Wie das merkwürdige Sentiment in all unserem Tun und wie die Hypostasierung
von Gegenständen, Personen und Gemeinschaften, durch die gezeigte widerspruchsreiche
Substantivierung von Prädikaten so gehört auch diese Schere noch
zu den allgemeinen Phänomenen, die von hier aus entsprechend ungenau
erscheinen, die genauso irreal und undeutlich wie real sind, je nachdem Menschen
danach handeln und denken, aber bereits zur realen groben Begriffsstruktur
gehören. Daß wir uns mit solchem Beispiel trotz Annäherung
noch immer in einem quasi makroskopischen Abstand zu jener Begriffsstruktur
befinden, mit der wir Menschen denken und handeln und mit der wir uns nun
mal verständigen müssen, solange wir unsere Gedanken nicht gegenseitig
ohne Sprache mitteilen können, sehen Sie daran, daß zu dem jeweils
gemeinten Phänomen immer noch eine breite Palette von Bereichen und
Begriffen gehören, die zueinander teils sogar von entgegengesetzter
Bedeutung sind, wenn immer wir von einem Wertesystem, von solcher Schere
oder überhaupt von Sprache und den entsprechenden Bedeutungen für
uns reden. Ohne die Ungenauigkeit als Problem zu empfinden, was es in unserer
Zeit jedoch zunehmend wird, reflektieren wir kaum, daß wir mit solchen
Werten samt den Wertungen sowohl Ethisches wie Verhaltensmuster, Verhaltenszwänge
und Vorstellungen übernehmen, an uns haben und praktizieren, von denen
einige vielleicht einst lebenswichtig, heute aber fragwürdig sind, wobei
sich die Verhältnisse der vergangenen 5000 Jahre wohl schneller änderten,
als daß die hochkomplexen Strukturen eine sinnvolle Anpassung zuließen,
wobei wir die Strukturen des Sentiments und der Werte, Religionen und Kulturen
noch gar nicht kennen, die weit komplizierter sind, als die Grammatik einer
Sprache. So sind z.B. Familie, Traditionen, Ämter und Funktionen, Macht
und Einfluß innerhalb des Bildes unserer Schere noch eng verknüpft
mit der Wirkung, die ein Titelhat, der dabei bereits ja viel mehr ist, als
nur eine Bezeichnung, wozu dann z.B. als etwas ähnliches wie ein Titel
auch Alter, Körpergröße, Geld, eine Kleidung oder eine Uniform
u.s.w. sehr viel damit zu tun hat, ob etwas gültig oder ungültig
ist, und was dann nicht nur die Entscheidung beeinflussen kann und soll,
ob z.B. eine Ehe samt Familie zustande kommt, sondern mit dem verknüpft
auch entscheiden kann, ob wir etwas für wahr oder unwahr, falsch oder
richtig halten, - und gerade dies sollte immer reflektiert zur allgemeinen
Menschenkenntnis und zu unserem Urteil gehören, wenn wir dann auch diese
Sicht oder diesen Gesichtspunkt fast aus den Augen verlieren, um genauere
Zusammenhänge in der inneren Begriffsstruktur zur Sprache bringen, die
dann so aussehen, als seien allein sie es, die unser Denken, Handeln und
auch unser Lebensziel bestimmen, was mit vorigem Abstand nur wie Fassade
und Beiwerk aussah.
So unsinnig es dann, nämlich aus der eher mikroskopischen Sicht der
Analyse, auch scheinen mag, daß wir Menschen die Wahrheit oder Richtigkeit
einer Aussage oder Erkenntnis nicht nur nach dem Gesagten beurteilen, d.h.
nach der jeweiligen Logik oder Plausibilität und auch nicht von der
eigenen Erkenntnis her, wenn wir z.B. das Produkt 13 mal 13 = 169 vor uns
haben, sondern auch davon abhängig machen, wie alt oder stark, reich
und mächtig derjenige ist, der das sagt oder welche Uniform oder Kleidung
und Kopfbedeckung er trägt, und welche Position er in der Gesellschaft
hat oder beansprucht, so sollten wir uns dennoch dessen immer bewußt
sein, sowohl bei dem, was wir glauben und denken, wie erst recht bei dem,
was wir sagen und tun, wozu aber an Menschenkenntnis auch gehört, daß
wir dies oft nur scheinbar Unsinnige des sog. Äußeren als Wahrheitskriterium
gar nicht mehr wahrnehmen - und genau deswegen nicht vergessen sollten, wenn
wir uns genauer mit der scheinbar eigentlichen Form des Gesagten oder Erkannten
befassen, wenn wir z.B. die Trigonometrie der Mathematik scheinbar ganz unabhängig
von jenem sozialen Gerangel glauben. Es wäre nicht nur weltfremd, solche
Differenz in den unterschiedlichen Gesichtspunkten einfach zu bestreiten,
sondern auch gefährlich, nicht wahrzunehmen, von welchem Gaul und wohin
man selbst getragen wird.
Was uns nämlich bei dem Beispiel einer verkündeten wie befohlenen
Wahrheit wie „das Produkt 13 mal 13 = 169" oder „dort das Ding ist ein Auto"
ganz selbstverständlich zu sein scheint, daß sie aus sich selbst
heraus stimmt oder nicht stimmt, wie wir es dann aus der mikroskopischen Sicht
heraus ableiten, scheinbar ganz gleichgültig dann davon, wie der- oder
diejenige aussieht oder welches Amt der- oder diejenige bekleidet, wer immer
das verkündet, verdeckt sowohl das, was wir die eigene Kompetenz des
Urteils nennen, die inzwischen jeder für sich beanspruchen darf, als
sei sie unbeeinflußt, wie erst recht all das, dem wie uns auch dann
bereits gebeugt haben, wenn wir überhaupt Zahlen und mathematische Regeln
benutzen, die uns - wenn auch kaum noch als solche erkennbar - wie schon
gesagt - aber doch als Konvention ganz autoritär von irgend jemand beigebracht
wurden, der sie ebenfalls übernehmen mußte, um sie lehren zu dürfen,
was uns aber bezüglich der Mathematik oder eines Autos weniger oder
gar nicht relevant und problematisch zu sein scheint, als gegenüber
Glaubensfragen.
In meinem Brief an die junge PDSlerin, Petra Pau, spreche ich von 30 000
bis 300 000 sog. natürlichen und künstlichen, d.h. im letzteren
Fall menschgemachten Werten, nach denen wir werten und richten, gleichgültig,
welcher Weltanschauung, Partei, Religion oder Konfession und welcher Bildung
und Berufsgruppe wir zugehören, also mehr, als wir sprachliche Wörter
und Begriffe dafür hätten, die ohnehin alle selbst dazugehören;
und es werden genau gesehen weit mehr als 300000 sein, was ganz plausibel
wird, wenn wir noch hinzuzählen, daß eigentlich jeder wertende
und klassifizierbare Gedanke, den jeder Mensch in der Welt bei seinem Verhältnis
zu einem anderen hat, hierzu gehört. Die beiden Kategorien der Skala
„wert" und „unwert", nach denen solche Werte wie z.B. Körpergröße,
Physiognomie, jeweiliger Auftritt und jeweiliges Aussehen, Stand, Bildung,
Geld u.s.w. unser Urteil, Denken Verhalten bestimmen, sind natürlich
nicht unsere Schere, in die sich meist zugleich jeder selbst einordnet, wann
immer er andere einordnet; dennoch gehören umgekehrt natürlich die
Kategorien Oben und Unten dieser Schere zu dem großen Komplex unseres
Wertesystems und sollte uns möglichst ebenso bewußt sein, wie
diese Schere.
Dieses alles vermittelt sich durch dieses selbst als Erfahrung eines Geschehens
an uns und nur selten in Form einer Information und Reflexion über es,
wie in meinem Fall, oder wie in weisen Ratschlägen und Sprüchen
auf dem Kalenderblatt. Wo wir Befehl, Dressur, Erziehung, Vorbilder, Bildung
und die Gegenwart und Macht einer Allgemeinheit und unsere Abhängigkeit
von ihr und unsere Möglichkeiten durch sie erfahren, was wir seit Beginn
einer bewußten Soziologie im vorletzten Jahrhundert mit dem undeutlichen
Begriff Sozialisation umschreiben, wozu mit allem Gerangel und mit allen
Konventionen und Traditionen natürlich auch die Sprache gehört,
fühlen wir uns ebenfalls nicht ohne Grund zugehörig, sondern weil
die Zugehörigkeit selbst zu diesen Werten und ihrer Struktur gehört.
Eben in Zeiten des Wandels, der seit etwa 5000 Jahren die Menschen zu einer
ganzen Menschheit mit einer zunehmend gemeinsamen Wertestruktur werden läßt,
wird manches lächerlich, falsch und tötlich, was einst vielleicht
weise, nützlich, sinnvoll und gut war, und gilt andererseits manches
als modern und gut bzw. schlecht, falsch und böse, was nicht minder
fragwürdig sein kann. Was ich hier im Vorgriff als Reflexion auf die
Problematik des moderneren Wertbegriffs „Wissenschaftlichkeit" deutlich machen
kann, den ich später als künstliche Brücke sogenannter Objektivität
über einen sogenannten Abgrund subjektiver Relativierung alles Menschlichen
noch deutlicher machen muß, soll hier nur die Vielzahl unserer Werte
illustrieren: Man kann sich zwischen der Zahl EINS und DREI unendlich viele
Mengen, Reihen und Größenwerte denken, was sich im Koordinatensystem
leicht mit den unendlich vielen Möglichkeiten veranschaulichen läßt,
beliebig viele Linien, Kurven und Figuren zu setzen,
, die wir uns alle aus unendlich vielen Punkten bestehend denken, die
man auch Werte nennt, die man aber auch als Richtungen, Wahrheitswerte, Wahrheit,
Prädikate, Gedanken, Absichten, Handlungen oder Namen bezeichnen kann,
was uns seit Newton und Leibnitz, der sie Monaden nannte, geläufig ist,
weil sie trotz der Nulldimensionalität dennoch geometrischen und menschliche
Eigenschaften haben, da wir z.B. einen exakten Kreis , wenn auch immerhin,aber
dennoch immer nur malen wollen und nur intendieren und uns der Intention
oder Absicht nur nähern können, - da wir wissen, daß wir
nur die wenigsten mit unseren Zahlen genau bezeichnen könnten, was anschaulich
wird, wenn wir die letzten 100 000 Stellen von Pi variieren wollten. ( die
ersten 1000 Stellen von Pi sind:
3,14159265358979323846264338327950288419716939937510582097194459230781640628620862086280348253421170679821480865
1328230664709384469955058221172515940812848111745028110270193852)10555961462294395493038196142881097566593344612
847564823378678316527120190914564856692346034861045432664821339360726024914127372458700660631558817488152092096
282925409171536436789259036001133053054882(466521384146951941511609433057270365759591953092186117381932611793105
118548074462379962749567351885752724891227938183011949129833673362440656643086021394946395224737190021796094370
277053921717629317675238467481846766940513200056812714526356082778577134275778960917363717872146844090122495330
146549585371050792279689258923542019956112129021960684034418159813629774771309960518707211349999998372978049951
0597317328160963185950244594553469083026425223082533446850352619311881710100031378387528865875332083314206171776
69147303598253493428755468731159562863882353787593751957781857780532171226806613001927876611195909216420198
usw)
Natürlich sind dies nicht die Werte unseres Wertesystems. Deutlich wird
aber, wie dabei, nämlich bereits bei diesem Ansatz von analytischer Philosophie
und Wissenschaftlichkeit, die religiöse, soziale und ethische Dimension,
die seit Menschengedenken bestimmte Zahlen und geometrische Figuren hatten
und bis heute auch innerhalb solcher Wissenschaftlichkeit ja haben, undeutlich
wird. Was Gerold Prauss daran in seiner Handlungstheorie ( „Die Welt und
wir", Band 2, Metzler-Verlag, Stuttgart.) als Blindheit, Animismus und Dingverfallenheit
auch und gerade solcher Wissenschaftlichkeit noch entlarft, begründet
und beklagt, liegt in dem intersubjektiven Verhältnis jeder Prädikation
zwischen Begriff einerseits und dem Namen, Wahrheitswert oder Gegenstand,
den wir auf Grund der Struktur unser Erkenntnis immer zuerst als anderes
Subjekt wahrnehmen, so unsinnig es z.B. gegenüber einem Stein oder einer
Zahl auch scheinen mag.
Gottlob Frege und Bertrand Russell kamen dem Phänomen quasi mit zunehmender
Blindheit für die eigene Befangenheit und damit für die wichtige
Lösung näher, je präziser sie das Problem zu benennen versuchten,
wobei Russell den Sorites der Menge als das heute anerkannte Russellsche
Antinom präzisierte, was er letztlich doch als ein grammatisches oder
syntaktisches Problem bezeichnet:
Der Ursprung dieser (analytischen) Philosophie ist in der Arbeit von Mathemati-kern
zu suchen, die ihr Gebiet von Trugschlüssen und allen auf unsorg-fältigem
Denken beruhenden Fehlern zu reinigen begannen. Die gro-ßen Mathematiker
des siebzehnten Jahrhunderts waren Optimisten, denen an raschen Ergebnissen
lag; infolgedessen beließen sie es bei den unsicheren Grundlagen der
analytischen Geometrie und der Infinitesimalrechnung. Leibniz glaubte an
wirksame Infinitesimale, aber wenn dieser Glaube auch seiner Metaphysik entsprach,
so war er doch nicht gründlich mathematisch fundiert. Bald nach der
Mitte des neunzehnten Jahrhunderts bewies Weierstraß, daß sich
der Kalkül ohne Infinitesi-male aufstellen läßt, und verlieh
ihm dadurch endlich logische Gewiß-heit. Dann kam Georg Cantor, der
die Theorie der Stetigkeit und der unendlichen Zahl entwickelte. Vor seiner
Definition war »Stetigkeit« ein vager Begriff gewesen, geeignet
für Philosophen wie Hegel, der me-taphysische Unklarheiten in die Mathematik
einzuführen gedachte. Cantor gab dem Wort eine präzise Bedeutung
und zeigte, daß Stetigkeit in seiner Definition der Begriff war, den
Mathematiker und Physiker benötigten. Damit war ein großer Teil
der Mystik überholt, darunter auch die Bergsonsche.
Cantor machte auch dem uralten logischen Kopfzerbrechen über die unendliche
Zahl ein Ende. Sehen wir uns die Reihe der ganzen Zahlen von 1 aufwärts
an; wie viele solche Zahlen gibt es? Ganz offensichtlich ist ihre Anzahl
nicht endlich. Bis zu Tausend sind es tausend Zahlen, bis zu einer Million
eine Million. Welche endliche Zahl man auch nimmt, stets muß es noch
mehr Zahlen als diese geben, denn von 1 bis zu der betreffenden Zahl haben
wir gerade die genannte Anzahl von Zahlen, und darüber hinaus gibt es
weitere, die noch größer sind. Die Anzahl endlicher ganzer Zahlen
muß also unendlich sein. Nun aber kommt etwas Sonderbares: Die Anzahl
der geraden Zahlen muß die gleiche sein wie die Anzahl aller ganzen
Zahlen. Sehen wir uns die bei-den folgenden Reihen an:
1,2,3,4, 5, 6...
2, 4, 6, 8, 10, 12..
Es stehen immer zwei Zahlen untereinander; deshalb muß die Zahl der
Glieder in beiden Reihen die gleiche sein, obwohl die untere Reihe aus nur
halb soviel Gliedern besteht wie die obere. Leibniz, der dies be-merkte, sah
darin einen Widerspruch und schloß, daß es wohl unendli-che Mengen,
aber nicht unendliche Zahlen gäbe. Georg Cantor bestritt kühn, daß
es sich um einen Widerspruch handle. Er hatte recht; es ist nur ein Kuriosum.
Georg Cantor definierte als »unendlich« eine Menge, deren Teile
ebenso viele Glieder enthalten wie die ganze Menge. Auf dieser Basis vermochte
er eine höchst interessante Theorie unendlicher Zahlen auf-zubauen, womit
er einen ganzen Bezirk, in dem zuvor Unklarheit und mystisches Dunkel geherrscht
hatten, in den Bereich der exakten Logik einbezog.
Der nächste bedeutende Mann war Frege, der sein erstes Buch 1879 und
seine Definition der »Zahl« 1884 veröffentlichte, aber trotz
des epochemachenden Charakters seiner Entdeckungen keine Anerken-nung fand,
bis ich 1903 auf ihn aufmerksam machte. Bemerkenswert ist, daß vor
Frege jede vorgeschlagene Definition der Zahl elementare lo-gische Fehler
aufwies. Es war üblich, »Zahl« mit »Anzahl« zu
identifi-zieren. Aber ein Beispiel für »Zahl« ist eine bestimmte
Zahl, etwa 3, und ein Beispiel für 3 ist eine bestimmte Dreiheit. Eine
Dreiheit ist eine Anzahl, aber die Gattung aller Dreiheiten — welche Frege
mit der Zahl 3 identifizierte — ist eine Anzahl von Anzahlen; und die Zahl
im allge-meinen, für die 3 ein Beispiel darstellt, ist eine Anzahl von
Anzahlen von Anzahlen. Der elementare grammatische Fehler, diese mit der
ein-fachen Anzahl einer gegebenen Dreiheit zu verwechseln, machte die ganze
Philosophie der Zahl vor Frege zu einem Konglomerat von »Un-sinn«
in des Wortes strengster Bedeutung.
Aus Freges Arbeit ergab sich, daß die Arithmetik und die reine Ma-thematik
ganz allgemein nur eine Fortsetzung der deduktiven Logik sind. Damit war
Kants Theorie widerlegt, daß arithmetische Sätze »syn-thetisch«
seien und eine Beziehung zur Zeit einbegriffen. Die Entwick-lung der reinen
Mathematik aus der Logik wurde im einzelnen in den Principia Mathematica von
Whitehead und mir dargestellt.
Allmählich stellte sich heraus, daß ein großer Teil der
Philosophie sich auf etwas reduzieren läßt, was man als »Syntax«
bezeichnen kann, wenn auch dieser Begriff hier in einem etwas weiteren Sinne
als ge-wöhnlich anzuwenden ist. Einige Leute, vor allem Carnap, haben
die Auffassung vertreten, alle philosophischen Probleme wären in Wirk-lichkeit
syntaktische Probleme; wenn Fehler in der Syntax vermieden werden, ist jedes
philosophische Problem damit entweder gelöst oder als unlösbar
erkannt. Ich halte das für eine Übertreibung, und Carnap ist jetzt
auch dieser Meinung; zweifellos aber ist eine philosophische Syntax bei traditionellen
Problemen äußerst nützlich.
Wie nützlich sie ist, möchte ich durch eine kurze Erklärung
der soge-nannten »Beschreibungstheorie« veranschaulichen. Unter
»Beschrei-bung« verstehe ich eine Wendung wie »Der gegenwärtige
Präsident der Vereinigten Staaten«, wobei ein Mensch oder eine
Sache nicht durch einen Namen, sondern durch eine Eigenschaft beschrieben
wird, von dar man annimmt oder weiß, daß sie ihm oder ihr eigen
ist. Aus solchen Wendungen ist viel Unklarheit entstanden. Angenommen, ich
sage:
»Der goldene Berg existiert nicht«, und man fragt, »Was
existiert nicht?«, und ich antworte darauf: »Der goldene Berg«,
so würde es ja so aussehen, als legte ich ihm eine Art von Existenz bei.
Augenschein-lich behaupte ich damit etwas anderes, als wenn ich sage: »Das
runde Quadrat existiert nicht.« Das scheint implizite zu besagen, der
goldene Berg sei etwas anderes als das runde Quadrat, obwohl beide nicht
exi-stieren. Die Beschreibungstheorie war dazu bestimmt, mit solchen und
ähnlichen Schwierigkeiten aufzuräumen.
Nach dieser Theorie verschwindet bei richtiger Analyse einer Aus-sage, die
einen Ausdruck wie etwa »der So-und-So« enthält, der Aus-druck
»So-und-So«. Nehmen wir beispielsweise die Feststellung »Scott
war der Verfasser des Waverley«. Die Theorie interpretiert diese Fest-stellung
folgendermaßen:
»Nur ein einziger Mann schrieb Waverley, und dieser Mann war Scott«,
oder ausführlicher:
»Eine Wesenheit c ist so beschaffen, daß die Behauptung >x
schrieb Waverley< nur richtig ist, wenn x gleich c ist; zudem ist c gleich
Scott.«
Die Bedeutung des ersten Teils bis zu dem Wort »zudem« wird defi-niert
als: »Der Autor von Waverley existiert (oder hat existiert oder wird
existieren).« Somit bedeutet »der goldene Berg existiert nicht«:
»Es gibt keine Wesenheit c, die so beschaffen ist, daß >x
ist golden und bergig< nur dann richtig wäre, wenn x gleich c ist.«
Mit dieser Definition hat das Kopfzerbrechen über die Bedeutung der
Aussage »Der goldene Berg existiert nicht« ein Ende.
»Existenz« kann nach dieser Theorie nur von etwas Beschriebenem
ausgesagt werden. Wir können zwar sagen »Der Verfasser des Waverley
existiert«, nicht aber »Scott existiert«, denn das wäre
schlechte Grammatik oder vielmehr schlechte Syntax. Hierdurch wird mit einer
zweitausend Jahre alten, bei Platos Theaitet beginnenden Unklarheit über
die »Existenz« aufgeräumt.
Trotz der Ahnung oder des Wissens, daß er sich auf unsicherem Boden
oder im Bereich einer Fallgrube befindet, was seine Rückversicherung
verdeutlicht, protegiert er mit heftiger Sentimenz wenn auch pragmatisch dennoch
ganz eindeutig den konventionellen Standpunkt, als hielte der Mensch in der
einen Hand die Wahrheit, den wirklichen Gegenstand, das tatsächlich Gemeinte
als die Wahrheit, und in der anderen seine richtige, schlechte oder falsche
Erkenntnis bzw. die richtige, schlechte oder falsche Beschreibung des Ersteren,
wobei nach Russell Irrtum, Aberglaube und Unverständnis daraus resultiere
und zu vermeiden sei, daß Letzteres subjektiv, befangen, religiös,
schlecht bzw. falsch sei, wovon sich der Mensch befreien müsse.
Mit einfachen Worten gesagt, ist dies schlicht nicht so, sondern wir haben
in beiden Händen nichts als unsere Erkenntnis, worum es Prauss in seiner
folgenden Kritik an diesem vehementen Empirismus geht:
Prauss, Die Welt und wir. BdII, S123:
Daß jenes Urteil in der Wahrnehmung gerade dahin geht, das dabei Vorgestellte
(nämlich dasjenige in der einen Hand, {von mir}) allererst als wirklich
hinzustellen, hat genau den Sinn, es als zunächst einmal bloß
Vorgestelltes-Unwirkliches auch noch zu verwirklichen. Es durch ein Urteil
allererst als wirklich hinzustellen, hat somit auch recht eigentlich den
vollen Sinn, es dadurch allererst als wirklich herzustellen, einen Sinn sonach,
der sich von dem des Herstellens des Artefakts zunächst einmal nicht
unterscheiden läßt.
Und dies, so werden Sie vielleicht sich widersetzen wollen, ist denn doch
zuviel des Zuzumutenden: Wo kommen wir denn hin, wenn wir, die wir doch durch
Natur Geschaffene sind, uns umgekehrt nun zu den Schöpfern der Natur
aufwerfen? Deren Wirklichkeit ist doch gerade die uns vorgegebene und von
uns vorgefundene. Und dieses unser Vorfinden von ihr als dem uns Vorgegebenen
ist doch gerade das, was wir als unsere empirische Erkenntnis von ihr kennen,
die als ursprüngliche jeweils Wahrnehmung von Außenweltobjekten
ist, indem sie diese hinnimmt, eben wahrnimmt, wie sie ganz von sich aus sind.
Und doch ist, wenn Sie weiter folgerichtig bleiben wollen, vielmehr diese
unsere Dingverfallenheit, die damit sich zuletzt als diese unsere Wirklichkeitsverfallenheir
entpuppt, die eigentliche Zumutung. Denn jene angebliche Zumutung ist keineswegs
einfach die Umkehrung der Tatsache, daß doch Natur die Schöpferin
von uns ist und nicht wir die Schöpfer von Natur. Sind wir nach allem,
was wir wissen, die Geschaffenen durch Natur als diese Schöpferin doch
keineswegs im Sinn von Artefakten durch Natur als eine Absicht. Uns dafür
zu halten, wäre vielmehr nur ein weiterer Fall von reinem Animismus.
Folglich maßen wir uns damit auch durch-aus nicht etwas an, was ihr
zukäme. Vielmehr ist die eigentliche Anmaßung im Gegenteil gerade
diese Dingverfallenheit als Wirk-lichkeitsverfallenheit des Empiristen in
uns allen. Erhebt er uns durch seine Auffassung von unserer empirischen Erkenntnis
doch
zu einer Art von transzendenten Göttern, die der umgekehrt genauso transzendenten
Wirklichkeit enthoben sind und ihr mit-hin auch nur betrachtend gegenüberstehen,
nämlich ohne daß sie dabei mir zu ihr dazu gehörten.
Wenn wir nämlich die Geschaffenen durch Natur sind, dann gehören
wir insofern auch gerade mit zu ihrer Wirklichkeit hinzu. Infolgedessen kann
es sich bei unserer empirischen Erkenntnis von ihr auch allein um irgendeine
Art der Wechselwirkung mit ihr handeln, so daß Wirklichkeit, wenn sie
sich als Ergebnis solcher Wechselwirkung einstellt, dann auch abhängig
von unserer Mit-wirkung an solcher Wechselwirkung sein muß. Und ist
unsere Mitwirkung dabei gerade die von Absicht oder Intention, so steht gerade
solche Wirklichkeit dadurch auch immer wieder auf dem Spiel, weil sie sich
als Erfolg von solcher Absicht oder Intention dann eben einstellen oder auch
als Mißerfolg von ihr ausbleiben kann, wie bei der irrtümlich-empirischen
Erkenntnis.
Wegen genau solcher dingverfallenheit sieht und erklärt Ru8ssell z.B.
eben die irrationalen Zahlen als Kuriosum und nicht die relativ seltenen,
wenigen eher zufälligen rationalen und ganzen Zahlen, von denen z.B.
in meiner Zeichnung keine erscheint, die aber so real erscheinen wie unser
täglicher Alltag. Derart blind auch für sich selbst übersieht
Russell, trotz aller Verdienste, die er für Frege und die Fregeforschung
hat, den eigentlichen Verdienst Freges, den wohl auch Frege selbst nicht erkannte,
weil auch er von dem Wahrheitswert in der ersteren Hand ausging, den es objektiv
zu beschreiben gälte, wofür er eigens eine eigene Sprache die sog.
