Literatur und Theorien über Gott und die Kirche.
Allgemein(Fortsetzung)
§1
Bei allem, was man über Gott und Gottheiten hört oder liest, muß man unterscheiden, ob dieser gemeinte Gott das logische Produkt von Überlegungen ist oder ob das Geäußerte auf eigene Erfahrungen mit diesem Gott basiert.(1)

Man soll nicht Ersteres einfach zu Gunsten des Letzteren verwerfen, denn es ist offensichtlich nicht Schuld eines Menschen, wenn er keine eigenen Erfahrungen mit Gott hat; es ist im Gegenteil lobenswert oder jedenfalls verständlich, wenn er sich dennoch mit den Äußerungen von Menschen auseinandersetzt, die seit Menschengedenken über Gott und Götter gemacht werden.

Beide Seiten treffend zu benennen, ist schwierig, weil alle geläufigen Bezeichnungen für Menschen, die ohne eigene Erfahrung mit Gott sind, sehr negativ besetzt sind und oft als Schimpfwörter und als regelrechte Bannaussagen und sogar als Verfluchungen, Verurteilungen, Aussetzungen gemeint sind, die den Bezeichneten zum Freiwild und Verstoßenen stempeln und stempeln sollten.

Man sollte nicht meinen, daß solche Bezeichnungen von gläubigen Menschen stammen, die ich im Folgenden Paragnostiker nennen möchte, die wissen sollten, daß Gott auch die Unwissenden persönlich kennt,  ja geschaffen hat und liebt, und daß jene Menschen ohne Erfahrung mit Gott, die ich im Folgenden Diskursanten nennen will, durchaus ebenso wahrheitsliebend oder verschlagen, ebenso sorgfältig im Denken oder leichtfertig sein können, wie wir es bei Paragnostikern finden.

Um gerecht, d.h. genügend sorgfältig zu sein, und mögliche Mißverständnisse zu vermeiden, muß man beide Seiten nocheinmal unterteilen.

Denn diese alten Bezeichnungen mit den schlimmen Bedeutungen wie "Gottloser", stammen aus einer zum Teil auch vorchristlichen und animistischen Zeit, wo praktisch jeder mit solchen paragnostischen Erfahrungen lebte, die er auf außer- und übersinnliche Kräfte, Mächte, Gesetze, Geister und Götter zurückführte und mit allgebräuchlichen Namen jeweiliger Kultur bezeichnete, und wo die Existenz übermenschlicher Wesen, Geister und Götter ganz außer Frage stand.
Es waren oft mutige, meist aufrichtige und wahrheitsliebende Skeptiker innerhalb (d.h. außerhalb)  der verschiedenen Religionen und Kulturen und besonders innerhalb der späteren jüdischen Kultur, die einen rigorosen Unterschied machten zwischen den abergläubischen und okulten Projektionen und Phantasiekonstrukten einerseits und den Erfahrungen mit Gott andererseits. Solche Skeptiker waren nie beliebt, wenn sie animistische Erfahrungen und paragnostische Erklärungen z.B. als Projektionen und Produkte der Phantasien bezeichneten, mit denen unerklärliche Geschehen kausal begründet wurden.
Erst mit der Christianisierung ging es im Abendland darum, ob man den wahren und richtigen und tatsächlichen Gott, den Gott Abrahams und den Gott und Vater Jesu meinte und akzeptierte, oder irgendwelche Abgötter, Ungeister, Dämonen und Unwesen meinte, was seitdem als Aberglaube gilt.

Man muß deswegen unter den Paragnostikern  diejenigen, die an den tatsächlichen Gott glauben unterscheiden von denen, die nur Erfahrungen haben mit anderen außersinnlichen Mächten, Geistern, Teufeln, Göttern und Dämonen, wie z.B. Horoskope, Amulette, okulte Formeln usw.. Für einen Diskursanten ist es vielleicht nicht möglich, solche Unterscheidung zu machen, weil er solche Erfahrungen nicht nachvollziehen kann oder will.

Als gläubige Diskursanten muß man diejenigen bezeichnen, die an Gott glauben, die sich aber im kritischen Diskurs über Animismus und Aberglauben, über Sekten, Okultismus und andere Religionen usw. befinden.

Schließlich gibt es als fünfte Kategorie Menschen und ihre Äußerungen, die ohne eigene paragnostische Erfahrungen nur aufgrund der Äußerungen von glaubwürdigen Menschen oder deren Argumente, - z.B. der Bibel oder des Korans - quasi blind an Gott glauben ohne . Der direkte oder indirekte Glaubenszwang und die direkte oder indirekte Indoktrination und Erziehung, was es natürlich auch heute gibt, führt ebenfalls zu Menschen dieser fünften Kategorie und ihren Äußerungen.

