Michael Kotsch (Hrsg.) Abschied von den Geschlechtern ??

 

entscheidend für eine biblisch ethische Auseinandersetzung mit „Gender Mainstreaming"

Die Stellung der Bibel zum Wechsel geschlechtlicher Identität und zu verschiedenen Paarungsoptionen darf nicht zuerst in möglichen Verboten gesucht werden, sondern in den positiven Formulierungen optimaler Geschlechtlichkeit. Natürlich finden sich kaum Aussagen über den Wechsel sexueller Identität oder den Unterschied zwischen biologischem und sozialem Geschlecht, weil diese Fragen in der biblischen Umwelt nicht akut waren und deshalb keine Stellungnahme dazu nötig schien.

Mann und Frau in der Bibel

Nach Auskunft der Bibel wurde der Mensch durch Gott als Einheit von Mann und Frau geschaffen (lMo 1,27). In einem Großteil ihres Lebens decken sich die Verhaltensweisen von Mann und Frau (z.B. im Hinblick auf Nahrung, Krankheit, Alltagsarbeit), weshalb hier vornehmlich auf Unterschiede der Geschlechter eingegangen werden soll, die in biblischem Zusammen­hang genannt werden.

Eva wird übersetzt als „Mutter jedes lebenden [Men­schen]". Dem Mann wurde die geistige Durchdringung und praktische Umgestaltung der Welt anvertraut (lMo 2,15.19f; 3,17ff). Der Frau werden eher personenbe­zogene Verantwortungen zugesprochen: Sie ist Gegen­über und Gehilfin ihres Mannes, dem sie sich unterord­nen soll (IMo 2,18; Tit 2,4), und Mutter (IMo 3,16; l Tim 2,15; 5,10.14; Tit 2,4). Dem Missbrauch männlicher Leitungskompetenz soll mit einem strikten Liebesgebot an den Ehemann und mit Bestimmungen der Tora begegnet werden (Eph 5,25.33; Kol 3,19). So soll beispielsweise bei der Eheschließung selbstverständlich der Wunsch der Frau akzeptiert werden (lMo 24; 4Mo 36,6). Der Mann durfte mehrere Frauen haben, obwohl das in der Praxis sehr selten vorkam. Wollte sich ein Mann von seiner Frau trennen, musste er ihr einen Scheidebriefausstellen, der sie vor Willkür und Verar­mung schützen sollte (5Mo 24,1-4). Ledige Frauen durften nicht durch zweideutiges Verhalten entehrt oder in schlechten Ruf gebracht werden (5Mo 22,13-29). Prostitution, insbesondere religiös begründete, war ver­boten (5Mo 23,18). Vater wie Mutter sollten gleicherma­ßen von den Kindern geachtet werden (3Mo 20,9; 5Mo 27,16). Wirtschaftliche und erzieherische Aufgaben im familiären Bereich fielen häutig der Frau zu (Spr 31,10-31). Die öffentliche Repräsentation der Familie hingegen sollte der Mann übernehmen.

 

Heterosexualität als biblischer Normalfall

Biblischen Berichten zufolge hat Gott das heterosexuelle Zusammenleben als Normalform des innigen Zusam­menlebens und der sexuellen Gemeinschaft eingesetzt (lMo 2,18.20.23f; Spr5,15f; 18,22; 19,14; Mt 19,4-6; l Kor 7,2). Das Leitbild einer gleichberechtigten hetero­sexuellen Partnerschaft zwischen Mann und Frau als Ebenbild des Wesens Gottes durchzieht die ganze Breite jüdisch christlicher Tradition. In seinem heterosexuellen Miteinander ist der Mensch Ebenbild Gottes (l Mo l,26f; 9,6f), Abbild für seine Beziehung zu Israel (Jes 54,5ff; 62,5; Jer 2,2ff; 3; Hos 2,18) und zur christlichen Gemein-