„Begriffsschrift" konstruierte, die gleichfalls alles Subjektive, jede Redundanz
und jedes Konnotat bei einer Beschreibung und Definition ausklammern sollte.
Wenn nämlich Frege schreibt:
Eine Funktion (in einfachster Auffassung) wie in 5=2+x oder Fx (Funktion
von x) zeigt an, wie die 5 und die 2 oder F zu allen Zahlen in einem Verhältnis
stehen, die man statt x einsetzen kann: Bei 5=2+x kann man statt x eine 3,
eine 2+1, eine 4-1 u.s.w. einsetzen;
(Gottlob Frege, Schriften zur Logik und Sprachphilosophie, Felix Meiner
Verlag, Hamburg, Band 277 Philosophische Bibliothek Freges Nachwort, Seite
14, letzter Abschnitt)
Bei einem Begriff gibt es nach Frege so etwas ähnliches wie bei einer
Funktion, was Frege aber nicht die Funktion eines Begriffes sondern die Prädikation
nennt, wenn man sagen würde:
Dieses x ist ein Tisch.
Dieser Gegenstand ist ein Tisch .
wobei x die Wahrheit, der tatsächliche Gegenstand bzw. das jeweils Gemeinte
ist und womit die Zahl zu einem Begriff wird, was Russell aber übersieht,
wenn er von Gattung als einer Existenz bestehender ähnlicher Dinge,
Gegenstände, Zahlen u.s.w. spricht, wie er auch übersieht, daß
„Der goldene Berg" bzw. „Das runde Viereck" Begriffe sind innerhalb
einer Erkenntnis, mit der wir irdischen Lebewesen intersubjektiv etwas anderes
als uns immer zuerst als anderes Subjekt, als anderes objektives Subjekt
bzw. subjektives Objekt wahrnehmen, sei es eine Zahl oder einen Fehlerteufel
oder sonst etwas Geistiges.
Natürlich sind Russell und Frege zu unterstützen, wenn sie fordern,
daß ein Kind irgendwann lernen müsse, daß die Puppe oder
das Schaukelpferd keine richtigen Lebewesen sind, dem aber die Einsicht zu
Grunde liegen sollte, die Russell noch nicht hat, daß dies keine Abart
des Denkens, nämlich die abnorme Subjektivierung eines Objekts ist,
sondern das ursprüngliche Denken überhaupt, und daß dem die
gleiche Erkenntnisstruktur zu Grunde liegt, mit dem das Kind seine Eltern
und Freunde und mit dem wir alle überhaupt erst einen anderen Menschen
als ein anderes Subjekt erkennen, wie es Prauss im folgenden Zitat ausdrückt,
- wie wir nur so auch unseren Gott erkennen und erst nach einem Lernprozess
zwischen einem anderen Subjekt und einem nichtsubjektiven objektiven Objekt
und zwischen Mensch und Gott einerseits und einem Talismann, einer magischen
Zahl, einer Hypostase, einem Begriff oder einem Götzen und Abgott unterscheiden
können und und unterscheiden müssen, wenn wir nicht im primitiven
Animismus verharren wollen.
So ist die phylogenetische Biographie eines Begriffs in der Geschichte der
Menschheit wie die jeweils individuelle mit der folgenden Umschreibung von
Gerold Prauss zwar nur unzulänglich angedeutet, weil nur als Vorgang
einer jeden augenblicklichen Erkenntnis von einem Gegenstand, so bezeichnet
Prauss dennoch die beiden wesentlichen Aspekte notwendiger Reflexion:
Aber wohlgemerkt: genausosehr, wie immer schon von vorherein, zunächst
einmal auch immer nur von vornherein, will sagen, ohne daß bloß
dadurch etwa diese zwei ( von mir: Subjekt und Objekt) sich auch bereits empirisch
voneinander unterscheiden würden und sonach bloß dadurch etwa
auch empirisch immer schon entschieden wäre, daß es sich dabei
auch faktisch, kontingent, tatsächlich um das Gegenüber von Objekt
als Subjekt für ein Subjekt handelt. Denn als solches ist dies Gegenüber
vielmehr umgekehrt gerade dasjenige, was sich immer erst tatsächlich,
faktisch, kontingent ergibt, - oder auch nicht, was sich in diesem Sinn empirisch
aber eben nur ergeben kann, soweit es nicht-empirisch immer schon zugrunde
liegt, so daß es dann auch immer erst Aposteriorität auf Grund
von Apriorität ist. Denn genausogut kann sich auf Grund derselben Apriorität
auch eine gänzlich andere Aposteriorität ergeben, nämlich
daß es sich dabei tatsächlich, faktisch, kontingent und so empirisch
zwar durchaus um etwas Anderes und damit um ein Objekt handelt, doch gerade
nicht um ein Objekt als objektives oder anderes Subjekt für ein Subjekt,
sondern als bloßes Objekt.
Auch als solches aber wird es für ein Subjekt dann zunächst einmal
zum Subjekt und mithin zum Partner für es als das Drama jenes Intendierens,
der es dann jedoch zunächst einmal gerade zur Tragödie für
ein Subjekt als den ursprünglichen Partner dieses Dramas werden läßt.
Denn einem Subjekt wird ein solches Objekt dann zu einem Partner, der ihm
so begegnet, daß er seinem Intendieren nicht nur nicht entgegenkommt,
sondern geradezu entgegentritt: weil dieses Subjekt eben umgekehrt als Intendieren
immer schon mit Ansprüchen an ihn herantritt und mithin auch deren absichtslose
Nichterfüllung durch ihn dann nur als absichtliche Versagung von Erfüllung
durch ihn noch erleiden kann, so daß es sich als Drama der Absichtlichkeit
seine Tragödie selber zuziehen muß."
(Prauss: „Die Welt und wir", Seite 919, letzter Abschnitt bis S.920 Anfang)
Was Prauss dabei mit „tatsächlich, faktisch, kontingent und so empirisch"
als Orientierungskriterien bezeichnet, bezieht die Erfahrung mit der Welt
samt seiner geschichtlich entstandenen Menschheit und ihrer Sprache mit ein,
in der die Reflexion auf den Bedeutungs- und Funktionswandel von Bezeichnungen
als den Urgrund der Entstehung einer grammatischen Struktur der jeweiligen
Sprache wohl erst heute möglich ist: wie nämlich mit der Erkenntnis
eine Bezeichnung für den Gegenstand und die Gattung über die Hypostasierung
und deren Reflexion und Bezeichnung u.s.w. die Begriffsstruktur entsteht.
Nicht nur genetisch ist dies die Grunderfahrung eines Menschen wie die Grundstruktur
einer jeden Erkenntnis, daß „Mama" zuerst gleich „Ich" ist und dann
zur Hypostase „meine Mama" wird und erst in weiteren Stufen zu einem Gattungsbegriff
für Mütter werden kann, mit dem die eigene Mutter in ganz neuer
Bedeutung und Erkenntnis erscheint, wodurch sich die ursprüngliche Bedeutung
eben keineswegs relativiert, als sei der konkrete Einzelfall nur eine Variation
der Gattung. Diese mögliche und mit dem Materialismus immer drohende
Versachlichung des Subjekts, die sich mit der Russellschen Definition des
Begriffs als Gattungsbezeichnung geradezu aufdrängt, ist denn auch nur
der halbe Schritt und Wissenschaftlichkeit nur eine halbe Brücke über
den Abgrund gänzlichen Werteverlusts, den die cartesianische Aufklärung
anbietet, wie ich dann später ausführen werde; wenn auch die Entmythologisierung
der Mutter als Einsicht, daß auch sie nur ein Mensch und der Vater
kein Gott und nur begrenzt belastbar ist, ein vernünftigeres Miteinander
ermöglicht.
Deutlich werden sollte aber an diesem Beispiel, daß es sich bei der
Entwicklung sowohl unseres Bewußtseins wie aber auch unserer Sprache
dabei keineswegs allein um ein grammatisches oder syntaktisches Phänomen
handelt, wenn diese Entwicklung auch zu Bezeichnungen von Begriffen und Oberbegriffen
und Gattungen führte, die im Hintergrund jedoch eine weit kompliziertere
Wertestruktur enthält, aus der heraus fortwährend Begriffe entstehen
und Bezeichnungen zu Begriffen erst werden, die wir aber als neue Werte oder
Unwerte immer zu reflektieren haben.
Wenn nach Russell z.B. die unendlich vielen Punkte z.B. eines Kreises nach
der Leibnitzschen oder Newtonschen Infinisesimalrechnung zur Gattung der
Kreispunkte gehörten, dann würden dennoch unendlich viele dieser
Punkte nicht einen Millimeter und auch nicht ein beliebig kleines Segment
dieses Kreises ergeben, das ja ebenfalls eine Linie sein müßte,
und wie nach Zenon eigentlich die Unmöglichkeit einer geometrischen Figur
beweisen müßte, was aber weder den analytischen Philosophen noch
den Mathematiker stört noch irritiert, weil „wir" ja alle die Existenz
des Kreises als Formel oder als angedeutete Zirkelzeichnung evident und damit
unbezweifelbar als Wirklichkeit, Realität oder Wahrheit in der einen
Hand halten, woran sich Theorie, Philosophie oder Zenonsche Skepsis in der
anderen Hand messen, als falsch erweisen lassen muß. Hierbei ist die
Evidenz der „Realität" in dieser einen Hand des Empirikers oder analytischen
Philosophen mit aller vielfach ausprobierten Funktionalität als gemeinsame
Erfahrung mit den Zahlen und Formeln ohne Zweifel ein brauchbares Werkzeug
für jeden Architekten und Konstrukteur - und soll es ja auch bleiben;
aber damit ist bleibt dennoch diese Grundkonzeption nichts anderes als Aberglaube,
Animismus, Irrtum und Vergötzung, was Prauss ganz richtig als unsere
Dingverfallenheit bezeichnet, was eben als Irrglauben trotz unbestreitbarem
Nutzen nicht nur theologisch weiter in die Irre führen könnte,
wenn man z.B. im Falle dieses Kreises in der einen Hand, der seit Menschengedenken
die Bedeutung des Vollkommenen und Göttlichen verkörpert und darstellt,
wobei wir solcher Hypostasierung nicht nur die Begrifflichkeit überhaupt,
sondern auch die Geometrie verdanken, nun aber wieder beginnen würde,
Gott oder Mensch mit der Formel r²p/4 zu messen.
Und ich meine, daß man auch den Christen solche Differenzierung an
Toleranz in Form von Geduld zugestehen sollte, wobei immerhin der Idealmensch
Jesus als Gott nach 2000 Jahren unsere gesamte Begrifflichkeit hypostatisch
überlagert und damit quasi immer ein zusätzliches menschliches wie
göttliches Koordinatensystem darstellt, wenn der Christ auch nicht anders
als jener Geometer dabei das Wort Gottes in der einen Hand als evidente Realität,
Gegenwart und Wahrheit als Maßkriterium und Beweis für seine Theologie
in der anderen Hand nimmt, wobei natürlich zugleich der darin verkündete
Jesus als Intension und Intention gegen solchen Formalismus und gegen diese
immanente Blindheit und Erstarrung ganz in den Hintergrund tritt.
Was für den außenstehenden Nichtchristen jedoch bei Christen um
so deutlicher wird, ist ja, wenn ein biblischer Wortlaut nicht nur zur reinen
Zeremonie, und diese scheinbar zum eigentlichen Wert wird, was Russell schlicht
als Magie bezeichnet, sondern als Aussage zusätzlich mit jenem Sentiment
und auch Vehemenz wie eine vielschichtige Zwiebelhaut noch überlagert
wird mit den konfessionellen, nationalen, traditionellen, konventionellen
und kulturbewußten Bedeutungen, mit der dem Betrachter z.B. eine kirchliche
Hochzeit oder Beerdigung begegnet, bei der dann zusätzlich die Kleiderordnung,
die Wortwahl, die Körperhaltung, Farben, Blumen, Gesten ein hochkomplexes
Gefüge vermischt mit oft uralten noch vorchristlichen Werten und Wertdemonstrationen
bildet, was ja weit mehr als ein rein formales, grammatisches oder syntaktisches
Phänomen, weil es auf die Tiefendimension menschlicher Existenz verweist,
die in den beiden angeführten Anlässen der Hochzeit als Präparierung
der Geburt und bei der Beerdigung als Erlebnis des Todes all unser Verstehen
überschreitet und dennoch eine Form haben soll.
Was auch Prauss bei seiner Kritik der vehementen Verbissenheit von modernem
Empirismus und Materialismus wohl übersieht, ist aber nichts anderes,
daß nämlich der Dingverfallenheit an der „sicheren" Wahrheit in
der einen Hand, der wir alle erst einmal ungewollt erliegen, noch zusätzlich
aber vehement verteidigt auch in den Wissenschaften die gleiche Erstarrungsstruktur
zu Grunde liegt, wie in den Konfessionen, mit dem, wenn zwar unter der Flagge
der Aufklärung, dennoch der bis heute unverstandene Vorgang des Lernens
und Lehrens zigfach ummantelt wird mit der ganzen hochkomplexen Wertestruktur
menschlicher Geschichte von Oben und Unten, von Macht und Ohnmacht, von Gültig
und Ungültig als bewußte Kultur- und Wissenschaftsdemonstration.
Aber spätestens mit der Modernen seit den Malern von Barbizon, seit
Nietzsche, seit DADA und seit den weltanschaulichen Katastrophen des vorigen
Jahrhunderts wissen wir das; und wir wissen um die Gefährlichkeit des
Themas als ginge es um Kernspaltung, wenn wir unsere Befangenheit reflektieren
in Werten, die uns zum Teil als Fremdbestimmung erscheinen, wie die Klassen-
bzw. Stammeszugehörigkeit, Familie, Sprache, Geschlecht, Religion, Körpergröße,
Intelligenz u.s.w. zusammen mit den Werten, die wir bewußt und gewollt
mit Strategie, Sorgfalt, Kalkül und Absicht inszenieren, obwohl keinesfalls
klar ist, ob wir hier mit den Begriffen von reinen Äußerlichkeiten
diesen nun eine eigene Subjektivität oder gar Göttlichkeit zumessen,
wie dem heiligen Vaterland, oder ob wir das rein geistige unserer Erkenntnis
und Begrifflichkeit umgekehrt versachlichen und instrumentalisieren oder
beides zugleich, wenn wir daraus Ansehen und Karriere oder auch ein Geschäft
mit dem lieben Gott machen. Die jeweilige Aussage ist dabei immer auch Inszenierung
und die Inszenierung ist immer auch das Gerangel selbst wie auch Aussage,
wobei natürlich auch das Fremdbestimmte unseres Verhaltens natürlich
auch individuell verantwortlich gewertet und in jeder Situation entsprechend
inszeniert wird und ist, wobei dann wiederum der Bereich, den wir sprachlich
erfassen und grammatisch präzisieren können und sichtbar machen
wollen, verhältnismäßig nur winzig und meist nicht einmal
wesentlich ist und für sich allein genommen nichts als Geschwätz
und in der Tat bedeutungslos wäre, wenn wir ihn als den Sinn einer Aussage
mißverstünden.
Ich kann mir aber einen Menschen vorstellen, der von solchem „weltlichen"
Gerangel einen großen Abstand hat und nahezu rein ist von derart Inszenierung
und auch rein von solchen Vorurteilen. Ich weiß nicht, ob wir nur im
Abendland und im Buddhismus dieses Idealbild von Unschuld und Reinheit kennen,
das sicher auch einigen der jüdischen Propheten vorschwebte, wenn sie
von einer reinen und gerechten Welt jenseits des gegenwärtigen Gerangels
ausgehen, das sowohl Folge wie Ursache wie auch zugleich Regel und Regelung
des Gerangels ist. Nach langen Gebeten vor einem Gott, der alle Gedanken
und Absichten kennt, vielleicht mit Fasten und auch sexueller Enthaltung,
beides zum Teil allein schon deshalb als Erleichterung, weil Broterwerb und
Nahrung ohnehin wie Erwerb von sexueller Hingabe durch einen/eine alle anderen
ausschließt und das Ein- wie Ausschließen immer bereits Wertung
ist, ist ein reiner Jesus vorstellbar, der auch jene Schere „Meister und
Jünger" organisatorisch nicht konsequent durchzog, wie es wahrscheinlich
erst nachträglich zu seiner und als seine „Aufwertung" geschildert ist.
Aber unter solchem Aspekt ist es vielleicht gut, daß wir von dem geschichtlichen
Jesus so gut wie nichts wissen und davon ausgehen müssen und können,
daß alle Darstellungen der Evangelien bereits von solcher Befangenheit,
Voreingenommenheit, Inszenierung und Strategie bestimmt sind. Zu verwundern
ist, wie weit sich Mohammed dem damals geltenden Wertesystem entziehen und
dieses korrigierend reflektieren konnte, obwohl es gerade wie bei Paulus
das geschichtliche Wissen um sein jeweiliges Verhalten und seine jeweiligen
Reaktionen und Formulierungen ist, und sei vieles auch Legende, das das ursprünglich
Arabische, und bei Paulus das ursprünglich Paulinische zu einem neuen
Wertkriterium gemacht und damit geradezu zementiert hat. Daß Jesus
dieses Phänomen kannte und reflektiert seinen Jüngern vermittelt
hat, geht recht deutlich aus der Bergpredigt hervor, die in dieser Radikalität
sicher authentisch ist, es wird aber wohl auch bei jeder mystischen Erfahrung
vermittelt.
Hierbei habe ich eine noch sehr viel tiefer gehende Vorstellung von Reinheit
vorerst ausgeklammert, die Jesus wohl ausdrücklich meinte, wenn er z.B.
forderte: "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr das Himmelreich
nicht ererben.", und die wohl jeder Mystik und jeder Religion zu Grunde liegt,
und was wir negativ als Verfehlung und Verlust des Paradieses und der Reinheit
jeder Strategie und jeder künstlichen Inszenierung unterstellen, die
sich in diesem Kontext etwa derart umschreiben läßt, womit sie
aber keineswegs auch schon verständen wäre: Während ich hier
von einer Grammatik der Sprache und einer noch komplizierteren Struktur oder
Grammatik oder Inszenierung eines Wertesystems spreche, als funktioniere
unsere Verständigung d.h. unsere Sprache und unser Verhalten nach solchen
Regeln, wobei Russell sogar davon ausgeht, daß ein falsches Denken
und Verhalten des Menschen auf eine fehlerhafte Anwendung der Grammatik zurückgeht,
was im Einzelfall (und besonders in der Philosophie) auch durchaus denkbar
und nachweisbar ist, was ich hier aber noch ausweiten möchte auf einen
möglichen fehlerhaften Gebrauch und eine fehlerhafte Vorstellung des
ganzen Wertegefüges noch hinter oder über der Grammatik, was als
kritischer Rationalismus zu sehen ist, der natürlich auch in allen Weisheitsschriften
und Propheten aller Religionen zu finden ist, so wäre dagegen Reinheit
eine Vorstellung, daß solche Grammatik und solche Regeln gar nicht
etwas sind, nach denen wir handeln sollen, sondern die sich quasi als Epiphänomen
und quasi erst nachträglich aus einem richtigen Verständnis, aus
einer richtigen Verständigung und einem richtigen Verhalten von selbst
ergeben, wobei seit Menschengedenken solche Reinheit durch Fasten, Beten,
durch Extase, Meditation, Magie, Trance, Einsamkeit, Selbstkasteiung aber
auch durch Musik, Sprüche, Formeln, Zeichen, Kristalle, heilige Orte,
Düfte, Drogen, Endofine u.s.w. gesucht wurde, wobei natürlich jede
Methode, dem Methodischen zu entkommen oder das Methodische zu hintergehen
zugleich wieder Strategie und Methode und auch das Einfallstor sowohl für
Irrtum wie für die menschliche Verschlagenheit ist.
Jesus entwirft keine neue Methode sondern erlangt die Göttlichkeit durch
Tod und Auferstehung, während die christliche Gemeinde quasi jeweils
situationsbedingt eher improvisiert.
Meine persönlichen Erfahrungen mit Buddhisten und meditierenden Hinduisten
ist dementgegen, daß sich aus der Eigenleistung der Meditation zugleich
ein mehr oder weniger heimlicher oder offener Anspruch und auch Überlegenheitsanspruch
ableitet, was sich mit den Dogmen der ethischen Grundforderungen zwar zu
einer reformierten Struktur dieser Schere ausbaut, sie aber beibehält.
Aber auch die allgemeinchristliche Vorstellung von Reinheit ist undeutlich
und meint sowohl die reine als unbefangene, darüberstehende und damit
auch ethisch gerechte Sicht und Erkenntnis und Selbsteinschätzung wie
zugleich das in diesem Sinne Gegenteilige, nämlich die in der Sicht
beinhaltete offene Absicht, so diese auch das Gute will, womit immer auch
das Reine, Wahrhaftige, Gerechte und Unschuldige in das Gerangel der Wertestruktur
gerät oder eine solche bereits ist. Dostojeweski beschrieb in seinem
Roman „Der Idioten" die Explosivkraft des Reinen.
Natürlich ist das Verhältnis von Christ und Heide, bzw. von Buddhist
und Nichtbuddhist in der Bewertungs- und Missionierungskonstellation legitimiert
durch die Liebe und Fürsorge des Erlösten für den Unerlösten,
des Propheten zum Laien, des Mündigen zum Unmündigen und Verirrten,
was natürlich nicht nur auch der Despot von sich behaupten kann und
wie es immer behauptet wurde, sondern was immer selbst auch aus sich zur
despotischen Liebe, Fürsorge und Entmündigung ansetzt, - wenn es
nicht sogar dahin entarten muß. Theologisch und weltanschaulich liegt
die Versuchung nahe, die im Judentum und Christentum versprochene „neue Welt"
und den „Untergang der alten Welt" bereits in der Reform des alten heidnischen
zum neuen christlichen oder jüdischen Wertesystem zu sehen, wozu Augustinus
im Sinne Paulus wohl neigte, während Jesus dieses weit radikaler denken
konnte.
Hier ist es das Selbstverständliche, wie wir uns mit diesen Werten auskennen
und damit hantieren, was uns blind macht für ihre Struktur und Funktion,
in die sich alles Religiöse eingliedert - und wie es umgekehrt in das
Religiöse einfließt. Und natürlich kann man leicht beliebig
das eine als das andere hinstellen, wobei man sprachlich zwar Mögliches
aber wahrheitsgemäss gänzlich Absurdes darstellen oder hinstellen
kann, - gewollt polemisch oder irrig. Was mit der Bedeutung „Organ" bei jeder
Vorstellung von menschlicher Organisation bereits mitgemeint ist, ist als
Struktur des ganzen Wertesystems damit keineswegs bereits verstanden oder
präzisiert, ob wir z.B. im Christentum bereits eine Verkörperung
Jesu oder im Buddhismus eine Verkörperung Buddhas bzw. im Islam eine
Verkörperung Mohammeds sehen wollen oder dürfen oder sollen, oder
im christlichen Abendland zusätzlich oder stattdessen eine Inszenierung
Jesu durch Paulus oder Johannes oder durch die Kirche, oder eine Selbstinszenierung
des Paulus oder Johannes oder der Kirche bzw. des jeweils Einzelnen Christen
sehen, was dann nur Argument des kerygmatischen Jesus ist, oder zusätzlich
oder/und stattdessen die jeweilige kollektive wie individuelle Eigeninszenierung
vonder Tradition. Wir können dieses sehr wohl und ganz selbstverständlich
unterscheiden, sei es bei einer religiösen Demonstration oder bei einem
Fußballspiel, wobei ich hier nur deutlich machen will, daß diese
derart vielschichtigen Strukturen unseres Verhaltens wie unserer Begriffe
unser allzumenschliches Gesicht tragen, die wir so selbstverständlich
nutzen wie wir die weit einfacheren Regeln der Grammatik beim normalen Sprechen
benutzen und anwenden, ohne uns derer bewußt zu sein und ohne sie (in
der Mehrheit) überhaupt als solche zu kennen, - und denen wir zugleich
quasi blind und ja auch gerne und mit Begeisterung ausgeliefert sind - ,
unser allzumenschliches Gesicht tragen. Wir Christen müßten uns
angesichts der vergangenen Jahrhunderte natürlich schämen, wenn
wir darin die Verkörperung Jesu in der Welt sehen wollten, in der die
Christen wie die Mohammedaner, Buddhisten und Aufklärer behaupten, das
Licht der Welt und das Salz der Erde zu sein, womit die andere, nämlich
die gesellschaftliche und politische Seite der ethischen Dimension dieser
jeweils individuellen Inszenierung der Menschen zur Sprache kommt. Daß
dieses, nämlich das Menschliche in solcher Inszenierung, sich geradezu
unmenschlich, nämlich als unmenschlichen Menschen präsentiert,
wenn man es im Namen von Sachlichkeit, reiner Logik und Wissenschaftlichkeit
durch reine Zweckmäßigkeit ersetzt - und dabei nur zu ersetzen
scheint, einmal, weil wir als Subjekte auch solche Sachlichkeit gar nicht
anders als eine bewußte Inszenierung veranstalten könnten, als
was es das betroffene Subjekt als Objekt behandelt zum anderen dann auch
erlebt, - weil wir es dennoch immer mit Menschen zu tun haben, demonstrierten
die vergangenen Jahrhunderte der Ideologien nicht weniger, weswegen es allerseits
notwendig ist, die gleiche Abhängigkeit und Befangenheit des Menschen
in dieser Wertestruktur zu verstehen, - gleichgültig, wes Geistes Kind
er ist.
Natürlich ist es gewissermaßen Respektlosigkeit, die man sich
normalerweise als Reflexion des eigenen Handelns wie der eigenen Betroffenheit
durch Handlungen anderer nur unausgesprochen leistet, wenn man diese Seite
des menschlichen Verhaltens in der eigenen Erziehung, im eigenen Bildungssystem,
in Politik und Rechtswesen nicht anders als in der eigenen Religion, in den
heiligen Schriften und selbst in unserem Glaubensbekenntnis als mit Vehemenz
und Gewalt durchgeführte Inszenierung betrachtet, mit der der Mensch
sich und andere inszeniert. Und diese Respektlosigkeit wird ja auch als Ursache
für den Tod die Verurteilung Jesu angeführt.
