kurzum, auf Schritt und Tritt zeigte es sich, wie eng das Christentum mit dem Judentum verbunden war. Die Unterschiede konnte nur sehen, wer einen sinn für tiefergehende religiöse Fragen und für das Wesen wahrer Sittlichkeit hatte.

Allein, an solchen Menschen fehlte es im Heidentum niocht, wie wir gesehen haben. Man wird den weltgeschichtlichen Sieg des Christentums über das Heidentum nie verstehen, wenn man außer

37

acht läßt, daß der religiös interessierte Heide im Christentum eine Frömmigkeit vorfand, die der seinigen überlegen war, indem sie ihn den tiefsten sinn des Gottesglauben verstehen lehrte und ihm sittliche Kraft bot.