  de (l Kor 11,3; Eph 5,21 -33), Beispiel für die zukünftige Existenz des Menschen bei Gott (Mt 22, l ff; 25, l ff; Offb 19,7) und Ausführungsinstanz für den Schöpfungsauftrag (l Mo l,28; 9,7; ps 127,3). Darüber hinaus bietet die Ehe auf Lebenszeit eine von Gott gewollte Ergänzung geschlechtsspezifischer Persönlichkeitsmerkmale (l Mo 2,18-24; 3,16; l Kor 7,4; Eph 5,28-31) und das Trainings­feld zur Ausgestaltung und Ausformung der von Gott beabsichtigten Identität und Persönlichkeit (l Kor 11,1 ff; Eph 4,29-32; 5,28-31; Kol 3,18-21; l Petr 3,1-7). Die Rolle von Mann und Frau wurde nach christlicher Überzeugung von Gott in seinen Paradigmen fest­geschrieben (5 Mo 4,9f; 6,6f; Spr 5,18f; 12,4; 14,1; 21,9; 18,22 31, l Off; Pred 9,9; l Kor 4,7; Eph 5,25; l Tim 5,10.14) und soll so das optimale Funktionieren menschlicher Gemeinschaft im privaten wie im öffentli­chen Leben garantieren (l Mo 13, l Off; 3Mo 18,26ff; ps l 19; Rom 1,18-32).

Homosexualität als Option des Gender Mainstreaming

Homosexualität wird in der Bibel nicht als gleich gültige sexuelle Orientierung angesehen. Homosexuelle Partnerschaften werden nicht als gleichberechtigte, von Gott legitimierte Formen des Zusammenlebens akzeptiert.

Homosexualität im Alten Testament

Praktizierte Homosexualität wird von Christen abgelehnt, weil Gott selbst sich in allen Phasen seiner Heils­geschichte von homosexuellen Beziehungen distan­ziert und sie als menschliche Fehlorientierung verurteilt. Das erste Beispiel homosexuellen Fehlverhaltens findet sich in 1. Mose 19. Lot erhält in Sodom den Besuch zweier Männer, denen er Gastfreundschaft gewährt.

  

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  Abends versammelt sich eine pöbelnde Menge vor seinem Haus und fordern ihn auf, die Männer herauszu­geben, um sie homosexuell zu vergewaltigen.,, Führe sie heraus zu uns, dass wir sie erkennen " (19,5). Lot weist diese Forderung zurück und bietet der Menge statt dessen seine beiden Töchter an, die noch Jungfrauen sind, wie er betont (19,8). Doch lassen es die Boten Gottes nicht dazu kommen; durch einen Eingriff Gottes erblinden die das Haus belagernden Lüstlinge und verzichten auf eine weitere Auseinandersetzung. Sicher ist auch das Ange­bot, seine Töchter vergewaltigen zu lassen, nicht im Einklang mit biblischer Ethik. Für den in seiner Ansicht von den Boten Gottes bestätigten Lot scheint dieses Vergehen jedoch weniger verwerflich zu sein als die homosexuelle Vergewaltigung seiner Gäste. Die Sodomiter wollen die beiden Männer erkennen. „Erken­nen" ist ein alttestamentlicher Begriff für den Sexualver­kehr (l Mo 4, l; 4,17, 4Mo 31,17; l Sam l, 19). Das hier als Negativbeispiel erwähnte Ereignis wird auch im Neuen Testament aufgegriffen. In Judas 7 werden die Christen vor dem Gericht Gottes gewarnt, damit es ihnen nicht ergeht „wie Sodom und Gomorra und die umliegenden Städte, die in gleicher Weise wie sie Un­zucht trieben und hinter fremdem Fleisch herliefen, als ein Beispiel vorliegen, indem sie die Strafe des ewigen Feuers erleiden." „Hinter fremden Fleisch herlaufen" meint hier, sich sexuell nicht mit dem von Gott vorgesehenen Partner (Frau), sondefn mit einem Mann (fremdes Fleisch) zu vereinen. Dieses homosexuelle Verhalten wird als Unzucht verurteilt. Unzucht umfasst im Neuen Testament jede außerhalb der Ehe praktizierte Sexualität.