Hier ist zum leichteren Verständnis wieder der Vergleich mit der Sprache,
bzw. mit dem Sprechen angebracht, obwohl es beim Verhalten des Menschen um
weit mehr geht, als um Syntax und Grammatik: Was wir Menschen auch sagen
und formulieren, wir müssen es irgendwie mit den Formen von Buchstaben,
Zeichen, Worten und grammatischen Regeln tun. Es hat Millionen Jahre gedauert,
bis sich der Mensch dieser Instrumente überhaupt bewußt wurde.
Und es ist ein wahrhaft großer Wurf von Gerold Prauss, wenn er die
beiden oben zitierten - wenn auch recht undeutlich geratenen - Orientierungskriterien
einer Erkenntnis zu Beginn seiner Handlungstheorie in Bezug setzt mit dem
bis heute erst durch ihn verstehbaren Zusammenhang von Form und Inhalt:
1. Þ„nämlich daß es sich dabei tatsächlich, faktisch,
kontingent und so empirisch zwar durchaus um etwas Anderes und damit um ein
Objekt handelt . . ." (Prauss: „Die Welt und wir", Seite 919, letzter Abschnitt
bis S.920 Anfang)
2. Þdaß wir alle und zwar bei jeder Erkenntnis zunächst
dem Irrtum (sowohl der Subjektivierung von Dingen, wie dann der Dingverfallheit)
erliegen und der ersteren Reflexion oder Orientierung bedürfen, wie es
Prauss an etwa 50 anderen Stellen ausdrücklich beifügt. („Die Welt
und wir",Band 1, wörtlich „wir alle" Seite706; Seite900, 902, 903, 905)
Diese beiden hier nur mehr angedeuteten Standbeine unserer Orientierung
„Kontext" und „wir alle" als Gemeinsamkeit werden uns bei der genaueren -quasi
mikroskopischen" Untersuchung unserer Werte wieder begegnen.
Entsprechend kann man das bewußt und unbewußt durch einen selbst
oder durch andere Inszenierte unseres Verhaltens durchaus wie in der Sprache
als eine Form auffassen, die bei einer Aussage aus den vielleicht 100 000
möglichen Wörtern, tausend grammatischen Regeln und 30 Buchstaben
bzw. 200 Lauten besteht, was sich bei einer menschlichen Handlung ganz entsprechend
wenn auch aus sehr viel mehr Komponenten und weit komplizierter zusammensetzt,
wie ich verdeutlichen wollte.
Nachvollziehbar ist, daß Jesus wohl u.a. die Überbewertung des
Formalen bzw. die Erstarrung des religiösen Inhalts zu reinen Formalismen
anprangerte, was sich nicht zuletzt durch das unsinnige, unmenschliche ja
kindische Todesurteil an ihm selbst demonstrierte, womit der eigentliche Inhalt
des jüdischen Glaubens zur reinen und eitlen und berechnenden Formsache
wurde, was eine Verirrung mit üblen Folgen darstellt, wenn nämlich
die Absicht d.h. die Handlungs-, bzw. die Lebenskonzeption sich nur noch
auf die Form bezieht, dem das Menschliche untergeordnet wird, statt daß
die Form das bleibt, was sie ursprünglich ist, nämlich das Mittel
und Instrument, um in der Gemeinschaft Mensch zu sein. Es ist übrigens
der gleiche grundsätzliche, kritische Ausgangspunkt von Ludwig Feuerbach,
der dann eben dem gleichen Fehler aufsaß wie das von ihm Kritisierte,
und letztlich nur noch von dem Formalen ausging. Vereinfacht könnte
man sagen, daß mit Jesus die rein strategische und formale Anwendung
der Gebote und zwar als ein entsprechend nur strategisch und formales Verhältnis
zu Gott und damit auch zur jeweiligen Wahrheit in Frage gestellt wurde, wodurch
das Kindschaftsverhältnis, nämlich ein Verwandtschaftsverhältnis
des Menschen zu Gott dann möglich wurde, in dem das Gebotene der Gebote
und Gesetze quasi durch ihre Selbstverständlichkeit ersetzt wurden.
Ich glaube nicht, daß es blasphemisch ist, wenn wir den Evangelisten
Johannes u.a. auch mal in diesem Sinne interpretieren, als habe er das Leben
Jesu als eine Inszenierung dargestellt, durch die nicht nur „das Wort Fleisch"
wurde, sondern wodurch sich eben auch alles Formale der Gemeinde Christi
zum Leib Christi verkörperte, als die Menschwerdung Gottes und Gottwerdung
des Menschen oder des Menschlichen, als dessen Teil sich die heutige Kirche
empfindet, und weswegen man dort das rein Formale auch der Überlieferung
trotz aller Schwierigkeiten für göttlich und heilig hält.
Mit frommen, kirchlichen Worten gesagt: die tote Form der mosaischen Gesetzgebung,
die sich wegen der menschlichen Verschlagenheit und wegen ihrer Überbewertung
durch ihre rein strategische Einhaltung gegen ihren eigenen Inhalt richtete,
wurde durch den unsterblichen menschlichen und göttlichen Leib Jesu
ersetzt, wobei die Schwierigkeit, einmal sich dieses Christwerden und Christsein
ganz praktisch vorzustellen und zum anderen, dieses organisatorisch und kirchenpolitisch
wie rechtlich zu handhaben, was samt aller Umsetzungsversuche - grob umschrieben
- genau die Probleme sind, worüber Sie, Herr Augstein, und ich hier
schreiben.
Wir wissen noch nicht, ob Johannes die Paulusbriefe kannte, aber man kann
beide Auffassungen auch so interpretieren, als habe sich einmal an dem reinen
Jesus - als das eigentliche göttliche Leben - das Abartige, Erstarrte,
Eitle, Verschlagene und Strategische des Menschen als irdische Inszenierung
entlarft und sogar zerschlagen, was zum nur noch frommen Mantel und „Buchstaben
des Gesetzes" geworden war, und was sich als ungültig, wertlos geworden
und überholt erwies, was mit der Zerstörung Jerusalems evident
wurde, wovon wahrscheinlich nur Johannes schon wissen konnte, und zum anderen,
daß nun alles Formale des Alten und Neuen als Leib Christi wiedergeboren
wurde. Dies ist natürlich vielschichtig und vielstufig, insofern als
das Göttliche der neuen Gemeinde samt Gemeindeordnung als Göttliches
sich selbst das Ziel ist, was zugleich aber als menschliches Bemühen,
Handeln und als Organisation der Christen ein Vorgang ist, der das Menschsein
ja nicht außer Kraft setzt, sondern als Handlung die ganze bis heute
viel diskutierte und unverstandene Komplexität von geistiger Absicht
und physischem Geschehen, von Beginn und Verlauf umfaßt, sei es die
Handlung Gottes oder die Handlung Jesu oder der Menschen bzw. der Christen,
wie eben auch alles, mit und an dem Handlung stattfindet, und das natürlich
Geist, Seele und Leib des Handelnden einbezieht. Sicher ist dies undeutlich,
was ich später am Beispiel der Kindschaft mit Gott deutlicher machen
muß. Mehrstufig ist dies insofern, als es einfach wie verfänglich
ist, das Einfache wie Verfängliche auch zu sehen und sich dabei zu reflektieren:
Die „irgendwie" aus diesem Leib Christi bzw. als dieser Leib Christi entstehenden
- und erst recht die entstandenen Formen - , wie der Ablauf z.B. eines gerade
ablaufenden Gottesdienstes, wie erst recht die überlieferten Formen
des Gottesdienstes und deren gegenwärtige Einhaltung sind nach christlichem
Verständnis und Gefühl immer auch erlebbare und erlebte Gegenwart
Christi und entsprechend heilig als Erlebnis, als Erinnerung, als eigene
Handlung und als Bedürfnis - und dies manchmal sicher mehr für
die jeweiligen Teilnehmer des Gottesdienstes, als für die jeweiligen
Veranstalter, wobei hier eine gegenseitige Heiligung stattfindet, wobei die
Mehrstufigkeit solcher impliziten Reflexion nach meiner Ansicht auch den
Aspekt einer Entwicklung enthält, insofern ich dabei mein eigenes Handeln
bzw. das menschliche Handeln wie die immer zugleich geschehende Handlung
an mir suche, versuche, geschehen lasse, wie ich sie zugleich selbst tue
und erlebe, wobei allerdings wie in allen Religionen die Stufen von der Inszenierung
zur Zeremonie bis zum Erlebnis des Heiligen sowohl Reflexion ist, wie - als
Verfänglichkeit - wiederum die Inszenierung als eigene oder menschliche
Handlung.
Das Bild der Kindschaft war natürlich schon immer ambivalent. Als Privilegierung
des eigenen Kindes vor anderen Menschen als Privilegierung des jüdischen
Volkes vor anderen Völkern wurde sie einerseits angepriesen und andererseits
als Abhängigkeit, Ausgeliefertsein und oft als Diskriminierung wie eine
Last empfunden. Das Kindschaftsverhältnis war immer auch ein Disziplinierungsverhältnis.
Die keineswegs erst mit Paulus beginnende Öffnung oder Eröffnung
des christlichen Kindschaftsverhältnisses zu Gott für jeden, der
wollte, der sich taufen lassen wollte, die allerdings heute hauptsächlich
mit der Apostelgeschichte des Lukas und den Paulusbriefen theologisch schriftlich
überliefert ist und für uns damit dokumentarisch wurde, vollzieht
praktisch das, was die Genesis zwar schon immer behauptete, und zwar die
Kindschaft der genetisch ganzen Menschheit, was im Bewußtsein jedoch
auch bei Paulus noch ganz in jenem kulturellen Gebräu oder Kontext des
Mittelmeerraumes verhaftet bleibt, weil Privileg und Verpflichtung der Kindschaft
damit vom jüdischen Volk nicht aufgehoben aber zwar auf alle Christen
erweitert wurde, was aber noch nicht im Sinne der Menschheit gedacht wurde.
Doch vorerst ist hier die folgende Frage wichtig, weil sie zwei große
Denkrichtungen umfaßt:
a. ÞLiegt nun darin als Beispiel das ursprüngliche und neue,
emanzipierte menschliche Verhältnis von Vater zu Kind, bzw Mutter zu
Kind auch unserer Vorstellung einer menschlichen Kindschaft zu Gott zu Grunde,
b. Þoder umgekehrt, bestimmt oder verändert das ursprüngliche
bzw. neue Kindschaftsverhältnis des Menschen zu Gott, wie es uns im Evangelium
begegnet, nun das ursprüngliche und neue Verhältnis des Menschen
auch zu seinen eigenen Kindern.
Obwohl sich wohl aus beidem zugleich in den drei abrahamäischen Religionen
ein kulturell-ähnliches Gott-Mensch- und menschliches Vater-Sohn-Verhältnis
gebildet hat, sind diese beiden Denkalternativen niemals als konkretes Problem
des profanen und kirchlichen Alltags als Denkproblem aufgetaucht, einmal
wohl deshalb nicht, weil beides nämlich zugleich selbstverständlich
scheint, zum anderen wohl deshalb, weil jeder in der Befangenheit des Betroffenseins
durch die Zugehörigkeit zur Religion, Kultur und Sprache gehalten wird.
Spätestens heute ist aber eine Reflexion notwendig, um darin das Verhältnis
dieser beiden grundverschiedenen Denkbarkeiten deutlicher zu sehen, und zwar
in unserem alltäglichen konkreten Verhalten, - die seit Beginn jeder
Religiosität des Menschen das kulturelle Verhalten und auch die Religionsformen
bestimmen und heute zunehmend - und keineswegs hauptsächlich durch die
Frauenbewegung - ein Problem werden, das als zu lösendes Problem weit
dringender noch ansteht, als die Frage, ob überhaupt Religion oder nicht.
Was an diesem Beispiel offenkundig ist, daß die Analogie „Vater und
Sohn" als Bezeichnung für das neue und emanzipierte Verhältnis
des Menschen zu Gott nicht nur als Bedeutungs- und Begriffsinhalt sondern
auch in der Wertestruktur als Verhaltensregel oder Verhaltensgrammatik z.B.
das alte patriarchalische Familienverständnis und viele Tausend und
Hunderttausende weitere Verhaltensmuster zugleich mittransportiert und durch
die Begriffsstruktur, die in dieser makroskopischen Perspektive noch gar
nicht wahrzunehmen ist, mit der neuen Kostbarkeit eines erlösten Menschen
viele alte, und zum Teil anachronistische Strukturen mittransportiert und
die wir dann als formale Struktur sowohl in den Kirchen und Religionen wie
auch im Alltag genau so wiederfinden, wie die grammatischen Regeln unserer
jeweiligen Sprache.
Mit dem eigentlichen Geschenk, das wir Christen mit Jesus und das der Islam
mit dem Koran Mohammeds und das die Juden mit den Gesetz Moses als heilig
hüten, hüten wir zugleich ja nicht nur diesen Schatz, sondern auch
das Medium, durch das wir den Schatz überhaupt erst erkennen, bezeichnen
und erleben können, wie wir Menschen in Urzeiten womöglich das
wärmende Feuer gehütet haben, das es nicht erlöscht. Hierbei
stellen sich die beiden obigen Fragen - wenn auch keinesfalls schon als mögliche
Alternative aber durchaus etwas allgemeiner und fundamentaler:
1. ÞWelche Bedeutung hat die Art und Weise unseres Verhaltens
für ein richtiges Verhältnis zu Gott? Was muß ich tun, um
selig zu werden. Nach Luther: Wie bekomme ich einen barmherzigen Gott? Wobei
im Christentum Jesus als Antwort seine Verkörperung meint in den Sakramenten,
im Abendmahl, in der Taufe, in den Gottesdiensten, in einem ordentlichen,
christlichen Leben u.s.w. Bezüglich der Sprache würde das bedeuten,
wie muß ich sprechen, welche Worte und grammatischen Regeln muß
ich einhalten und kennen, um richtig sprechen, verstehen und verstanden werden
zu können.
2. ÞDie andere eher typisch mystische Sichtweise, würde eher
argumentieren, daß ein richtiges Verhalten zu Gott aus einem richtigen
Verhältnis zu Gott, und daß ein richtiges Verhalten zum Mitmenschen
aus einem richtigen Verhältnis zum Mitmenschen resultiert; und daß
bezüglich der Sprache ganz analog die Grammatik aus der Sprache resultiert
und richtige Grammatik aus richtigem Sprechen, eine Sichtweise die analog
behaupten würde, wie es Jesus sagte: so ihr nicht werdet wie die Kinder,
(die noch keine grammatischen Regeln kennen und gerade in ihrer Reinheit
richtig sprechen und richtig verstanden werden,) so könnt ihr das Himmelreich
nicht erreichen.
Die wohl älteste Parabel aus unserer Bibel meint mit dem Paradies und
mit paradiesischen Zuständen wohl letzteres, und die erste Vorstellung
und Sichtweise d.h. die Einsicht in Gut und Böse, und analog die Entdeckung
der Grammatik als das Kriterium für Richtig und Falsch führte zur
Vertreibung bzw. ist bereits der Verlust des Paradieses, wie kein Mensch durch
die genaue Einhaltung bzw. Anwendung der Grammatik zu einem normalen Sprechen
gelangen könnte und wie es keine Strategie geben kann, ins Himmelreich
zu kommen. Bei der Zuordnung von Menschen, Philosophien, Theologien und Weltordnungen
kann man sich nun streiten, wen oder was man zur ersteren oder zur zweiten
Konzeption oder Sichtweise zuordnen kann oder muß. Man kann sicher
Jesus und auch Mohammed, man kann die deutsche Romantik, Hölderlin und
Hardenberg, Karl Marx, Friedrich Nietzsche ebenso wie Bert Brecht zu den
Mystikern zählen, wie man ebensoviele Argumente finden kann, sie allesamt
zur ersteren Kategorie der Rationalisten zu zählen. Auch die Definition
einer Entwicklung läßt sich zugleich als eine Disposition von
der Reinheit, vom Ganzen, von Gott, von der Frömmigkeit und Vollkommenheit
her verstehen, wie es Leibnitz entwirft, wie aber zugleich auch vom Logischen
d.h. vom Strategischen her, wie man Leibnitz auch verstehen kann, daß
nämlich mehr Einsicht, Richtigkeit und Wissenschaftlichkeit zum Abbau
und zur Korrektur von Irrtum, Falschheit, Aberglaube, menschlicher Verirrung
führt und führte.
Ich denke, daß solche Reflexion darauf überhaupt wie auch die
Genauigkeit solcher Reflexion, die zu einem besseren Verständnis des
Formalen, der menschlichen Strategie sowohl im Alltäglichen wie im Theologischen
führen kann, samt der bewußten Geübtheit in solcher Reflexion
immer auch ein Bestandteil von Entwicklung bedeutet, wenn auch die Frage
nach dem Alternativen selbst wie die immer beigesellte negative aber gleiche
Frage, ohne endgültige Antwort ist, ob es nämlich neben Irrtum
und Ungeübtheit die Falschheit und Verschlagenheit des Menschen ist,
die eine klare Antwort erschwert, oder ob nicht die Schwierigkeit der Antwort
das Einfallstor ist für Irrtum, Spekulation und menschliche Verschlagenheit.
So war es sicher die Zukenntnisnahme unterschiedlicher Sprachen mit jeweils
anderen grammatischen Richtigkeiten und Lebensformen in der jeweiligen besonderen
Zuordnung der Richtigkeitskriterien unterschiedlicher Allgemeinheiten und
Sprachen, wodurch die Menschheit des Mittelmeerraumes einen großen Entwicklungsschritt
vollzog, von dem wir über die jüdische Überlieferung bis heute
profitieren, und zwar mit dem Blick auf das Verhältnis einer göttlichen
Handlung zu der menschlichen und umgekehrt, d.h. daß wir es bereits
auch bei der Reflexion selbst auf die Form des menschlichen Verhaltens wie
natürlich bei ihr selbst mit einer menschlichen Handlung zu tun haben
und zwar immer in Korrelation auch mit einer göttlichen Handlung und
der Handlung unseres Mitmenschen.
Ohne Zweifel ist auch das zweites große Erbe der Christenheit von den
Alten, aber den Griechen, ein Fortschritt, den wir bis heute als Wissenschaftlichkeit
zurecht an den Namen Aristoteles - aber auch Descartes und die Aufklärung
- knüpfen, mit dem über das Kriterium der Objektivität aber
nur ein halber Schritt über den Abgrund der Schwierigkeit subjektiver
Irrtumsmöglichkeit und menschlicher Verschlagenheit gelingen kann, wie
wir sehen werden, und der zum einen menschliche Redlichkeit und objektive
Sorgfalt nur stillschweigend und so selbstverständlich voraussetzt,
als sei dieses keine Handlung, und mit dem zum anderen als zusätzliche
Schwierigkeit die Formen nicht nur der Sprache und Grammatik, sondern jegliche
Form zu objektiven Eigenschaften auch des Menschen wurden, was natürlich
auch geradezu ein Rückfall oder Reinfall und Naivität in die vorchristliche
Zeit bedeutet, wenn z.B. die Handlung des Lügens als objektive Eigenschaft
gesehen wird, woraus aus dem Menschen, der gelogen hat, dann ein Lügner
wird, womit sich zugunsten des Objektiven am Menschen dann aber eine ganz
grundsätzliche Verurteilung samt Verneinung des Subjektiven überhaupt
verbindet mit der Unfähigkeit zur Reflexion und Besinnung auch des Wissenschaftlichen
selbst, wie es Gerold Prauss als Dingverfallenheit und Blindheit erst heute
herausarbeitet. So sicher der Prozess von Wissenschaftlichkeit als einer quasi
übersprachlichen, überkulturellen und überreligiösen und
universalen Verständigungsmöglichkeit mit dem je nach Fach entsprechend
operationalen Konsens ein Fortschritt bedeutet, um so dringender ist aber
die Reflexion auch auf diesen Abgrund, wozu der Mensch erst seit Kant ansetzt,
und was erst wohl seit Gerold Prauss auch gelingen kann, daß nämlich
zum einen auch Wissenschaftlichkeit und auch alle Ergebnisse eine menschliche
Handlung sind und keineswegs nur ein idealer Zustand passiver Rezeption objektiver
Wahrheit und damit zum anderen immer nur die halbe Wahrheit. Denn selbst
wenn wir Wissenschaftlichkeit als die ideale Disposition zur Erlangung wissenschaftlicher
Erkenntnis auffassen würden, muß eine solche Disposition ja gewollt
eingenommen werden, zu der neben der jeweils bestimmten Operationalität,
wie schon gesagt, auch ganz unwissenschaftliche nämlich ethische und
charakterliche Kriterien gehören, wie Wahrhaftigkeit, Sorgfalt, geübte
Intelligenz, Bildung und Vorkenntnisse, Scharfsinn, Verständlichkeit,
Überprüfbarkeit u.s.w., wozu dann auch die erst neuerdings geforderte
Bescheidenheit gehören müßte, nämlich in der Einsicht,
daß wir trotz der von keinem Menschen mehr erfaßbaren und überblickbaren
Flut immer neuer Erkenntnisse wissenschaftlicher Art nur einen Bruchteil
dessen wissenschaftlich erkennen können, was unser normales, alltägliches
Leben ausmacht, - wenn Sie z.B. nur an die vielen möglichen Variationen
eines Kinderlachens denken, an denen eine Mutter sofort erkennen muß
und auch kann, was sie in der besonderen Situation bedeuten. Zudem ist auch
modernste Wissenschaftstheorie noch nicht in der Lage, sich selbst zu bestimmen,
solange nicht verstanden ist, was z.B. die gewollte Anwendung einer erkannten
Gesetzlichkeit als Zusätzliches Geschehen zum „natürlichen" Geschehen
des Weltenlaufes eigentlich bedeutet, wie überhaupt jede freie menschliche
Handlung, was dann übertragen auch unsere Frage erübrigt und keineswegs
weiterbringt, etwa derart, ob nun Wissenschaftlichkeit als das einzig richtige
und anzustrebende Verhältnis zu Gott ohnehin nicht aber auch als das
einzig richtige Verhältnis zu unserer Welt und zum Mitmenschen als Zustand
die Voraussetzung oder erst das Ergebnis entsprechender d.h. einzig-richtiger
Erkenntnis wäre. Dennoch bedarf die Wissenschaftlichkeit als der moderne
Antipart des Religiösen und als das künstliche und nützliche
Hilfsmittel und Werkzeug des Menschen weiter unten noch der besonderen Aufmerksamkeit.
Aber wie es der unerledigte Universalienstreit geradezu demonstriert, drängten
die an deren Ende mit der Aufklärung scheinbar siegenden Wissenschaften
diese Frage nur beiseite, die zwischen den Konfessionen und Religionen in
der Tat zu eigentlich lächerlichen wenn auch dann unmenschlich blutigen
Streitereien führte. Denn die entstandenen Konventionen, Formen und
Traditionen in den Religionen und Konfessionen, zu denen ja auch die Begriffe,
Bezeichnungen und Strukturen der Sprache gehören, sind ja keineswegs
nur Spuren und Andenken z.B. der Kirchengeschichte, die nur als Souvenirs
bewahrt werden, und wofür es sicher keineswegs notwendig sein könnte,
andere Menschen zu töten und sich töten zu lassen, sie sind bis
heute immer noch einerseits das Geschehen einer Handlung, die durch Gott,
die durch Jesus, durch Mohammed, Buddha, Konfuzius, Franziscus, Dominicus
u.s.w. geschieht und damit keineswegs nur Gedenken und Erinnerung einer Nachwelt
sondern als Geschehen und Handeln Gottes und der Gottesmänner im jeweiligen
Verständnis Gegenwart und Unmittelbarkeit bedeuten, und sie sind zum
anderen der erkennbare Zugang, die verstehbare Instruktion und Sprache mit
der Zugehörigkeit zu der entsprechenden Allgemeinheit und deren Allgemeingültigkeiten,
was erst mit der Reflexion auf den Zusammenhang von natürlichem Geschehen,
nichteigner Handlung aber auch jeweils eigner Handlung auch die ganz profane,
rein strukturelle Bedeutung von Beharrlichkeit und Eigendynamik von Begrifflichkeit
und Wertesystem verstehen läßt.
Verständlich soll werden, daß hier bei der Beurteilung religiöser
Formen nicht einfach eine einfache Trennlinie gezogen werden kann zwischen
dem, was wir als Handlung und Geschehen Gottes oder der Heiligen erleben und
der eigenen Handlung einerseits und dem Geschehen aufgrund der Eigendynamik
von Wertesystem, Gesellschaft und Sprache andererseits, dem wir nur einfach
folgen, wie man erst recht nicht dabei noch zwischen natürlichem Geschehen
und menschlicher Handlung einfach unterscheiden kann, wie man Geist und Körper
nicht einfach trennen kann, obwohl dennoch Entwicklung genau darin besteht,
diesen Zusammenhang erkennen, d.h. zumindest reflektieren zu können
und im eigenen Verhalten einbeziehen zu können.
Und wieder muß ich meine Sorge eingestehen, daß ich vielleicht den Eindruck vermittle, als geriete mit dem besseren Verständnis durch die geforderte Reflexion auf unser religiöses Verhalten und die scheinbar ganz unreligiösen Regeln und Mechanismen in all unserem Tun und Gehabe in aller Tradition jeder menschlichen Allgemeinheit gerade der einfache unmittelbare Glaube an Gott und seine Gegenwart, für den der ganze Aufwand des Formalen jeder religiösen Inszenierung eigentlich dann ohne Bedeutung ist, dann auch mit in den Sog des Profanen und Rationalen, durch das weder den Zugang zu Gott hergestellt werden kann, wie man eine Gegensprechanlage einfach einschaltet, noch auch unterbunden werden kann, wie man eine solche technische Anlage auch einfach abschalten kann, wo immer der Glaube besteht. Aber wie es unser wachsendes ökologisches Verständnis als Vergleich anbietet, daß auch ein einzelner Grashalm, der unscheinbar blüht und bald verdrorrt, dennoch in einem hochkomplexen Verhältnis steht zur der Gesamtheit der relativ kurzen und scheinbar nur zufälligen Existenz biologischen Lebens in unserer Milchstraße, so ist auch das jeweils individuelle Verhältnis des Menschen zu seinem Gott immer auch zugleich ein Verhältnis zu dieser gleichen Gesamtheit wie erst recht zu dem sozialen Gefüge, - und nicht nur, weil die meisten der Probleme, deretwegen wir uns an Gott wenden, menschgemacht sind und als mögliche Lösung entsprechend soziale bzw. unsoziale sind, sondern wohl hauptsächlich, weil noch vorweg und vor aller genetischen und biologischen Verflechtung und über solche unser Bewußtsein und jede Selbstbestimmung nur in der allgemeinen Begrifflichkeit und dem allgemeinen Wertgefüge Ausdruck finden kann, ob jener nun sprachlich oder gedanklich erfolgt. Der drohende Abgrund ist nicht die Profanisierung durch versuchtes Verständnis, sondern ohne Zweifel der Mangel an solchem Verständnis.
