Die Entstehung des Neuen Testaments

Einfügung von Friedhelm Schulz und gehört nicht zum Hörspiel: Ehe sich ein Christ durch den folgenden Text in seinem Glauben an das Wort Gottes verunsichert fühlt, möge er bedenken, welch ein grundsätzlicher Unterschied darin besteht, ob der christliche Glaube des Kerygmas die damals bestehenden sprachlichen Begriffswelten aus dem Heidentum der verschiedenen sog. Götterwelten mit christlicher Bedeutung umprägte und überformte, wie z.B. das Weihnachts- und Osterfest, oder, wie es im folgenden Text mehr oder weniger insinuiert wird, ob der Glaube an die Erlösung durch unseren Herrn Jesus durch die damals bestehende heidnische Begrifflichkeit umgekehrt eine heidnische Bedeutung bekam, - was natürlich absurd ist.

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Von Rolf Cantzen

 

 

 

In Original-Tönen:       Prof. Dr. Franz Buggle, Universität Freiburg,

                                      Religionspsychologe

                                      Prof. Dr. Bernhard Lang; u.a. Universität Paderborn,

                                      Theologe

                                      Prof. Dr. Thomas Macho; HU-Berlin,

                                      Kulturwissenschaftler

 

 

 

Musik:          Essener Domsingknaben: Still, still seid ihr Hirten

                      Hildegard von Bingen: Symphoniae

                      Philbert de Lavigne: Sonata in C Major (Nr. 3)

                      Ignaz Reimann, Josef Schnabel

                      Marcel Cellier: Das Geheimnis der bulgarischen Stimmen

 

 

 

(Musik: Ignaz Reimann, Josef Schnabel: Großer Gott, wir loben dich)

 

Zitator 1       Die Heilige Überlieferung und die Heilige Schrift bilden den der Kirche überlassenen heiligen Schatz des Wortes Gottes. Die Aufgabe aber, das geschriebene oder überlieferte Wort verbindlich zu erklären, ist nur dem lebendigen Lehramt der Kirche anvertraut.

 

Erzählerin    Das verkündet das Zweite Vatikanische Konzil im Jahre 1965. Die vom Papst einberufene höchste katholische Kirchenversammlung erklärt verbindlich für alle Katholiken: Die Bibel ist Gottes Offenbarung, Wort für Wort vom Heiligen Geist durchdrungen.
Die längste Zeit in ihrer zweitausendjährigen Geschichte war die Lektüre des Gotteswortes einfachen Gläubigen unmöglich, entweder weil sie Analphabeten waren oder aber weil sie die Sprache der Bibel – hebräisch, griechisch, lateinisch - nicht verstanden.

 

Zitator 2       Laien war darüber hinaus die Bibellektüre lange Zeit verboten – zeitweise unter Androhung der Todesstrafe. Man fürchtete, die Bibel verwirre die Menschen und lasse sie in ihrem Glauben zweifeln.

 

Erzählerin    Seit 500 Jahren gibt es Bibelübersetzungen – heute in mehr als 1000 gesprochene Sprachen. Das Lesen von „Gottes Wort“ ist nun auch von der katholischen Kirche erlaubt – mit dem nötigen Respekt, versteht sich, und mit interpretatorischer Hilfe des „kirchlichen Lehramtes“. Denn, so etwa Bischof Dr. Kurt Krenn:

 

Zitator 1       Gott irrt nicht, Gott lügt nicht, Gott lässt sich nicht täuschen, Gott sagt nichts anderes als die reine Wahrheit; wäre dies anders, wäre Gott nicht mehr Gott.

 

(Musik: Ignaz Reimann, Josef Schnabel: Großer Gott, wir loben dich)

 

Zitator 2       Aufwühlende Dramatik, berührende Poesie, tiefgründige Weisheit – und mehr als das. Wer die Bibel liest, findet Wahrheit. Darum ist die Bibel das spannendste Buch.

 

Erzählerin    Evangelische Christen präsentieren die Bibel heute gern zeitgemäß locker:

 

Zitator 2       In dramatischen Ereignissen entfaltet sich, was Gott mit den Menschen vorhat. Bis hin zum Höhepunkt, dem Leben und Wirken, Sterben und Auferstehen von Jesus Christus und der Entstehung der christlichen Gemeinde.

 

(Musik: Ignaz Reimann, Josef Schnabel: Großer Gott, wir loben dich)

 

Erzählerin    Doch Bibel ist nicht gleich Bibel. Die Bibel der Katholiken ist etwas anderes als die Bibel der Protestanten, die wiederum unterscheidet sich von der griechisch-orthodoxen Bibel.

 

Zitator 2       Der Grund ist die Uneinigkeit über den Wert einiger alttestamentlicher Schriften.

 

Erzählerin    Die Bibel der Juden ist eine andere als die der Christen.

 

Zitator 2       In ihr bleibt der zweite Teil, das Neue Testament, unberücksichtigt.

 

Erzählerin    Jüdische Gläubige erkennen Jesus, den Helden dieser Schriften, nicht als Erlöser und Gottessohn an.
Das Neue Testament der christlichen Bibeln besteht aus 27 Büchern:

 

Zitator 2       21 Briefe – die meisten von Paulus.

 

Erzählerin    Drei Briefe, die Paulus zugerechnet werden, sind gefälscht.
Sie wurden etwa 100 Jahre nach den „echten“ Briefen Paulus’ geschrieben, aus theologischen und kirchenpolitischen Gründen. Trotzdem sind sie Gottes Wort und wahr.
Populärer als die Briefe des Neuen Testaments sind die Offenbarung des Johannes und die...

 

Zitator 2       ...fünf sogenannten „geschichtlichen Bücher“; das sind die vier Evangelien und die Apostelgeschichte.

 

Erzählerin    Lange Zeit präsentierten die Kirchen die „Evangelisten“ als Augenzeugen des Lebens Jesu. Noch heute bestehen einige Theologen darauf, dass Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, und wenn nicht alle so doch wenigstens einer oder zwei von ihnen, die persönlichen Begleiter Jesu waren, ihre Aufzeichnungen also „authentisch“ Leben und Lehre Jesu wiedergeben. Diesen Eindruck erweckt der Text auch selbst. In der Schlussbemerkung des Johannesevangeliums heißt es:

 

Zitator 1       Dieser Jünger ist es, der all das bezeugt und der es aufgeschrieben hat; und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist.