Einen   zweiten   Fall   homosexueller   Ausschweifung berichtet die Bibel in Richter 19,22-26: Ein Israelit ist

  mit seiner Frau und seinem Knecht auf dem Weg in seine Heimatstadt. Während der Reise übernachten sie in Gibea. Auch hier ziehen am Abend einige Einwohner der Stadt vor das Haus des Gastgebers und wollen mit den beiden Fremden Sexualverkehr haben („sie erkennen"). Statt dessen begnügen sich die Belagerer schließlich mit der Frau des Gastes, die sie bis zum Morgen vergewaltigen, sodass sie daran stirbt. Die gebrochene Gastfreundschaft, die Absicht des homosexuellen Missbrauchs, der möglicherweise tödlich endet (Ri 20,5), und die Vergewaltigung der Frau werden von Gott verurteilt und führen zum Gericht über die schuldigen Einwohnern Gibeas (Ri 20,8ff). Auch hier wird der beabsichtigte homosexuelle Akt als noch schändlicher angesehen als die Vergewaltigung der Frau. Sicher geht es in beiden Berichten auch um die Verletzung der Gastfreundschaft und drohende Gewalt­anwendung, die gegen die Gebote Gottes verstoßen. Verschärft werden die Vergehen jedoch durch den drohenden homosexuellen Missbrauch, der aus der Sicht neutestamentlicher Autoren das schwerwiegendste der begangenen Verbrechen darstellt (Jud 7; 2Petr 2,6-8). Praktizierte Homosexualität wird auch direkt in den mosaischen Gesetzen verurteilt und unter Strafe gestellt: ,, Und bei einem Mann sollst du nicht liegen, wie man bei einer Frau liegt: es ist ein Gräuel" (3Mo 18,22), und „wenn ein Mann bei einem Mann liegt, wie man bei einer Frau liegt, dann haben beide einen Gräuel verübt. Sie müssen getötet werden, ihr Blut ist auf ihnen " (3 Mo 20,13). In der Erklärung des Homosexualitätverbots durch Gott wird daraufhingewiesen, dass die Völker, die Gott vor Israel vertrieb, wegen ihrer praktizierten Homosexualität unter dem Gericht Gottes standen. Indirekt werden die Israeliten ermahnt, nicht das Gleiche zu tun, um nicht auch von Gott vertrieben zu werden (3Mo 18,24f; vgl. 3Mo 20,22f).

 

5Mose 22,5 wendet sich gegen die Transvestie als einer Form der Homosexualität. ,, Männerzeug darf nicht auf einer Frau sein, und ein Mann darf nicht das Gewand einer Frau anziehen. Denn jeder, der dieses tut, ist ein Greuel für den Herrn, deinen Gott. " Umfasst der hebrä­ische Begriff „Männerzeug" von Männern benutzte Werkzeuge, Waffen und Kleidungsstücke, benennt der zweite Satzteil insbesondere die weibliche Kleidung. Dieser Vers wendet sich gegen eine Leugnung oder Umdeutung der von Gott gegebenen Geschlechterrollen. Dazu gehören die emanzipatorischen Bemühungen, Unterschiede zwischen Mann und Frau zu verwischen, aber auch die Rolle des gegengeschlechtlichen Sexualpartners zu übernehmen, sodass ein Mann mit einem Mann - in Frauenrolle - oder eine Frau mit einer Frau - in Männerrolle - zusammenkommt, wobei die geschlechtliche Gemeinschaft eingeschlossen wird.

Homosexualität im Neuen Testament Auch im Neuen Testament wird Homosexualität als ungesetzliche Verhaltensweise beschrieben, die den Menschen kennzeichnet, der gegen Gott revoltiert. Die klassische Belegstelle ist Römer l,26f: „Deswegen hat Gott sie dahingegeben in schändliche Leidenschaften. Denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr in den unnatürlichen verwandelt, und ebenso haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen, sind in ihrer Wollust zueinander entbrannt, indem sie Männer mit Männern Schande trieben, und empfingen den gebührenden Lohn ihrer Verirrung an sich selbst. " Neben der generellen Verurteilung der Homosexualität als Abgötterei enthält dieser Text zwei bisher nicht   genannte Aspekte: Zum einen wird hier konkret auch weibliche Homosexualität angesprochen und verworfen, zum anderen wird hier schon die homosexuelle Phantasie („Begierde") verurteilt. Diese als „unrein" (1,24) bezeichnete Gedankenwelt führt folgerichtig auch zum Vollzug der Homosexualität, die nicht nur gegen die Gebote Gottes verstößt, sondern auch den eigenen „Körper schändet", was den Missbrauch und die Erniedrigung des Leibes einschließt. Auch wenn der Mensch durch seine angeborene Tendenz zur Sünde neigt, macht dieser Text im Einklang mit allen anderen bisher genannten Bibelstellen deutlich, dass der Homo­sexuelle trotzdem die Verantwortung für sein Handeln trägt, weil er sich seiner Lust, trotz der Warnung Gottes, nicht entgegenstellt.