Zu unserer Frage aber ist, Weg und Ziel als Einheit zu denken, wie die
Religionen diese Frage vereinfachen, durchaus Reflexion und bedarf des Denkvermögens,
und ist keineswegs ein endloser Regreß sondern ist als Selbsterkenntnis
und Menschenkenntnis eine Entwicklung, wenn sie eingestanden und einbezogen
wird, und dies ist durchaus jeweils mein Problem, insofern, als diese Erkenntnisstufen
als Entwicklung zugleich auch ihrerseits Versuchung und Falle sein können,
weil einerseits Erkennen der Heiligkeit Gottes zugleich immer ein Erkennen
der eigenen möglichen Abgründigkeit bedeutet, die eben auch mit
dem Verlust all der Strukturen bzw. ihrer Gültigkeit droht:
1. ÞDenn im Formalen des Religions- oder Kirchenbetriebs nur
die Inszenierung zu sehen, die als Struktur natürlich da ist und gesehen
werden muß, verkennt Sinn und Bedeutung der christlichen Botschaft,
die über all das kurze Geschehen eines irdischen Menschlebens hinausweist,
und verkennt aber auch Sinn und Bedeutung der Kirche innerhalb dieser Entwicklung
- als sei die Glaubens- und Laiengemeinde nur willen-, wesen- und bedürfnisloses
Material, das einer Organisation, d.h. der Kirche zur freien Verfügung
stünde. Natürlich hat es immer auch den Fall gegeben, Kirche derart
als Macht-, Bereicherungs- und Disziplinierungsinstrument zu sehen und zu
benutzen. Als Mißbrauch von Oben nach Unten verstanden findet dieses
jedoch nicht nur zwischen Klerus und Gemeinde bzw. Volk, d.h. von dem institutionellen
Oben nach Unten statt, sondern natürlich auch im Leben aller religiösen
Menschen, wo immer sie urteilen und verurteilen, erziehen und einfach folgen
d.h. sich erziehen und disziplinieren und dafür benutzen lassen.
2. ÞAuch die umgekehrte Sicht ist als Erkenntnis richtig und
als Reflexion sowohl notwendig wie auch verfänglich, als sei die veranstaltende
Kirche (im Alten Testament die willfährigen Propheten) allein das Produkt
oder das Opfer eines allgemeinen religiösen Bedürfnisses des einfachen
Volkes, und als sei die Kirche und Klerus nichts weiter als ein reines Dienstleistungsunternehmen,
womit Sinn und Bedeutung nicht minder verkannt wäre.
3. ÞDie größte Versuchung liegt dann aber in der ebenfalls
unvermeidlichen wie notwendigen Reflexion als Verständnis- und Erkenntnis-
wie Entwicklungsstufe: denn es ist unvermeidlich und notwendig beide bestehenden
Sachverhalte auch zusammen zu sehen und als Zusammengehörigkeit zu verstehen.
Hierbei scheint sich dann nicht nur Oben und Unten in der Kirche (oder der
jeweiligen Religion) der „eigentlichen" Bedeutung unterzuordnen und nur damit
zu legitimieren, sondern auch alle anderen Formen nicht nur der kirchlichen
Zeremonie und der biblischen Bilder und Sprache, sondern auch die Gegebenheiten
der Organisation des normalen Lebens, das die Kirche oder den Tempel im Dorf
haben will, wozu dann auch die Staatsführung, die Ökonomie wie
die jeweils eigene Sprache und alle anderen Traditionen gehört, woraus
sich im Zusammenhang der oberen Frage nach Weg und Ziel aus solcher Komplexität
das Gefühl einer höheren göttlichen Identität, Kultur,
Nation u.s.w. aufdrängt, das aber rein wert- und begriffsstruktureller
Natur ist, dem dann als gefährliche Versuchung nicht nur der Mensch
sondern auch Gott untergeordnet wird, als gäbe es einen deutschen, englischen,
französischen, russischen, christlichen oder islamischen Menschen oder
Gott.
Und es ist notwendig die Struktur in dem Zusammenhang dieser Erkenntnisstufe
auch als Wertesystem zu sehen, was kritisch eher bei anderen Nationen und
Kulturen gelingt als dieses kritisch bei einem selbst und der eigenen Allgemeinheit
möglich ist, weil man dabei die eigenen Werte mit den eigenen Werten
mißt.
Und dieser ganz menschliche rein strukturelle und inzwischen politische Aspekt
der Entwicklung von Reflexion und der Reflexion auf die Reflexion wurde bisher
als eine allgemeine und allgemein auch durchschaubare Entwicklung zu einer
jeweils quasi kollektiven Individualität in Form einer Sprach- und Lebensform-
die uns aber längst selbstverständlich geworden ist - und was wir
als Nationalismus, Religion, Konfession, Kultur, Fundamentalismus oder einfach
als Zugehörigkeit ja auch bezeichnen, , was je nach aktueller Vehemenz
zum entsprechenden Patriotismus wird, der dennoch mehr als bloßer Strukturerhalt
ist, was aber weder in den Kirchen noch in den jeweiligen Religionen wie
auch nicht in den Nationen als solche Eigendynamik komplexer Gebilde von
Gefühl und Begriffs-, Werte- und Gesellschaftsstruktur verstanden ist,
was im Folgenden erst dadurch noch verdeutlicht werden kann, wenn wir noch
vor dem Versuch einer genaueren Begriffs- und Wertenanalyse in der mikroskopischen
Sicht, neben den aufgezeigten groben Strukturen der Makroansicht, in dem
unser alltägliches Gerangel von Oben und Unten, von den vielen Hunterttausend
natürlichen und mit der Zeit entstandenen selbstgemachten künstlichen
Werten stattfindet, die wir natürlich nicht wie eine objektivierbare
statische Landschaft kartographieren und statisch auffassen und nur einfach
akzeptieren können und müssen, sondern als Entwicklung und Bewegung
sehen müssen, , was erst verstehbar wird, wenn wir also dazu neben der
Vorstellung einer Handlung Gottes als Schöpfer bzw. für einen Atheisten
neben der Vorstellung eines Urknalls und einer natürlichen Entwicklung
nach natürlichen Gesetzen auch noch das Geflecht all unserer Vorstellungen,
Absichten, Ziele, Ideale und Handlungen hinzunehmen.
Der tiefere Grund für die fehlende Antwort auf die alternierenden Vorstellungen,
die wir aber immer vor Augen haben und haben müssen, und was ich als
wachsendes Reflexionsvermögen und wachsende Denkfähigkeit als die
eigentliche Entwicklung bezeichne, ob nämlich das Verhalten des Menschen,
bzw. einer Kultur, Religion oder auch Wissenschaft aus deren Eigenart, Konzeption
oder Qualität resultiert, oder ob sich umgekehrt die Eigenschaft oder
die Qualität des Menschen, bzw. einer Kultur und Religion oder Wissenschaft
erst aus dem Verhalten ergibt, eine Frage, die nicht nur von Beginn, von
den ersten Tagen der Christenheit an das Haupthema der Theologie und Christologie
ist, sondern als Trennung und zugleich als Bindeglied vom und zum jüdischen
Glauben der Beginn des Neuen und Neubeginn bzw. Erfüllung des Alten
ist, wie es Paulus formuliert, daß es sich in jedem Fall seitdem um
ein Verhalten handelt, ganz gleichgültig, ob man solche Reflexion nun
tut oder unterläßt.
Es ist richtig, wenn man in einem Gottesdienst und in jedem religiösen
Verhalten auch eine Inszenierung und darin und dahinter auch das jeweilige
Gerangel und deren Struktur sieht, wie man jedes Gespräch zwischen Menschen
und womöglich auch zwischen Tieren als eine Inszenierung und auch deren
Struktur und Gerangel sieht und sehen sollte, wie natürlich auch Ihr
Artikel, lieber Herr Augstein, als die fällige Inszenierung einer bestimmten
Position gesehen werden kann und soll und gesehen wird. Der Grund für
das Adressat dieser für mich aufwendigen Gedanken ist denn auch nicht
nur eine Parteinahme für die Kirchen, für den einfachen Christen
und Mitmenschen, sondern liegt auch in dem Anliegen, den Versuch Ihrer Reflexion
eben nicht nur als das, sondern auch als ein Geschehen innerhalb solcher
Entwicklung zu verstehen: es ist zwar leicht und verführerisch dennoch
falsch und weltfremd, in einem normalen Gespräch, in einem Gottesdienst,
in unserem alten Glaubensbekenntnis oder in einer religiösen Handlung
wie auch in Ihrem Artikel und meiner Gegendarstellung nur das triviale unwichtige
Gerangel, nur Doktrin, Indoktrinationsversuch, Leichtgläubigkeit, Opportunismus,
Mode, Mitlaufen, Gedankenlosigkeit, Dummheit und Geschwätz für
den großen Papierkorb zu sehen. Und natürlich ist der Trauergottesdienst
am 26. Juli 2000 auf der Expo 2000 mit Bischof, Bundeskanzler, Minister und
Frau Breuel anläßlich eines Flugzeugabsturzes der Renommee-Maschine
„La Concorde" in Paris geradezu ein Beispiel von Inszenierung, was man natürlich
sehen muß, wobei der ganze Hintergrund beider veranstaltenden Konfessionen
und Nationen, über den wir ja sprechen, und wobei auch die Qualität
der verschiedenen Reden über den Tod ohne Zweifel zu einem schwer zu
übersehenden Zusammenhang gehören, aber nicht unwichtig waren,
aber sicher um so unglaubwürdiger und schlechter gewesen wären,
je weniger sie die Reflexion genau auch auf das Inszenierte beinhaltet hätten,
wozu dann aber auch diese nächste Stufe an Reflexion und damit an Qualität
erst recht gehört, daß die Reden eben nicht nur Inszenierung und
damit belanglos seien.
So undeutlich hier im Organisationsbetrieb z.B. einer solchen Veranstaltung,
diese Ambivalenz von Form und Inhalt, Leib und Seele, Weg und Ziel, Irdisches
und Göttliches, Profanes und Heiliges werden mag, wozu womöglich
hundert Leute gesondert beschäftigt und bezahlt werden müssen, und
wo es natürlich auch um Gerangel, Profit und Profil geht, womit gerade
die Kirchen als die größten Arbeitgeber neben dem Staat tagtäglich
und dazu beispielhaft nicht nur unter diesem Vorzeichen umzugehen haben,
sondern ebenso beispielhaft die Balance zur Normalität zu halten und
gleichzeitig beispielhaft zu demonstrieren haben, kann solche Reflexion nicht
nur leicht zu einem Realismus mißraten, in dem das Heiligste zum Ritual
kirchlicher Normalität wird, sondern wobei dann das Ritual zu Rechtfertigung
und zur eigentlichen Begründung weil zum Grund und damit zur Aussage
und Bedeutung des Gesagten wird. Dabei kann das dann scheinbar nebensächliche
Detail, ob nun Jesus tatsächlich auf dem Wasser gewandelt ist, dennoch
zum Bild für dieses Geschehen samt der ganzen Problematik werden, in
der unser Leben nun mal verläuft.
Sicher wird der erste Schritt an Reflexion aus solcher Routine heraus in
allen Kirchen und Religionen gleichsam übertrieben am Maß des
Ritualen, Normalen und Konventionellen gemessen und derart versachlicht, wenn
die Bedeutung einer Aussage nur noch an ihrer Bedeutung oder als solche gemessen
und entsprechend verwaltet wird. Wie mir inzwischen vielfach versichert wurde,
habe auch Ihr kritischer Artikel keine Bedeutung, so daß sich auch
meine Gegendarstellung nicht lohne.
Es wäre ja auch weltfremd, wenn man bei einer Menge oder Allgemeinheit
von Gläubigen und ihre jeweilige Beredtheit die besondere eigene Bedeutung
einer Allgemeinheit innerhalb der Struktur des Gefüges der Macht-, Sprach-,
Kultur-, Wirtschafts- und Finanzwelt dabei übersehen oder leugnen wollte
und könnte. Sicher wurde bereits hundert Jahre nach Christi Geburt und
erst recht nach 1000 Jahren die Bedeutung Jesu auch an solcher Bedeutung
gemessen, wie er sie heute als eine akzeptierte Zentralfigur auch bei allen
anderen Weltreligionen hat, wobei aber immer auch das Kreuz, an das jedes
einzelne Individuum sowohl mit Kritik wie auch mit Beflissenheit als entsprechend
quantitative Bedeutungslosigkeit damit geschlagen zu werden droht, worauf
dennoch und ja nicht zuletzt die Erzählungen wie die vom Barmherzigen
Samariter oder von dem Schärflein der armen Frau im Tempel u.s.w. und
damit die ganze daran gemessen auch damals bedeutungslose Figur des Jesus,
nämlich das relativ bedeutungslose Subjekt, wie Sie ihn zurecht darstellen,
nicht nur thematisiert wird. Und dies ist sicher noch der edelste Aspekt
der Allgemeinbedeutung Jesu oder zumindest des Guten, und ist gewollt oder
ungewollt, bewußt oder unbewußt der Hintergrund auch für
einen Konsens der modernen Menschenrechte.
Wenn wir aber von einer Entwicklung der Christenheit sprechen wollen, die
sicher bis heute gerade bei Christen oft noch mit der einfachen unreflektierten
Vorstellung und Hoffnung und bei Nichtchristen und Andersgläubigen mit
der entsprechenden Befürchtung einhergeht, daß die Entwicklung
der Qualität mit der Quantität erreicht werden kann und soll, muß
der weitere Schritt an Reflexion hinzukommen, wie nämlich die allgemeine
Bedeutung, der gegenüber das Individuum scheinbar nur eine unscheinbare
Rolle spielt, auch für das private Selbstbefinden des Individuums selbst
von so selbstverständlicher elementarer Bedeutung ist, daß man
dabei von seiner Identität spricht.
Wahrscheinlich ist es die Auseinandersetzung mit dem Islam, die Christen wie
Juden zwingt, in politische Argumente auch solche theologischen Reflexionen
einzubeziehen, was natürlich schwierig ist, wenn die jeweiligen Politiker
ganz unreligiös oder nur religiös und weltfremd sind.
Sicher liegt die Sprachschwierigkeit bzw. sogar Sprachlosigkeit bezüglich
eines uns eigentlich selbstverständlichen Phänomens, das als Vorgang
oder Automatismus rein gesellschaftlich zu sein scheint und außerhalb
des Individuums stattfindet, als etwas z.T. bereits Geschehenes z.B. bevor
ein Mensch geboren wird und in das ein Mensch hinein geboren wird, oder als
etwas, das ohne sein gewolltes Zutun passiert, daran, daß die genannten
drei Ambivalenzen in der gezeigten statischen Objektivierung der vielen Hundertsausend
Werte und des Gerangels zwischen Oben und Unten, wobei es mehr geht, als
um die materiellen Interessen unterschiedlicher Klassen, wie auch zwischen
den Wertkriterien, ob die Eigenschaft, ein gerechter oder heiliger Mensch
zu sein, zu einem gerechten oder heiligen Verhalten führt oder umgekehrt,
in Bezug der Qualität ohne eindeutige Antwort bleiben müssen, während
dagegen der gleichfalls wichtige quantitative Aspekt sowohl der Handlung
wie der Allgemeinheit und deren Geltungsbereich quasi empirisch meßbar
ist und damit in der Vordergrund tritt.
Ein triviales Beispiel kann dies verdeutlichen: Eine Hutmode ist sichtbar,
man kann quasi empirisch nachweisen, wo und wie weit verbreitet er getragen
wird; man kann den Hut nachmachen, verkaufen und kaufen. Was es aber genau
bedeutet, ihn zu tragen und was der Sinn des Mitmachens oder Verweigerns der
Mode ist, kann in ähnlicher Objektivität eben niemals gemessen und
eindeutig beantwortet werden.
Gottlob Frege macht in seiner Philosophie die wichtige - wenn auch uns allen
geläufige und selbstverständliche wie auch verfängliche -
Unterscheidung von Sinn und Bedeutung einer Aussage, wobei Letzteres nach
Frege die eigentliche überprüfbare, präzisierbare oder verifizierbare
Information als den Wahrheitswert enthält und der Sinn eher der Grund
für solche Information ist, der zu jeder Gelegenheit ein anderer sein
kann und impliziert warum wir z.B. eine Aussage mit diesem Sentiment oder
jener Vehemenz belegen. Für seine wissenschaftliche Begriffsschrift
klammerte er deswegen den Sinn einer Aussage ganz aus. Was aber Frege glaubte,
mit der in alle Sprachen übersetzbaren Bezeichnung oder Vokabel zumindest
als Bedeutung für einen Begriff objektivieren zu können, müssen
wir uns bei unserer Annahme einer quasi selbständigen Eigendynamik der
gesellschaftlichen Formation, bei der die Begriffe unserer Sprachen ohnehin
nur einen kleinen Teil darstellen, als ebenfalls in der Luft hängend
vorstellen.
Ich denke, es ist kein respektloses Vergehen, wenn wir uns eine in diesem
Sinne ideale christliche Kultur wie ein Paradies vorstellen, das quasi derart
auch rein gesellschaftlich funktioniert, das quasi mit einem Lattenzaun der
schier unendlich vielen Aspekte umgeben ist oder von solchem getragen wird,
deren Latten alle sowohl in Sinn wie Bedeutung in der Luft hängen, soweit
sie uns eben nicht bewußt sind.
(schon im HTML übertragen)
Auch wenn wir uns in allem, „was man tut oder nicht tut", „was ein Christenmensch
tut oder nicht tut", als die berühmte Sozialisation ein quasi ungeschriebenes
Gesetzes- und Wertegestrüpp vorstellen, das in unserem Fall zugleich
als die gesellschaftliche Verkörperung Jesu und als seine Realisation
gedacht wurde und wird, zumindest als christliche Kultur, so besitzt dieses
dennoch eine Struktur, die so real ist, wie die Grammatik unserer Sprache,
nur weit komplizierter weil nicht objektivierbar.
Wenn ein Mensch aus dem Islam oder aus den asiatischen Ländern zu uns
kommt, würde er Europa heute vielleicht sogar als christliche Kultur
ohne Christus beschreiben können, in der Jesus nur noch als eine Traditionsfigur
für eine Minderheit von Bedeutung ist.
Ich will versuchen, trotz der gefährlich verfänglichen Annahme,
als hätten wir es mit Objekten zu tun, diese dennoch realen Strukturen
in ihrer Komplexität zum Behufe der Reflexion zu verdeutlichen, die weitgehend
unreflektiert unser Verhalten, um es überspitzt auszudrücken: „den
allgemeinen Anstand des Menschen" lenken, quasi als eine Art Fremdbestimmung
und höherer Ordnung, die zugleich als Identität empfunden wird,
und der man sich wie einer höheren Macht unterordnet.
Ich sehe in der Unreflektiertheit und Unverstandenheit dieser Struktur, wie
gesagt, zwei Hauptgefahren: 1. Daß unter dieser quasi anonymen, quasi
außermenschlichen Ordnung das Individuum suspekt wird, und 2. daß
solche Gesellschaftskultur extrem labil ist, weil immer die Möglichkeit
besteht, daß unrefktiert aus dem anonymen Schoß des Dunkels auch
Unvernunft die Macht über uns gewinnt.
Wahrscheinlich mehr zufällig hat mein großer Kollege, Wilhelm Busch,
am Anfang der weltanschaulichen Katastrophen des vorigen Jahrhunderts, am
Beispiel der beiden Individuen „Max und Moritz" liebevoll das Biedermeier
karikiert,
die in solchem Kontext der funktionierenden Normalität, wegen einiger
Bubenstreiche unvorstellbar grausam umgebracht und an Tiere verfüttert
werden.
(Bis hierher neu bei Teil2.html unter Jesus)
Dieses führt uns zusammen mit dem Vorigen zu dem trivialen wie auch
theologischen Hintergrund der Kernfrage, ob sich Jesus, Paulus, Johannes,
Mohammed, Buddha als Weltverbesserer verstanden haben bzw. wie weit sie so
verstanden werden.
Ohne Zweifel eine weitere Schere, die sich in uendlichen Variationen im Verständnis
verschieden weit öffnen oder schließen läßt. Und es
ist je nach Motiv unredlich bis irrig, nur ein besonderes Verständnis
zu dogmatisieren, wie es viele Reformer bzw. auch Ketzer aber Gegner des
Glaubens taten und tun.
Sicher liegt die uns geläufige kritische Vorstellung der Entartung
von etwas Echtem an Menschlichkeit oder Frömmigkeit zur reinen Formsache
und Inszenierung und dann zur berechnenden Instrumentalisierung des Sakralen
dem „Neuen" des Neuen-Testamentes zu Grunde. Dieses dürfte auch für
die Reformation gelten, was sich mit dem „re" in der Bedeutung „zurück"
zum Ursprünglichen und Eigentlichen ausdrückt. Was uns aber ebenfalls
selbstverständlich ist, was aber nicht minder von der Theologie als Anliegen
Jesu vernachlässigt wurde, ist der fast gegenteilige Aspekt, der implizit
in dem Begriff „Neu" des Neuen Testamentes auch mit der Vorstellung einer
Entwicklung enthalten ist, was aber auch in den Evangelien und Briefen selbst
durchgehend - und besonders bei Paulus - anklingt, daß nämlich
bis Jesus eine Zeit der Unmündigkeit und Rückständigkeit zu
Ende geht, für die das alte Mosaische Gesetz in der Form von entsprechend
primitiven, formalen Regeln, Geboten und Zeremonien bestimmt war, was Paulus
an der Beschneidung und am Bild der „ehernen Schlange" explizierte, und was
dann durch mehr Reife, Selbstverständnis und eigene Kompetenz und Einsicht
in die beiden Gebote zusammengefaßt wird: „Du sollst Gott und du sollst
deinen Mitmenschen lieben." Man kann sich streiten, wie man auch zweierlei
vertreten und im Neuen Testament nachweisen kann, 1. ob (nach eigener alttestamentlicher
und dann christlicher Auffassung) das Volk Israel durch solches formale Gesetz
nur konserviert und dadurch vor einer Entartung bewahrt werden sollte, um
dann einen Jesus hervorzubringen, wenn Zeit, Entwicklung und Bedarf der übrigen
Welt für den Messias oder das Christentum reif ist, oder 2. ob die Entwicklung
des Bewußtseins zumindest der Juden durch dieses Mosaische Gesetz bewirkt
werden sollte und bewirkt wurde und zu einer Erscheinung wie Jesus oder das
Christentum führen mußte; und man kann sich entsprechend streiten
und beides als Ansicht der Bibel belegen, ob 1. diese Entwicklung unabhängig
vom Mosaischen Gesetz oder sogar hauptsächlich außerhalb von Israel
stattfand, wie sie sich z.B. als persische Kultur in der jüdischen Kanonisierung
des alten Testamentes auswirkte und später als römischer Realismus
und als römische Gesetzgebung und Verwaltung bis auf die Konstituierung
der Priesterkaste und der jüdischen Gesetzgebung hinein wirkte, oder
2. ob die Entwicklung der Außenwelt zumindest bis zur allgemeinen Bereitschaft
zum Monotheismus durch das Judentum oder nach jüdischer Auffassung durch
den Gott Israels bewirkt und was dann durch das Christentum realisiert wurde.
Plausibel läßt sich z.B. nachweisen, daß sich in der Geschichte
Israels über das erste Jahrtausend bis zu Lebzeiten Jesus das Verhältnis
zwischen Name und Begriff Gottes zu der gleichen Übereinstimmung und
Identität hin entwickelte, wie im Christentum in den vergangenen 2000
Jahren. Für Jesus oder das Neue Testament steht nie zur Diskussion, welcher
Gott gemeint ist.
Mit der Einsicht, Erfahrung und Terminologie der letzten Jahrhunderte der
schnellen Entwicklung, die wir wie ganz selbstverständlich von formalen,
zeitbedingten, reinen Veränderungen unterscheiden können und auch
wollen, was wir jeweils nur als Zeitgeist oder Mode bezeichnen würden,
können und sollten wir unterscheiden die Handlung Gottes von der Handlung
des Menschen, einer Beziehung aufeinander, die im Alten Testament der Gesetzgebung
noch wie ein formaler Automatismus von Befehl und Gehorsam, von Gehorsam
und Lohn, von Ungehorsam und Strafe dargestellt ist, wie auch das Verhältnis
zwischen Menschen als kausale, automatistische Schere von Oben und Unten
verstanden wurde, wobei mit der Handlung des Menschen zugleich auch ein Verhalten
nämlich Gehorsam und Ungehorsam, Lohn und Strafe auch der Allgemeinheit
gemeint ist, so daß z.B. die Schuld eines Einzelnen zugleich die Schuld
der Gemeinschaft ist und umgekehrt, - im Zwischenmenschlichen genauso wie
im Verhältnis von Allgemeinheit und Gott. Hierzu ist Jesus, der diese
Schuld auf sich nimmt, büßt und tilgt ein Schlußstein, ein
Schlußstrich alter Gesetzgebung und eben auch alter Vorstellung von
göttliche wie auch von menschlicher Handlung. Ausgesprochen ist dieses
bis heute auch noch bei Christen als Handlung ein Ereignis, während
mehr unausgesprochen bereits bei Paulus und auch bei Christen das Geschehen
Jesu im Zusammenhang auch mit einer Entwicklung gesehen wird als eine „Neue
Zeit". Wir würden heute die geistige Entwicklung zur Individualisierung
der Nächstenliebe, der Gottesfurcht, der Verantwortung und Schuld als
gesellschaftliches Geschehen derart denken, als sei die Summe aller individuellen
Handlungen ein statistisches Mittel mit einer logischen Eigengesetzlichkeit,
die sich von der logischen Konzeption und Gesetzlichkeit des Individuums
genauso unterscheidet wie von der jeweiligen Handlung Gottes, wobei Gott
in seiner Allwissenheit und höheren Absicht, Intelligenz und Vernunft
die jeweilige Auswirkung des Einzelnen auf die Gesamtschöpfung erkennen
und berücksichtigen kann, die für unser Verständnis von statistischen
Zusammenhängen (etwa im Sinne von dem Verhalten der einzelnen Gasmoleküle
in einem Raum, bzw. von der Einzelentscheidung bei einer geheimen Wahl) eher
als zufällig und unerheblich erscheint.