 

O-Ton: Prof. Dr. Bernhard Lang

Inzwischen ist das in der kritischen Forschung klar, dass kein einziges der vier Evangelien auf einen Apostel, das heißt, auf einen unmittelbaren Schüler oder wie man traditionell sagt, Jünger Jesu zurück geht, dass diese Schriften alle später entstanden sind. Das Kennzeichen, an denen das festgestellt werden kann, ist, dass alle Evangelien die Zerstörung Jerusalems durch die Römer im Jahre 70 nach Christus voraussetzen. Beim Markusevangelium ist das nicht ganz klar. Deshalb wird das Markusevangelium von manchen Kritikern in die Zeit kur vor das Jahr 70, aber bereits in den Umkreis des römisch-jüdischen Krieges gestellt.

 

Erzählerin    Der Theologe Prof. Bernhard Lang ist als kritischer Bibelwissenschaftler international anerkannt.

 

O-Ton: Prof. Dr. Bernhard Lang

Die anderen Evangelien, also das Matthäus-Evangelium, das Lukasevangelium, das Johannesevangelium, entstanden sicher frühestens in der ersten Generation nach dem Jahr 70...

 

Erzählerin    Die Verfasser der Evangelien hatten nicht den Anspruch „Heiliges“ zu produzieren. Ihren sakralen Status erhielten die Texte erst später. Neben den neutestamentarischen „Evangelien“ – Evangelium heißt wörtlich: „Frohe Botschaft“ – existierten zahlreiche andere, ebenfalls fingierte Apostelbriefe und von Gott persönlich diktierte oder inspirierte Offenbarungen. Sie avancierten aber nicht zur „Heiligen Schrift“, weil sie keine Aufnahme in den biblischen Kanon fanden.

 

O-Ton: Prof. Dr. Thomas H. Macho

Kanonisierung ist immer auch eine Verlustgeschichte, ist immer auch nicht nur Verlust an Vielfalt und Buntheit, sondern Verlust an gegensätzlichen Motiven, an antagonistischen Elementen in einer größeren noch nicht so vereinheitlichten Bewegung.

 

Erzählerin    Prof. Thomas Macho ist Kulturwissenschaftler und spezialisiert auf das kulturelle und weltanschauliche Umfeld der Bibel, vor allem des Neuen Testaments. Die Kanonisierung führte dazu, dass andere, in den ersten vier Jahrhunderten gelesene Texte verschwanden. Sie wurden vergessen, theologisch besonders missliebige wurden später verboten, verbannt und verbrannt. Fragmente fand man Mitte des 20. Jahrhunderts wieder.

 

O-Ton: Prof. Dr. Thomas H. Macho

Es ist eine Ausschaltung von Konkurrenz, aber auch von missliebigen Motiven und Intentionen. Also wenn Petrus zu Jesus sagt, warum küsst du die Maria Magdalene sehr viel öfter auf den Mund als uns, war das offenbar ein Wort, das man nicht so gerne im Neuen Testament wieder lesen wollte.

 

Erzählerin    Die Kanonisierung, da sind sich kritische Bibelwissenschaftler und Kulturwissenschaftler einig, war ein langer und schwieriger und bis ins Detail nicht rekonstruierbarer Prozess.

 

(Musik: Philbert de Lavigne: Sonata in C Major, Nr. 3)

 

Erzählerin    Voltaire führt in seinem „philosophischen Wörterbuch“ die Kanonisierung auf ein bischöfliches Zielwerfen zurück: Die Manuskripte, die in einem Kreis landeten, waren heilig und sind „Neues Testament“, diejenigen, die das Ziel verfehlten, wurden „apokryph“, galten als wenig brauchbare oder gar ketzerische Verzerrungen der christlichen Botschaft.
Den Heiligen Geist, von Voltaire nicht ausdrücklich ausgeschlossen, bemühen viele Theologen. Er habe die Kanonisierung in einem „Prüfungsprozess“ besorgt, versichert zum Beispiel Gerhard Hörster in seiner für Theologiestudenten gedachten „Bibelkunde“:

 

(Musik: Philbert de Lavigne: Sonata in C Major, Nr. 3)

 

Zitator 1       Im Laufe der ersten Jahrhunderte haben sich die Schriften durchgesetzt, die die Grundlagen des christlichen Glaubens bilden. Das ist vor allem auf das Wirken des Heiligen Geistes zurückzuführen.

 

Erzählerin    Skeptiker überzeugte das bereits im 19. Jahrhundert nicht mehr. Der Schriftsteller Friedrich Hebbel fragte:

 

Zitator 2       Warum schrieb Christus nicht, wenn er die Evangelien wollte?

 

Erzählerin    Die kritische Bibelwissenschaft verlässt sich nicht allzu sehr auf den Heiligen Geist und schließt auch theologische und kirchenpolitische Gründe für die Kanonisierung nicht aus.

 

Zitator 2       Das Ebionäer-Evangelium beispielsweise wurde nicht kanonisiert, weil es in Jesus zunächst nur einen Menschen sah, der erst durch seine Taufe vergöttlicht wurde. Andererseits fanden Schriften, in denen dem göttlichen Jesus nur ein Schein-Leib zugesprochen und damit ein Mensch-Sein abgesprochen wurde, ebenfalls keine Berücksichtigung.

 

Erzählerin    Für Bernhard Lang ist vor allem die Tatsache wichtig, dass am Anfang die mündliche Überlieferung stand. Eine schriftliche Fixierung schien den ersten Christen wohl überflüssig, weil sie fest mit der baldigen Wiederkehr Jesu rechneten. Aufzeichnungen wurden erst später nötig:

 

O-Ton: Prof. Dr. Bernhard Lang

Anlass gab wohl in erster Linie der Umstand, dass eine zweite und dritte christliche Generation nicht mehr mit den ursprünglichen Bekannten und Freunden Jesu sprechen konnte. Es gibt eine Art Überlieferungsbruch. Um den zu überbrücken sind erste schriftliche Aufzeichnungen entstanden.

 

Erzählerin    Im heutigen Nahen Osten, in der Türkei, in Ägypten, im heutigen Italien, Frankreich und Spanien kursierten verschiedene mündliche Überlieferungen und später entsprechend verschiedene Schriftfassungen. Diese Aufzeichnungen kopierte man immer wieder, Fehler schlichen sich ein, man versah die Schriften mit Zusätzen, strich Unliebsames heraus.