Außerdem wird Homosexualität im Neuen Testament zusammen mit anderen Sünden in zwei „Lasterkatalo­gen" als Kennzeichen der von Gott getrennten Welt genannt. Homosexualität wird hier im Zusammenhang mit anderen abgelehnten Verhaltensweisen wie Gesetz­losigkeit, Lustorientierung und Verantwortungslosigkeit gesehen (vgl. l Mo 19; l Kö 14,24; Rom 1,20-27; l Tim l,9f.). Menschen, deren Leben von den hier genannten Verhaltensweisen bestimmt sind, können nach der Aussage von Paulus nicht ins Reich Gottes aufgenom­men werden (1.Kor. 6,9f; l Tim 1,8-10). Homosexuelles Verhalten wird in diesen Absätzen gleich in mehrfacher Hinsicht verurteilt. Schon mit dem Begriff Unzucht wird die Homosexualität als illegitime Sexualität außerhalb der von Gott gewollten Ehe abgelehnt. Dann wird die schwule Prostitution („Lustknaben") und der homosexuelle Missbrauch („Knabenschänder"), einschließlich der Pädophilie, angesprochen. Diese beiden griechischen Begriffe bezeichnen darüber hinaus  die beiden im homosexuellen Akt ausgeübten Rollen als aktiver Teil („Knabenschänder", gr. arsenokoites] und als eher passiver Teil („Lustknaben", gr. malakos) des typisch homosexuellen Analverkehrs. Glücklicherweise bleibt die Bibel nicht bei der Beurteilung der Homosexualität stehen, sondern weist einen Weg zu deren Überwindung. Homosexualität kann nach Reue und Bekenntnis von Gott vergeben werden (Spr 28,13; M14,17; 9,13; Mk 1,15; Uoh 1,9). Wie jede andere suchthafte Gewohnheit kann auch die Homosexualität überwunden werden (Rom 8,13; 2Kor 5,17; Gal 2,20; Eph 4,17-24; Offb 21,5) wie Paulus mit dem Hinweis auf die durch den Glauben veränderte Lebensweise der ersten Christen deutlich macht, unter denen sich scheinbar auch ehemalige Homosexuelle befanden. ,, Oder wisst ihr nicht, dass Ungerechte das Reich Gottes nicht erben werden? Irrt euch nicht! Weder Unzüchtige ... noch Lustknaben, noch Knabenschänder ... Und das sind manche von euch gewesen: aber ihr seid abgewa­schen, aber ihr seid geheiligt, aber ihr seid gerechtfertigt worden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes " (l Kor 6,9-1 l).

Genderspezifische Fragen in der Bibel

Lebensabschnitts-Partnerschaften

Ehescheidung und Wiederheirat .entspricht nicht dem biblischen Ideal einer Beziehung zwischen Mann und Frau(Mt 19,6; l Kor 7, lOf). Die Ehe als legitime Form ganzheitlichen Zusammenlebens ist auf Dauer ange­legt. Nur so ist es möglich, tiefes Vertrauen zu entwi­ckeln und sich einem anderen Menschen gegenüber ganz zu öffnen (l Mo 2,23f; 4,1; Spr 31,12; Eph 5,28ff). Geht eine ganzheitliche Beziehung zu Bruch, bleiben irrever-