Das einfache, alte und schöne Bild von einem gemeinsamen Boot, in
dem sich die Insassen das Leben erträglich oder zur Hölle machen
können, steht aber dennoch hinter den Worten Jesu, wenn immer die Liebe
zum Nächsten, Einsicht des eigenen Fehlverhaltens und dessen Verzeihung
beim Nächsten das Thema ist, was dazu verleiten kann, Bosheit als Fehlverhalten
und Irrtum bzw. Dummheit und Mangel an Sozialisation zu sehen, oder eben
umgekehrt, wie es teilweise schon unserem Rechts- und Wertesystem sowohl
im Sinne von Strafe wie als pädagogisches Anliegen zu Grunde liegt,
das allerdings der Frage in recht kindlicher Unbekümmertheit ausweicht,
wohin dieses Boot fährt oder fahren soll, wenn nicht hedonistisch möglichst
hoher Unterhalt, hohe Rente in maximalem Frieden vor einem Absterben des
jeweils Einzelnen und der Applaus von möglichst vielen die einzige Perspektive
als der Sinn unseres Lebens in einem sich selbst und ziellos treibenden Boot
sein soll. Was als Frage nach dem Sinn des Lebens ein weites, eigenes Thema
wäre, stellt sich hier erstmal nur als Sichtweise, wieweit wir Jesus
und das Christentum als derartige Weltverbesserungsaktion, als irdisches
und politisches Anliegen verstehen können, wodurch das Zusammenleben
in diesem gemeinsamen Boot erträglicher werden soll. Wie es das wohl
authentische „Vater unser" zu denken nahelegt, hat der unbekümmert radikale
Jesus sicher auch dieses gedacht, wenn wohl auch kaum als Lösung des
damals aktuell werdenden Problems einer multikulturellen Diffusion von tausend
fragwürdig gewordenen Primitivreligionen mit ihren jeweiligen Werte-
und Sprachstrukturen, die sich bis heute in unserem Denken erhalten haben.
Die Apostel und auch Paulus dachten ebenfalls noch nicht in solchen Dimensionen,
- hier liegen sie falsch, Herr Augstein, - was sich mit der rasanten Verbreitung
und durch solche erst 300 Jahre später in solcher makroskopischen Sichtweise
zu denken anbot, wie sie der Kaiser Konstantin und der spätere Mohammed
aufgreifen. Das Kerygma will den einzelnen Menschen und sein Heil, womit
keineswegs Wohlstand, Rechtssystem oder ähnliches sondern Seelenheil
gemeint war, wobei das Zusammenleben der kleinen Gemeinden in diesem großen,
nach frühchristlicher Vorstellung ohnehin untergehenden Boot und das
Verhältnis zu den Nichtchristen, zur Welt, eher beiläufig, wie
eine selbstverständliche Nebensache geregelt wird. Die wohl authentischen
Bilder vom „Sauerteich" und vom „Salz der Erde", ersteres als Umschreibung
einer Gefahr der Verstrickung und letzteres durchaus als Möglichkeit
und Aufgabe der Weltverbesserung, zeigen deutlich, daß Jesus und die
frühen Christen den komplizierten und komplexen Zusammenhang menschlichen
Handelns gesehen haben, wenn dieser auch undeutlich bleibt und keineswegs
religions- oder rechtspolitisch oder gar soziologisch aufgefaßt wurde,
wie bei Mohammed.
Die Dogmatisierung jener Gemeinderegelungen in welt- bzw. religionspolitischer
Dimension, wozu die Paulusbriefe benutzt wurden, ist weder paulinisch noch
war es seine Absicht, sondern war, wenn überhaupt, immer quasi ein Legitimationsbehelf.
Die Kirche behielt mindestens bis zur Reformation Recht und Kompetenz von
Eigenaussagen und Eigengestaltung mit gleichen Gültigkeitsanspruch wie
die neutestamentlichen Schriften, wobei sie sich höchstens selbst bzw.
ihre Eigenaussagen dogmatisierte, aber bereits als Vormund der Laien. Eigentlich
begann die Dogmatisierung der Bibel nicht mit ihrer Kanonisierung, sondern
erst mit der Reformation, womit Luther die Willkür einer verweltlichten
und verkommenen Kirchenleitung einer „höheren" Kompetenz zu unterstellen
suchte, wozu das Neue Testament weder gemacht noch gedacht noch tauglich
war, was sich dann auch gerade durch die protestantische Theologie der folgenden
400 Jahre erwies.
Die Veränderung zur Neuzeit ist denn auch viel tiefgreifender.
Es braucht keine neue Geschichtsschreibung, um nachzuweisen, daß mystische
Erfahrung, daß eine Besinnung auf das Kerygma und die eigentliche Botschaft
Jesu nicht erst seit der Reformation, sondern schon immer überall innerhalb
der Kirchen stattfand, und daß auch die Reformation nicht nur solches,
aber auch nicht nur ein politisches Geschehen und Folge des Gerangels zwischen
Kirche, Kaiser und Fürsten war, aber auch nicht nur Folge einer allgemeinen
Entwicklung in Technik, Bildung und Wissenschaften, - hier war Luther nur
sehr einseitig auf der Höhe seiner Zeit und eher konservativ, - , natürlich
stimmen alle diese Aspekte, in denen aber das veränderte Verhältnis
des Einzelnen zur Allgemeinheit kaum deutlich wird, das dabei in zweifacher
Bedeutung verändert nicht nur allen alten und neuen Begriffen der jeweiligen
Sprache zu Grunde liegt, sondern auch dem Denken und Handeln, was an Komplexität
jedem bei der Vorstellung deutlich werden kann, wenn man z.B. ein Tischgespräch
Luthers vergleichen wollte mit einem Tischgespräch Jesu oder Petri, wenn
auch der Grundkonflikt des Individuums mit den Allgemeingültigkeiten,
der in dem Leidensweg Jesu ausgetragen und mit dem Kreuz zum Symbol geworden
ist, der Gleiche ist.
Man kann sich die Tiefenstruktur der Veränderung als Entwicklung von
Petrus zu Luther, die auf der Hand liegt, in diesem Sinne so verdeutlichen,
wenn man sich einen Begriff wie einen Apparat vorstellt, der die beiden unterschiedlichen
Allgemeinheiten wie zwei Kollektoren, zwei Räderpaare oder zwei Achsen
besitzt, die den Kontakt zur Realität herstellen, wobei, wie schon ausgeführt,
die eine Allgemeinheit die extensive Bedeutung ist und z.B. alle möglichen,
also die Allgemeinheit von Autos, Tische, Menschen u.s.w. meint und bei jeder
genauen Erkenntnis oder Bezeichnung von etwas Konkretem Existenz herstellt
bzw. behauptet, und wobei die andere Allgemeinheit die soziale ist, also
die Allgemeinheit der Menschen, die diesen Begriff kennen und dann verstehen
können. Nun sind Begriffe keine materiellen Gegenstände wie Staubsauger,
Fernseher oder Erdkabel, die einerseits zwischen den extensiven Gegenständen
herumfliegen oder diese verkabeln und andererseits zwischen den Menschen der
Allgemeinheit, sondern in denen bei jedem Gebrauch einerseits nach den Regeln
einer komplizierten Grammatik nicht nur der Sprache, wie es Bertrant Russell
annimmt, sondern auch nach den Regeln jener Schere und des ganzen Wertesystems
von mehr als 300000 Werten eine quasi virtuelle Welt der beiden Allgemeinheiten
hergestellt wird, wobei die Vielheit der Allgemeinheit neben einer anderen
strukturellen Funktion, die wir erst später analysieren, hier aus dieser
makroskopischen Sicht ein Wertkriterium ist, dessen Ambivalenz einerseits
zu dem führt, was wir als Patriotismus zugleich als eigenes Bewußtsein
und eigene Existenz empfinden und eigene Identität nennen, obwohl es
andererseits als immer drohendes Chaos von eigener Ungültigkeit in dieser
Allgemeinheit gerade die Relativierung des einzelnen Subjekts und des Subjektiven
überhaupt bedeutet. Hinzu kommt in der Neuzeit der Menschheit mit der
gleichen Ambivalenz von Allgemeingültigkeit und Identität einerseits
und der eigenen Relativierung andererseits noch die Vielheit der verschiedenen
Allgemeinheiten.
Wenn wir uns vorstellen, daß dieses erstmal unabhängig von jeder
Absicht wie ein Mechanismus weit komplizierter als ein Uhrwerk oder ein Computer
in diesem Apparat, dem Begriff, abläuft, wo immer wir und wozu auch
immer wir einen Begriff benutzen, ohne den sich nichts erkennen und denken
läßt, und ohne den es kein Bewußtsein gäbe, weder beim
Menschen noch beim Tier, so käme mit der Absicht, wie z.B. die einer
Weltverbesserung, die allerdings nur der Mensch haben kann, noch das jeweils
individuelle, eben problematische Verhältnis zu diesen drei Allgemeinheiten
hinzu.
Wenn sich in der Gesamtdarstellung Jesu ein menschlicher oder göttlicher
Wille zur Weltverbesserung befindet, so bedeutete aber die bewußte und
wohl eindeutige wenn auch nur formale oder begriffsstrukturelle Parteinahme
und Loyalität der Christen für diesen Jesus, wenn sie sich einst
z.B. in oft skandalöser, inhumaner und unchristlicher Weise engagierte,
als Jesus längst zu einem Begriff und das Christentum längst eine
Allgemeinheit geworden war, eben das Verhältnis zu dieser Allgemeinheit
samt ihrem Oben und Unten und samt allen anderen Werten und keineswegs den
Willen zu einer Weltverbesserung, sondern eher im Gegenteil ihre Bejahung,
Rechtfertigung und Verteidigung, wobei die heiligen Schriften, Sakramente
und Konventionen des Religiösen zu der Allgemeinheit des Exentiven gehört,
was als Bewußtsein von Christentum und der eigenen Existenz etwas ganz
anderes ist als Christsein in der individuellen mystischen Begegnung.
Aber das weiß man eigentlich, denn es handelt sich um Bewußtsein
und dies normaler Weise eben nicht in Form solcher Entartungen, sondern meist
als unser normaler Anstand und unser normales Verhalten samt unsere normale
Verschlagenheit und ist uns selbstverständlich, wenn es auch rechtes
Selbstverständnis erst werden muß.
Es ist quasi ein Hebel, den z.B. in der klaren Position in dieser Schere ein
König bewegen kann und bewegt, wenn er „seine" Soldaten in den Krieg
gegen eine andere Allgemeinheit führt, was jene Soldaten auch erwarten,
weil es das Sterben erleichtert, aber auch das Töten und Marodieren
legitimiert, wobei der Gegner zu einer Sache wird wie man dabei selbst zu
einer solchen wird.
Die Unmenschlichkeit des Strukturellen mit dem merkwürdigen Sentiment
samt dem Bewußtsein von Allgemeinheit und Existenz als ein Hochgefühl,
dem sich auch Sexualität und Homosexualität und alle Sozialisation
und auch Religion unterstellt, fand ich in dem romantischen Lied über
eine totgeweihte Gemeinschaft zusammengefaßt „Hoch überm Tale standen
ihre Zelte", das der CVJM nach dem letzten Weltkrieg zu einem Krieglied für
Jesus umgeschrieben hatte, und das wir alle begeistert sangen.
So hätten bei einem Tischgespräch, das Luther zu Zeiten von Königen
und Fürsten in einem christlichen Abendland führt, selbst die Worte
Jesu immer auch eine extensive Bedeutung, d.h. eine rein begriffliche Funktion,
die sich bei einem Tischgespräch Jesu oder Petri auf eine Welt noch
ganz im jüdischen Kontext bezieht und bei Paulus zum heidnischen und
entsprechend inhaltlicher bzw. intensiver Natur waren, also als Absicht einer
Erkenntnis, als Verhältnis zu den Allgemeinheiten im Gegensatz zum bestehenden
Extensiven in der Essenz noch neues Evangelium, die noch eine neue Welt mit
übergesellschaftlicher, überbegrifflicher Kompetenz war und diese
auch forderte. Dennoch meine ich, daß eine Entwicklung an Differenziertheit
und Qualität d.h. Humanität auch der begriffsinternen Wertestruktur
von Petrus und Paulus zu Luther dadurch stattgefunden hat, d.h. daß
die Intensive Jesu auch die Extensive beeinflußt hat, wenn auch die
Funktion eines dann „christlichen" Begriffs allein für sich als solcher
unreflektiert nichts weiter ist, als Funktion, - eben nicht nur der Grammatik
und Mathematik, wie es Russel formuliert, sondern auch des Erkennens und
Denkens, - das hieße im Extremfall paradoxer Weise, daß das Gebot
der Nächstenliebe und das Gebot „Du sollst nicht töten" zum reinen
Begriff geworden selbst in das Töten und Morden und Marodieren des Krieges
mit einfließen kann, wie erst recht in das Gerangel der Schere von
Oben und Unten. Daß der Unterschied zwischen der biblischen Botschaft
als individuelle und mystische Erkenntnis und Intension der individuellen
Erfahrung Gottes einerseits, die es zu allen Zeiten der Christenheit in herausragenden
Persönlichkeiten und Ereignissen, wie St. Martinus und St. Franziscus
und tausend anderen, aber auch über das ganze Leben verstreut im Alltag
der ganz normalen Menschen gegeben hat und gibt, und wie schon gesagt quasi
ein „kleines" privates Eigenleben neben und in der „großen" Allgemeinheit
von Staat, Kirche und Theologie führte und führt, und andererseits
der extensionellen, zur begrifflichen Bedeutung mit jener dreifachen Allgemeingültigkeit
gewordenen Funktion und Religion der biblischen Aussagen, daß also dieser
Unterschied mehr ist als ein Phänomen von Grammatik und Syntax, zeigt
beispielhaft das große verallgemeinerte Attribut des Christlichen, nämlich
der Nächstenliebe, wie sie Lukas in seinem Evangelium, Kap. 10, ab 29
zwar ausdrücklich als immer individueller Einzelfall dennoch verallgemeinert
und damit zu einem Begriff macht, was dann im Rahmen einer quasi objektiven,
staatlichen Christlichkeit logisch bedeuten kann, daß es Recht und
Nächstenliebe ist, einen Menschen zu töten, damit er nicht zwei
oder zehn andere tötet, - oder was immer man sich mit der logischen
Anwendung des Begriffs denken kann, was natürlich bereits bei
Lukas eine erneute Kreuzigung des Einzelfalls ist, was sich jedoch zugleich
als geforderte Parteinahme wie die Kreuzigung Jesu selbst immer auch darstellt.
Das Chaos und die Hölle von Unsicherheit für den Einzelnen ist
dabei, daß er als solcher, wie es Frege wunderbar darstellte, nur ein
zufälliger Einzelwert in einer Formel ist. Der Ausspruch des Hohenpriesters
Kaiphas, es sei gut, daß ein Mensch für alle geopfert wird, (Joh.
18,14), was auch die Schamanen und Druiden und andere Urreligionen gesagt
haben könnten, wobei das Schicksal des jeweiligen Individuums und überhaupt
das Subjektive zugunsten des höheren Objektiven oder der begrifflichen
Hypostase ignoriert wird, zu der das Allgemeine als Begriff immer wird. Zu
solcher Reflexion gehört denn auch noch der nächste Schritt an
Selbsterkenntnis und Menschenkenntnis, daß wir mit je verschiedenem
Abstand dann auch Unterschiedliches sehen und für wahr und richtig halten
können oder etwas als solches für wahr und richtig halten sollen,
und wir blieben ohne solche weitere Reflexion ganz in den Widersprüchlichkeiten
und Irrmeinungen, aber auch in der geradezu naiven Blindheit der ethischen
Dimension gegenüber gefangen, die sich aus der Möglichkeit unterschiedlicher
Abstände und ihrer Wahrheiten ergibt - und zwar sowohl im allgemeinen
alltäglichen Leben wie auch in den Wissenschaften, und erst recht in
der Theologie und Philosophie, wie wir sehen werden.
Der Begründer der analytischen Philosophie, Bertrand Russell, mußte
denn auch gerade sich selbst und seinem selbst erkannten Antinom von der
Menge der Mengen gegenüber blind werden und hat, wie schon gesagt, seinen
Nobelpreis deswegen bekommen und verdient, weil er sich gegen seine Philosophie
der Analysis mehr intuitiv und rhetorisch an die „unbedeutende" Menge wandte,
wie er sie durchgehend nannte und wie er durchgehend zwar bedeutende und
unbedeutende Menschen und Philosophen und Philosophien unterscheidet und
dennoch blind ist oder geradezu mental durch die mikroskopische Analysis
verhindert ist, diese von seiner Sicht her eher lächerlich erscheinenden
makroskopischen Wahrheitskategorien zu sehen, denen er selbst verfangen bleibt,
was ihn blockiert, das Wesen, die Funktion und die Rolle der allgemeinen
Allgemeinheiten für die eigene zu sehen, der er selbst aufsitzt, wenn
er z.B. von einer allgemeinen Religiösität und einem allgemeinen
Nationalismus und Sozialismus spricht, - und, was unreflektiert wohl noch
verwirrender ist und das Abendland in die wohl größte weltanschauliche
Katastrophe führte, - wie und wodurch die genannten allgemeinen Allgemeinheiten
die allgemeinen konkreten Allgemeinheiten bestimmen. Denn wenn in der Tat
bei den Weltkriegen und den hundert Kriegen in aller Welt danach scheinbar
solche konkreten Allgemeinheiten von Völkern konkret loszogen, um sich
konkret gegenseitig zu töten oder zu erniedrigen, statt zu lieben, haben
wir es sicher immer auch mit jenem Sentiment zu tun, das Russell richtig
sah und an den Namen des allgemein eher unbekannten englischen Byron, und
die Namen von Schopenhauer, Nietzsche und des Komponisten Wagner knüpfte,
und natürlich ging es auch um das Gerangel jener Schere Oben und Unten,
wer ist der Größte, bzw. wer ist die größte konkrete
Allgemeinheit, und es ging um die Gültigkeit des jeweiligen Wertesystems
der jeweils eigenen Allgemeinheit, wobei der politischen Vergegenständlichung
von letzterem in unserer Zeit der Mondialisierung zunehmend die allgemeinen
Allgemeinheiten zu Grunde liegen.
Um dies Treiben und die Drohung von Chaos und Ungültigkeit dahinter zu
verdeutlichen und das notwendige Verständnis für diese Komplexheit
des alltäglichen Gerangels zu vereinfachen, möchte ich zugleich
dem vielleicht naheliegenden Verdacht widersprechen, als würden wir einmal
von jenem Sentiment fremdbestimmt, wie es Schopenhauer nahelegt, oder zu
wenig, wie es zu denken Nietzsche und Marx nahelegen, die gleicherweise zum
Aufbruch aus der Letargie mangelnder Sentiments aufrufen, oder als würden
oder wären wir von solchen Werten, wie z.B. den sexuellen oder ökonomischen,
fremdbestimmt und determiniert, wie es die wissenschaftlichen Ansätze
zur Psychologie und Soziologie und wie es der Marxismus der vorigen beiden
Jahrhunderte insinuierten: Wie gesagt gehören zu den Werten, nach denen
wir werten und gewertet werden, nicht nur der schöne Hut, Piercing oder
die prallen Muskeln, die volle oder leere Brieftasche, Applaus oder Pfiffe
durch eine Allgemeinheit usw., sondern auch die Regeln der Grammatik der
Sprache, wie auch alle Begriffe und Worte wie Gut und Böse. Keiner würde
aber sagen können, weil wir uns an die Syntax und an die Regeln der
Grammatik halten, sei schon bestimmt oder gar determiniert, was wir sagen
und meinen werden, als müßten wir es sagen und meinen. Und in
diesem Sinne ist der positive Wert von dem Begriff, „Gut" keineswegs die
Bedeutung, die er hat,
Am naheliegendsten an Wahrhaftigkeit ist natürlich die daraus resultierende
Einsicht, daß man mit der einen Wahrheit nicht die andere leugnen oder
verneinen, und daß man sie nicht gegen die andere dogmatisieren kann
oder darf, woraus sich sonst leicht ein demagogisches Spiel oder Fangnetz
ergibt, durch das man andere verführt oder in das man sich selbst verfängt.
Hierbei wäre es ebenfalls nutzlos und ja auch falsch und nicht minder
gefährlich und naiv, einfach davon auszugehen, als sei der eine Aspekt,
nämlich die Überzeugung und die begründende Logik z.B. eines
Richters, Polizisten, Pfarrers oder eines üblen Schlägers, soweit
sie sich aus der Position ergibt, die derjenige oder diejenige mir gegenüber
einnimmt oder hat, gar nicht vorhanden oder ohne Relevanz, wir würden
z.B. den Islam und den Koran mit allen Attributen Gottes und eben auch unsere
eigene mögliche Blindheit dafür nicht verstehen können, daß
und warum z.B. die ständige Verknüpfung der Gottesattribute mit
der Alltagslogik im Koran durch die quasi immer mehrdimensionale Logik zu
der Eindringlichkeit wie Unangreifbarkeit führte, wie auch im Christentum
mit der Zeit der reine Wortlaut der Bibel z.B. in der Sprache Luthers oder
eines anderen Übersetzers, - ob landessprachlich oder lateinisch - bereits
göttliches Attribut geworden ist, mit der Tendenz, daß sich dabei
wechselseitig das eine durch das andere, nämlich die eine Dimension
oder Sichtweise durch die andere Dimension oder Sichtweise sowohl dogmatisiert
wie verstellt, wie wenn nicht anders z. B. Eltern ihren Kindern eine Aussage
derart begründen „Weil ich es sage.".
Dieser quasi doppeltverschnürte Wahrheitsanspruch als Wahrheitsbegründung,
wo immer man eine Wahrheit oder Unwahrheit mit der Größe oder Kleinheit,
der Berühmtheit oder auch der Stärke, bzw. der Schwäche und
dem Reichtum bzw. der Armut oder dem Platz in jener Schere begründet,
ist jedoch noch viel komplizierter, als es hier scheinen könnte, was
z.B. immer dann deutlich wird, wenn ganz offensichtlich der Konsens selbst
wichtiger ist als das, worin er besteht, wie wir es bei Kinderspielen genauso
beobachten können, wie im alltäglichen Miteinander aller autoritären
und auch traditionellen Strukturen, wobei wir ohne Letzteres, wie z.B. ohne
Sprache nicht leben könnten.
Dennoch ist es natürlich notwendig, die Struktur von Konsens und Wahrheitsbegründung
so gut wie möglich zu verstehen, einmal um nicht die eigene Wahrheitskompetenz
an solche in der Tat meist fragwürdigen Wahrheits- oder Gültigkeitskriterien
zu opfern und damit in lächerliche wie gefährliche Blindheit zu
geraten, und andererseits hauptsächlich, um nicht jedes Einverständnis
samt Menschlichkeit jeder Philosophie und Theorie zu opfern bzw. selbst solcher
meist leicht begründbaren Preisgabe ausgeliefert zu sein, die logisch
ist oder so scheint. Beides wäre weltfremd. Wir müssen das gemeinsame
Boot so gut wie möglich kennen, in dem wir fahren, das eben nicht nur
Kompromiß, Mißlichkeit, Lebenskampf, Beengung, menschliche Bedingtheit
aller Erkenntnis und ein ewiges Gezerre um Gültigkeit und Vorteil ist,
das es natürlich zu verbessern gilt, weil wir uns Himmel und Hölle
darin selbst gestalten, sondern das auch die einzige kurze Möglichkeit
wie Voraussetzung menschlicher Existenz ist.
Man kann sich die veränderte Aussage durch die deutlichere Sichtweise
z.B. bei einem größeren makroskopischen Abstand mit zugleich steigender
Ungenauigkeit der Mikroansicht sehr vereinfacht so veranschaulichen, wie
man z.B. von einem Flugzeug aus Kontinente und Erde immer deutlicher sieht
oder überhaupt erst sieht, wobei als Nachteil jedoch die Menschen nur
noch als Punkte und Menschenmengen dabei nur noch als Flächen wahrzunehmen
sind, während man ganz nahe z.B. unter einem Elektronenmikroskop ebenfalls
keine Haar- oder Augenfarbe mehr und selbst den menschlichen Organismus und
überhaupt auch Leben nicht mehr wahrnehmen kann, sondern am Ende nur
farblose tote Elementarteilchen herumflitzen sieht, also vom eigentlichen
Menschen noch weniger wahrnimmt als vom Flugzeug aus. Dennoch zeigen beide
Sichtweisen auf den Menschen durchaus eine jeweils bekannte und vertretbare
Wirklichkeit des Menschen und zwar auch als unsere reale Befindlichkeit,
insofern wir dies nämlich wissen und dann auch reflektieren sollten,
um nicht einseitig, blind und ungerecht zu werden.
Der Verdacht, daß wir also nicht nur von jener Makrosicht aus den realen
und materiellen Menschen aus den Augen verlieren können, wobei in unserem
Beispiel der einzelne Mensch zu einem Punkt wird, oder vom Mond aus gesehen
fast ganz verschwindet, und z.B. bereits seit Beginn des vorigen Jahrhunderts
an oft sogar nur noch derart gedacht mit einem Virus verglichen wird, der
die schöne Erde wie eine Krankheit befallen hat, sondern daß wir
nicht anders dann auch in der Mikrosicht den Menschen in nur anderer Weise
aus den Händen verlieren, wo er in der Tat nur noch aus leblosen Elementarteilchen
besteht, die weder Hunger noch Durst, weder Hochmut noch Beleidigung kennen
was z.B. sogar berühmte und einflußreiche Mediziner, wie den großen
Physiologen Helmholtz (Hermann Ludwig Ferdinand von, * 1821, † 1894) dazu
verführte, dem Menschen die Seele und indirekt auch den freien Willen
abzusprechen, weil sich solches nirgendwo im Körper finden lasse, daß
es also eine wahre Sicht gar nicht gibt, zwingt uns gerade zur konsequenten
Vorsicht, auch bei der folgenden genaueren Betrachtung unserer Begriffe und
Konventionen, was sehr viel komplizierter ist, darauf zu achten, wo immer
Schlußfolgerungen dazu führen, den Menschen und das einzelne Individuum
zu negieren, daß dies dann trotz logischer Richtigkeit falsch und bereits
ein Fehlverhalten wäre, was sich nur durch Reflexion genau darauf vermeiden
läßt. Denn nicht nur der Mensch als ein Energiefeld um Milliarden
toter Elementarteilchen sondern auch der Mensch als Punkt oder Nummer wie
alle anderen, sondern mit ihm auch z.B. der Schmerz verschwindet geradezu
aus der Wirklichkeit, wenn er nicht als Einzelfall stattfindet oder im Empfinden
des einzelnen Individuums aus einer bestimmten Situation und Zeit verschwindet;
und das gilt für jede Wahrnehmung und damit eigentlich für jede
Erkenntnis, auch für diejenige Erkenntnis, die wir für alle Ewigkeit
in einem Buch geschrieben und gesichert oder durch einen Beweis bewiesen
glauben.
