Gabriele Lademann-Priemer

Beratungsarbeit und Seelsorge im esoterischen Zusammenhang

 

Aus EZW-Texte Nr. 191 /2007, www.ezw-berlin.de

(hier nur zeitlich begrenzt für das Diskussionsforum der EKD)

Meine ersten Erfahrungen mit dem Thema Heil und Heilung habe ich in Afrika gemacht. Ich habe positive Beobachtungen gemacht, Menschen getroffen, die Heilung und eine neue soziale Gemeinschaft gefunden haben, bin jedoch unter den Heilern und Medizinmännern und -frauen auch auf Betrug gestoßen. In Afrika erlebt man die mitreißenden Wirkungen der Pfingstbewegung, aber auch ihre zer­störerischen Seiten, die Verteutelung anderer, die Menschen in seelische Probleme stürzt. Afrika, die sogenannten Naturvölker und Naturreligionen entsprechen nicht dem Bild der heilen Welt, in Einklang mit der „Mutter Natur", das wir auf sie pro-jizieren. Die Natur ist voller Heilmittel, aber auch voller Gift. Sie ist hinreißend, aber auch bedrückend in ihrer Üppigkeit nach dem Regen. Sieht man die guten und die negativen Seiten, so kann sich am Ende ein realistisches Bild entwickeln. In meiner jetzigen Tätigkeit als Sekten- und Weltanschauungsbeauftragte habe ich am ehesten mit Konfliktfeldern und problembeladenen Menschen zu tun. Die ändern brauchen mich nicht. Und so werde ich schildern, was mir in Seelsorge und Beratung begegnet. Ausdrücklich möchte ich unterstreichen, dass ich mir nichts ausgedacht oder von ändern übernommen habe, sondern dass mir alle angedeuteten Fälle und die betroffenen Menschen persönlich bekannt sind, manche habe ich über einen längeren Zeitraum begleitet. Ich sage das, weil vieles für Außenstehende unglaublich klingen mag.

Erfahrungen

Vor ungefähr 14 Jahren, zu Beginn meiner Tätigkeit, begegnete mir ein Mann, dessen Ehefrau sich einer als konfliktträchtig bekannten esoterischen Gruppe ange­schlossen hatte. Ich sollte sie auf den rechten Weg der Ehe und des vernünftigen Denkens zurückrufen. Nicht dass ich mir eingebildet hätte, das ginge so ohne wei­teres, aber ich wollte damals wenigstens wissen, wie die Ehefrau das ganze sieht und natürlich auch aus meiner Sicht auf die Problematik der Gruppe hinweisen. Die Ehefrau war liebenswürdig, spirituell interessiert und schilderte nun die Ehe aus ihrem Erleben. Dabei zeigte sich, dass diese offenbar hoch problematisch war, der gesellschaftliche Rahmen jedoch gewahrt bleiben musste. Die Frau fühlte sich eingeengt in ihrer Entfaltung und erfuhr sich als in einer auswegslosen Lage, aus der es nur den Fluchtweg nach oben gab, die Flucht in die Meditation, in eine Einwei-


hung, in eine jenseitige Welt, in ein Reich, das vor allem für den Mann unerreichbar war. Dass mir dieser Versuch, eheliche Schwierigkeiten zu lösen, zweifelhaft er­schien, sagte ich bei allem Verständnis für die Lage. Ich bemerkte aber auch, dass ich innerlich eher auf Seiten der Frau war.

Dieser Fall ist typisch für andere Ehen. Es handelt sich hier nicht um betroffene Ju­gendliche, von denen man annimmt, ihre Persönlichkeit wäre nicht getestigt, son­dern um Ehepaare zwischen 40 und 60 Jahren, deren einer Teil - es kann auch der Mann sein - plötzlich spürt, dass das Leben nicht weitergehen kann wie bisher, und so sucht man nach Möglichkeiten der Fortentwicklung, des neuen Anfangs, oftmals auf Kosten alter Bindungen und Verpflichtungen. Das Individuum und seine Bedürfnisse stehen im Vordergrund. Die Gründe sind vielfältig, sei es, dass die Frau eine neue Aufgabe sucht, weil die Kinder aus dem Hause sind, für die sie sich stets eingesetzt hatte, oder dass sie sich beruflich selbstständig machen möchte, sei es, dass ein Mann seine Firma retten will und Hilfe bei einem esoterischen Beratungs­unternehmen sucht oder dass er seine kreativen Seiten frei setzen möchte usw. Bei Ehepaaren habe ich vielfach den Eindruck, dass der Teil, der als vernünftig und rational erscheint, das Übergewicht hat und man sich seinem Bannkreis entziehen möchte. Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass die Probleme durch „den Weg nach oben" größer werden.