  sible Schäden zurück. Auch sind die großen gesell­schaftlichen Aufgaben wie Kindererziehung oder Versor­gung der Älteren nur in einer kontinuierlichen Beziehung zu bewältigen. So bleiben bei einer Trennung nicht nur persönliche Verletzungen und seelische Schäden, son­dern auch beträchtliche Probleme für die ganze Gesell­schaft. Natürlich kennt die Bibel auch die Realität des alltäglichen Lebens, die aufgrund unvollkommener Menschen gewöhnlich von dem angestrebten Ziel abweicht. Doch wird diese Lebensrealität nicht im Nachhinein legitimiert. Gott bleibt nicht dabei stehen, das „normale" Leben zu ermöglichen. Er will dabei helfen, die eigenen Schwächen zu überwinden und sich dem Optimum einer zwischenmenschlichen Beziehung anzunähern. Deshalb werden in der Bibel auch nicht alle Sonderfalle diskutiert und unzählige Ausnahmetat­bestände formuliert, bei denen eine Trennung der Partnerschaft dann doch im Einklang mit dem Willen Gottes steht. Wer in der Ehe scheitert, soll nicht alles hinwerfen, sondern über Vergebung, Neuanfang und Veränderung weiter an der Beziehung arbeiten (Mt 6,12; 18,21 f; l Kor 7,11; Eph 4,32; Kol 3,13). So wenig wie Gott seinen Bund mit Israel und mit der Gemeinde aufkündigt, weil sich diese als untreu erwiesen oder versagt haben, so wenig will er, dass Menschen ihre Beziehung beenden, weil sie von ihrem Partner ent­täuscht sind (Ps 89,34; Rom 3,3; 2Tim 2,13). Die der Partnerschaft zugrunde liegende Liebe Gottes er­schöpft sich nicht in positiven Emotionen, sondern ist in ihrem Kern der unverbrüchliche Wille, zum Anderen zu stehen, unabhängig von seinen Qualitäten oder Fähigkeiten. Diese Liebe ist immer wieder zur Verge­bung bereit, hofft alles und wendet sich dem Anderen um seiner selbst willen zu (Rom 5,8; l Kor 13; Eph l ,4; 2,4).

  

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  Scheidungsregeln wurden im Alten Testament lediglich als zeitweiliges Zugeständnis an die gesellschaftliche Realität formuliert (Mt 19,4ff).

Beziehungen mit mehreren Partnern

Gender Mainstreaming soll eine größere Vielfalt gemeinschaftlichen Zusammenlebens beinhalten. Das könnte sich abgesehen vom Zusammenleben gleich­geschlechtlicher und gegengeschlechtlicher Paare auch auf das Zusammenleben mit mehreren Partnern beziehen. In der Bibel werden Beispiele genannt, in denen Männer, selbst Glaubensvorbilder wie Jakob oder David, mit mehreren Frauen zusammenleben (l Mo 29,16-30; l Sam 18,27; 25,42f; 2Sam 3,2-5; 5,13-16). Zumeist allerdings wird daraufhingewiesen, dass diese Beziehungen zwar von Gott toleriert wurden, nicht aber seinem Ideal entsprachen. Häufig standen menschliche Überlegun­gen am Anfang solcher Vielehen. Jakob wurde von seinem Schwiegervater bezüglich seiner eigentlichen Braut betrogen, sodass er abgesehen von der eigentlich gewünschten Frau noch eine zweite heiratete (l Mo 29,16-30). Abraham ließ sich mit einer zweiten Frau ein, um Gottes Verheißung eines männlichen Nachkommen nachzuhelfen (l Mo 16, l ff). David und Salomo heirateten verschiedene Frauen teils aus politischen Erwägungen, teils aus sexueller Anziehung (2Sam 3,2ff; 11, l ff; l Kon 3, l; l l, l ff). So ganz der Vorstellung Gottes entsprachen auch diese Beziehungen nicht. Trotz der zeitweiligen Akzeptanz von Vielehen bei einigen wenigen Personen hebt Jesus im Neuen Testament hervor, dass für Gott immer die lebenslange Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau gewollt war (Mt 19,4ff). Alles andere war nur ein begrenztes Zugeständnis an die Schwächen und Fehler einzelner Menschen. Häufig übrigens waren diese

  Vielehen    mit   schweren    Problemen   verbunden:

Eifersucht, Benachteiligung, Konkurrenz unter den Kindern verschiedener Frauen, Überbewertung sexueller Lust, Akzeptanz unbiblischer Praktiken und Überzeugungen (Ri 3,5ff; l Sam l, l ff; l Kon ll,4ff). Darüber hinaus darf nicht vergessen werden, dass auch im Alten Testament die Vielehe seltene Ausnahme geblieben war.

