Die Welt und wir

Gerold Prauss

ISBN-13: 978-3-476-01743-7 ISBN-10: 3-476-01743-5

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September / 2006

Verlag J.B. Metzler Stuttgart • Weimar

Gerold Prauss: Die Welt und wir. Bd. 2/2 Seite 644-655

16. Unser Verhältnis zu den Körpern, die wir als Subjekte haben

Welches Verhältnis ein Suhjekt zu seinem Körper hat, ist noch bis heute rätselhaft, weil auch bis heute noch ein Rätsel ist, was ein Subjekt als solches selbst ist. Rätselhaft muß es daher auch sein, in welchem Sinn ein Subjekt einen Körper hat und nicht etwa ein Körper ist. Denn Grundvoraussetzung dafür, daß ein Subjekt zu seinem Körper in einem Verhältnis steht, ist eben, daß es nicht einfach ein Körper ist, sprich: nicht einfach mit ihm identisch, sondern zu ihm different ist, auch wenn es an diesen Körper unlösbar gebunden ist. Entsprechend aufschlußreich sind Schwierigkeiten, die nur wegen dieses unklaren Verhältnisses entstehen, wie zum Beispiel in der Rechtsphilosophie von Kant sogleich am Anfang. Dieser lautet:

Das Privatrecht (Kant)

Vom äußeren Mein und Dein überhaupt Von der Art etwas Äußeres als das Seine zu haben

§1.

Das Rechtlich-Meine (meum iuns) ist dasjenige, womit ich so verbunden bin, daß der Gebrauch, den ein Anderer ohne meine Einwilligung von ihm machen möchte, mich lädieren würde. Die subjektive Bedingung der Möglichkeit des Gebrauchs überhaupt ist der Besitz.

Etwas Äußeres aber würde nur dann das Meine sein, wenn ich annehmen darf, es sei möglich, daß ich durch den Gebrauch, den ein Anderer von einer Sache macht, in deren Besitz ich doch nicht bin, gleichwohl doch lädiert werden könne. - Also wider­spricht es sich selbst, etwas Äußeres als das Seine zu haben, wenn der Begriff des Besitzes nicht einer verschiedenen Bedeutung, näm­lich des sinnlichen und des intelligibelen Besitzes, fähig wäre, und unter dem einen der physische, unter dem anderen ein bloß-rechtlicher Besitz ebendesselben Gegenstandes verstan­den werden könnte.

Der Ausdruck: ein Gegenstand ist außer mir, kann aber ent­weder so viel bedeuten,"als: er ist ein nur von mir (dem Subjekt) unterschiedener, oder auch ein in einer anderen Stelle (posi-

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tus), im Raum oder in der Zeit, befindlicher Gegenstand. Nur in der ersteren Bedeutung genommen, kann der Besitz als Vernunft­besitz gedacht werden: in der zweiten aber würde er ein em­pirischer heißen müssen. - Ein intelligibeler Besitz (wenn ein solcher möglich ist) ist ein Besitz ohne Inhabung (detentio).1

Der Grund dafür, daß seine Interpreten insbesondere diesen Text bis heute nicht verstehen können, ist im wesentlichen der, daß ihnen seine eigentliche Schwierigkeit entgeht: das schwierige Ver­hältnis des Subjekts zu seinem Körper. Dieses nämlich setzt Kant darin immer nur intuitiv und implizit voraus und bringt es niemals auch noch diskursiv und explizit mit ein. Dies aber führt zu Fehl­auslegungen, die ihresgleichen suchen, weil bereits bei Kant aus diesem Grund allein schon das Problem von so etwas wie Recht in unserer Welt nicht voll entfaltet wird.