Die wohl allen bekannte Erfahrung macht wohl jeder Mensch bei der Erinnerung
an die eigenen Eltern und Lehrer wie auch bei den Eltern anderer Kinder oder
später bei sich selbst oder bei Freunden, wo immer durch die Machtposition
der Eltern geprägt den Kindern Wahrheit befohlen wird. Wir wissen, wie
dieses unvermeidliche Auftreten andererseits aber auch als Unsitte die Eltern
zu kleinen Despoten machen kann, dem sich ja nicht nur die Kinder dann anpassen
müssen, sondern das auch den Charakter der entsprechenden Eltern entsprechend
prägt, - und diese, je ungebildeter und primitiver sie sind, um so ausgeprägter
zur sozialen Isolierung bis zum Asozialen führen kann, - wie es eben
auch einer Institution, Konfession oder Sekte passieren kann, - , weil sie
dann mit einem für jeden durchschaubaren häßlichen Überlegenheitsgefühl
für Kritik, Selbstkritik und neue Einsichten unzugänglich werden
und quasi erstarren und allgemein wie auch vor den Kindern lächerlich
werden, wenn sich diese solcher Erstarrung zu entziehen vermögen; und
wir sollten immer vor Augen haben, daß es nicht zuletzt diese Auswirkung
gesellschaftlicher Schere ist, eben auch in der Familie, die eben nicht nur
aus solcher Befangenheit in der Makroansicht resultiert sondern nur in dieser
Makroansicht unserer Schere und der Reflexion darauf auch deutlich wird,
wenn wir z.B. dann wegen fehlender Reflexion darauf nur deshalb dennoch etwas
für wahr und richtig halten, weil wir es einst als Kind mit Pathos und
Macht eingebleut oder aufgezwungen bekamen, oder weil es - vielleicht sogar
von den Eltern ungewollt - auf uns den Eindruck von absoluter Wahrheit machte.
Reflexion darauf bedeutet zumindest immer auch die Vergegenwärtigung
der Erkenntnis, daß das Wahrheits- und Gültigkeitskriterium, soweit
es nur aus solcher sozialen Situation der Schere in Form von Erziehung, Religion,
Sprache, Kultur und Konvention oder nur aus Wissenschaft resultiert, nicht
die einzige Sichtweise und nicht das einzigmögliche Gültigkeitskriterium
ist.
Solche Vorgänge sind nun mal Realität und liegen nicht nur jeder Sprach-, Religions- und Kulturform zu Grunde, sondern als Wahrheits- oder Glaubwürdigkeitskriterien auch den Inhalten, was eben andererseits nicht einfach bedeuten kann, daß alle Formen zwar richtig aber alle Inhalte ignoriert werden könnten oder umgekehrt. Der Zusammenhang von beidem, von Inhalt und Form, den wir erst in einer Mikroansicht besser verstehen können und ebenfalls reflektieren müssen, ist derart vielschichtig und komplex, wie es am Behelfsbild der Schere bzw. aus solcher Makroansicht gar nicht deutlich wird und dann auch nicht zu einem angemessenen Verhalten führen kann; dahingehend vielleicht, daß man sich von den Eltern trennt, sie verachtet, oder z.B. die Funktion der Eltern durch den Einfluß von Schule zu begrenzen versucht, wobei ja in der Schule dann das gleiche stattfindet. Schule darf nie destruktiv wirken, sondern muß sich immer additiv verstehen. Und man kann nicht einfach - statt angemessen zu reflektieren - , den Rat und die Ansichten der älteren Generation einfach dogmatisch verneinen und verdammen, weil es sich um offene oder heimliche Dogmen oder Dogmatisierungen handelt, um damit vielleicht ein Unwesen aus der Welt schaffen, das in Form und/oder Inhalt nun mal Teil der Wirklichkeit ist, die sich durch und als Verhältnis von Oben und Unten in Form von Eltern und Kinder, Amt und Verwalteter, Reich und Arm, Mann und Frau, Stärke und Schwäche, Intelligenz und Dummheit vermittelt, in der Religion und Kirche nicht anders als im Militär, wie auch umgekehrt das Alter eines Menschen oder einer Schrift wohl oft ein Wahrheitskriterium, nicht aber Grund blinder Dogmatisierung sein darf. Weniger deutlich ist das Gleiche, das bereits in jedem Gespräch dadurch stattfindet, daß jemand aktiv spricht oder schreibt, und zwar als das, was in der Schere Oben bedeutet und der andere nur passiv zuhört oder liest, was wir dann als jeweils Unten klassifizieren, wobei sich gerade diese seperate Makroansicht hier am Bild unserer Schere als wichtig erweisen wird, insofern sie um zu reflektieren nur separat auch zu erkennen und zu verstehen ist, weil sich hierbei und vielleicht nur damit diese Problematik wahrnehmen und von der anderen unterscheiden läßt, die sich aus dem anderen Unterschied, nämlich dem des Kenntlichmachens als Handlung über eine Handlungstheorie einerseits gegenüber dem Erkennen über eine Erkenntnistheorie andererseits ergibt, was sich erst als Mikroansicht der Begriffsstruktur erkennen läßt.
Wenn z.B. Zahlen im empirischen oder materiellen Sinn nicht wirklich sind,
wovon unsere Philosophen überzeugt sind, dann müssen wir, es sei
wie es will, dennoch genau mit ihnen rechnen, weil der Bäcker genauso
rechnet und weil bei der Berechnung einer geplanten Brückenkonstruktion
nicht anders die Konvention der mathematischen Darstellung sich nach unserer
menschlichen, gemeinsamen Erfahrungsart richtet bzw. eben diese Konvention
ist, hinter der wir als ein Stück Wirklichkeit unsere Erfahrungsart,
wenn auch nicht die Wahrheit der Wirklichkeit selbst in den Händen haben,
was uns zwar zwingt, unsere Wirklichkeit in dieser Subjektivität zu
suchen, aber immer mit der hier - aber nicht immer - offensichtlichen Gefahr,
die eigentliche Existenz, d.h. das unbegreifliche Menschenleben einer Rechnung,
dem Geld, der Wissenschaft oder dem menschlichen Dichten und Trachten zu
opfern. Und wir machen derart auch Gott zum Götzen, wenn wir ihm Menschenleben
opfern.
Wir entkommen dem Teufelskreis nur dadurch, daß wir Form und/oder Inhalt
in ihrer Existenzweise reflektieren: Es liegt im Wesen und Wahrheitskriterium
einer Konvention, daß sich die Richtigkeit - nämlich als Gültigkeit
- dadurch ergibt, weil sie von allen, die zu solcher Konvention gehören,
für wahr gehalten wird.
Den jeweils eigenen Standort in dieser Schere zu bestimmen und zu werten,
der von Situation zu Situation wechselt, ist besonders heute in einer weitgehend
durch wissenschaftliches und sog. „aufgeklärtes" Bewußtsein geprägten
Demokratie aus zwei entscheidenden Gründen schwierig, weil jene einmal
eben prinzipiell nicht örtlich und objektiv und gottlob auch kaum noch
so offensichtlich durch ein aristokratisches oder oligarchisches Kastenwesen
geordnet ist, durch das einst die irgendwie erkämpften Privilegien und
„oberen" Positionen an Kinder, Günstlinge und Verwandtschaft weitergegeben
und vererbt und seit Menschengedenken sowohl mit Gewalt wie mit Religion
und religiösen Argumenten gerechtfertigt und verteidigt und dann Tradition
wurden, sondern ist heute je nach Ansehen, Beruf, Vermögen, gesellschaftlicher
Position und Funktion aber auch je nach Situation verschieden, zum anderen
haben wir uns längst über jenen Abgrund von Fragwürdigkeit
und Häßlichkeit solcher Wahrheitskriterien Brücken gebaut.
Dennoch müssen wir uns den Abgrund und die häßlichen, abstoßenden
Abgründigkeiten all unserer Wahrheiten noch verdeutlichen, auch wenn
sie heute längst mit zusätzlicher oder neuer oder nur verkleideter
Bedeutung erscheinen.
Gerade das romantisch Vertraute und Selbstverständliche solcher Schere
in Geschichte und Gegenwart, wenn wir von hohen Fürsten- und Königshäusern,
von Adel, hohen Ämtern und von der oberen Gesellschaft sprechen, darf
uns hier nicht den Blick auf unser eigentliches Thema verstellen, das auch
Norbert Elias verfehlte oder nur beiläufig streifte, selbst wenn er
das, was er deutlich machen wollte, auch glaubwürdig belegte, daß
ein kultivierterer Umgang miteinander als „Prozess der Zivilisation" nur
von Oben her schließlich zu Gebräuchen, Konventionen und Allgemeingültigkeiten
wurde. Natürlich muß man dabei von Mode sprechen. Aber Elias konnte
in dem Zusammenhang weder die Struktur einer Mode noch die eigentliche Rolle
der Religion verstehen. Die religiöse Rechtfertigung einstiger Hirarchien
basierte auf den echten Glauben der Beherrschten und konnte nur durch solchen
gelingen, wenn man seinen gesellschaftlichen Standort nicht allein durch
aufwendige und überall gegenwärtige Gewalt erhalten wollte, wobei
Glaube, Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit allein unter diesem Gesichtspunkt
gesehen wie Schwäche der Schwachen und Dummheit, Fehlverhalten und Eigenschuld
der Verlierer aussehen muß, das zum Verlieren führt. Karl Marx
umschrieb dieses bezüglich der Religion als „Opium fürs Volk" wobei
Religion wie auch jegliches Recht als quasi handgemachtes, d.h. von Menschen
selbstgemachtes Instrument zur Unterdrückung erscheint.
Was bei Norbert Elias an solcher Häßlichkeit etwas deutlicher wird,
ist, daß auch jene obere Schicht der Herrschenden genau wie die Beherrschten
den Regeln dieser Schere wie auch den Regeln der Mode und Konventionen unterliegen
und sie keineswegs souverän bestimmen.
Selbst in unserer Gegenwart und zwar in jeder Gesellschaftsschicht findet
man Gespräche über Themen, sagen wir beispielsweise, daß 2
mal 13 das Produkt 26 ergäbe, bei denen es gar nicht um die Richtigkeit
dieser Behauptung, sondern ausschließlich um eine Position in dieser
Schere geht, die man als die eigene verteidigt oder die man erreichen will,
so daß in solchen Gesprächen die Richtigkeit der Behauptung eigentlich
gar keine Rolle spielt, oder bei denen diese Richtigkeit zur Waffe wird -
wie „ein zweischneidiges Schwert". Es wäre ganz weltfremd zu übersehen,
daß selbst unser Bildungssystem weitgehend noch nach diesem Prinzip
funktioniert und womit dieses sicher häßliche, abstoßende
und langweilende Kampfverhalten auch als Lebens-, Ordnungs- und Erfolgsprinzip
weitergegeben wird, - sowohl unmittelbar im Lebensraum der Schule wie durch
diese dann auch in der Berufshirarchie.
Die alte biblische Bezeichnung oder Umschreibung, in der ein „zweischneidiges
Schwert" aus dem Mund des höchsten Weltenrichters letztendliche Wahrheit
und Wahrhaftigkeit offenbaren und damit Unwahrheit, Unwahrhaftigkeit und Ungerechtigkeit
entlarfen bzw. bestrafen wird, ist ein Bild für diese uralte Funktion
und Weise des Wahrheitskriteriums - und zwar gesehen und empfunden aus solcher
Makroperspektive -, das letztlich nicht auf Wahrheit selbst, sondern auf
Macht, Gewalt und Stärke der Mächtigen, Gewalttätigen und
Stärkeren basiert.
Daß, wie in den amerikanischen Westernfilmen, symbolhaft am Ende der
Wahrhaftige und Gerechtere auch immer der Stärkere und der Gewinner ist,
ist allerdings mehr als romantischer und religiöser Optimismus, wenn
dies dort auch nicht aus theologischer oder philosophischer Einsicht so arrangiert
wird, sondern entspricht dem Wunsch des passiven Zuschauers, der aber dabei
keineswegs nur die Partei der Schwachen und Verlierer vertritt.
Der Abgrund nämlich, der sich durch das Häßliche und Abstoßende
im Zusammenspiel dieser Schere von Oben und Unten deutlich macht, z.B. durch
Egoismus, Willkürlichkeit mit dem Lohn des Reichtums der Mächtigen
und die Heuchelei, Unterwerfung, Loyalität und Anpassung des Schwächeren
mit dem eher gnädigen Zugeständnis der Bleibe und des Auskommens,
droht keineswegs zwischen Oben und Unten innerhalb dieser Schere, auch wenn
sie nur durch das Streben existiert und funktioniert, diesem Häßlichen
zu entkommen, denn gerade auch der Stärkere und Sieger will weder Willkür
noch Unrecht und Unterdrückung erleiden und verteidigt nicht zuletzt
aus diesem Grund seine Position eben mit allen Mitteln. So wird auch Gott
und Jesus noch ganz innerhalb solcher Schere dargestellt, wie in Psalm 110
oder erst recht in der eigentlich noch recht urzeitlichen Offenbarung des
Johannes und Daniels. Der immer drohende Abgrund klafft eigentlich in der
Argumentation, im Denken oder zwischen den möglichen Perspektiven und
Widersprüchen der beiden Sichtweisen in jedem Menschen, ganz gleichgültig
eigentlich, wo er sich in dieser Schere befindet, den wir erst deutlich wahrnehmen,
wenn wir die künstlichen Brücken oder Seile betreten, die der Mensch
sich über diesen Abgrund gespannt hat. Denn wenn die Regeln, nach denen
diese Schere ja immerhin funktioniert, nicht mehr gelten, bedeutet es Chaos
und Untergang für alles, was „oben" ist zuallererst, als die am meisten
zu verlieren haben, wobei dies nicht nur der Reichtum ist, sondern wie der
Applaudierte von den Applaudierenden abhängig ist, beruht auf gleichem
Verhältnis Macht, Ansehen, Ehre und alle Privilegien, dennoch ist aber
die immer wohl größere Mehrheit im unteren Teil der Schere zugleich
auch der hauptsächliche Stabilisator, die wissen will, woran sie ist,
die sich eingerichtet hat, und deren Leben. Und wie wir es an dem großen
Zulauf unseres Papstes sehen können, gilt dieses auch für die religiöse
Ordnung, wobei die bestehenden Anachronismen, die Sie, Herr Augstein, ansprechen,
in solcher grundsätzlichen Aktualität von immer drohendem Chaos
von geradezu untergeordneter Bedeutung sind, weil hier in der Tat, wie oben
beschrieben, solche Inhalte durch ihre Funktion längst auch eine weitere,
nämlich die begriffliche Bedeutung und Struktur bekommen haben, wozu
die der Stabilisierung noch hinzukommt.
Nun könnte man annehmen, daß gerade in weltanschaulich ruhigen
Zeiten Raum sein müßte für anstehende Reformen und Veränderungen.
Aber solche „ruhigen" Zeiten zeichnen sich meist gerade nicht durch Stillstand,
sondern durch regen Handel und Wandel und gerade durch routinierte Betriebsamkeit
und entsprechende Rationalität und Rationalisierung des Formalen aus,
wobei gerade das oben beschriebene starke eher irrationale Sentiment jedes
Erwerben immer zugleich zu einem Konservieren und Erhalten des Bestehenden
führt, zu dem bestehende Hypostasen und Mythen .
Solche damit verbundene doppelte Formalisierung von Inhalten, die unvermeidlich
mit der Sophistikation damit auch Züge von Oberflächlichkeit und
Sophismus bekommen, weil der sog. triviale Alltag mit all den berechenbaren
und zu berechnenden Mechanismen an Aktualität mehr in der Vordergrund
rückt, selbst wenn gerade in solchen Zeiten auch Geld und Raum ist für
Bildung und Wissenschaft, heißt aber nicht, daß sich die ursprünglichen
Inhalte damit und etwa sogar automatisch relativieren. Dieses geschieht nur
im Grade der Aktualität des Themas oder der Thematisierung, wobei gerade
die eher unterdrückte Aktualisierung der Inhalte, die ich noch einmal
kurz verdeutlichen muß, ehe wir in den menschlichen Abgrund sehen,
ihre Selbstverständlichkeit und Bejahung geradezu im Gegenteil eher
dogmatisiert oder gar versteinert, vergötzt und versachlicht, wodurch
sich Reformen fast ausschließen.
Für einen Atheisten mag es so aussehen, und man kann es als Christ durchaus
gelten lassen, als hätte mit der Christianisierung der Ursprung und
das Fundament aller Welt, wie er in allen Philosophien und Religionen aller
Zeiten als göttliche Handlung und Gegenwart im Sinne von Wahrheit und
Recht genauso wie im Sinne von Mathematik, Biologie und Physik nur einen
neuen Namen bekommen, wie es vielleicht auch Johannes meinte (Joh. 3,14),
wenn er Jesus am Kreuz mit der ehernen Schlange verglich, die einst Moses
zum Schutz gegen eine Schlangenepidemie in der Wüste aufrichtete, wobei
dieses Bild uralter Mythologie bis heute als Symbol des Heils oder der Heilung
an jeder Apotheke hängt, ohne als Anachronismus ein Thema zu sein.
Daß mit dem geschichtlichen Jesus ein einfacher Mensch als Mensch dieses
Recht mit dieser Kompetenz beansprucht und verallgemeinert hat und zwar als
von Gott gegeben, ist wohl glaubhaft. Ebenso glaubhaft ist wohl auch, daß
genau dies auch von den Jüngern des Kerygmas einschließlich Paulus
so empfunden und nach Pfingsten auch als verändertes, nämlich verantwortlich
kompetentes Verhältnis zur Welt verstanden wurde, zeigt die Unverfrorenheit
gegenüber allen damaligen Allgemeingültigkeiten einer bereits globalen
Welt und Begrifflichkeit, weswegen sie dieses Bestehende auch leicht als
ungültig und dem nahen Untergang ausgesetzt verstanden und mit der Vorstellung
einer chaotischen Naturkatastrophe verbanden, die Jesus wohl auch angedeutet
hatte.
Derartiger Anspruch von Kompetenz oder weltanschaulicher Autonomie als Möglichkeit,
als individuelles Ereignis ist als etwas Grundsätzliches und Neues
wohl die eigentliche Errungenschaft Jesu und des Christentum. Im Geschehen
ist dieses natürlich wenig spektakulär und ist „nur" so etwas wie
die gedankliche Reflexion, deren Problematik von Bescheidenheit und Unbescheidenheit
bei der Selbsteinordnung in Bestehendes ich schon ausführte, wie sie
aber z.B. Kant mit seinem kategorischen Imperativ fordert, also als eine
Art Besinnung; und besonders das Mißtrauen von Theologen und theologischen
Institutionen auch der damaligen Zeit gegenüber einem quasi beliebigen
Individuum ohne Examen und institutionelle Position, d.h. ohne formale gesellschaftliche
Legitimation ist nachvollziehbar, besonders sicher auch deswegen, weil er
sich dann auch gegen diese hochwürdigen Dogmatiker und Betonköpfe
wandte, wie man es heute ausdrücken würde, die ihre Legitimation
eben nicht aus sich selbst herleiteten, sondern aus den alten Schriften,
formalisierten Traditionen und Institutionen.
Daß gerade dieses unmittelbar Individuelle dennoch eine philosophische
Dimension hat, selbst wenn Jesus, selbst wenn dieses Individuum kein Philosoph
ist, ist uns heute ganz selbstverständlich, wenn wir über die mögliche
freie Entscheidungsmöglichkeit und Verantwortung des Normalmenschen
sprechen, der z.B. durch demokratische Wahlen den Lauf der Welt mitbestimmt.
Daß damit und nur dadurch eine neue Zeit für die Menschheit beginnt,
ist nun ein christologisches Thema. Daß solches Individuelle zugleich
Gottes Wille, Gottes Gerechtigkeit und Gottes Einsicht bzw. Einsicht in Gottes
Einsicht und damit zugleich Gottes Forderung nach individueller Verantwortung
ist, führt in die Dimension des Prophetischen und der alten Propheten
und ihrer Forderungen und damit, nämlich mit der Verallgemeinerung ins
Mystische und Theologische und kann auf Grund vieler Beispiele, wie schon
gesagt, auch als Gefahr für Entartung und Abartigkeit und Häresie
angeführt werden, als was die frühe Christenheit von den konservativen
Juden wohl auch gesehen wurde. Wahrscheinlich auch von Mohammed, als er zwar
gegen die jeweils individuell verschiedenen Möglichkeiten göttlicher
Wahrheiten aber dennoch genau aus solcher individuellen Kompetenz heraus dann
allgemeinverbindliche Formulierungen und Anweisungen aufschrieb. Das Neue
Testament ist denn auch mit jedem jeweiligen Beitrag zwar nichts anderes,
als Ganzes jedoch wieder die Aufforderung bzw. die Notwendigkeit, den verschiedenen
Beiträgen und z.T gegensätzlichen Aussagen verschiedener Autoren
individuell als Urteilender gegenüber zu stehen.
Die essentielle christliche Frage an den Islam lautet natürlich, ob
mit dem dogmatisierten Koran eine erneute Entmündigung des Menschen stattfindet,
wobei sich die Kirchen natürlich selbst fragen müssen, wie weit
sie selbst etwas anderes tun. Denn es sind meist gerade die allgemeinen Bedeutungen
der Begriffe und die Verbindlichkeiten der Schriften, der Konventionen und
Traditionen, die das Individuum vor Verirrungen, Verrücktheiten und
Entgleisungen bewahren, wie sie natürlich zugleich einerseits das individuelle
Urteil lähmen und andererseits genau dadurch gesellschaftliche, traditionelle
Abartigkeiten zementieren und Unmenschlichkeiten legitimieren.
An dem Versuch der Aufklärung, diesem Teufelskreis zu entkommen, der
sich gegen diese veralteten Dogmen und Abartigkeiten der Kirchen und Traditionen
wandte und zugleich gegen die befangene Subjektivität des Individuums,
erkennt man am besten auch die ganze Problematik, der ein Individuum ausgesetzt
ist, das sich z.B. im Kantschen Sinne verantwortlich fühlt.
So sind für das Konzept und meist zugleich für den Urgrund aller
Konventionen, Kulturen und Traditionen und damit auch aller gegenwärtigen
Handlung und allen gegenwärtigen Verhaltens die unterschiedlichsten Begründungen
und Erklärungen für das, was, warum und wie etwas in der Gegenwart
besteht oder geschieht, die Voraussetzung und Prämisse. Ich kann solche
Möglichkeiten natürlich kaum vollständig aufzählen oder
zusammenfassen, ohne zu sehr auszuschweifen und will nur etwa 7 solcher Präpositionen
nennen: Man glaubt also
1. Die Gegenwart wird von der Vergangenheit übernommen. Konvention
ist dabei mehr als nur Tradition und Gedächtnis und zeitliches Vorher,
sondern auch Ursache der Gegenwart.
2. Die Gegenwart wird in der Vergangenheit verursacht. Man glaubt die
Vergangenheit als kausale Ursache der Gegenwart wozu auch die menschliche
Handlung als Verdienst oder Schuld gehört.
3. Die Gegenwart ist Folge der Schöpfung und Gottes Wille aus
der Vergangenheit heraus. Gott als Urbeweger und Ursache.
4. Die Gegenwart wird von der Zukunft bestimmt und ist Schicksal bzw.
Gottes Plan, oder die böser Mächte.
5. Die Gegenwart ist Gottes Wille als gegenwärtige Handlung Gottes
oder ist gegenwärtiges Wollen und Wirken böser Mächte.
6. Die Gegenwart geschieht auf Grund einer Prophezeiung.
7. Die Gegenwart ist genetische Folge.
Diese Präpositionen sind miteinander vermischt und oft auch gegeneinander
die Ursache dafür, daß sie jeweils nicht konsequent zuende gedacht
werden und nur jeweils nach Bedarf und Möglichkeit in den Vordergrund
oder Hintergrund treten, wobei dann ihrerseits solche Präpositionen sowohl
Ursache wie auch Folge aller Mythen und Religionen sind, was sich zwar grundsätzlich
von jener mehr begrifflichen Hypostasierung unterscheidet, sich aber dennoch
damit vermischt.
Nun ist Folgendes in diesem Zusammenhang vielleicht in der Tat ganz gleichgültig,
ob man nämlich Jesus als logisch fast unvermeidliche Zufallserscheinung
jener Zeit religiöser und kultureller Globalisierung einerseits und
der Relativierung der vielen Einzelreligionen durch das Zusammentreffen in
dem damaligen großrömischen Reich andererseits sieht, oder als
eine präzise von Gott getimte Gesandtschaft auffaßt, jedenfalls
geschieht in der Auffassung und Darstellung des Kerygmas quasi eine Personifizierung
all jener möglichen Präpositionen und Hypostasen, womit sich natürlich
einerseits eine Mythisierung und Hypostasierung und damit eine Entmenschlichung
und Vergöttlichung verbindet, die es heute zu reflektieren und zu verstehen
gilt, womit andererseits aber genau umgekehrt auch eine Vermenschlichung,
d.h. Menschwerdung aller Mythen und Hypostasen unter dem Vorzeichen alttestamentarischer
Vorstellungen stattfand, - und zwar in einer menschlichen Verwirklichung,
die ernüchternder als das Kreuzzeichen kaum ausfallen konnte.
Von relativ untergeordneter Bedeutung ist dabei auch, wie weit der noch lebende
Jesus sich ersteres, nämlich die Vergöttlichung, selbst noch auflud
und innerlich verarbeiten mußte, oder wie weit dieses erst später
die Aufgabe der Christen und der Christenheit wurde. Vereinfacht formuliert:
für den Christen wurde Gott menschlich und der Mensch göttlich.
Und genau Letzteres zu sehen ist die Voraussetzung dafür, um die bestehenden
Strukturen in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit verstehen zu können,
die Krone des Papstes genauso wie die Fußwaschung durch den Papst.