 

O-Ton: Prof. Dr. Bernhard Lang

Nicht nur die Autoren der neutestamentlichen Schriften, sondern alle Autoren einschließlich der antiken Autoren, die Biographien oder Geschichtswerke verfassten, haben ohne weiteres ihren Helden bestimmte Reden und Worte in den Mund gelegt oder an bekannte Überlieferungen anknüpfend diese ausgemalt und schriftstellerisch gestaltet, so dass die Manipulation der Tradition auch die Umformung von Tradition in eine bestimmte Richtung etwas ganz Übliches war.

 

Erzählerin    Das heißt, es handelt sich ursprünglich um mündliche Traditionen, und diese – heutige volkskundliche Forschungen belegen das – entwickeln ihre eigene Dynamik, sind bunt und variantenreich. Die Erzählkultur war zudem wichtiger als die Schriftkultur: Das Schriftliche hatte – anders als heute - keinen höheren dokumentarischen Wert. Es diente mündlichen Erzählungen über Leben und Wundertaten Jesu allenfalls als Vorlage.

 

(Musik: Hildegard von Bingen: Symphoniae. Nr. 10)

 

Erzählerin    Das Lukas-Evangelium beginnt mit einem Hinweis auf bereits vorhandene Aufzeichnungen:

 

Zitator 1       Schon viele haben es unternommen, einen Bericht über all das abzufassen, was sich unter uns ereignet und erfüllt hat. Nun habe auch ich mich entschlossen, allem von Grunde auf sorgfältig nachzugehen.

 

Erzählerin    Diese Berichte wurden der versammelten Gemeinde vorgetragen. Gesammelt hat man auch sogenannte „Gelegenheitsschriftstücke“ wie Briefe und prophetisch-apokalyptische Schriften.

 

O-Ton: Prof. Dr. Bernhard Lang

Und allmählich entwickelt sich daraus eine sakrale Kanonisierung, die ihren Höhepunkt und gleichzeitig ihren Abschluss findet erst im vierten nachchristlichen Jahrhundert, das heißt, in der Zeit Kaiser Konstantins des Großen, wo die christliche Religion zunächst erlaubte Religion, dann aber Staatsreligion im späten römischen Reich wird.

 

Erzählerin    Theoretisch - so der Theologe Campenhausen – bestanden drei Möglichkeiten der Textauswahl.

 

Zitator 2       Möglichkeit 1: Nur ein einziges Evangelium ist „wahr“ und „echt“...

 

Erzählerin    Der als Ketzer verdammte Gnostiker Markion propagierte diese Lösung und schloss das Alte Testament bewusst aus.

 

Zitator 2       Möglichkeit 2: Man fasst alles, was brauchbar ist, in einem theologisch einheitlichen und sinnvollen Evangelium zusammen, um damit alle anderen Evangelien überflüssig zu machen.

 

Erzählerin    Dagegen sprach die tatsächliche Verwendung unterschiedlicher Texte.

 

Zitator 2       Möglichkeit 3: Man wählt einige gebräuchliche Texte aus und erklärt sie trotz teilweise erheblicher Unterschiede für die allein gültigen.

 

Erzählerin    Diese dritte Möglichkeit setzte man schließlich kirchen- und später auch staatspolitisch durch.

 

Zitator 2       Das Neue Testament ist eine Schöpfung der Kirche, nicht die Kirche eine Schöpfung des Neuen Testaments.

 

Erzählerin    So lautet das Resümee des Kirchenkritikers Karlheinz Deschner.

 

Zitator 1       Die Evangelisten sprechen mit unfehlbarer Wahrheit alles aus, was Gott ihnen zu schreiben befahl.

 

Erzählerin    So steht es in einer päpstlichen Enzyklika. Doch Gott verwickelte sich in Widersprüche:

 

(Musik: Ignaz Reimann, Josef Schnabel: Wir beten an)

 

Zitator 2       Das Lukas- und Matthäusevangelium präsentieren imposante, seitenlange Ahnenreihen für Jesus, die bis zu Adam, Abraham und König David zurückreichen.

 

Erzählerin    Beide Stammbäume unterscheiden sich gravierend. Sie gehen aber beide davon aus, dass Josef der Vater von Jesus ist, obwohl Gott die Vaterschaft für sich selbst reklamiert.

 

Zitator 2       Im Johannesevangelium stehen die Mutter Gottes und Johannes bei der Hinrichtung Jesu unterm Kreuz...

 

Erzählerin    ...beim Matthäus-, Markus-, Lukasevangelium nicht.
Auch die postmortalen irdischen Aktivitäten Jesu unterscheiden sich.

 

Zitator 2       Unter allen erhaltenen Auferstehungsberichten stimmen nicht zwei überein.

 

Erzählerin    Das schreibt Campenhausen in seinem als Standardwerk geltenden Buch „Die Entstehung der christlichen Bibel“.

 

Zitator 2       Im Lukasevangelium fährt Jesus gleich nach seiner Auferstehung in den Himmel auf...

 

Erzählerin    ...in der Apostelgeschichte, 40 Tage später, im „echten“ - nicht ergänzten – Markusevangelium fehlt die Auferstehung ganz.

 

Zitator 1       Wahrlich, wäre es nicht wegen der Autorität der katholischen Kirche, so würde ich dem Evangelium keinen Glauben schenken.

 

Erzählerin    Das schreibt der heilige Augustinus.
Differenzen gibt es auch in theologisch relevanten Fragen.

 

Zitator 2       Wie sehr ist Jesus Gott, wie sehr ist er Mensch?

 

Erzählerin    Im Johannesevangelium ist Jesus am deutlichsten vergöttlicht, bei Matthäus erscheint er mehr als Mensch.

 

Zitator 2       Qualifiziert sich der Mensch durch gute Werke für den Zutritt ins Reich Gottes oder durch Gnade?

 

O-Ton: Prof. Dr. Bernhard Lang

Im Neuen Testament sehen wir theologische Strömungen, die den Tod Jesu und seine Bedeutung sehr stark in den Mittelpunkt stellen und es gibt andere Strömungen, in denen es fast keine Rolle spielt.

 

Erzählerin    Kritischen Bibelwissenschaftlern stellte sich nun aber umgekehrt die Frage, wie es zu den vorhandenen Übereinstimmungen bei Markus, Lukas und Matthäus kommt, in den sogenannten „synoptischen“ Evangelien.
Die Bibelforschung wollte keine Zuflucht zur göttlichen Fügung nehmen und entwickelte Ende des 19. Jahrhunderts die sogenannte “Zwei-Quellen-Theorie“.