Um das, was dieser Text intuitiv und implizit läßt, diskursiv und explizit zu machen, müssen Sie daher auch Schritt für Schritt vorgehen. Nur dadurch nämlich können Sie verstehen, was Kant zum einen als Verhältnis des Subjekts zu seinem Körper ansetzt und was dies zum ändern für das Auftreten von so etwas wie Recht in unserer Welt bedeutet. Freilich hätte spätestens durch die Bereinigung des Textes2 überdeutlich werden müssen, wie ent­scheidend-wesentlich dafür dieses Verhältnis ist. Durch sie rückt nämlich ein konkretes Beispiel dafür, was dieser abstrakte Text behandelt, ihm noch näher, wonach Kant dabei vor Augen steht, ob jemand »einen Apfel« beispielsweise »in der Hand« hat oder nicht3, ein Beispiel, mit dem dieser Text sonach zusammenstim­men müßte. Wenn Sie so an diesen Text herangehen, werden Sie jedoch entdecken, daß genau in dieser Hinsicht sich bisher die Fehlauslegungen buchstäblich jagen.

Das beginnt schon damit, daß man unbeachtet läßt, wie Kant den ersten Paragraphen seines Textes gliedert, nämlich in drei Absätze, von denen jeder eine eigene Zielsetzung besitzt: Obwohl für den gesamten Paragraphen der Begriff des »Äußeren« entschei­dend ist, wie schon die Überschriften zeigen, tritt er nicht bereits

1   Bd. 6, S. 245 f.

2   B. Ludwig 1998.

3   A.a.O., S. 54.

  

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im ersten Absatz, sondern erst im zweiten auf, indem er durch ein nachgestelltes »aber« eigens eingeführt wird. Dementsprechend wird auch erst im dritten Absatz angegeben, daß er sich in zwei verschiedenen Bedeutungen verstehen läßt. Daraus ergibt sich zwingend, daß die Aussage des ersten und des zweiten Absatzes auch ohne diese Unterscheidung dieser zwei Bedeutungen des »Äußeren« verständlich sein muß, und das heißt zuletzt: für beide gültig sein muß. Um dies letztere zu überprüfen, gilt es daher, diese zwei Bedeutungen zunächst einmal herauszustellen, und schon dabei unterläuft den Interpreten offenbar ein Fehler, der entscheidend ist.

So weit ich sehen kann, hat jedenfalls bisher noch niemand explizit herausgestellt, daß bei der Formulierung dieser unter­schiedlichen Bedeutungen des »Äußeren« ein »nur« an falscher Stelle steht, wie Kant es öfters stehen läßt4: Er sagt, »ein Gegen­stand ist außer mir«, bedeute einerseits, »er ist ein nur von mir (dem Subjekt) unterschiedener^. Doch nehmen Sie das »nur«, in dieser Stellung wörtlich, so ergibt sich etwas Unverständliches. Was nämlich sollte sich verstehen lassen unter einem Gegenstand, der »nur von mir«, das hieße: nicht auch noch von etwas Anderem als mir, »ein [...] unterschiedener« wäre? Haben Sie den Text zunächst einmal so weit genau genommen, sehen Sie sofort, wie schon allem die Tatsache, daß Kant das »unterschiedener« hervor­hebt, dazu zwingt, das »nur« nicht auf »von mir«, .sondern auf »unterschiedener« zu beziehen. Den Text so weit genau zu nehmen aber unterläßt man, so daß man sich damit selber ein Verständnis dieses Textes insgesamt unmöglich macht, weil dadurch auch noch das Verstehen der anderen Bedeutung eines »Äußeren« ver­hindert wird6. Zuletzt liegt dieser Unterlassung aber gar nichts anderes zugrunde als Problemflucht.

Jene erste Charakterisierung der Bedeutung eines »Äußeren« kann nämlich nur den jeweils eigenen Körper eines Subjekts mei­nen. Dies jedoch muß man tatsächlich problematisch finden, wenn man übersieht, daß der Begriff des Rechts hier allererst begründet _