Ich hatte das Erlebnis der Christwerdung auch heute noch eingangs im weniger
umfangreichen Kontext bereits beschrieben:
Die allererste Erkenntnis nach einem solchen Erlebnis, die wir übereinstimmend
wohl in allen Religionen antreffen, ist in vielerlei Art formuliert worden,
so als sei das Verhältnis zu Gott wie ein klarer See, in dem ich ohne
Hindernis bis auf den Grund der Wahrheit sehen kann, wobei aber jede gedankliche
oder sprachliche Tätigkeit - ja selbst meine Existenz selbst - die Oberfläche
trübt und in einen Spiegel verwandelt, in dem ich dann nur noch mich
selbst und meine soziale Umgebung sehe. Der Verstand und mein Ich selbst
wird als das Hindernis zur wahren Erkenntnis empfunden und auch als das Hauptproblem
zu diesem Gott zu gelangen. An solchen oder ähnlichen Grunderkenntnissen
ist sicher richtig, daß sie gemacht werden, daß hier der Verstand
oder die Erkenntnis sich selbst verneint und damit aber auch zugleich auch
die Verneinung verneint. Real daran ist auch, daß mit der ersten mystischen
Erfahrung wohl eine Art Realitäts- oder Kontextverlust und Geistesverwirrung
verbunden sein kann. Vielleicht sollte man das Erlebnis vergleichen mit der
Situation Robinsons, wenn dieser eines Tages erführe, daß noch
jemand auf der Insel lebt. Sympathisch und vielleicht wichtig an der Verwirrung
ist zumindest die Selbstaufforderung, sich und den eigenen Verstand kritisch
zu sehen, denn ein zweiter Schritt von Erkenntnis ist dann oft in der Tat
das extreme Gegenteil von Bescheidenheit, nämlich das Gefühl und
oft auch der Anspruch von Allwissenheit aufgrund der Erfahrung von Allgemeingültigkeit
und eigener Kompetenz. „Wenn Gott für mich ist, wer ist wider mich!"
Wir dürfen dabei keineswegs vorzeitig aus Blick verlieren, daß
all dieses auch in der ganzen Begrifflichkeit zugleich sowohl als Folge wie
auch als Ursache der Schere verstanden werden muß, wobei immer die
Erkenntnis einerseits und das Erkannte andererseits die beiden Seiten der
gleichen Medaille sind, und zwar auch erkenntnistheoretisch bereits ganz
neu dispositioniert- sowohl im Neuen Testament, wo die Darstellung Jesu immer
zugleich Buße, Selbsterkenntnis, Darstellung und Selbstdarstellung ist,
als Aussage und Kommunikation, als Mensch, als Christ, als Kirche, wie auch
als Staat der ganzen Kirchengeschichte.
Natürlich bedeutet die Papstkrone Darstellung, Verherrlichung und Verwirklichung
des Göttlichen - eben auch des Göttlichen im Menschen und ist dabei
immer mehr als nur Bedeutung in der Struktur der Begrifflichkeit jener alten
Schere, die dabei eben nicht nur im Sinne von Selbsterkenntnis und Buße,
sondern zugleich auch als Lehr- und Organisations- bzw. Herrschaftsveranstaltung
zu sehen ist, was entsprechend auch für jede zwischenmenschliche Kommunikation
gilt, was sich bis in unser gegenwärtiges Schul- und Gottesdienstsystem
erhalten hat, wobei die jeweiligen Wertinsignien sowohl begrifflicher wie
formaler und gar dekorativer Art der alten Zeit nicht weniger lächerlich
erscheinen können, als diejenigen unserer Zeit - innerhalb wie außerhalb
des Religiösen - , wie ich noch verdeutlichen werde, - was aber kein
Argument gegen die anstehenden Reformen der Kirchen sein soll. D.h. die Einsicht,
daß wir in unserem zivilen Wertedenken nicht viel weniger lächerlichen
Strukturen an Idealen und Gehabe aufsitzen, als im Religiösen, ist beiderseits
nur ein Hinweis auf unsere eigene menschliche Lächerlichkeit und weder
Grund zur Überheblichkeit noch zu deren Rechtfertigung.
Diese von mir weitgehend un- oder außerreligiöse Darstellung des
Christentums, die den verkündeten wie geglaubten Jesus samt Kirche vielleicht
wie eine Anthropologisierung oder sogar eher noch als eine Anthropogenisierung
nicht nur jener aufgezählten Präpositionen und aller begrifflichen
Hypostasen, sondern des Religiösen überhaupt aussehen lassen könnte,
was zuerst in der Renaissance und im Humanismus und dann scheinbar in der
Aufklärung den Höhepunkt an Verweltlichung erreicht, (letzteres
allerdings nur, soweit sich die Aufklärung noch als Theologie verstand,)
ist als nüchterne Sicht nicht nur für Sie, Herr Augstein, die Voraussetzung,
all das Formale, Organisatorische, Konventionelle wie Begriffliche der Kirchen
nicht einfach als Unsinn und Irr- wie Aberglaube abzutun, sondern als Erkenntnis-,
Lehr- und Verwirklichungsvorgang einer Entwicklung zu verstehen, ist auch
für den Islam und für den Budhismus und für andere Religionen
die Voraussetzung, ein vernünftiges, rationales Verhältnis zum
Abendland zu bekommen - wie zu sich selbst, und ist natürlich auch die
Voraussetzung, den einfach Gläubigen das Bestehende wie auch anstehende
Reformen verständlich zu machen, was ja nicht bedeutet, das Vergangene,
d.h. den Glauben und die Glaubensformen unserer Mütter und Väter
einfach zum Unsinn zu erklären, wodurch sich Reformen dann erübrigen
würden.
Die für ein allgemeines Verständnis wohl notwendige Vereinfachung
des Grundgedankens, setzt aber ein auch komplexeres Verstandensein voraus,
was bis jetzt allein aus dieser Makrosicht natürlich noch nicht möglich
ist und nur die halbe Wirklichkeit dessen kenntlich macht, was z.B. die Kirche
im Dorf, eine Taufe oder eine Beerdigung über dieses Formale innerhalb
der Schere hinaus für den Menschen ist. Aber wie ich es bereits auf
dem Wege der Plausibilisierung eingangs versuchte, läßt sich diese
Entwicklung z.B. von der Homerischen Dichtung der vorchristlichen Zeit, in
der Odysseus und Achill - und wer weiß was alles - über solche
Begrifflichkeitsstrukturen zu Göttern und Geistern und Menschen zum
Spiel der Götter und Geister werden konnten, bis zum ratlosen Hyperion
Hölderlins unserer Zeit vorläufig derart veranschaulichen, daß
ich heute durchaus von einem Augsteinschen Journalismus als von einem Begriff
wie von einer Hypostase sprechen kann, ohne damit den Journalismus von Augstein
zu meinen. Wenn ich dann logisch folgere, daß es einen Augsteinschen
Journalismus gibt, verbindet sich mit der Prädikation durchaus eine
Existenzaussage, mit der sich aber heute kein Animismus mehr verbindet, also
kein Geistwesen, selbst wenn man dem alten Sprachgebrauch nach weiter von
einem Geist oder je nach Weltanschauung womöglich von einem Ungeist
spricht, sondern im Sinne einer verstandenen Anthropogenisierung der begrifflichen
Hypostasen von einer menschlichen Stärke, Schwäche oder Eigenschaft.
Wenn Thomas von Aquin als Abschluß und Krönung seiner Arbeit und
Mühe vor 700 Jahren die Fragwürdigkeit menschlicher Einsicht erkannte,
war dies ein Vermächtnis.
Es geht mir ja darum zu zeigen, daß quasi jenseits bzw. über jeder Ethik von Recht und Ordnung irdischer Organisationsform (nicht gegen!), die Richtung von Erkenntnis, Streben, Handeln und Urteilen letztlich zu einem wahren Menschenbild führt d.h. zu einem besseren, zu einem menschlichen Menschen, d.h. zu einem menschlicheren, der nicht durch Reichtum oder Armut, Macht oder Ohnmacht, Ehr- oder Ehrlosigkeit, Kraft oder Krankheit u.s.w. verzerrt, denaturiert oder geistig verkrüppelt ist oder so gesehen und bewertet wird.
Dennoch empfinden wir bis heute die cartesianische Aufklärung als
Fortschritt, - wohl weil wir glauben, damit endgültig eine sichere Distanz
und einen vernünftigen und sog. objektiven Abstand zu dem Allzumenschlichen
des Menschen gewonnen zu haben, obwohl wir damit, wie schon gesagt, nur einen
halben Schritt über jenen Abgrund von möglicher Verirrung, von
zwischenmenschlicher Unverbindlichkeit, zwischenmenschlicher Unmenschlichkeit
und zwischenmenschlichem Chaos tun und letztlich genau in diesen Abgrund
hinein steuern.
Ohne Zweifel bekamen, hatten und haben Abraham, Moses, Jesus und Mohammed
nicht anders als Buddha, Krishna, Konfuzius, Laoze u.a. ihre Bedeutung eben
auch durch ihre Bedeutung, nämlich dadurch, daß sie jeder kennt,
was als Wahrheitskriterium mit diesen Propheten vermischt und verbunden allerdings
auch für jene genannten Präpositionen und Hypostasen wie auch für
jeden anderen Glauben und Aberglauben, für Sinn und Unsinn und für
alle Konventionen und Traditionen gelten kann, - aber in der zusammenwachsenden
Welt zu den bekannten unvermeidlichen Problemen und Widersprüchen führen
muß.
Sicher steht hinter der Aufklärung das redliche Bemühen, den lächerlichen
mittelalterlichen Unsinn zu überwinden, Wahrheit machtpolitisch herzustellen,
indem man Allgemeingültigkeit und Alleingültigkeit befahl und erzwang
und Kritik wie Andersgläubigkeit diskriminierte, bestrafte oder verbat,
wie es aber praktisch in jeder üblichen konventionellen Schule auch
unserer Zeit der sog. Aufklärung noch existiert.
Aber ob man aber nun den lächerlichen Irrtum oder die Verschlagenheit,
ob man die Unsicherheit und Angst angesichts eines Chaos oder die Anmaßung
einer Wahrheitserzwingung überwinden wollte, was alles der Grund dafür
sein kann, etwas dadurch zur Wahrheit zu machen, indem man alle zwingt, sie
zu glauben, was dann für alle so aussehen soll, als ob alle wahrhaftigen
diese Wahrheit glauben, weil sie wahr ist und nicht, weil sie erst dadurch
wahr wurde, ist offensichtlich - wenn nicht noch ärgerer Betrug und Selbstbetrug
- eine bewußte Instrumentalisierung des Menschlichen durch Entmündigung
und Bevormundung, - mit dem zusätzlichen ethischen Konflikt unserer
Zeit der Globalisierung, daß Loyalität und Wahrhaftigkeit gleichgesetzt
werden. Sicher gehört dieser Aspekt der Machbarkeit der Wahrheit und
Gerechtigkeit zur Vermenschlichung oder Anthropogenisierung, wie er sich
als Erkenntnis und Allmacht und fast göttlicher Kompetenz aus dem Verhalten
und Ereignis Jesus ergibt, was nirgends deutlicher und offensichtlicher wird,
als im Johannesevangelium „ich bin die Wahrheit", wie auch natürlich
auch aus den Paulusbriefen, und zwar zugleich als eine neuartige Kompetenz,
die aus allen Gläubigen Brüder und Schwester des Herrn und potentielle
Propheten macht, was wie in der Gnostik und bei Mani zu phantasievollen,
fast beliebigen Entartungen verführte, die man in Form von methaphysischen
Kosmologien einfach behaupten konnte.
Natürlich kann man in diesem Zusammenhang auch Jesus nur als Folge oder
Produkt einer Zeit sehen, die dafür reif ist, wobei er allerdings die
multikulturelle Situation des römischen Reiches, die dafür reif
war, persönlich kaum kennenlernte und derart innerlich verarbeitete,
sondern solche Kompetenz - und zwar zu wie gegenüber der jüdischen
Religion - aus der eigenen mystischen Erfahrung bezog, so daß man das
passende Timing bestenfalls auf den später gepredigten Jesus anwenden
dürfte.
Es war aber gerade diese nun verallgemeinerte Kompetenz und der mögliche
Mißbrauch, der eine institutionelle Wahrheits- und Ämterverwaltung
notwendig machte
Dennoch und vielleicht deswegen blieb das Christemtum in allen typischen Merkmalen
bis heute religiös, was Bertrand Russell als das Magische von Kirche
und Religiösität nennt.
Bei dieser Skizze der beiden Zustände und Entwicklungen sind zudem scheinbar
versehentlich immer je zwei Personen zugleich genannt, zunächst derjenige
also, der auf der einen Seite der Schere langweilt oder auf der anderen abstößt
und der andere, der jeweils gelangweilt oder abgestoßen wird. Hierbei
bleibt der Kausalzusammenhang eines Prozesses als die Achse dieser Schere,
nämlich Oben und Unten, Gewinner und Verlierer durchaus und gerade auch
dann gültig, wenn die gleiche Person teils Elite oder spezialisiert
und bezüglich Amt wie Thema überall sonst aber oder auch zugleich
Untertan ist, und entsprechend auch teils langweilt und abstößt,
wie zugleich gelangweilt und abgestoßen wird, wie es bei der Erziehung
und dem Erzogenwerden von Kindern, beim Richten und Gerichtetwerden, beim
Verwalten und Verwaltetwerden u.s.w. ganz automatisch in Personalunion der
Fall ist, wo immer der Mensch im Alltag oder in Wissenschaft, Staat, Wehrmacht,
Kirche u.s.w. sowohl Subjekt wie Objekt ist, wie wir es in jeder Hierarchie,
aber ebenso in jeder Demokratie antreffen. Sicher ist solche Personalunion
von latenter Beflissenheit einerseits und latenter Heuchelei andererseits
recht unappetitlich eine weitere auch charakterliche Zweigleisigkeit, aber
sie bringt notabene solche Reflexion und Distanz auf bzw. zu sich selbst
und die Gesellschaft mit sich, und ist eigentlich Grundlage jeder pragmatischen
Vernunft.
Man kann sich ja vorstellen, daß in einer bestimmten Situation zwei Menschen beide in bester, geradliniger Absicht bereit sind, sich gegenseitig zu töten und auch getötet zu werden, wenn es z.B. um die Nationalflagge auf irgend einem Gebäude geht, wobei dann kaum reflektiert viel weniger noch verstanden wird, wie wenig dabei wem alles ein Menschenleben gilt und wie weit es als Gegenpreis für diese Menschenverachtung dabei um den Wert „Recht und Ordnung" oder um eine Holzstange mit Stoff und Farbe, ob es um den Begriff geht, oder um das Recht, eine solche oder einen solchen zu besitzen oder um was für eine Bedeutung sonst noch.
Mag die aktuelle Geschichte gerade dann besonders spannend sein, wenn von Mut, Ehre, Tapferkeit und Todesverachtung die Rede war, so langweilt dabei in unmenschlicher Weise die Frage nach dem Leben der „mutigen", „tapferen" Menschen, die man anschließend nur vergräbt. Abstoßend sind Menschen, die sich wie auch immer derart instrumentalisieren und einfach töten lassen, genauso wie diejenigen und die Ordnung derjenigen, die den Menschen derart instrumentalisieren und opfern. Auch unsere christlichen Väter kennen solchen Wahnsinn noch zu gut wie auch die peinliche Mißachtung von Menschenleben, die damit einhergeht: wenn der Mensch zum peinlichen Anhängsel einer wichtigen oder unwichtigen Funktion oder Idee oder Planung oder Ordnung wird.
Natürlich ist solche Schere entsprechend gefährlich, wie das
vergangene Jahrhundert zeigt und wie es jede vorhandene wie gewesene Kultur
demonstriert, aber sie könnte und dürfte auch nicht einfach aufgehalten
oder abgeschafft werden.
Seit je natürlich, aber innerhalb unserer demokratischen Verhältnisse
ganz legal und sichtbar, bildet und etabliert sich abgestoßen von beiden
Seiten der Schere ein quasi subversiver Zwischenbereich. Kulturell gesehen
war es z.B. das Gold der sog. „goldenen zwanziger Jahre": Dieser Bereich
war naturgemäß in allem etwas weniger spießig, prüde,
vermieft und moralisch und etwas weniger politisch, wissenschaftlich, philosophisch
oder theologisch festgelegt. Dieser in erfrischender Weise von mehr Unabhängigkeit
und weniger Dogmatik und Verbissenheit bestimmte Bereich, der die sog. Moderne
bestimmt, weil er als der Freiraum zugleich die Plattform aller Kultur wurde,
ist natürlich nicht in gleicher Weise die ganz unabhängige Existenzweise
bestimmter Personen, obwohl es Gruppierungen und sogar Parteien unter diesem
ursprünglichen Vorzeichen immer gab und gibt. Existenzialisten, DADAisten,
Aussteiger, Punks, Gammler, Hippies, Alternative, Autonome verstehen und
versammeln sich vielleicht unter solchem Vorzeichen, das jedoch überwiegend
für eine Haltung steht, die sich gegen die institutionelle Reduzierung
des Menschen sowohl als handelndes Subjekt auf die instrumentalisierte Funktion
richtet, wie es sich dann als Amt, Macht, Würde und Anmaßung u.s.w.
äußert, wie zugleich gegen die institutionelle Reduzierung des
Menschen als behandeltes Objekt, was sich als Anpassung, Unterwerfung, Gehorsam,
Einfügen, Beflissenheit, Loyalität, Schlangestehen, Ohnmacht u.s.w.,
aber auch als Instrumentalisierbarkeit, möglicher Mißbrauch, Bestechlichkeit
u.s.w. äußert, wie wir es innerhalb jeder Art von Patriotismus
für eine Sache, eine Idee, eine Religion oder Konfession, für einen
Staat genauso wie für eine Religion wie für eine Fußballmannschaft
finden.
Ich will zugunsten vieler alternativer Bewegungen postulieren, daß
es immer auch gegen die beiderseits unvermeidliche Einengung des Menschenbildes
überhaupt geht, wo immer Recht und Ordnung, wo immer Organisation und
Verwaltung von Menschen stattfindet - ob nun in Staat oder Kirche -, wenn
für den Einzelnen der Anlaß für offene oder heimnliche Subversivität
auch meist Ungerechtigkeit und eine Benachteiligung in dieser Schere sein
mag.
Und ich will mich bemühen, bei der nun anstehenden weiteren Präzisierung
der begrifflichen Struktur den ethischen Aspekt mit zeitgemäßen
aber weniger oberflächlichen Begriffen darzustellen, und den theoretischen
Aspekt mit solchen Beispielen soweit wie möglich zu vereinfachen aber
dabei keinesfalls den jeweiligen Zusammenhang beider Aspekte, den der Schere
wie den des jeweiligen Blicks auf diese Schere aufzugeben.
Weltfremd wäre es, die alternative Subkultur, die ganz sicher ein ethisches Postulat enthält, derart zu verstehen, als wenn sich dort nur unbestechlichere Menschen versammeln, die weder unterworfen oder geordnet sein wollen noch unterwerfen und ordnen würden. Sicher sind es meist mehr die offensichtlichen Anachronismen und Widersprüche zwischen Recht und Ordnung in bestehenden Strukturen, durch die sich einfache Argumente und plausibles Verweigern gegen das Verhalten von Oben und Unten anbieten, als daß beide Seiten in ihrer jeweiligen ja bleibenden Abhängigkeit, Verstrickung und menschlichen Schwäche verstanden würden, wie sie sich im obigen Beispiel, wo sich zwei Menschen wegen einer Flagge töten, zeigt.
Und wie wir an solcher Sterbens- und Tötungsbereitschaft in aller
Welt bis ins europäische Jugoslawien und Deutschland der Gegenwart sehen
können, ist solche Identifizierung oder Abgrenzung religiöser, kultureller
oder nationaler Art natürlich kaum dadurch zu verstehen und zu lösen,
daß man Religion, Kultur und Staat, Nation - und auch Wissenschaft
- einfach als Unsinn bezeichnet, wie es heute subversiven wie im wissenschaftlichen
Bereich recht verbreitet oder gar Mode ist, was bereits die Stoiker vor 2000
Jahren erfolglos versuchten, weil sie die Bedeutung solcher Formen auch für
ihr eigenes Denken nicht verstanden. Der Versuch einer einfachen Negierung
wäre unsachlich, weltfremd und recht verstanden ungerecht, was zurecht
in den Begriffen Kulturlosigkeit oder Gottlosigkeit noch mitschwingt. Ich
möchte sogar präjudizieren, daß, wie bei den Eifersuchtstragödien
in der Ehe, es gerade die Verunsicherung ist, die als Gegenreaktion einen
(auch den wissenschaftlichen) Fundamentalismus dann sogar steigern und entarten
läßt und eine Kultur und alle besten Absichten gerade durch diese
oberflächliche Intellektualisierung zum unmenschlichen Dogmatismus verführen
kann.
Jene teuflische Finsternis der Vergangenheit, in der der oben skizzierte Wahnsinn
noch ganz selbstverständlich als etwas Herrliches galt, bei dem man
Menschen und auch noch stolz seine eigenen Kinder um der „guten Sache Willen",
wie immer sie sich jeweils nennt, opfert , ist immer und auch heute noch
ganz gegenwärtig und wird gottlob dennoch auch bereits als Fragwürdigkeit,
Unsicherheit, Schmutz, Desaster, Chaos, Verirrung, Wahn, Ungültigkeit
gefürchtet - und zwar als immer mögliche auch eigene Entgleisung.
Die Wahrheit als Metapher xx
Und wie es die Sprache überhaupt, wie es jede Konvention und wie es gerade der gegenwärtige Papst demonstriert, besteht der Zusammenhang jener Achse der Schere von Amt, bzw. Funktion und Ordnung einerseits und Würde/Würdigung bzw. Gültigkeit andererseits keineswegs allein durch die Macht des Ersteren, sondern auch durch das Bedürfnis Amt und Ordnung zu würdigen und gültig zu erhalten, weil dies immer auch eigene Gültigkeit bedeutet, obwohl ja gerade dabei der jeweilige, nämlich der tatsächliche Mensch verblaßt .
Wenn Sie dem weiter entgegenhalten, daß man aber nicht den Teufel mit Beelzebub fernhalten kann, daß es unwürdig, lächerlich und unhaltbar und am Ende auch vergeblich ist, Recht und Ordnung und den Anstand der Leute mit unwahren Geschichten wie dem jährlichen Nikolaus und Christkind, mit Schwindel und Heucheleien und der Anbetung in Bethlehem u.s.w. aufrecht zu erhalten, und daß dies nichts anderes sei als Verdummung und Verarschung der Leute und Verstärker des Teufelskreises von Aber- und Irrglauben, dann sollten Sie versuchen, zumindest in den folgenden 8 Seiten meiner Gegendarstellung mal davon auszugehen, daß ich damit keinen Betrug auch nicht aus Höflichkeit zu rechtfertigen versuche. Manchmal wünschte ich mir die Problematik in der Tat etwas einfacher, so daß alle Überlieferungen objektiv und wörtlich genommen werden könnten und alles so bleiben könnte, wie es ist, oder daß Fernsehteams und Geschichtsschreiber unserer Zeit damals dabei gewesen wären, und daß wir einen lückenlosen Film des einen Jahrs Jesu oder der drei Jahre Jesu als Prediger mit allen Äußerungen und Handlungen zur Verfügung hätten. Zu solcher Dokumentation müßte natürlich gehören, wie man damals sein Erscheinen und seine Worte verstanden bzw. nicht oder falsch verstanden - aber auch, wie er es gemeint hat. Aber hätten wir mit heutigen Reportern und Journalisten aber tatsächlich ein besseres Bild, einen tatsächlich gläsernen Jesus in einer gläsernen Zeit und damit weniger Streit und Mißverständnisse und eine einige Kirche oder würden gerade diese Bilder und Dokumente den wahren Jesus, um den es uns Christen geht, nicht erst recht verkleistern? mehr noch als die gutgemeinten Illustrationen auf Altären und in Bilderbibeln mit den offensichtlich polemisch gezeichneten, „häßlich geizigen", „eifersüchtigen" oder „fanatischen" Gesichtern der Juden, mit den „dummen" Römern und den „schönen, intelligenten" Gesichtern der Christen? - War der wahre Jesus jemals sichtbar?
Es bedarf einiger Reflexionsschritte mehr, als wir es heute auf Grund unserer Menschenkenntnis, Bildung und Befangenheit schon könnten, um die Evangelien unbefangen als das zu sehen, was sie dennoch schon immer sind und bleiben können. Es sind ganz sicher Aussagen, die eine Wahrheit ordnen und mitteilen wollen. Auch wenn man sie nur gutwillig nur als Entwurf eines Ideals verstünde, den man dann zur Idealisierung eines gescheiterten, zufälligen Menschen oder Propheten benutzte, wozu Sie wohl neigen, dann wäre der so angenommene Anlaß immer noch ein im Heute befangenes Urteil von „gescheitert" und „zufällig" und damit ganz unrealistisch. Der Anlaß der Evangelienschreiber, soviel können wir uns vorstellen, wenn wir wollen, liegt ja bereits in dem Bestehen einer teils schon organisierten Gemeinde, deren Ursprung einerseits bis auf die Lebenszeit Jesu zurückgeht, deren Konventionen, Ordnungen, Sprachregelungen aber schon ganz mit dem Bild unserer unvermeidlichen Schere einen Entwicklungsprozess und einen Entwicklungs- bzw. Kristallisationszeitpunkt darstellen, wo Jesus bereits als Märtyrer, Star und Superstar und als mystisch erfahrener Gott und als logisch eingeordneter Sohn Gottes anerkannt war und angebetet wurde, also angesichts einer bereits bestehenden Konvention, dem der Schreiber verpflichtet ist - und ja auch verpflichtet sein will.
Ich versuche mir manchmal drei Menschen, die heute z.B. in einer Kneipe,
einem Kaufhauscenter oder auf der Straße in einem normalen Gespräch
sind - vielleicht über das Fernsehprogramm - , so vorzustellen, daß
einer von ihnen noch ein ptolomäisches, der andere ein kopernikanisches
und der dritte ein Newtonsches Weltbild besäßen , die alle drei
falsch sind (auch Newton ging noch von einer objektiven, quasi gegenständlichen
Zeit aus), und die dennoch zueinander drei unterschiedliche Entwicklungsstufen
der Wissenschaft und der Menschheit darstellen und sich ganz unabhängig
von ihrer Weltanschauung gut oder weniger gut unterhalten und vertragen können,
- ob ich nun als Besserwisser ihr Leben und alles, was sie sagen, fühlen
und tun, für ungültig erklären dürfte?