 

O-Ton: Prof. Dr. Bernhard Lang

Die Lösung, die man fand, ist die, dass die beiden Großevangelien, nämlich das Lukasevangelium und das Matthäus-Evangelium, beide das Markusevangelium gekannt und benutzt haben, ausgeschrieben haben, darüber hinaus aber noch viel gemeinsam haben, nämlich vor allem Jesus Worte, und man führt nun diese Jesusworte, die im Markusevangelium nicht vorkommen, aber sich sowohl bei Lukas als auch bei Matthäus finden, auf eine gemeinsame, ältere verloren gegangene Schrift zurück, die Worte Jesu gesammelt hat. Man nennt das die Logien-Quelle, die die alte Wortüberlieferung, die Aussprüche Jesu enthielt...

 

Erzählerin    Die Verfasser des Matthäus- und des Lukasevangeliums haben demnach von Markus abgeschrieben, sie illustrierten den Text durch eigene Passagen, hoben einige Aspekte besonders hervor und vernachlässigten andere. Dann ergänzten sie das Markusevangelium durch verschiedene Geschichten, Gleichnisse und Lehrsätze, die sie der verschollenen „Logien-Quelle“ entnommen haben könnten.

 

O-Ton: Prof. Dr. Bernhard Lang

So dass man sagt, es gibt zwei alte Quellen, die von Matthäus und Lukas benutzt wurden, diese Logien-Quelle, die verloren gegangen ist, aber rekonstruierbar ist und das Markus-Evangelium.

 

Erzählerin    Von den Evangelien gibt es keine Urschriften, keine Originale. Die Logien-Quelle existiert lediglich als theoretisches Konstrukt und lässt sich durch höchst komplizierte Textvergleiche rekonstruieren. Theologen, die den historischen Blick auf ihre Glaubensgrundlage nicht ignorieren, muss die Annahme der Logien-Quelle allerdings sehr sympathisch sein, vor allem deshalb, weil sie auf der Hypothese basiert, es gäbe alte, vielleicht sogar „echte“ Berichte über Leben und Lehre Jesu. Die Hoffnung auf eine gewisse Authentizität kommt dem hochgesteckten Wahrheitsanspruch entgegen, den die Kirchen traditionell mit den Evangelien verbanden:

 

Zitator 1       Es ziemt sich zu glauben, dass die Heiligen Schriften kein einziges Häkchen enthalten, das bar der Weisheit Gottes wäre.

 

Erzählerin    Das schrieb bereits Origines im dritten Jahrhundert. Ähnliches behauptete die katholische Kirche noch Mitte des 20. Jahrhunderts im Zweiten Vatikanischen Konzil – zu einer Zeit, als Historiker das Neue Testament und ihren Helden aus den Glaubenszwängen zu lösen begannen und nach den größeren kulturgeschichtlichen Zusammenhängen fragten, in denen Jesus gestanden haben könnte.

 

(Musik: Marcel Cellier: Das Geheimnis der bulgarischen Stimmen. Plenitze Pee.)

 

Zitator 2       Ist Jesus historischer Mensch oder Gestalt eines Mythos, hellenistischer Wanderphilosoph oder alttestamentlicher Prophet, eschatologischer Messias oder politischer Führer, Rabbi oder Schwärmer, weltfroher Optimist oder weltflüchtiger Pessimist, Künstler oder Puritaner, Ethiker oder Mystiker, Arzt oder Geisteskranker? Alles das ist behauptet worden.

 

Erzählerin    Das schreibt Carl Schneider in seinem Standardwerk „Geistesgeschichte der Antike“. Über Jesus als historische Person gibt es nur sehr wenige und dazu noch äußerst vage Hinweise aus unabhängigen Quellen. So versuchen Historiker Leben und Werk aus dem zu rekonstruieren, was später seine Anhänger berichteten. Hinzu kommt eine Analyse des kulturellen Umfeldes, in dem Jesus und das Neue Testament standen.

 

O-Ton: Prof. Dr. Thomas H. Macho

Die Evangelien und all das ist ja erst im ersten Jahrhundert nach Christus entstanden, und in der Zeit kann man für die Antike – sei es jetzt in Rom, sei es im hellenistischen Bereich, in Oberägypten, sei es im jüdischen Bereich, in Galiläa usw. – eine Fülle von religiösen Bewegungen, von Sekten, von allem möglichen, ausmachen. Also: Jede Stadt ihre Sekte, so ungefähr, jede größere Stadt, ihre Sekte. Das Christentum ist wohl eine Bewegung gewesen, die in den Städten eher begonnen hat als auf dem Land.

 

Erzählerin    Jesus wuchs in Galiläa auf, einem Durchgangsland mit einer jüdisch-hellenistischen Mischkultur. Es schiene denkbar, dass Jesus neben aramäisch auch griechisch sprach, und von den religiösen Umbrüchen und spirituellen Bewegungen jener Zeit beeinflusst worden wäre.

 

Zitator 2       Am nächsten kommt Jesus den Kynikern, die ihre Lehren als Samen in die Welt aussäen und unermüdlich missionieren.

 

Erzählerin    Kulturgeschichtler wie Carl Schneider sehen in Jesus eine Art kynischen Wanderprediger. Der Kynismus geht auf den griechischen Philosophen Diogenes zurück. Er lebte im dritten Jahrhundert vor Christus. Die Kyniker verbanden dessen Weltanschauung mit anderen Philosophien wie der Stoa und integrierten auch Elemente der griechischen Mythologie. Sie verehrten zum Beispiel den Halbgott Herakles und praktizierten Mysterienkulte um Tod und Auferstehung.

 

O-Ton: Prof. Dr. Bernhard Lang

Jesus als heimatloser Wanderprediger, der nicht weiß, wo er sein Haupt hinlegt, dass das nun sehr stark auch der Lebensweise und der Philosophie dieser kynischen Wanderprediger entspricht, und die Parallelen sind in der Tat sehr frappant und nicht von der Hand zu weisen.

 

Zitator 2       Die Synoptiker...

 

Erzählerin    ...also die Verfasser des Matthäus-, Markus- und Lukasevangeliums...

 

Zitator 2       Die Synoptiker zeichnen Jesus wie den Kyniker Herakles: heimatloser als die Vögel und die anderen Tiere, aber immer seinem göttlichen Auftrag getreu, seinen Heroldsruf verkündend, den Kampf gegen alles Böse beginnend.