Wenn ein Ehepartner sich auf einen esoterischen Einweihungsweg gemacht hat, ist er in der Rege nicht mehr für die Ehe- und Partnerberatung zugänglich, denn ver­meintlich höheres Wissen, eine Initiation, eine „größere seelische Reite" verbieten die Beratung durch Therapeuten oder Seelsorgerinnen, die wie der andere Ehepartner nur über „exoterisches" Wissen verfügen. Hinzu kommt ferner, dass weder die Gruppe noch deren Eeitung es sich gefallen lassen, wenn Hilfe von außen, die ten-denziell Kritik beinhaltet, gesucht wird. Die Gruppe fühlt sich bedroht und reagiert mit verstärktem Druck, der ebenso viel Lob wie Drohung enthält. Das Lob lautet: „Du bist uns wichtig, auf dich haben wir Jahrhunderte lang und durch viele Leben hindurch gewartet", das Gegenteil heißt: „Wenn du uns verlässt, wird es dir schlecht gehen."

Eine zusätzliche Komplikation tritt ein, wenn die Ehe scheitert und Kinder vorhan­den sind. Ist die Mutter in die Hände einer esoterischen Gruppe geraten, so wird den Kindern oftmals verboten, mit dem Vater über Vorgänge und Verhaltensweisen zu sprechen. Das gilt umgekehrt auch, wenn der Vater das Gruppenmitglied ist. Beson­ders schwierig wird es für die Kinder, wenn ihnen Schweigen auferlegt wird: „Sag der Mama (dem Papa) nichts". Schlaflosigkeit und Albträume, Ängste und Schulprobleme können die Folge sein. Manchmal werden die Kinder veranlasst, Be­suche zu verweigern, gelegentlich dürfen sie den ändern Elternteil nicht berühren, damit sich keine „negative Energie überträgt" u.a.m.


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Das Jugendamt hält Esoterik wie jede Form von Religion für Privatsache und bietet aus meiner Sicht kaum Unterstützung. Ich gehe zwar davon aus, dass Kinder, die mit Praktiken wie „Channeling" oder „Reden mit Engeln" konfrontiert sind, geschädigt werden können, aber es gibt darüber kein statistisches Material, so dass eine mögliche Schädigung erst noch empirisch zu belegen wäre. („Channeling" bedeutet, „Kanal" zu sein für jenseitige Wesenheiten, Geister, Engel, Verstorbene, „Auf­gestiegene Meister". Dass die Engel, mit denen „geredet" wird, nichts mit den Engeln der biblischen Botschaft zu tun haben, sei am Rande erwähnt. Es geht um Engel als Erfüllungsgehilfen menschlicher Wünsche, die ganz ohne Gott auskom­men.) Die bekannten Fälle reichen als Beweismittel grundsätzlicher Art nicht aus. Außerdem kann man nicht alle esoterischen Praktiken über einen Kamm scheren. Ein anderer Fall, der leider nicht ganz selten ist, betrifft den Tod eines Partners oder Angehörigen. Da kommen die gute Freundin oder die wohlmeinende Nachbarin und bieten die Vermittlung einer Gruppe oder einer Beratung an, die Jenseitskon­takte herstellt. „Da kannst du dann mit deinem Hermann Kontakt aufnehmen", wie eine entsetzte trauernde Frau mir gegenüber zitierte. Sie war davor gefeit, solches zu versuchen, für andere scheint es jedoch ein Weg zu sein, mit Trauer und Verlust umzugehen.