4   Vgl. z.B. Bd. 5, S. 204, Z. 15; Bd. 8, S. 414, Z. 6; Bd. 16, S. 251, Z. 11. A '
494 B 523.

5   B. Ludwig  1998, S. 53  (Kants Hervorhebungen). Ähnlich auch noch
S. 60 und S. 73.

6   Vgl. z.B. W. Kerstmg 1984, S. 117, Z. 22-30.                                                 ,

  Unser Verhältnis m den Körpern, die wir als Subjekte haben

oder hergeleitet werden soll, weil man ihn vielmehr immer schon voraussetzt. Nur mein eigener Körper nämlich ist ein Gegenstand, der »außer mir« in dem Sinn ist, daß er »von mir (dem Subjekt)« ein »nur unterschiedener« ist; und dies bedeutet, daß er mir als einem Subjekt gegenüber nicht etwa »auch ein in einer anderen Stelle (positus) im Raum oder in der Zeit befindlicher Gegenstand« ist'. Denn natürlich ist nicht nur das Äußere meines Körpers, sondern auch noch jedes andere Äußere ein »von mir (dem Subjekt) unter­schiedener« Gegenstand. Doch ist es eben keiner, der »von mir (dem Subjekt)« ein »nur unterschiedener« wäre. Vielmehr ist es »auch« noch »ein in einer anderen Stelle (positus) im Raum oder in der Zeit befindlicher«, das heißt: ein Gegenstand, der sich auch noch an einer anderen Raum/Zeit-Stelle befindet, als an der ich mich als ein Subjekt befinde. Und das gilt für meinen eigenen Körper eben nicht. Denn der befindet sich durchaus nicht »auch« an einer anderen Raum/Zeit-Stelle als ich, ein Subjekt, weil sonst ich, ein Subjekt, mich auch umgekehrt an einer anderen Raum/ Zeit-Stelle befinden müßte als mein Körper. Dieser ist vielmehr von mir, einem Subjekt, »nur« unterschieden, so wie umgekehrt auch ich, als ein Subjekt, »nur« unterschieden bin von meinem Körper, aber eben nicht auch noch an einer anderen Raum/Zeit-Stelle.

Was man im ganzen nicht versteht, ist somit, wie Sie nunmehr sehen können, daß Kant hiermit insgesamt nichts anderes charak­terisiert als das Verhältnis, in dem jeweils ein Subjekt zu seinem eigenen Körper steht. Und danach unterscheidet es sich grundsätz­lich von dem Verhältnis, in dem Körper zueinander stehen und in dem sonach auch ein Subjekt zu jedem anderen als seinem eigenen Körper steht, weil es an einen, eben seinen Körper unlösbar ge­bunden ist. Dies aber hat dann Folgen für den Sinn, in dem ein Subjekt einen, nämlich seinen Körper hat oder besitzt. Denn da es demgemäß nur unterschieden ist von seinem eigenen Körper, hat oder besitzt es seinen eigenen Körper eben auch in einem Sityn, in dem es einen ändern Körper als den eigenen gerade nicht besitzt, gerade nicht hat. Und so müßte dieser Sinn sich denn auch unter­scheiden von dem Sinn, in dem es auch noch einen ändern Körper als den eigenen besäße oder hätte, wenn es wie den eigenen auch

7 Vgl. B. Ludwig 1998,5.53.

  

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noch einen ändern Körper als den eigenen besitzen oder haben könnte, was es aber eben gar nicht kann.

Allein um dieses Eigentümliche, ja Einzigartige an Sinn heraus­zustellen, in dem ein Subjekt einen Körper hat oder besitzt, und nicht etwa, um einen rechtlichen Besitz zu charakterisieren, be­zeichnet Kant diesen Besitz als den »Vernunftbesitz«, womit er einen nichtempirischen Besitz meint, den er auch »intelligibel« nennt. Von diesem her gesehen »würde« nämlich ein Besitz von einem anderen als seinem eigenen Körper, wenn er möglich wäre, als »empirischer« oder als »physischer« Besitz betrachtet werden " »müssen«8. Denn er könnte dann auch nur als irgendein Verhältnis zwischen dem je eigenen Körper eines Subjekts und einem je ändern als dem eigenen Körper eines Subjekts gelten. Doch wie könnte dieses bloße »physische« oder »empirische« Verhältnis zwi-sehen Körpern - wie etwa, wenn ich »in meiner Hand« zum Beispiel »einen Apfel« halte - gleichfalls das Verhältnis von »Besitz« oder von »Haben« sein? Denn dies ist doch zunächst nur das Verhältnis eines Subjekts zum je eigenen Körper, das als solches auch nur ein »Vernunftbesitz« und somit auch nur ein »intelligibles« ist, das heißt: gerade nicht ein »physisches« oder »empirisches« Verhältnis. Nichts geringeres als diese Problematisierung ist es, die man bisher nicht versteht: weshalb man auch daran vorbeigeht, daß und wie Kant den Begriff des Rechts durch eben diese Pro­blematisierung überhaupt erst einzuführen und herzuleiten oder zu begründen sucht, weil man ihn dabei vielmehr immer schon vor- • aussetzt.