Wie man und worüber man jeweils selbst spricht, hängt davon ab, wozu man gehört und zu wem man spricht.
 

Es ist notwendig,  jeweils zu erkennen und zu reflektieren, wer warum worüber zum wem spricht.

(Fußnote 1. Das Urteil darüber läßt sich allerdings nicht objektivieren oder beweisen, selbst dann, wenn der Schreibende oder Sprechende solches selbst behauptet oder bestreitet und muß also im Bereich der stillschweigenden Reflexion bleiben. Man sollte dabei vor Augen haben, daß die Gewißheit einerseits und das Erlebnis andererseits der Gottesnähe oder Gottesgegenwart als Fakt und dessen Erkennen ein Korrelat ist, das also zur reinen Behauptung wird, soweit Gott keiner Begrifflichkeit unterzuordnen ist, z.B. in der Erinnerung, Beschreibung, Erzählung, Definition oder Attribution. )

Glossar
Pragnostiker Menschen mit übersinnlichen Erfahrungen
Gläubige Paragnostiker Menschen mit Erfahrungen mit Jesus und dem Gott Abrahams bzw. mit dem tatsächlichen Gott
Diskursanten Menschen im Diskurs über den Glauben ohne eigene paragnostische Erfahrung.
Gläubige Diskursanten Gläubige Menschen im Diskurs über außersinnliche Dinge, die sie nicht bejahen bzw. die nicht zu ihrem Glauben gehören.
Gläubige Menschen, die auch ohne eigene paragnostische Erfahrungen zu den wahren Religionen gehören.

 

 Fortsetzung allgemeiner Überlegungen


Der einfache Glaube wird uns geschenkt, und er ist eine kostbare Perle und das höchste, was ein Mensch auf Erden erleben
   kann; aber wegen der offiziellen Lehre, Erklärung, Begründung, die nun mal zur Begrifflichkeit jeder Gemeinschaft gehört,
 führten und führen wir Kriege und werden wir zu Unmenschen, Dogmatikern, Konfessionellen und Pharisäern, und dennoch und  gerade deswegen müssen wir den menschlichen Teil dieser göttlichen Gabe als Aufgabe verstehen, dieses zwischenmenschliche Problem zu lösen.
Gerade das Bemühen, die Erfahrungen mit dem eigenen Glauben einem anderen Menschen darzustellen, mit Worten, Vergleichen, Bildern, Erzählungen, Argumenten, Rhetorik und Polemik, um dieses demjenigen verständlich zu machen, der diesen Glauben nicht kennt, erforderte es immer - wie es auch heute nicht anders ist - sich in Sprache, Mentalität, Erfahrungen und die Begriffswelt des anderen auszudrücken. Jenen Kontext könnte man als Form der Botschaft umschreiben, die sich bis heute durch den Wortlaut erhalten hat. In den unschätzbar wertvollen Überlieferungen frühester Christenheit - wie auch des Islam - die wir möglichst im damaligen Kontext auch erhalten sollten, gilt es heute - nach fast 2000 oder 1500 Jahren - die wertvolle Botschaft von jenem Kontext zu unterscheiden.
Das sorgfältige Erhalten der ursprünglichen Botschaft führt allerdings zu dem Problem, zu der Versuchung und zu der Gefahr, auch die Form, d.h. den Kontext als Prämisse der Botschaft zu dogmatisieren, wobei, wie alle Erfahrung lehrt, oft die eigentliche Botschaft undeutlich wird.
Es war doch Ziel der Botschaft, sowohl bei Jesus wie auch bei Mohammed, das damalige Selbstverständnis der Menschen, nämlich das, was uns als Kontext in den alten Schriften begegnet, zu verändern und zu emanzipieren.
Und so läuft christlicher wie islamischer Fundamentalismus bei dem Bemühen, die alten Lehren zu erhalten, Gefahr, eher den Kontext zu predigen und zu erhalten und damit eine Emanzipation zu verhindern.

Ich versuche das schwierige Problem, Sinn und Bedeutung in der Abhängigkeit von Sprache einerseits und der Unabhängigkeit von zeitlich bedingten Formen andererseits, in meiner Gegendarstellung zu Augstein etwas ausführlicher verständlich zu machen, und in mehr einfachen Worten in meiner Kunsttheorie (siehe Bündnis gegen Faschismus).

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Prolog
Das Projekt Religionsbuch
Theologische Theologie von John Webster
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Kapitel 1, Die jeweils eigene Religion
Kapitel 2, Die Entstehung der Religionen und Religionsgebiete
Kapitel 3, Definieren, streiten, tolerieren, abgrenzen,
Kapitel 4, Andere Religionen verstehen
Kapitel 5, Die Religionen und Konfessionen in friedlicher Gemeinschaft