 

(Musik: Marcel Cellier: Das Geheimnis der bulgarischen Stimmen. Polegnala e Pschenitza)

 

Erzählerin    Historiker wie Carl Schneider sprechen von einer „kynischen Weltbewegung“. Die Popularität des Kynismus erklärt die Ähnlichkeiten zwischen dem Leben der Kyniker und dem, was von Jesus berichtet wird:

 

Zitator 1       Die Kyniker haben keinen festen Wohnsitz, leben einfach und lehren im Freien.

 

Zitator 2       Jesus zieht umher, lehrt vor der Stadt im Freien – nicht wie etwa die Rabbiner in Sälen.

 

Zitator 1       Die Kyniker predigen, dass Tugend und Reichtum sich ausschließen.

 

Zitator 2       Jesus verkündet, dass ein Kamel eher durch ein Nadelöhr geht als ein Reicher Zugang zum Reich Gottes findet.

 

Zitator 1       Kyniker suchen den Kontakt zu armen und diskriminierten Menschen.

 

Zitator 2       Jesus pflegt Kontakte, die als anstößig gelten – zu Prostituierten, Aussätzigen, Bettlern, Zöllnern.

 

Zitator 1       Kyniker lehnen enge Glaubensgebote, starre Rituale und einengende Konventionen ab.

 

Zitator 2       Jesus polemisiert gegen die Erstarrung des Glaubens in Vorschriften und Regeln.

 

Zitator 1       Die Kyniker lehren, Bildung und Wissen seien für Glaube und Tugend irrelevant.

 

Zitator 2       Jesus sagt: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr das Himmelreich nicht schauen...“

 

Zitator 1       Kyniker tragen den einteiligen „kynischen Rock“.

 

Zitator 2       Jesus untersagt es, zwei Kleidungsstücke zu tragen.

 

Erzählerin    Diese Hinweise deuten bereits an, dass die aus den Evangelien rekonstruierbare Person Jesus weder einzigartig noch dass seine Lehre besonders originell war. Vor allem die neuere angelsächsische Bibelwissenschaft bestätigt das, so Bernhard Lang:

 

O-Ton: Prof. Dr. Bernhard Lang

Da wird darauf hingewiesen, dass Jesus nun keineswegs allein dasteht, isoliert dasteht, sondern dass es sehr ähnliche Gestalten gab, in der hellenistischen Umwelt, dass vor allem auch inhaltliche Momente ganz ähnlich sind.

 

Erzählerin    Berichtet werden Geschichten von Wundertätern, Heilern und Exorzisten, von Asketen, von Totenerweckern, von Menschen, die auf dem Wasser gehen, Stürme besänftigen, Brot, Fisch und vor allem Wein vermehren. Halbgötter werden in der hellenistischen Kultur von Jungfrauen zur Welt gebracht, hingerichtet, lösen bei ihrem Tod Erdbeben aus, sie fahren in die Unterwelt hinab...

 

Zitator 1       ...abgestiegen zu der Hölle, am dritten Tage wieder auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel...

 

Erzählerin    So heißt es im „Apostolischen Glaubensbekenntnis“.

 

O-Ton: Prof. Dr. Bernhard Lang

Wenn wir die antiken Quellen und ihre Inhalte studieren, dann betonen wir ja gerade, wie diese ganzen Dinge miteinander vernetzt sind, ein Ganzes bilden und daraus lässt sich natürlich nicht ohne weiteres etwas herausbrechen.

 

Erzählerin    Die Evangelisten greifen bei ihren Berichten über Leben, Lehren und Sterben Jesu auf Mythen zurück, die sich in der damaligen Welt – in Kleinasien, Griechenland, Ägypten und im sonstigen Römischen Reich großer Beliebtheit erfreuten.

 

(Musik: Essener Domsingknaben: Still, still seid ihr Hirten)

 

Zitator 1       Die Mutter Apoll irrt umher, um einen Ort zu finden, an dem sie ihr göttliches Kind gebären kann.

 

Zitator 2       Die „Mutter Gottes“, Maria, ebenso.

 

Zitator 1       Der griechische Halbgott Dionysos schläft als Baby in einer Art Futterkrippe.

 

Zitator 2       Das Jesuskind ebenso.

 

Erzählerin    Üblich war bei der Geburt von Gottessöhnen das Auftauchen von Kometen, die Huldigungen von – meist drei - Magiern, weisen und mächtigen Männern. Unverzichtbar waren euphorisch jubelnde Hirten und Engel:

 

Zitator 1       Ich verkünde eine große Freude. Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren...

 

Erzählerin    ...Lukas Kapitel 2, Vers 10.
In der antiken Kultstätte in Alexandrien wird euphorisch ausgerufen:

 

Zitator 2       In dieser Stunde, heute, gebar die Jungfrau, den Aion. Die Jungfrau hat geboren, das Licht geht auf.

 

Erzählerin    Die Geburt des sich für die Menschen aufopfernden Sonnengottes Mithras feierte man am 25. Dezember, der Tag der Geburt Jesu war zunächst unklar: Der 20. Mai, der 19. April, der 17. November waren in der Diskussion. Im 4. Jahrhundert legte die Kirche das Datum auf den Geburtstag des Mithras fest. Zum wöchentlichen Feiertag kürte die Kirche den Feiertag des Sonnengottes, den Sonntag.

 

Zitator 2       Der Mithraskult kannte sieben Sakramente, darunter Taufe, Firmung und eine Kommunion zum Gedächtnis an die letzte Mahlzeit Gottes mit seinen Jüngern.

 

Erzählerin    Der populäre Sonnengott färbte also deutlich auf den, wenn man so will, „multikulturellen“ Gott der Christen ab. Den Mithraskult eliminierten Kirche und Staat, nachdem das Christentum Staatsreligion geworden war.
Man findet noch weitere Adaptionen in den kanonisierten Schriften des Neuen Testamentes:

 

Zitator 1       Es ist vollbracht!

 

Erzählerin    ...mit diesen Worten starb der Jesus des Johannesevangeliums.

 

Zitator 1       Es ist vollbracht!

 

Erzählerin    ...mit diesen Worten stirbt auch Herakles, ein zur Entstehungszeit der Evangelien sehr beliebter Halbgott, der ähnliche Funktionen übernahm wie Jesus:

 

Zitator 2       Beide waren Mittler zwischen Götter- und Menschenwelt, beide waren Erlösergestalten, beide sind ihrem himmlischen Vater gehorsam, beide opfern sich für die Menschen...