Geschlechtsveränderung als Option des Gender Mainstreaming

Einem Geschlechtswechsel (Transsexualität) steht die Bibel eher skeptisch gegenüber. Die geschlechtliche Identität muss nach biblischem Denken kein dauerhaftes Kennzeichen des jeweiligen Individuums sein. Zwar wird für das irdische Leben von einer Kontinuität der Persönlichkeit und deren sexueller Orientierung ausgegangen (l Mo 1,27; 5Mo22,5; Mt 19,4); im ewigen Leben bei Gott aber bleiben zwar die Grundzüge des Individuums erhalten (negative Eigenschaften ver­schwinden), ihre Sexualität scheint aber keine große Rolle mehr zu spielen (Mk 12,23ff). Wobei diese Aus­sage nur mit Vorsicht gemacht werden kann, da es zu biblischen Zeiten noch keine reale Möglichkeit der Geschlechtsveränderung gab. Somit gab es auch keinen Grund für eine göttliche Stellungnahme dazu. Allerdings wird immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass Gott den Menschen so gewollt hat, wie er ist, abgesehen von seiner Sünde (lMo 1,27.31; Pred 3,11; ps 139,13ff). Darüber hinaus wird schon der äußerliche Versuch, sich durch Kleidung und Verhalten in eine andere Ge­schlechterrolle zu begeben, kritisiert (5Mo 22,5; l Tim 2,12ff). Unter anderem wird Homosexualität in der Bibel abgelehnt, weil dadurch der Betreffende seine von Gott

  

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  zugedachte sexuelle Identität aufgibt, um sich als Mann wie eine Frau oder als Frau wie ein Mann zu verhalten (3Mo 18,22; Rom l,26ff; Jud 7). Die Ablehnung der eigenen sexuellen Identität nimmt weder die gute Ab­sicht des Schöpfers wahr, noch nimmt sie zur Kenntnis, dass jeder Rollenwechsel immer nur ein künstliches Mischwesen schaffen kann, da lediglich einige Ver­haltensweisen und äußere Geschlechtsmerkmale verän­dert werden können.

Sterilisation als eine Form sexueller Veränderung wird in biblischem Zusammenhang deutlich abgelehnt (3Mo 22,24; 5Mo 23,2), weil der Mensch eine Entschei­dung über die von Gott geschenkte Geschlechtlichkeit trifft, die für ihn nicht vorgesehen ist. Statt dessen behält sich Gott vor, jedem Menschen Geschlecht und Frucht­barkeit zu geben oder zu nehmen (l Mo 30,23; ISam l,5 ff; H i 5,25; ps 127,3; 128,3f). Die von Gott erhaltene Geschlechtlichkeit soll vom Menschen erhalten und in den von Gott festgesetzten Grenzen ausgeübt werden. Diese Grenzen beziehen sich auf die Sexualität im engeren Sinne (z.B. Ehebruch und Inzest) und auf das geschlechtsspezifische Verhalten im Alltag (z.B. Pries­terdienst und Ältestenamt). Der größere Teil menschli­cher Verhaltensweisen wird aber nach der Bibel nicht durch die unterschiedliche Sexualität bestimmt. Lebensgemeinschaften zwischen Männern und Frauen waren in der Bibel auf Dauer hin angelegt, Trennungen wurden abgelehnt (2Mo 20,14; 4Mo 5,12; Mt 19,6; l Kor 7,10). Diese Beobachtung widerspricht der Forderung nach veränderbarer sexueller Orientierung und der oft damit einhergehenden Auflösung bestehender Beziehungen.

Lebensgemeinschaften zwischen Mann und Frau waren in der Bibel immer mit der Zeugung und Erziehung

  von Kindern verbunden (lMo 1,28; 9,7; 16,1 ff; 38,8; 5Mo 25,5ff). Diese Forderung ist mit zahlreichen ande­ren Formen alternativen Zusammenlebens kaum kom­patibel. Dabei ist auch die Adoption von Kindern oder die Inanspruchnahme von Leihmüttern keine gleichwerti­ge Alternative. Eine selbst gewählte sexuelle Identität, die eine Zeugung von Kindern verunmöglicht, steht folglich nicht im Einklang mit den biblischen Vorstellun­gen von Geschlechtlichkeit.