Das sehen Sie nicht nur daran, daß bis heute niemand zu er­klären vermag und deshalb auch erst gar nicht zu erklären ver-* sucht, weswegen Kant vom »physischen« oder »empirischen« Be­sitz hier erst einmal im Irrealis (»würde ... heißen müssen«) spricht. Muß dies doch in der Tat von Grund auf unverständlich bleiben, wenn man dabei unter dem »Besitz« von vornherein schon rechtli­chen Besitz versteht. Denn nicht verständlich werden kann, wie eigentlich die Möglichkeit von »physischem« oder »empirischem« als rechtlichem Besitz in Frage stehen soll, weshalb man diese selbstherbeigeführte Unverständlichkeit denn auch mit Stillschwei­gen am liebsten übergeht.

8 A.a.O.

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Doch nicht mehr übergehen läßt sich, daß man den Besitz, den Kant hier als »intelligiblen« oder als »Vernunftbesitz« bezeichnet, dinn auch nur noch als Besitz im Sinn von Eigentum verstehen kann, wenn man ihn immer schon als rechtlichen Besitz verkennt, woran Sie vollends sehen, was alles man hier mißversteht. Dies nämlich führt zu kaum noch überbietbaren Absurditäten, die man aber trotzdem stehen lassen muß. Denn dann muß ausgerechnet Eigentum als etwas gelten, bei dem »abgesehen werden« muß von »räumlichen und zeitlichen Distanzen zwischen Subjekt und Ob­jekt«, weil dieses dabei »nur als ein >von mir (dem Subjekt) unter­schiedener«« Gegenstand betrachtet werden kann9. Doch damit hat man buchstäblich die Sache auf den Kopf gestellt, weil umge­kehrt gerade wesentlich zum Sinn von Eigentum gehört, daß es grundsätzlich etwas räumlich-zeitlich Anderes ist gegenüber einem Subjekt und mithin auch gegenüber dem je eigenen Körper dieses Subjekts, dessen Eigentum es ist. Denn Eigentum eines Subjekts ist etwas, das auch dann Besitz dieses Subjekts ist, wenn es nicht im »physischen« oder »empirischen« Besitz desselben ist, wie etwa, wenn es einen Apfel nicht »in seiner Hand« hält und er dennoch »seiner«, eben Eigentum desselben ist. Doch kann das eben über­haupt nur sinnvoll sein, we.m dieses etwas räumlich-zeitlich'An­deres als dessen Körper ist, durch den ein Subjekt auch im »physi­schen« oder »empirischen« Besitz von seinem Eigentum sein kann, wie etwa, wenn es diesen seinen Apfel auch in seiner Hand hält.

Nur ist von solchem Eigentum an dieser Stelle überhaupt noch keine Rede. Denn hier ist auch überhaupt noch nichf von Recht die Rede, weshalb auch noch weder mit »Vernunftbesitz« von etwas Äußerem noch mit »physischem« oder »empirischem« Besitz von etwas Äußerem etwa rechtlicher Besitz gemeint ist. Von Besitz ist hier vielmehr ausschließlich in dem Sinn die Rede, in dem ein Subjekt etwas ihm Äußeres, einen Körper, hat oder besitzt, den jeweils eigenen nämlich, einem Sinn, in dem es schlechterdings kein anderes Äußeres, keinen anderen Körper hat oder -bfsitzt. Besäße oder hätte es daher auch noch ein anderes Äußeres, auch

9 W. Kersting J984, a.a.O. — Das besagte »nur«, das ohnehin schon falsch steht, rückt man hierbei von seinem Beziehungswort noch weiter weg und macht den eigentlich gemeinten Sinn auf diese Weise nur noch unver­ständlicher.