 

Erzählerin    ...und nach dem Opfertod gab es in beiden Fällen eine Sonnenfinsternis, beide erleben jene für Halbgötter geradezu obligatorische Wiederauferstehung. Tod und Auferstehung von Herakles, Orpheus, Dionysos und später Jesus wurden in Mysterienfeiern gepflegt.

 

O-Ton: Prof. Dr. Bernhard Lang

Man vermutet mit Recht, dass hier in den antiken Mysterien es unter anderem um ein Weiterleben nach dem Tode geht, um ein Eingehen in die Götterwelt, was sich ja natürlich mit Vorstellungen der Auffahrt Jesu in den Himmel, mit der Apotheose berührt und auch hier wieder ist dasselbe zu sagen, dass es unter griechischen Denkvoraussetzungen bestimmte frühchristliche Traditionen rezipiert werden konnten.

 

Erzählerin    Zum Beispiel die Tradition des Dionysos-Kultes. Dionysos ist der Gott des Weines, der Natur, der Ekstase und des Rausches. Der Rebstock symbolisiert diesen Gott.

 

Zitator 2       Ich bin der wahre Weinstock...

 

Erzählerin    ...verkündet Jesus seinen Jüngern.

 

Zitator 2       Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben...

 

(Musik: Marcel Cellier: Das Geheimnis der bulgarischen Stimmen. Brei Yvane Nr. 7)

 

Zitator 1       Die Hochzeit von Kana.

 

Erzählerin    Diese sympathische Geschichte findet sich nur im Johannesevangelium. Jesus nimmt an einer Hochzeitsfeier teil. Leider ist der Wein bald alle. Kana ist übrigens kein Ort. Das Schriftzeichen für „Kana“ ist ein heiliges Symbol des Dionysoskultes. Wie auch immer, der Wein wird knapp auf dem Fest...

 

(Musik: Marcel Cellier: Das Geheimnis der bulgarischen Stimmen. Brei Yvane Nr. 7)

 

Zitator 1       Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge...; jeder fasste ungefähr hundert Liter. Jesus sagte zu den Dienern: Füllt die Krüge mit Wasser. Und sie füllten sie bis zum Rand. Er sagte zu ihnen: Schöpft jetzt, und bringt es dem, der für das Festmahl verantwortlich ist. Sie brachten es ihm. Er kostete das Wasser, das zu Wein geworden war.

 

Erzählerin    In einigen Mythen verwandelt auch Dionysos Wasser in Wein und vermehrt, wie Jesus, auch andere Lebensmittel.
Wie Dionysos gerät auch Jesus bisweilen in Ekstase, er „rast“, heißt es im griechischen Original.

 

Erzählerin    Auch ein anderes Motiv, die Verzehrung und Einverleibung Gottes, findet man im Umkreis des Dionysosmythos.
Im Johannesevangelium sagt Jesus:

 

Zitator 2       Wer nicht mein Fleisch mit den Zähnen zerbeißt und mein Blut austrinkt...

 

Erzählerin    Gebräuchlicher sind allerdings die entschärften Übersetzungen:

 

Zitator 1       Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm.

 

Erzählerin    Die „theophagen“ Mythen vom verspeisten Gott stammen nicht aus dem Judentum sondern aus dem Umfeld der zahlreichen hellenistischen Kulte.

 

O-Ton: Prof. Dr. Thomas H. Macho

Da gibt es natürlich alle möglichen Arten von Sekten, die aus dem hellenistischen Bereich stammen, wo Motive aus der griechischen Philosophie, des Platonismus, Motive aus der Orphik verschmolzen wurden mit orientalischen Motiven. Da gibt es Bewegungen, die sich eher auf die Astrologie fokussiert haben, Bewegungen, die eher um Opfer zentriert waren, wie die Mithras-Mysterien in Rom selbst, wo eine große Opfertat im Zentrum stand, diese Tötung des Stiers, also eine Fülle von Bewegungen, eine Fülle von Sekten, eine Fülle von Neuanfängen. Das ist die Rahmenbedingung.

 

Erzählerin    Griechische Einflüsse sind auch in theologisch unbedeutenden Details spürbar: In der Apostelgeschichte findet sich eine Anekdote, die in Troas spielt, also im antiken Troja. Paulus hält hier eine wohl wenig inspirierende Rede, so dass ein junger Mann, der vom Fenster eines Hauses zuhörte, einschlief.

 

Zitator 1       Und er fiel im Schlaf aus dem dritten Stock hinunter; als man ihn aufhob, war er tot. Paulus lief hinab, warf sich über ihn, umfasste ihn und sagte: Beunruhigt euch nicht: Er lebt.

 

Erzählerin    Davon abgesehen, dass Paulus wie Jesus Wunder tut und Tote zum Leben erweckt, ist bemerkenswert, dass im 10. Buch der Odyssee am gleichen Ort ein junger Mann ebenfalls einschläft und zu Tode stürzt. Die Anekdote ist eine eindeutige Reminiszenz an Homer. Auch Jesus bemüht gelegentlich die griechische Mythologie:

 

O-Ton: Prof. Dr. Bernhard Lang

Er nennt zwei seiner Jünger, Zwillinge, die Donnersöhne. Das ist eine Anspielung auf griechische Religionsgeschichte, auf griechische Mythologie. Die Donnersöhne in der griechischen Mythologie sind Castor und Pollux und an einem solchen kleinen, isolierten Beispiel kann man ja sehen, dass sich da vielleicht noch mehr dahinter verbirgt.

 

Erzählerin    Mit griechischen Begriffen werden Bestandteile hellenistischer Philosophie adaptiert: Den Begriff „Psyche“, Seele, gibt es nicht in der jüdischen Kultur und Sprache. In den Evangelien ist er enthalten und markiert den Dualismus von Leib und Seele.

 

Zitator 2       Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann.

 

O-Ton: Prof. Dr. Bernhard Lang

Sehr Vieles an diesem Gedankengut ist in der hellenistischen Welt sehr verbreitet, aber hat durchaus auch Vorgänger innerhalb der jüdischen Tradition, die ja in dieser Zeit viel mehr Farbe zeigte, vielgestaltiger war als das spätere Judentum. Das dürfen wir nicht gleichsetzen.

 

Erzählerin    Es gibt Motive in den Evangelien, die einen eindeutig jüdischen Hintergrund haben: Dass Jesus als Prophet auftritt, als Schriftgelehrter, der im Tempel lehrt, und als Gottesknecht und Messias, der das Reich Gottes ankündigt – und zwar mit ähnlichen Formulierungen wie in Jesaja, im Alten Testament:

 

(Musik: Hildegard von Bingen: Symphoniae. Nr. 4)

 

Zitator 1       ...für uns litt er Schmerzen ... er tat kein Unrecht...
Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen,
wegen unserer Sünden zermalmt.
Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm...