Hierin sind mehrere Probleme enthalten: Ich halte es für ethisch anfechtbar, den Ver­such zu machen, Verstorbene zur Aufrechterhaltung irdischer Bindungen zwingen zu wollen. Ich halte den Versuch für anfechtbar, unabhängig davon, ob ich an den Erfolg glaube oder nicht, darum geht es nicht. Wenn man jedoch davon ausgeht, dass solche Kontakte gelingen könnten, fragt man sich weiter, wer sich auf der än­dern Seite wirklich meldet. Ist es „Hermann" oder wer sonst - wir haben keinen Phasenprüfer für die jenseitige Welt. Der Seher Emanuel Swedenborg (1688-1772) betonte in seinen Tagebüchern: „Die Geister lügen meistens". Er, der Jahrzehnte als Seher verbracht hatte, nämlich von etwa 1747 bis zu seinem Tode, hielt die Geister für ebenso aufgeblasen und verlogen wie die Menschen. Warum sollte aus einem verlogenen Menschen ein edler Geist werden? Man könnte auch sagen „Kleider machen Leute", und so schmücken sich die Jenseitigen nach Swedenborg gern mit großen Namen, wie andere Leute eben manchmal auch. „Die Geister behaupten fast alles, sie erfinden Dinge und lügen; wenn man darauf hört, strengen sie sich an, einen zu betrügen und auf verschiedene Weise zu verführen" (Traumtagebuch 20./21.März 1748).

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Zurück zu den Menschen: Das Bestreben, zu den Verstorbenen Kontakt zu bekom­men, kann die Lebenden daran hindern, die Trauer durchzustehen und einen neuen Anfang zu finden. So wie man die Verstorbenen an sich binden will, so bindet man sich auch an sie. Sie bleiben damit viel gegenwärtiger, als es der lebende Partner oder Angehörige je gewesen ist; zu ihm hat man viel eher auf Abstand gehen können.

 

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Ein weiterer Bereich sind Krankheit und Heilung. Menschen, die unheilbar krank sind, machen manchmal von jedem Strohhalm Gebrauch, um eine Verbesserung ihres Zustands zu erlangen. Da macht ein Heiler von sich reden, eine Frau bietet Mittel gegen alle möglichen Leiden an. Flyer werden verteilt, vieles wird auch im In­ternet angeboten. Diesem Komplex muss man als gesunder Mensch zunächst einmal mit Verständnis begegnen. Wer selber nicht krank ist, kann sich nur schwer in die Rolle dessen versetzen, der mit dauerhaften Beeinträchtigungen und Schmerzen leben muss. Immer wieder aber kommen Angehörige, die darüber klagen, dass ein Kranker die medizinische Behandlung zugunsten einer Geistheilerin oder eines mentalen Trainings abgebrochen hat.

Dazu ist zunächst zu sagen, dass jeder Mensch das Recht hat, eine medizinische Be­handlung abzulehnen. Man kann niemanden verpflichten, sich einer Behandlung zu unterziehen. Das müssen Angehörige lernen. Die andere Seite aber ist, dass dem Pa­tienten auch gesagt werden muss, dass statt der gewünschten Heilung eine Ver­schlechterung seines Zustands eintreten könnte. Juristisch ist von Außenstehenden auf diesem Gebiet wenig zu erreichen. Heiler und Heilerinnen schützen sich in der Regel damit, dass sie betonen, sie hätten niemandem vom Arztbesuch abgeraten. Vermutlich ist diese Behauptung sogar zutreffend, denn das Gegenteil wäre strafbar. Es hat sich dem Patienten nur eben nahe gelegt, die ärztliche Behandlung auf­zugeben.