  

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noch einen anderen Körper als den jeweils eigenen, so auc'i nur in einem anderen Sinn. Der aber wäre dann von diesem ersteren auch grundverschieden und darum auch erst noch eigens einzuführen und zu begründen, eben herzuleiten. Und erst dieser wäre dann der Sinn des Rechtes oder rechtlichen Besitzes. Diesen herzuleiten oder zu begründen, hat daher zur Vorbedingung, ihn gerade nicht be­reits vorauszusetzen, denn sonst müßte die Begründung oder Herleitung im Zirkel enden. Und tatsächlich hat oder besitzt ein Subjekt seinen eigenen Körper nicht etwa von vornherein im Sinn von rechtlichem Besitzen oder Haben, nämlich weder in dem Sinn von Eigentum noch von Besitz als rechtlichem, was beides Unsinn wäre. Eben deshalb aber ist der Sinn, in dem ein Subjekt seinen eigenen Körper hat oder besitzt, geeignepfür die Herleitung oder Begründung dieses Sinns von Recht und rechtlichem Besitzen oder Haben. Und so könnte man denn auch erst, wenn man dies verstanden hätte, noch verstehen, was- Kant im ersten und im zweiten Absatz dieses ersten Paragraphen leistet - wie auch, was gerade nicht, und deshalb ist das alles noch bis heute nicht ver­standen.

Wovon man sich ferner täuschen läßt, ist offenbar, daß Kant bereits im ersten Absatz den Begriff des Rechtes und des rechtli­chen Besitzes einführt. Doch das tut er nur, um anzuzeigen, was es erst noch zu begründen oder herzuleiten gilt, und nicht, um es als hergeleitet oder als begründet etwa schon vorauszusetzen. Eben dann liegt der Grund dafür, daß Kant hier ausschließlich den Sinn von Recht oder von rechtlichem Besitz ah solchen angibt, und das heißt: Er läßt dabei gerade offen, ob es so etwas, und wenn ja, wie es so etwas denn überhaupt soll geben können. Denn erst darin, nämlich in dem Nachweis auch noch dieses letzten, läge die Be­gründung oder Herleitung von so etwas wie Recht und recht­lichem Besitz in unserer Welt. Und dieser Grundsinn eines Rechtes oder eines rechtlichen Besitzes ist nach Kant gerade folgender: »Das rechtlich Meine (meum Juris) ist dasjenige, womit ich so verbunden bin, daß der Gebrauch, den ein Anderer ohne meine Einwilligung von ihm machen möchte, mich lädieren würde«10. Dieser Sinn einer Lädierbarkeit ist es sonach, in dem die Möglich­keit von so etwas wie Recht bzw. rechtlichem Besitz erst zu

10 B.Ludwig 1998,5.53.

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begründen oder herzuleiten ist. Und wieder zeigt sich Ihnen, daß auch hier schon, und das heißt: bereits von Anbeginn jenes Ver­hältnis des Subjekts zu seinem eigenen Körper das für Kant Ent­scheidend-Wesentliche ist.

Denn lassen Sie den Sinn dieser Lädierbarkeit zunächst genauso implizit und intuitiv wie Kant selbst, so sehen Sie: Den Sinn des Rechtes oder rechtlichen Besitzes führt er schon von Anbeginn ausschließlich ein im Hinblick auf das Äußere, dessen Sinn sich ausschließlich ergeben kann in Abgrenzung zum Sinn des Äußeren, welches im Verhältnis zu einem Subjekt steht, wie das Äußere seines eigenen Körpers. Denn von vornherein bezieht er diesen Sinn von Recht oder von rechtlichem Besitz ausschließlich auf das Äußere, welches ein Subjekt in keinem Sinn besitzt: weder in dem Sinn, in dem so ein Subjekt etwas Äußeres als den eigenen Körper hat oder besitzt, noch auch in dem, wonach es durch ihn auch noch etwas anderes Äußeres oder auch noch einen anderen als den eigenen Körper haben kann oder besitzen kann, wie wenn es »einen Apfel« beispielsweise »in der Hand« hält. Was auch immer nämlich unter jenem Sinn einer Lädierbarkeit sich diskursiv und explizit verstehen ließe, so gehört doch schon von Anbeginn der Sinn einer Verbundenheit zu ihm hinzu, durch die allein 'eine Lädierbarkeit hiernach gegeben sei. Soll »rechtlich mein« doch »dasjenige« sein, »womit ich so verbunden bin, daß der Gebrauch, den ein anderer ohne meine Einwilligung von ihm machen möchte, mich lädieren würde«. Und in diesem Sinn »verbunden« bin ich eben nicht allein mit meinem eigenen Körpe», sondern auch mit jedem anderen, sobald ich und solang ich mit ihm durch den eigenen »verbunden« bin, wie wenn ich »in der Hand« zum Beispiel »einen Apfel« halte. Deshalb würde ich nach dem intuitiv und implizit vorausgesetzten Sinn jenes Lädierens nicht allein durch den Gebrauch lädiert, den ohne meine Einwilligung jemand an­derer von diesem meinem eigenen Körper machen wollte, sondern auch durch den Gebrauch, den ohne meine Einwilligung jeÄiand auch von diesem anderen als meinem eigenen Körper machen wollte, mit dem ich durch meinen eigenen verbunden bin, indem er mir »den Apfel« etwa »aus der Hand winden \...} wollte«11.