Intersexualität (Zwitter) ist eine in der Schöpfung nicht vorgesehene genetische Fehlentwicklung, aufgrund derer Merkmale beider Geschlechter körperlich ausgeprägt werden. Der Mensch wurde in lediglich zwei Varianten geschaffen, als Mann und als Frau (lMo 1,27; 2,18ff; 5,2; Mt 19,4). So wie Menschen mit sechs Fingern an jeder Hand oder mit Haaren am ganzen Körper geboren werden, können auch verschiedenerlei Sexualorgane ausgebildet werden, die zumeist aber nicht alle voll funktionsfähig sind. Personen, die als Zwitter geboren werden, sollte geholfen werden, eine sexuelle Identität zu finden, die ihnen am ehesten entspricht. Auch wenn das mit einem gewissen Risiko verbunden ist, sollten Eltern, stellvertretend für ihre Kinder, diese Entscheidung möglichst früh treffen, um eine lange Phase sexueller Verunsicherung zu verhindern, die sich anderenfalls bis ins Erwachsenenalter hinziehen kann.

Letzte Autorität

Zwei Fragen sind entscheidend für eine biblisch ethische Auseinandersetzung mit „Gender Mainstreaming": 1. Wie wird sexuelle Identität inhaltlich gefüllt? 2. Wer definiert die sexuelle Identität?

Nicht das subjektive Empfinden oder die eigene Entscheidung sind im biblischen Zusammenhang ausschlaggebend für das tatsächliche Geschlecht, son­dern der Wille Gottes, der den Menschen von Außen her trifft. Das Geschlecht ist etwas Unverfügbares, das im Einklang mit seinen biologischen Geschlechtsmerkmalen immer schon vorhanden ist. Der Mensch soll seine von Gott gegebene Persönlichkeit in ihren Grundzügen annehmen und sie weiterentwickeln. Ein Aufbegehren gegen seine Identität wird in der Bibel als Kritik an Gott zurückgewiesen. Intime Beziehungen werden auf die Paarung Mann und Frau beschränkt. In deren Beziehung werden jedem der beiden spezifische Aufgaben und Rechte zugesprochen. Ein Überschreiten dieser Geschlechterordnung geht in der Bibel mit Irrita­tion und ethisch-religiösem Orientierungsverlust einher. Bei der Unterschiedlichkeit zwischen Mann und Frau geht es primär nicht um eine Wertung oder eine Rangfol­ge, auch wenn einzelne Bibelstellen das für bestimmte Lebensbereiche durchaus nahelegen. In Ihrer Wertigkeit sind Mann und Frau einander ebenbürtig, aber eben doch verschieden. Aussagen über die unterschiedliche soziale Rolle von Mann und Frau wollen in erster Linie dieser in der Persönlichkeit angelegten Beson­derheit Rechnung tragen. Dabei wird nicht behauptet, die soziale Rolle von Mann und Frau sei lediglich von der Natur oder von der Genetik bestimmt. In der Bibel finden sich durchaus auch normative Aussagen, die den Menschen auffordern, aus seinen theoretisch vorhande­nen Verhaltensoptionen die auszuwählen, die Gott, sein Schöpfer, ihm empfiehlt, weil er sei Geschöpf am besten kennt.

Die sexuelle Identität orientiert sich nicht nach der eigenen gefühlten Wahrnehmung, sondern nach der von Gott gegebenen Festlegung. Im Kern geht es bei der Auseinandersetzung um die letzte Autorität in den entscheidenden Lebensfragen. Wer die individuelle Autonomie jedes Menschen als letzten Maßstab ansieht kann kaum zu einer anderen Schlussfolgerung kommen, als die gefühlte und in der Folge auch gelebte Sexualität als die ausschlaggebende zu betrachten. Verdankt der Mensch seine Persönlichkeit und Identität aber einer außerhalb seiner selbst liegenden Instanz, wäre es sinnvoll, diese als entscheidend für seine reale Identität anzusehen. Dann könnte die Differenz zwischen biologi­schem und gefühltem Geschlecht durch eine Verände­rung der Selbstdefinition überbrückt werden. Wer hingegen die selbst bestimmte Identität absolut setzt, wird bestrebt sein, die biologische und soziale Ge­schlechtlichkeit der gefühlten anzupassen. Christen sehen gewöhnlich in Gott und seiner Offenbarung ein Korrek­tiv subjektiver Selbstwahrnehmung und die Grundlage ihrer menschlichen Identität, einschließlich ihrer gefühl­ten Sexualität.

Michael Kotsch