Manche Heiler und Heilerinnen sind außerdem Heilpraktiker und somit vor dem Vorwurf geschützt, unerlaubt Heilkunde auszuüben. Mir sind einige wenige Fälle bekannt, in denen der begründete Verdacht aufgetaucht ist, ein Mensch sei daran gehindert worden, sich rechtzeitig in ärztliche Behandlung zu begeben. Solche Menschen müssen u.U. mit einem lebenslangen Schaden leben. Schlimm ist es, wenn dem Kranken die Diagnose mitgeteilt wird, welche „karmische Belastung" seine Krankheit verursacht hätte. Einem Mann mit einem Augenleiden ist z.B. gesagt worden, er sei in einem früheren Leben ein Mörder gewesen und habe jemandem die Augen ausgestochen. Einer Frau wurde gesagt, sie sei der KZ-Arzt Mengele gewesen. Es versetzt mich in Fassungslosigkeit, dass sich Menschen so etwas sagen lassen, ohne die Versammlung unter Protestgeschrei zu verlassen. Wenn ein Prob­lem, eine Krankheit, eine Belastung auf die Ebene von Reinkarnation und Karma ver­schoben werden, sind sie in diesem irdischen Leben nicht mehr lösbar, es sei denn, der Mensch trennt sich von dieser Vorstellungswelt.

Häufig machen sich Anbieter und Anbieterinnen das spirituelle Interesse potentieller Anhänger zunutze. Wir finden in diesem Bereich viele Menschen, die geistig und spirituell interessiert und engagiert sind. Ihnen werden religiöse Erfahrungen ange­boten sowie Methoden, um ihren religiösen Horizont zu vergrößern. Hiervon sind Erwachsene ebenso angesprochen wie Jugendliche. Eine Ärztin suchte bei mir Hilfe,

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die sich als Jugendliche, vermittelt durch ihren Musiklehrer, einem esoterischen Zirkel angeschlossen hatte und plötzlich anfing, Stimmen zu hören. Sie berichtete, anfangs sei es wunderschön gewesen, scheinbar mit der himmlischen Welt in Beziehung zu stehen, später wurden die Stimmen obszön, und es gab keinen Ab­schaltknopf. Immer und überall redeten diese Stimmen dazwischen und tönten auf sie ein. Es handelte sich nicht um eine psychische Erkrankung, sondern um die Folge des Channelings. Es gibt Menschen, die aus Verzweiflung die Stimmen abschalten mit dem Sprung in den Tod. Diese Ärztin hat in einem bitteren Ringen, das zwei Jahre dauerte, durchschaut, dass die Stimmen, die sie als von außen kommend wahrgenommen hat, aus ihr selber stammen und hat sie sozusagen wieder einge­sammelt. Sie sagte, dass sich manchmal unter Stress die Stimmen wieder melden, weshalb sie erst einmal psychischen Stress hat meiden müssen. Zu diesen Ratsuchenden kommen jene hinzu, die unter psychischen Krankheiten leiden, unter Zwangsneurosen und Wahnvorstellungen, und behaupten, sie würden mental von einem bestimmten Heiler, einer Wahrsagerin, einer Gruppe, Satya Sai Baba, Scientology und anderen verfolgt. Sie seien von Außerirdischen entführt und ihnen seien Chips ins Gehirn gepflanzt, Freimaurer würden sie bedrohen usw. Diese Menschen leiden sehr, aber wir können ihnen nicht helfen, meistens haben sie be­reits Erfahrungen mit Psychiatern und Psychiatrischen Kliniken gemacht. Es bleibt uns nur, ihr Leiden anzuhören. Die Sache ist jedoch komplizierter, als sie auf den ersten Blick erscheint. Nicht alle, die psychisch krank zu sein scheinen, sind es auch - wie jene, die Stimmen hören aufgrund bestimmter Praktiken. Auch andere Geschädigte berichten von mentaler Bedrohung, ihre ehemalige Gruppe würde sich negativ auf sie konzentrieren, man schicke ihnen Albträume oder lege ihnen mental Steine in den Weg, wenn sie Hilfe aufsuchen. Wir finden solche Menschen ebenso unter ehemaligen Scientologen als auch unter ehemaligen Esoterikern und Mit­gliedern aus ändern Gruppen. Viele von ihnen haben selber mitgemacht, wenn die Gruppe sich zusammengefunden hat, um „Ehemalige mental zu beeinflussen". Ihnen ist eingeredet worden, welch starke Kräfte Leitung und Gruppe haben. Diese Ängste müssen ernst genommen werden. Meistens schwindet die Angst, wenn die Menschen darüber reden können, ohne die Befürchtung zu haben, sich lächerlich zu machen. Über die mentalen Angstvorstellungen sprechen sie ohnehin nur, wenn es eine stabile Vertrauensbasis in Beratung und Seelsorge gibt. Das kann eine lange Zeit dauern.