Um so auffälliger aber müßte dann auch werden: Diesen Sinn

11  A.a.O., S. 54.

  

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von Recht oder von rechtlichem Besitz setzt Kant, nachdem er ihn auf diese Weise vollständig ins Spiel gebracht und soweit auch vorausgesetzt hat, ausschließlich mit einer solchen äußeren »Sache« in Beziehung, »in deren Besitz ich doch nicht bin«. Denn damit kann er nach dem vorigen nichts anderes meinen als: mit der ich nicht »verbunden« bin, will sagen: weder so verbunden wie mit meinem eigenen noch so verbunden wie durch meinen eigenen mit einem anderen als meinem eigenen Körper, wie zum Beispiel mittels meiner Hand mit einem Apfel. Und das heißt: Zwar führt er den Begriff des Rechtes oder rechtlichen Besitzes ein im Sinn jener Lädierbarkeit eines Subjekts auf Grund dieser Verbundenheit eines Subjekts mit seinem eigenen Körper oder auch durch seinen eigenen noch mit einem anderen Körper. Trotzdem aber geht er darüber in auffälliger Weise grundsätzlich hinaus, indem er eine weitere Problematisierung vornimmt, die der vorigen genauestens entspricht, was aber keinem seiner Interpreten aufzufallen scheint. Denn in genau dem Sinn jener Lädierbarkeit, in dem er eingeführt ist, schließt dieser Begriff des Rechtes oder rechtlichen Besitzes auch noch anderes Äußeres, auch noch andere Körper ein. Schließt er doch auch noch jedes solche Äußere, auch noch jeden solchen Körper ein, mit dem ein Subjekt nicht verbunden ist — nicht einmal mittelbar, wie durch den eigenen mit einem anderen, geschweige denn unmittelbar, wie mit dem eigenen — und dennoch durch einen Gebrauch, den ohne Einwilligung dieses Subjekts jemand anderer von ihm macht, lädierbar ist.

Das heißt: Von vornherein geht Kant dabei ausschließlich aus von demjenigen Äußeren, das nicht der Körper eines Subjekts ist. Gilt dies doch auch für jedes Äußere, das zufällig »verbunden« ist mit diesem Körper eines Subjekts, wie den Apfel, den es in der Hand hält und der dadurch ja noch nicht zu einem Teil von seinem Körper wird, wie seine Hand es ist. Denn nur, daß ich mit ihm in keinem Sinn »verbunden« bin, kann nach dem vorigen gemeint sein, wenn Kant anschließend von etwas Äußerem als einer »Sa­che« redet, »in deren Besitz ich doch nicht bin«12. Gehört dies doch zum Sinn von Recht und rechtlichem Besitz, in dem dergleichen seiner Möglichkeit nach hergeleitet werden soll, nun einmal mit hinzu: Bin ich in diesem Sinn von Recht und rechtlichem Besitz