 

Erzählerin    Vor allem der erste Petrusbrief konstruiert Jesus nach dieser alttestamentlichen Vorlage und präsentiert ihn – mit den Formulierungen und Bildern Jesajas - als den angekündigten Erlöser.

 

(Musik: Hildegard von Bingen: Symphoniae. Nr. 4)

 

Zitator 2       ...der keine Sünde tat und in dessen Mund kein Trug war.
...der unsere Sünden selbst hinauftrug ... durch dessen Wunden ihr geheilt werdet.

 

Erzählerin    Die Evangelisten lassen Jesus sagen, er habe „die Schrift“ erfüllt. Vor allem Matthäus knüpft an jüdische Traditionen an und berücksichtigt die Interessen der sogenannten Judenchristen, also jener Juden, die zum Christentum konvertierten, sich aber den jüdischen Traditionen weiterhin verpflichtet fühlten. Zwischen ihnen und den sogenannten Heidenchristen gab es im ersten Jahrhundert gravierende Differenzen.

 

Zitator 1       In diesen Tagen, als die Zahl der Jünger zunahm, begehrten die Hellenisten gegen die Hebräer auf...

 

Erzählerin    Die Heidenchristen gegen die Judenchristen. Die Judenchristen hielten an jüdischen Ritualen – etwa der Beschneidung – fest, an den jüdischen Schriften und trotz des Auferstehungsglaubens am jüdischen Messiasbild: Der Herr sollte kommen, um das Reich Israel wieder aufzurichten.

 

O-Ton: Prof. Dr. Thomas H. Macho

Für die jüdische Situation ist kennzeichnend etwas ganz anderes: der jüdische Krieg, 70 nach Christus, die Zerstörung des Tempels, eigentlich die Überwältigung der jüdischen Kultur durch die Römer. Das ist sozusagen eine Rahmenbedingung. Und wenn man das Christentum als jüdische Sekte anschaut, wie die Essener, wie andere Religionen, die innerhalb des Judentums entstanden sind - das muss für die Religion des Judentums einen enormen Einbruch, eine enorme Verunsicherung bedeutet haben, die gewissermaßen den internen Konflikt, der im Monotheismus immer drin liegt, einen internen Konflikt, der mit der Frage zusammenhängt: Wenn es denn nur einen Gott gibt und nicht viele, wieso ist dieser Gott ausgerechnet uns bekannt geworden?

 

Erzählerin    Und: Warum hat dieser eine Gott ihren politischen und religiösen Mittelpunkt zerstören lassen? Die Antwort: Weil er – als einziger Gott - überall verehrt werden will.

 

O-Ton: Prof. Dr. Thomas H. Macho

Es geht darum, eine politische, eine militärische Niederlage mit einer theologisch-spekulativen Frage zu verbinden, die mit der Konzeption des Monotheismus selbst zusammenhängt.

 

Erzählerin    Monotheismus gab es auch in der griechisch-römischen Philosophie der Stoiker. Missionseifer entwickelten auch die Kyniker. Doch die theologische Antwort auf das politische Ereignis der Tempelzerstörung in Jerusalem schuf eine neue Dynamik:

 

Zitator 2       Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe.

 

(Musik: Ignaz Reimann, Josef Schnabel: Sanctus, Nr. 4)

 

Erzählerin    Was macht das Christentum nun so erfolgreich? Sicher nicht seine Originalität: Die Verfasser des Neuen Testamentes nehmen bei der Konstruktion der Jesus-Figur großzügige Anleihen bei hellenistischen Mythologien. Doch genau das macht das Christentum vereinbar mit der damaligen Volksreligion. Außerdem: Das Neue Testament wird zunächst in griechischer Sprache verbreitet; und die Verfasser des Neuen Testaments denken griechisch – einige mehr, wie Johannes, einige weniger, wie Matthäus - und können sich den gebildeten Schichten der damaligen Welt verständlich machen. Das kann ebenfalls zum Erfolg beigetragen haben. Irritierend ist auch nicht, was oft als „originär-christlich“ gefeiert wird.

 

O-Ton: Prof. Dr. Thomas H. Macho

Der Liebesgedanke, das darf man auch nicht vergessen, ist ja nicht so ganz originell. Der Liebesgedanke ist ja etwas, was etwa in der jüdischen Tradition verankert war. Auch dort ist ja das Nächstenliebegebot verankert und mit den Fremden schon so geregelt auf der einen Seite. Auf der anderen Seite gibt es diese aufgeklärte Dimension der römischen Humanitas...

 

Erzählerin    ...die zwar nicht nahe legte, seine Mitmenschen zu lieben, aber in ihnen gleichwertige Menschen zu sehen. Wahrscheinlich ist, so Bernhard Lang...

 

O-Ton: Prof. Dr. Bernhard Lang

...dass Wunderheilungen, die ja nun auch außerhalb des Christentums eine große Rolle spielen, hier eine große propagandistische Wirkung gehabt haben.

 

Erzählerin    Kirchenväter rüsteten das Christentum im zweiten und dritten Jahrhundert auch philosophisch auf:

 

O-Ton: Prof. Dr. Thomas H. Macho

Erfolgreich wurde es auch als spekulativ-anspruchsvolle Bewegung, als eine theoretisch anspruchsvolle Bewegung, die also auch Intellektuelle angezogen hat.

 

Erzählerin    Ein weiterer wichtiger Mobilisierungsfaktor war das Martyrium. Das bessere Jenseits vor Augen verweigerten Christen ein formalisiertes Opfer vor dem Bildnis des Kaisers und ließen sich umbringen. Einige Päpste und Bischöfe hatten allerdings keine Probleme mit diesem Unterwerfungsritual.

 

O-Ton: Prof. Dr. Thomas H. Macho

Ein im Geist der römischen Humanitas erzogener Beamter war ja nicht primär zur Verfolgung von Sekten disponiert. Die berühmten Verfolgungen gingen ja nicht von lauter wahnhaften Paranoikern aus.

 

Erzählerin    Das Martyrium entwickelte sich zu einem gezielt genutzten Mobilisierungs- und Propagandafaktor.

 

Zitator 2       Der Blutstrom, der die Geschichte des antiken Christentums angeblich durchrinnt, ist zum großen Teil legendär.