Auch uns wird nicht einhellig und von vornherein Vertrauen entgegengebracht, sondern wir werden einerseits zwar als diejenigen wahrgenommen, die helfen kön­nen, andererseits aber auch als solche, die zum Lager des Feindes gehören und denen gegenüber Vorsicht geboten ist. Unsere Hilfe in Anspruch zu nehmen, gleicht dem Verrat an der Gruppe. So ist und bleibt die Beratungs- und Seelsorgesituation

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auf längere Sicht zwiespältig, es sei denn, es gelingt uns, zur Klärung der Ambivalenz beizutragen.

Ein weites Feld sind natürlich die Beratung von und die Seelsorge an Menschen, deren Angehörige sich auf eine Gruppe, ein Psychoangebot, eine spirituelle Bewe­gung eingelassen haben. Sie sind traurig, gekränkt, verärgert, möchten retten und wissen nicht wie. Sie brauchen Informationen, Verständnis, eine Art Supervision, wie sie mit ihrem Angehörigen noch reden können. Immer wieder wird von Angehörigen behauptet, der Mensch sei einer „Gehirnwäsche" unterworfen. Ich gehe auf das Wort Gehirnwäsche nicht gern ein. Erstens stammt es aus chinesischen Umerziehungslagern und ist eine Methode, Gefangene gleichzeitig mit psychischer wie physischer Folter umzupolen. Man wird Gruppen in der Regel kaum physische Folter vorwerfen können, auch wenn es im Einzelfall Misshandlungen gegeben haben mag. Das lässt sich jedoch nicht pauschalieren. Zweitens macht das Wort hilfslos und lahmt. Was kann man für einen „Gehirngewaschenen" denn noch tun? „Er kommt doch nie wieder heraus." So hilflos aber ist die Außenwelt eben nicht. Hier brauchen Angehörige oftmals eine Art von Supervision, wie sie mit dem Grup­penmitglied umgehen können, um soweit wie möglich einen positiven Kontakt aufrechtzuhalten.

Was indes bekannt sein muss, sind die Mechanismen der Gruppendynamik. In vie­len Gruppen werden sie gezielt angewendet, in vielen aber auch nicht, sondern es entstehen bestimmte Gesetzmäßigkeiten, unter denen sich ein Mensch mindestens zeitweise verändern kann. Bei Auseinandersetzungen mit der Familie hat die Familie einen schweren Stand, wenn eine Gruppe oder eine Führungspersönlichkeit im Hintergrund in die andere Richtung zieht.

Ich möchte jedoch ausdrücklich unterstreichen, dass es innerhalb der Szene von Heilern und esoterischen Anbietern und Anbieterinnen eine Diskussion darüber gibt, was zulässig ist und was nicht, was als seriös durchgehen kann und was Men­schen nur in größere Probleme stürzt als in die, die sie ohnehin schon haben. Schadensbegrenzung kann darin bestehen, den Kritikern und Kritikerinnen inner­halb der Szene den Rücken zu stärken.

Möglichkeiten und Grenzen der Beratungsarbeit

Meine ersten Erfahrungen im Umgang mit Menschen, die ein anderes Glaubens­system haben, habe ich in Afrika vor einigen Jahrzehnten gemacht, wie ich eingangs erwähnte. Wenn man Feldforschung betreibt, wird man hier und da auch in die Seelsorgerrolle gebracht, und ich habe sehr genau beobachtet, wo ich dabei versagt habe und womit ich Erfolg hatte. So habe ich später für afrikanische Pastoren in