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doch auch lädierbar, wenn ein anderer ohne meine Einwilligung von etwas Gebrauch macht, mit dem ich in keinem Sinn »ver­bunden« bin, wenn ich im rechtlichen Besitz desselben bin. Und auch erst dies ergibt dann den für eine Herleitung der Möglichkeit von so etwas wie Recht und rechtlichem Besitz entscheidenden Gesichtspunkt, nämlich ob — und wenn ja, wie — auch ohne daß Verbundenheit von dieser oder jener Art besteht, Lädierbarkeit bestehen kann. Und diese Problematisierung hängt sonach mit jener Problematisierung wesentlich zusammen, weil dies über­haupt nichts anderes besagt, als wie ich im Besitz von etwas sein kann, in dessen Besitz ich nicht sein kann, weil dieses Etwas nicht mein Körper ist. Nur so ergibt sich nämlich schon im zweiten Absatz dieses ersten Paragraphen eine Widersprüchlichkeit, von der Kant spricht, von der jedoch bis heute noch nicht einer seiner Interpreten auch nur den Versuch gemacht hat, aufzuzeigen, worin sie denn eigentlich genau bestehen soll. Und dies auch nur, weil keinem deutlich wird, wie wesentlich dabei für Kant dieser Zusam­menhang mit dem je eigenen Körper eines Subjekts ist.

Nur so kann aber auch verständlich werden, welches die Al­ternative ist, die Kant zu dieser Widersprüchlichkeit entwickeln möchte, um sie zur Begründung oder Herleitung von so etwas wie Recht und rechtlichem Besitz in unserer Welt heranzuziehen, wenn er fortfährt: »Also widerspricht es sich selbst, etwas Äußeres als das Seine zu haben, wenn der Begriff des Besitzes nicht einer verschiedenen Bedeutung, nämlich des sinnlichen und des intelligi-blen Besitzes, fähig wäre, und unter dem einen der physische, unter dem ändern aber ein bloß-rechtlicher Besitz eben desselben Gegen­standes verstanden werden könnte«13. Groß ist nämlich die Versu­chung, die darin enthaltene Unterscheidung von Besitz als »sinn­lichem« bzw. »physischem« und als »intelligiblem« einfach gleich­zusetzen mit der Unterscheidung von Besitz als dem »Vernunftbe­sitz« und als »empirischem« im dritten Absatz. Diese wäre dann bei Kant zwar einfach eine überflüssige und somit nichtssagende Wie­derholung, die man ihm jedoch anscheinend ohne weiteres zu­traut. Aber mögen sie auch noch so viel gemeinsam miteinander haben, so sind diese beiden Unterscheidungen doch mindestens in

  

  12 A.a.O., S. 53.

  13 A.a.O.

  

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einer Hinsicht grundverschieden voneinander, was denn auch ent­scheidend-wesentlich ist, was man aber übersieht.

Zum einen nämlich sieht man nicht: Im dritten Absatz spricht Kant von Besitz als dem »Vernunftbesitz« nur in dem Sinn, in dem ein Subjekt einen, seinen Körper hat oder besitzt: als dasjenige Äußere, das von diesem Subjekt nur unterschieden ist, doch nicht auch noch an einer räumlich-zeitlich ändern Stelle ist als es. Zum ändern aber kann man eben deshalb auch nicht sehen: Im zweiten Absatz spricht Kant umgekehrt gerade nur von solchem Äußeren, das nicht der Körper eines Subjekts ist; und auch nur deshalb spricht er hier von Recht und rechtlichem Besitz, gerade weil er dessen eigentlichen Sinn ausschließlich über solches Äußere ein­führt, das ein Subjekt nicht zu seinem Körper hat oder besitzt. Und damit übersieht man eben auch noch insgesamt: Im zweiten Ab­satz meint er mit »Besitz« im Sinne des »intelligiblen« das genaue Gegenteil zu demjenigen Äußeren, das er im dritten Absatz als »Vernunftbesitz« bezeichnet, nämlich dasjenige Äußere, das ein Subjekt gerade nicht als seinen Körper hat oder besitzt14. Und deshalb sieht man vollends nicht: Auch nur aus diesem Grund, das heißt, nur weil ein Subjekt dieses Äußere gerade nicht zu seinem Körper hat oder besitzt, bezeichnet Kant diesen Besitz von sol­chem Äußeren als den »bloß-rechtlichen«, womit er nicht nur keine Abwertung zum Ausdruck bringt, sondern im Gegenteil gerade den rein rechtlichen Besitz als den im eigentlichen Sinne rechtlichen.