Wenn ich Gorbatschow und über ihn die Wende als einen Prozeß verstehen
und darstellen wollte, müßte ich auch die Zeit vor 1917 darstellen,
den Bildungsstand von Lenin und den 95prozentigen Analphabetismus seiner
Zeit in Rußland, Asien, China, Afrika und Amerika, Christianisierung,
Ideologisierung, Kolonialismus, Kapitalismus, Nationalismus, was erst durch
Anlaß der angestrebten Weltrevolution langsam beseitigt oder zivilisiert
erst zu dieser Wende führte bzw. zu ihr gehört. Die Frage, ob Gorbatschow
nun sowohl Produkt der Entwicklung und zugleich ganz zufällig der richtige
Mann zum richtigen Zeitpunkt für die Wende war, ob Kenntnisse über
seinen Kleiderschrank, seine Gespräche und möglichen Freundschaften,
seine Körpergröße, seine Eltern, sein Geburtsort usw., -
also der gläserne Gorbatschow mehr Verständnis vermittelt, während
wir Bildung, Alphabetismus und selbst als Deutsche den Nationalismus noch
gar nicht verstanden haben, aber darstellen müßten, zeigt zumindest,
daß Ihre Kritik an unseren übernommenen Jesusdarstellungen zumindest
auch kritisch gesehen werden können, - zumindest in der leichtfertigen
Radikalität der pauschalen Ablehnung und Lächerlichmachung als
Nonsens. Wir sind froh, daß wir diese eher zufällig entstanden
Schriften des frühen Christentums überhaupt besitzen und betrachten
sie als ein Geschenk Gottes so wie sie nun mal sind, - samt der ganzen Problematik,
mit der wir zu jeder Zeit wenn auch jeweils anders unsere Schwierigkeiten
und Streitigkeiten hatten.
Aber so sehr man mit solchen Formen von „Wahrheiten" über solche Überlieferung,
daß z.B. die Hochzeit zu Kana vielleicht nie stattgefunden und Jesus
nie Wasser zu Wein verwandelt hat, des Pudels Kern oder den Sinn der Erzählung
auch völlig verfehlen kann, besonders dann, wenn man ihre alte und heute
ganz andere begriffliche Funktion in der Gegenwart ignoriert, - während
noch vor 2000 oder 1000 oder 300 Jahren ein solches Wunder kein Problem für
den Glauben war, sondern eher eine Probe des Glaubens, würde man sich
heute streiten, ob jene Veränderung von Wasser zu Wein nicht eine Veränderung
der subjektiven Wahrnehmung war, ob die Erweckung von den Toten nicht eine
Erweckung aus einem Koma war oder ähnliches, so ist es dennoch nicht
leeres Stroh, das Sie dreschen, Herr Augstein. Als Journalist wissen Sie,
daß man im Kleiderschrank oder in der schmutzigen Wäsche immer
auch Zündstoff und Argumente finden oder durch Einseitigkeiten herauspulen
kann, mit denen man nach Belieben Eintracht oder Zwietracht sähen kann,
daß sich dort immer auch eine Keule finden läßt, mit dem
man Menschen totschlagen kann, wenn man will, so daß auch die Wahrheit
zur Kampagne gerät, wie der Prozeß gegen Jesus, wenn man außer
acht läßt oder verschweigt, daß man die reine Technik der
Machbarkeit und das vorsätzlich Gemachte solcher Kampagne verschleiert.
Im Gegenteil weist aber die aufgezeigte Vielschichtigkeit des Themas darauf
hin, die wir heute und wohl niemals rein intellektuell werden bewältigen
können, was im Folgenden noch deutlicher wird, daß eben nicht die
vorschnelle Verneinung sondern die Bejahung der eigenen wie die Achtung (anderen
Bejahung) der fremden Kulturform, Begrifflichkeit und Religion sowohl Selbstverständnis
wie auch gegenseitige Verständigung ermöglicht und die Kultur der
Zukunft sein wird, wie es sich auch längst abzeichnet, was aber nicht
bedeuten kann, als ob wir es mit nichts weiter als mit Begrifflichkeit und
Konventionen zu tun hätten. Und es ist ja gerade die Vielschichtigkeit
selbst, die auf den Ursprung der Vielschichtigkeit und der ganzen Problematik
hinweist, nämlich auf den Menschen, den wir eben nicht undeutlich werden
lassen dürfen!, wobei wir Begriff und Individuum sorgfältig unterscheiden
müssen, was uns wohl erst heute als Problem entgegentritt.
Daß nämlich der individuelle Jesus von solcher Begrifflichkeit
gänzlich verdeckt wird wie in gleicher Weise auch der individuelle Normalmensch,
deuten Sie nur an, Herr Augstein, ohne es verständlich zu machen.
Der Glaube der Christenheit, das Kerygma, die Entstehung dessen, was man
christliche Religion nennt, resultiert und resultierte letztlich aber aus
der Begegnung und immer nur persönlichen Erfahrung des tatsächlichen
Jesus, und zwar nach seinem Tod in einer transzendenten Form, was wir den
auferstandenen, den eigentlichen Jesus als den Christus nennen, wobei aber
jede begriffliche Fassung jener Erfahrung in der jeweiligen Situation und
Zeit immer bereits wieder eben auch solche Situation samt Begrifflichkeit
ist, wenn wir dabei auch von einem lebendigen Wort Gottes sprechen, weil wir
eben darin auch jenen Ursprung erkennen bzw. mehr erleben können.
Die moderne Antwort auch auf spirituelle Erfahrungen der Gegenwart, d.h.
auf ein gläubiges Leben mit Gott, wie nicht anders die Antwort auf solche
Erfahrungen der Vergangenheit, die uns mit der Bibel überliefert sind,
wie die jeweilige Antwort auf die Begegnung mit der jeweiligen Gegenwart,
mit all den verschiedenen Glaubensformen, Traditionen, Sprachregelungen auf
unterschiedlichstem Niveau theologischer und intellektueller Kenntnis und
Bildung lautet aber keinesfalls, daß dabei die Wahrheit keine Rolle
spielt, und daß wir praktisch nur in einer virtuellen Welt jeweiliger
Begrifflichkeit leben, sondern kann nur lauten, daß wir es nach unserem
Tod wissen werden, - ob all dieses nur Sprache, Redaktion, Lobpreisung und
Begrifflichkeit und ob jenes Wirklichkeit war nach unserem gegenwärtigen
Stand und Maß eigener wie geschichtlicher Erkenntnis.
Jesus, der uns im Himmelreich erwartet, wird uns dann wohl kaum anschwindeln
und uns damit zeigen, was alles an menschlicher Religion menschlich war.
Hieraus ergibt sich für den Atheisten die moderne Antwort, daß
dieses nur erdachte Jenseits mit einem nur erdachten auferstandenen Jesus
ein treffliches Alibi ist für Phantasie, Schwindel, Dichtung und Spekulation,
wie es sinngemäß auch Kant formuliert, das nie aufgedeckt wird,
weil es nicht existiert, worauf sich letztlich auch die Verkünder solcher
„Märchen" verlassen hätten, die Nichtexistenz Gottes und eines
Jenseits mit dem Argument untermauernd, wo denn Jesus und sein Vater in den
Weltkriegen war, als im Holocaust, im Faschismus, bei den stalinistischen
Säuberungen, bei den Bombenabwürfen über Deutschland, über
Hiroshima und Nagasaki Millionen gläubiger Menschen zu ihm schrien,
um errettet zu werden, während sicher noch weit mehr gläubige Christen
sich direkt und indirekt an solchen Greueln beteiligten. Man kann dieses
von Seiten der Christen keineswegs damit abtun, daß es sich um eine
einmalige Entgleisung gehandelt hätte, aus der wir gelernt hätten.
Gelernt hätten wir Christen und Nichtchristen daraus nur dann genügend,
wenn man sich heute nicht mehr ähnliches und nicht noch viel schlimmeres
an menschlicher Handlung und Verirrung als den Holocaust vorstellen könnte.
Für einen gläubigen Christen, der sich einst im Jenseits und derart
bereits jetzt mit der Wahrheit konfrontiert weiß, gilt solches Alibi
eben nicht. Und selbst ein Atheist könnte einsehen, daß es dabei
gerade der Glaube an jene Konfrontation mit der Wahrheit war und ist, - selbst
wenn es solche niemals tatsächlich geben sollte, wie es aber nur der
Atheist glaubt - , daß es der christliche Glaube ist, der verhindert,
daß wir uns mit einer falschen zeitgebundenen Logik und Konvention
dann in einer solchen quasi selbst einzementieren und damit in der Entwicklung
unserer Erkenntnis stehenbleiben, sondern, daß uns nicht nur Kritik,
Wahrheitsliebe und notwendige Glaubwürdigkeit und ein edles Gewissen
treiben, in Erkenntnis, Wahrhaftigkeit und Selbsterkenntnis weiterzukommen,
sondern eben auch der Glaube an die unvermeidliche Konfrontation mit Gott
selbst und mit jedem Wort, das wir Christen verkünden.
Die zu meisternde Schwierigkeit läßt sich heute wahrscheinlich
nur mit der (ebenfalls nur scheinbaren) Selbstverständlichkeit unserer
Sprache deutlich machen, die man natürlich ganz zurecht ebenso als Konventionsmüllplatz
von sehr viel Unsinn und Unart entlarven kann, und zwar nicht nur bezüglich
vieler gedankenloser Bezeichnungen und unsinniger Begriffe, sondern die man
auch in ihrer Struktur als Zwang, als Joch, als Fremdbestimmung, als Beteiligung
am Gruppenzwang und Gehorsam wie Unterwerfung sehen kann, was ja alles auch
richtig ist, wie ich es in meinem Brief an Pfarrer Metz etwas ausführlicher
bereits formulierte. So geht z.B. im Deutschen die sprachliche Form des Wortes
„Begriff" auf Greifen und Begreifen mit Händen zurück und ist damit
bereits eine ganz unhaltbare Definition von Erkenntnis, und ist zudem als
Bezeichnung dessen, wie wir das Wort inzwischen gebrauchen, sicher ein Anachronismus.
Was für den konkreten „Tisch" in einer konkreten Zeit und in einer konkreten
Küche z.B. eventuell gelten könnte, den wir sehen, vermessen und
anfassen können, kann natürlich eben nicht für den allgemeinen
Begriff „Tisch" gelten, der nirgendwo konkret und gegenständlich existiert
und angefaßt werden könnte, höchstens als abstraktes Ideal
in einem anderen Reich der Ideen, wie es Plato annahm. Und dieses Bestehen
von förmlichem Nonsens gilt für viele Begriffe, wenn nicht für
alle.
Aber dennoch ist für uns Menschen die fragwürdige Struktur der
Sprache wie auch das Bestehen und die weitere Gültigkeit von Worten und
Begriffen die unverzichtbare Voraussetzung, um überhaupt sprechen zu
können; und ist die andere Voraussetzung, daß wir Menschen uns
in der Kommunikation dann vielleicht auch dahin entwickeln können, auch
jene Problematik der Sprache zu lösen, - was aber eben nicht durch einfache
die Ablehnung oder Aufgabe von Sprache oder irgendeiner Sprache gelingen
kann. Der Versuch einer alternativen, reinen Begriffsschrift, wie sie von
Gottlob Frege existiert, zeugt deutlich davon, daß wir Menschen uns
erst ganz am Anfang solcher Selbsterkenntnis befinden und auch bei dem Gebrauch
solcher reinen Begriffsschrift noch ganz und gerade dann auf unsere Normalsprache
angewiesen sind. Und in ähnlicher Weise gebrauchen wir im religiösen
Bereich aller Kulturen die elementaren Begriffe Jenseits, Auferstehung und
Himmelfahrt mit Bildern, die z.B. nie und auch heute nicht etwas mit einer
Raumfahrt zu tun hatten und haben und zu tun haben sollen und in diesem Sinne
sicher falsch sind, obwohl es gerade das Jenseits ist - und eben nicht die
jeweils richtige oder falsche Beschreibungsform! -, das es zu erkennen und
zu vergegenwärtigen gilt, wozu jene Umschreibung und Erzählung
schon immer und auch heute noch die Voraussetzungen sind, um überhaupt
verstehen zu können, was gemeint ist und was erkannt werden soll.
So ist nicht nur das Alte Testament sondern gerade das Neue Testament eben
nicht eine Sackgasse auf dem Weg des Menschen zu Gott wie zu sich selbst
und zum Mitmenschen, wie Sie es darzustellen versuchen, sondern war, ist
und bleibt die unverzichtbare Voraussetzung für ein wachsendes gemeinsames
Verständnis und eine gemeinsame Verständigung auch über sich
selbst, nämlich über die eigenen konfessionellen, religiösen
und kulturellen Grenzen hinaus.
Die Schwierigkeit, dieses zu reflektieren, liegt dabei vereinfacht dargestellt
darin, daß eine Progression in Erkenntnis und Selbsterkenntnis bzw.
sogar eine Emanzipation durch Reflexion - eben nicht der Sprachformen, sondern
Emanzipation von eigenen Denkinhalten bedeutet, und eigentlich nur vergleichbar
ist mit der Schwierigkeit, an sich selbst hochzuklettern oder sich selbst
als Stufe zu benutzen, was eben wohl nur dadurch möglich ist, wenn die
Form der eigenen Denkinhalte durch ihre Gültigkeit oder Konventionalität
innerhalb einer sozialen Allgemeinheit quasi getragen oder gerechtfertigt
ist und dabei gültig bleiben muß. Hierin liegt wohl der merkwürdige
Umstand begründet, daß wir auch individuelle Identität nicht
nur in der Eigenart und Sonderart und Unterscheidung von anderen sehen und
empfinden, sondern im Gegenteil in der Übereinstimmung mit anderen,
mit Konvention, Religion, Konfession und Kultur. So ist die Voraussetzung
einer individuellen wie weltweiten Entwicklung im gegenseitigen Verständnis
zugleich die Hauptschwierigkeit. Denkinhalten daß es keinesfalls gleichgültig
ist, was an Inhalt dabei zur gemeinsamen, gültigen Metapher bzw.
zur Form oder zur Stufe wird, sei es eine Formulierung von etwas, wie das
Glaubensbekenntnis oder die ganze Bibel, sei es die Form der Kirche, die
Form des Gottesdienstes, sei es der Turban, das Kopftuch und selbst der Tages-
und Jahresrythmus u.s.w., sondern liegt in der Notwendigkeit, daß dieses
irgendwie ist oder geschieht, und zwar inklusive dessen, wie es geschieht,
- auch eben als solche Schere, die um so deutlicher wird, je größer
die Verunsicherung ist, damit Frage, Antwort und Kommunikation überhaupt
möglich sind.
Mit dem nun unvermeidlichem Einwand Ihrerseits, falls nun tatsächlich
Mensch und Menschheit derart mit der Hilfe von Konventionen auch aus Fehlern
lernen würde, selbst wenn dies derart möglich wäre, verbinde
sich die weitere Frage, ob denn nun dabei nicht im Gegenteil gerade das konservative,
konventionelle Christentum samt der christlichen Kultur versagt habe oder
ob nicht dabei gerade das konservative Christentum selbst die Ursache oder
zumindest der Verstärker gerade des Fehlverhaltens ist, wie es Marx
oder Lenin formulierte und wie es Milosowitsch mit seinem christlichen Kulturbewußtsein
gegen den Islam, und wie es wohl nicht viel anders der konservative Islam
gegen das christliche Serbien demonstrierten, stellt sich auch mir selbst
die weitere Frage, was wir Christen oder Nichtchristen allesamt denn hätten
vorher gelernt haben können oder zumindest nun lernen oder tun sollten,
wenn nicht die drohende Einsicht, jenen konventionellen Inhalt samt konventioneller
Form von alter Religion und versteinerter Kulturform aufzugeben und sich
in die hedonistische Libertinage der reichen Industrieländer zu stürzen,
wie es der Islam und auch der Hinduismus fürchtet, wo nur noch Geld
und Justiz, die ja gerade in einer Demokratie Konsens und Konvention sind,
Möglichkeiten und Grenzen, Wert und Unwert des Menschen bestimmen.
Zumindest eine - eher nonkonformistische - Einsicht dürfte in solchem
Kontext heute interkulturell und weltweit an Boden gewinnen und ist wohl
dabei, auch gemeinsamer Teil und gemeinsame neue Dimension aller Religionen
werden, daß nämlich bei den größten Übeln in Gegenwart
und Vergangenheit die politische und ideologische Instrumentalisierbarkeit
von Konventionen sowohl die strengsten Gläubigen - aber auch gerade die
schlimmsten Verbrecher - dazu verführt, die Gläubigen zu instrumentalisieren,
und daß gerade das Konventionelle von Glaubensformen dazu verführt,
sich dann auch instrumentalisieren zu lassen, - und zwar gerade angesichts
von drohender Verunsicherung, von drohender Gottlosigkeit und Kulturlosigkeit,
womit aber keineswegs und auch nicht im Ansatz schon verstanden wäre,
was die Instrumentalisierbarkeit von Glaubensbekenntnis und Lehre, von Kleidung
und Architektur, von Sprache und Lebensgewohnheiten eigentlich ist und nicht
ist, denn die genannte Einsicht ist nur der halbe Schritt über den Abgrund
der Selbstaufgabe. Immerhin ist als Haltung hierin die Veränderung enthalten,
daß sich dabei nicht mehr Staat und Wissenschaft der Kirche bzw. dem
Diktat der Religion entzieht, sondern umgekehrt, die Kirche bzw. die Religion
dem staatlichen Zugriff und der Unterordnung unter Wissenschaft und Justiz,
was nicht weniger problematisch ist, wie wir es seit dem Mittelalter gelernt
haben könnten, es aber wohl nicht taten, weil der Universalienstreit,
der dort im Hintergrund wieder deutlich wird, wenn wir nach dem Wert des
Menschen fragen, bis heute ungelöst blieb und durch die ungeheure Dignität
von Recht, Wissenschaft und Technik nur verdeckt, nicht aber beantwortet
wurde.
Denn sicher ist, daß diese Einsicht nur eine halbe und nur ein halber
Schritt wäre, und zwar genau in den Abgrund hinein, den man fürchtet,
nämlich in die Vergegenständlichung und Versachlichung des Menschen
samt seiner Ansichten, was die Nominalisten den Universalien vorwerfen und
dem selbst um so schlimmer verfallen, und zwar gerade dadurch, daß
man ihn als instrumentalisierbares Instrument ansprechend vor der Instrumentalisierung
warnt oder bewahren will, womit man nicht nur Gott, sondern auch das Göttliche
des Menschen, nämlich seinen freien Willen, nicht weniger ausklammert,
als es die Wissenschaften in ihrem dogmatischen Empirismus tun zu müssen
glauben, was scheinbar paradoxer Weise bedeutet, daß sich der Glaube
und der Gläubige eben nicht damit aus Wissenschaft und Politik und aus
jener Schere verabschieden kann, sowenig, wie er sich deren Sachzwängen
entziehen aber auch nicht beugen darf, weil er vor sich selbst, vor seinen
Mitmenschen wie vor Gott verantwortlich bleibt. Dieses klingt selbstverständlich
und geradezu trivial, als drehe man sich ohne Antwort im Kreis, was Form
und Inhalt aller religiösen und ethischen Gott- und Menschvorstellungen
betrifft. Aber die Reflexion des schwierigen Spagats ist keineswegs einfach,
auch wenn er Schritt für Schritt seit Jahrtausenden stattfindet, wo
nicht Religionen und Kulturen sich wegen der fehlenden oder nicht weiter
möglichen Emanzipation beschriebener Art in Nichts auflösen mußten.
So mußte die Entwicklung innerhalb der dogmatisierten naiven Sonnenverehrung
der Ägypter als Fundament ihrer Kulturordnung und Konvention spätestens
an dem Punkt enden, wo die Erkenntnis evident wurde, daß die Sonne ein
unbelebter und gehörloser toter Stern oder Feuerball ist, womit die
kulturelle Macht verloren war und sich nur Konventionsfetzen über andere
Kulturen verstreuten und dort als Aufbaustücke für ganz andere
Entwicklungen benutzt wurden.
So geht gerade der Bezug auf den ungegenständlichen jüdischen
Gott, soweit er mehr als alle konventionalisierten Aussagen und Vorstellungen
über ihn gilt, dann auch über alle Konventionen hinweg, ohne sie
deswegen aufgeben zu müssen und zu verlieren. Ein schönes, rührenden
Beispiel soll dies veranschaulichen: In allen Kulturen der Welt wie auch
bei unseren kulturellen Vorfahren, den Germanen und Kelten wurde fast übereinstimmens
menschliche Enttäuschung und seelischer Schmerz als Herzeleid umschrieben,
was auch heute noch verstanden und als Sprachform benutzt wird, auch wenn
inzwischen längst ebenfalls Konsens und Konvention bezüglich des
Inhalts lautet, daß wir es bei solchem Schmerz mit einem psychischen
und psychophysischen Phänomen zu tun haben, und das wir das Herz als
Muskel definieren, der den Blutkreislauf bestimmt und durch Hormone und andere
Botenstoffe beschleunigt oder verlangsamt werden kann, die aus Rückenmark
oder Gehirn stammen. Einfach einzusehen ist dabei, daß ein alter Begriff
als Metapher oder Bezeichnung für eine alte Bedeutung von Leid dennoch
brauchbar bleibt und keineswegs zu einer falschen Definition des Herzens
verleiten muß. Schwieriger einzusehen ist dabei, daß die Emanzipation
zu einer wissenschaftlicheren empirischen Definition des Herzens durchaus
auf alten Vorstellungen aufbaut, aber dann etwas ganz anderes findet und
meint, als es die alte Vorstellung meint und auch weiter ist, wenn auch die
alte Vorstellung trotz Emanzipation zu einer neuen so undeutlich bleibt,
wie vorher, und daß die neue Vorstellung offensichtlich keine unmittelbare
Erweiterung der alten Ahnung war. In ähnlicher Weise ist uns der Schritt
von der alten Bedeutung "Himmel" zu einer neuen Bedeutung im Sinne von "Weltenraum"
oder "Weltraum", wie schon gesagt, vertraut, ohne daß wir dabei die
alte Bedeutung aufgegeben hätten und etwa bei einer Himmelfahrt Jesu
oder Mohammeds und Buddhas an eine Raumfahrt dächten und ohne daß
wir scheinbar letztere Bedeutung zum besseren Verständnis der ersteren
Bedeutung benutzen könnten, weil wir es nun mit zwei unterschiedlichen
Begriffen zu tun haben, für die wir meist auch schon unterschiedliche
Bezeichnungen verwenden.
Schwierig ist die Reflexion darauf in Form von Menschenkenntnis und Selbsterkenntnis
und ist nach 500 Jahren, seit wir "Himmel" in zwei unterschiedlichen Bedeutungen
als zwei unterschiedliche Begriffe benutzen, keineswegs abgeschlossen, daß
nämlich hier durchaus weiter eine Korrelation besteht, wenn auch erstere
und ältere Begrifflichkeit nicht mehr in der letzteren, wissenschaftlichen
Begrifflichkeit enthalten zu sein scheint, was aber zu denken nur gewollt
und bewußt scheinbar vermieden werden muß, um wissenschaftlich
bleiben zu können, d.h. um letztere Begrifflichkeit überhaupt denken
und erhalten zu können.
Obwohl wir dabei durchaus von einer Entwicklung und Emanzipation in Bewußtsein
und Wissenschaft bzw. Wissenschaftlichkeit sprechen, leugnen wir dieses aber
- wenn auch indirekt, indem wir in Lehre und Disposition nun von Zweierlei
sprechen, das miteinander nur noch eine geschichtliche- aber keine inhaltliche
und kausale Verbindung mehr habe, was denn dann auch nicht nur die Reflexion,
sondern in der Folge auch die letztere Erkenntnis zu einer nur halben bzw.
falschen Erkenntnis macht mit der Gefahr, damit auch die erstere und ursprüngliche
Vorstellung von Himmel nicht nur zu ignorieren, zu übersehen, zu vergessen
oder als falsche und irrtümliche zu empfinden, sondern sie in der Tat
mit dem Maß der neuen Bedeutung zu messen und gar nicht mehr oder falsch
und irrig zu verstehen.
Schwierig dabei ist, daß man im Normalfall in der Tat eine Stufe nicht
um ihrer selbst willen benutzt, sondern, um etwas ganz anderes zu erreichen,
wobei aber in unserem Fall oder Beispiel der Mensch sowohl Stufe ist wie
auch dieses Ziel bleibt, so daß genau dieses nicht nur vergessen, sondern
auch verfehlt wird mit der Konsequenz, daß wir nun diese Stufe, nämlich
die alte Vorstellung von Himmel, die in der Tat subjektiv und ungenau war
und bleibt, im Vergleich mit der neuen Einsicht als Mensch und menschlich
und subjektiv zu überwinden und verlassen zu können glauben und
die neue Erkenntnis, nämlich die, über das reale menschliche Muskelorgan
Herz oder den heute befahrbaren Weltenraum als reales Objekt und als objektive
und damit wahre Erkenntnis erreichen, was nun keineswegs mehr als Selbsterkenntnis
gilt, weil nun auch die Wahrheit nicht mehr im subjektiv befangenen Menschen
liegt, sondern außerhalb von ihm in dem realen Objekt, in jenem Muskelorgan
oder im Weltenraum, wo sie nur gesucht, untersucht, gemessen und derart gefunden
werden braucht.
Gerold Prauss beschreibt nahezu alle Folgen an Denkfehlern aus dieser nur
halben Reflexion besser, als es hier möglich wäre, - und auch den
derart unvermeidlichen Absturz in den Abgrund des Selbstverlustes.
Weniger offensichtlich wie in unseren beiden Beispielen Herz und Himmel aber
ist dieses Fehlverhalten und zwar auch als Folge dieser Schwierigkeit bei
der Anwendung und Entwicklung von Konventionen in komplexeren Zusammenhängen
einzusehen wie z.B. in der Mathematik, und zwar als Reflexion auf die Entwicklungsstufen
vom einfachen Zählen zum religiösen Phytagoraismus bereits höherer
Mathematik und Geometrie dann zum modernen sachlichen, wissenschaftlichen
und objektivem Gebrauch, weil wir dabei inzwischen ganz selbstverständlich
bereits von einem benutzbaren Instrument ausgehen, dessen Mechanismus sich
aber nicht anders als bei den vorherigen Beispielen „Herz und Himmel" objektiv
nun aus den Zahlen und geometrischen Figuren und Gesetzen zu ergeben scheint,
wie er denn auch erforscht und abgeleitet werden kann und wird, wie sich Vorgänge
im Weltenraum und die Ereignisse im und am menschlichen Herzmuskel ebenfalls
aus deren Beschaffenheit zu ergeben scheinen.
Es liegt im Wesen und Wahrheitskriterium einer Konvention, daß sich die Richtigkeit dadurch ergibt, weil sie von allen, die zu solcher Konvention gehören, für wahr gehalten wird.
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