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einem synkretistischen Umfeld einen Kursus in Pastoralpsychologie gegeben. Was dort greift, gilt auch hier, wenn auch unter veränderten Bedingungen. Gemeinsam mit Kollegen haben wir eine Art religiöser Selbsterfahrung entwickelt, denn es genügt u.E. nicht, einen eigenen theologischen Standpunkt zu haben und ihn zu vertreten, sondern man muss auch die eigenen volksreligiösen Wurzeln und manch­mal magischen Vorstellungen kennen, denn zum Umgang mit Betroffenen gehört das Verständnis dafür. Die Welt einmal aus diesem Blickwinkel zu betrachten, die Ängste und Allmachtsphantasien zu kennen, anzuhören und zu bearbeiten ohne platte Rationalisierungen, ist ein Schritt, der einem anderen Menschen hilft, sich in dieser Welt wieder zu orientieren und Boden unter den Füßen zu gewinnen. Wir können niemanden zu etwas überreden, sondern wir müssen verstehen, was in seinem oder ihrem Kopf und in der Seele vorgeht. Jeder hat persönliche Beweg­gründe für seine Entscheidungen, es sei denn, er oder sie ist in eine Gruppe hineingeboren oder als kleines Kind hineingebracht worden. Das gibt es natürlich, das ist eine besondere Beratungssituation, denn mit dem Austritt aus einer Gruppe oder einem Netzwerk ändert sich oft auch die familiäre Lage dramatisch, Familien­bindungen zerbrechen, der Mensch muss lernen, allein zu leben. Wer fest von etwas überzeugt ist, lässt sich nicht überreden, und wir müssen auch eine andere Haltung als die unsere respektieren. Dass wir dennoch unsere Meinung sagen dürfen, ver­steht sich. Einen Menschen zu verstehen, kann nicht bedeuten, zu allem ja und amen zu sagen, dann würden wir weder das Gegenüber noch uns selber ernst nehmen.

Den Hilfesuchenden, seien sie Angehörige oder direkt Betroffene, muss in jedem Fall der Rücken gestärkt werden, sie müssen Mut bekommen, ihre Meinung zu sagen - auch gegen eine Gruppe. Sehr selten sind Hilfesuchende nur labil oder schwach. Sie verfügen neben möglichen Schädigungen über seelische Kraft. Sie haben den Einstieg in eine Gruppe geschafft, und sie haben wiederum den Ausstieg bewältigt. Hier liegt ein Potential, mit dem man gut arbeiten kann, die Menschen müssen nur lernen, dass sie in sich tragen, was sie suchen.

Ausdrücklich möchte ich allerdings betonen, dass zusätzlich zu Beratung und Seel­sorge oftmals ein Jurist, eine Ärztin, eine Behörde benötigt werden. In extremen Fällen muss auch eine Verbindung zur Polizei hergestellt werden. Beratung ist nur in einem Netzwerk von anderen Diensten möglich.

Kriterien

Für den Umgang mit alternativen Heilungsangeboten gibt es Kriterien, die helfen können, vor Enttäuschungen bewahrt zu bleiben:  


1. Das Geld - wie hoch (zu hoch?) sind die finanziellen Forderungen?

2. Werden die Ziele offen gelegt, sind die religiös-weltanschaulichen Hintergründe eines Angebots klar oder werden sie verschleiert? („Mach erst einmal bei uns mit, dann wirst du es erleben!")

3. Der Suchende sollte seine spirituellen und religiösen Grenzen kennen. Nicht jedem und jeder tut alles gut!

4. Ist Meditation immer gut? Nein, sie kann kontraindiziert sein. Weiß das der Heiler oder die Meditationslehrerin auch? Wissen sie es nicht, sind sie nicht imstande, mit Krisen umzugehen!

5. Wie gehen die Anbieter mit Kritik von außen, wie mit dem sozialen Umfeld der suchenden Person um?

Bevor man sich auf ein Angebot einlässt, sollte man aufgrund dieser Kriterien Fragen formulieren und dem Anbieter stellen. Dazu gehören Mut und Selbstbewusstsein. Seriöse Anbieter werden die Fragen verstehen und gern (!) beantworten.

Schluss

Mir ist im Laufe der langen Jahre meiner Seelsorge- und Beratungstätigkeit wichtig geworden, dass Jesus „Ich" gesagt hat, und wie sehr hat er das Ich betont: „Ich aber sage euch ..." „Ich bin das Brot des Lebens", „der gute Hirte ...". In vielen Gruppen und Netzwerken ist das sogenannte Ego obsolet und muss über­wunden werden. Im Sinne Jesu wäre anzuraten, das Ego erst einmal mit Selbstver­trauen und Gottvertrauen zu gewinnen.

 

 

       


 

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