Was man nicht sieht, ist. somit nichts geringeres als folgendes: Wie den Besitz von solchem Äußeren, das ein Subjekt zu seinem Körper hat oder besitzt, bezeichnet Kant sonach auch den Besitz von solchem Äußeren, das ein Subjekt gerade nicht zu seinem Körper hat oder besitzt, als einen nur »intelligiblen«, der im letzten Fall jedoch gerade dadurch der rein rechtliche bzw. der im eigent­lichen Sinne rechtliche sein soll. Das heißt zunächst: In diesem rechtlichen Besitz von etwas Äußerem soll ein Subjekt danach in dem Sinn sein, daß dieses Subjekt solches Äußere zwar nicht als seinen Körper hat oder besitzt, sehr wohl jedoch wie seinen Kör-

14 Der Gedankenstrich im dritten Absatz hat den Zweck, die Stelle zu bezeichnen, bis zu welcher"Kant allein von dem Besitz des jeweils eigenen Körpers handelt und ab welcher auch noch über rechtlichen Besitz. • _,

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per hat oder besitzt: im Sinn eines Besitzes als eines »intelligiblen« nämlich. Demgemäß ergibt sich dieser Sinn von Recht und recht­lichem Besitz gerade dadurch, daß in jenen Sinn eines Besitzes als eines »intelligiblen«, der zunächst ausschließlich für das Äußere des jeweils eigenen Körpers eines Subjekts gilt, auch solches Äußere noch einbezogen wird, das nicht der jeweils eigene Körper dieses Subjekts ist und somit nicht von ihm »nur unterschieden«, sondern räumlich-zeitlich »auch an einer ändern Stelle« ist als es.

Dann aber heißt das umgekehrt, daß dieser eigentliche Sinn von Recht und rechtlichem Besitz als ein »intelligibler« sich von dem »intelligiblen« Sinn auch überhaupt nicht unterscheidet, in dem dieses Subjekt im Besitz von seinem eigenen Körper ist. Auch nur aus diesem Sinn ergibt sich nämlich jener Sinn von Recht und rechtlichem Besitz, dann nämlich, wenn statt seiner vielmehr nur das eine von dem ändern Äußeren sich unterscheidet: nur der eine von dem ändern Körper, weil er nicht der eigene Körper eines Subjekts ist. Und dies, weil deren jeder oder jedes in genau dem seihen Sinn Besitz sein soll, das heißt, in dem »intelligiblen« Sinn. Denn danach soll ich in genau dem Sinn, in welchem ich bezüglich dieses oder jenes Körpers, sprich, bezüglich dieses oder jenes Äußeren »lädierbar« bin, wenn ich mit ihm »verbunden« bin, auch noch bezüglich eines Äußeren, mit dem ich nicht »verbunden« bin, »lädierbar« sein, wenn ich im rechtlichen Besitz desselben bin.

Mithin kann dieser Sinn einer Lädierbarkeit als einer rechtlichen auch nur aus jenem Sinn einer Lädierbarkeit hervorgehen, die daher jedoch auch ihrerseits in irgendeinem Sinn schon eine recht­liche sein müßte. Denn sonst könnte nicht verständlich sein, wie* eine rechtliche aus ihr sollte hervorgehen können, bloß indem sie auch noch auf ein anderes Äußeres bezogen wird, als mit dem ich »verbunden« bin. Zum ändern dürfte jene erste eine rechtliche Lädierbarkeit auch wieder nur in dem Sinn sein, daß diese zweite zirkelfrei aus ihr hervorgehen könnte. Nur ist Kant der Meinung* daß jene Lädierbarkeit jener Verbundenheit zufolge nicht eine »bloß rechdiche« sein kann, weil sie jener Verbundenheit zufolge auch eine »empirische« als eine »physische« bzw. »sinnliche« sein muß. Auf eben diese Art jedoch verstrickt sich Kant, was das Verhältnis des Subjekts zu seinem eigenen Körper anbetrifft, in eine Pro­blematik, <lie er ohne Lösung stehen lassen muß. Von daher ist seine gesamte Rechtsphilosophie auch bodenlos, was man jedoch

  

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