 

Erzählerin    Zu diesem Ergebnis kommen Kirchenhistoriker wie hier Karlheinz Deschner.

 

Zitator 2       Die Zahl aller christlichen Märtyrer in den ersten drei Jahrhunderten wurde auf 1500 geschätzt, eine wohl sehr problematische Zahl. Erhalten blieb jedenfalls eine schriftliche Kunde überhaupt nur von ein paar Dutzend Märtyrern...

 

Erzählerin    ...weshalb Kirchenvertreter die Märtyrerzahlen durch belegbare Aktenfälschungen – so Deschner - ein wenig aufstockten.

 

O-Ton: Prof. Dr. Bernhard Lang

Es gibt noch einen weiteren Punkt, den ich die moderne Entwicklung des Christentums nennen würde, und zwar, dass das Christentum sich sehr rasch, offenbar schon im frühen zweiten Jahrhundert eine Verfassung gegeben hat, die Ämter enthielt, das Bischofsamt. Und das ganze spätrömische Reich war bereits gegen Ende des 3. Jahrhunderts mit einem Netz von Bischöfen, die untereinander in Verbindung standen, überzogen, was ein Netz schaffte, das manchmal enger und zuverlässiger war als die staatliche Verwaltung. Und deshalb konnte auch sehr rasch – zu Beginn des vierten Jahrhunderts – die Kirche dann zur Reichskirche aufsteigen. Also, diese moderne Organisation, die es in keiner anderen antiken Religion gibt, hat zweifellos dazu beigetragen, dass das Christentum die ganze spätantike Kultur durchsetzen, erobern konnte.

 

Erzählerin    Das Christentum organisierte sich also einen schlagkräftigen institutionellen Rahmen. Es band seine Anhänger sozial ein, sorgte zwischen ihnen für einen sozialen Ausgleich. Die Reichen gaben den Armen. Parallel zu diesen organisatorischen Maßnahmen schuf sich die neue Sekte mit der Kanonisierung der Bibel einen wirksamen „ideologischen Überbau“. Es galt, konkurrierende Glaubenslehren zu integrieren und, was nicht zu integrieren war, auszuschalten.
Den ersten Kanon stellte etwa im Jahre 140 ein – so die kirchliche Bezeichnung – „Ketzer und Irrlehrer“ auf: Markion.

 

Zitator 2       Markion akzeptiert nur das Lukasevangelium und einige Paulusbriefe, lehnt das Alte Testament mit seinem jüdischen Gott entschieden ab und gilt als Gnostiker.

 

Erzählerin    Die Gnosis als Bewegung wurde innerhalb und außerhalb des Christentums bedeutsam. Thomas Macho ist ein Gnosis-Experte.

 

O-Ton: Prof. Dr. Thomas H. Macho

Gnosis ist eine Begeisterung für eine frohe Botschaft, die übrigens in ihrer textlichen Gestalt von Gemeinde zu Gemeinde, von Stadt zu Stadt erhebliche Abweichungen hat. Gleichzeitig so was wie eine theoretisch durchaus anspruchsvolle Welterklärung, die in manchen Punkten eleganter ist als die spätere Theologie und so etwas wie eine Erfahrungsreligiosität...

 

Erzählerin    ...erfahrbar, erlebbar, spürbar muss das Göttliche sein. Gnostische Lehren waren im Mittelmeerraum sehr verbreitet. Sie verbanden sich mit jüdischen, christlichen und anderen Glaubenslehren des nahen und mittleren Ostens und bezogen die griechisch-römische Philosophie in ihr Denken ein. Gnostiker schrieben Evangelien, Apokalypsen, theologische Abhandlungen, doch sie gründeten keine Kirche und formulierten keine einheitliche Glaubenslehre.

 

O-Ton: Prof. Dr. Thomas H. Macho

Natürlich war mit der gnostischen Erfahrung und diesem sozusagen nicht institutionalisierbaren existenziellen Kern der Gnosis keine Institutionengeschichte zu machen. Das ist auch ein Grund, weshalb die Gnosis aus der Geschichte des Christentums herausgeflogen ist und eher als eine subversive Kraft weiter aktiv blieb.

 

Erzählerin    Theoretisch interessant ist die Spekulation, dass der Schöpfer der unvollkommenen Welt – damit meinten sie den Gott des Alten Testaments – unmöglich mit dem wahren guten Gott identisch sein könne.

 

Zitator 1       Es gibt keine Bibelinterpretation, die so ungeheuerlich wäre, als dass die Gnostiker sie nicht unternommen hätten.

 

Erzählerin    Der Heilige Irenäus kämpfte gegen die Gnostiker, verfasste Polemiken gegen Häretiker und Irrlehrer. Er wollte den alttestamentlichen Gott für das Christentum retten. Gnostiker sahen in Jehova den unvollkommenen Schöpfergott, den bösen Demiurgen.

 

Zitator 2       Der wahre, der gute Gott kann für die Schöpfung und die Übel der Welt nicht verantwortlich sein!

 

Erzählerin    Gnostiker waren nicht gezwungen, diesen Gott, seine Welt und die von ihm geschaffenen Menschen gesund zu beten.

 

O-Ton: Prof. Dr. Thomas H. Macho

Das heißt: dass das, was Gnosis heißt, zurückgeführt wird auf eine elementare existenzielle Erfahrung. Der Gnostiker sagt, meine Grunderfahrung in dieser Welt ist: „Hier gehöre ich nicht hin.“ „Hier kann ich doch nicht zu Hause sein. Das ist doch nicht meine Heimat.“ Das ist ein Gefühl, das wir doch gelegentlich teilen können. Bei uns führt das zur Melancholie und Depression, bei den Gnostikern führt es zu dem positiven Rückschluss, dass er sagt: „Gut, wenn ich hier nicht zu Hause bin, dann woanders.“

 

Erzählerin    Mit dieser gnostischen Haltung war weder Staat noch Kirche zu machen. Doch genau das wollte man mit der Kanonisierung und den nachträglichen Fälschungen der Heiligen Schrift:

 

Zitator 2       Von den insgesamt 21 Briefen des Neuen Testamentes sind mindestens zwölf „fingiert“...

 

Erzählerin    ...was nach Ansicht der Kirche natürlich nicht bedeutet, dass sie nicht göttlich inspiriert sind und aus dem Kanon entfernt werden müssten.
Die Fälscher gaben sich die größte Mühe, die Echtheit des Briefes zu betonen. Der „gefälschte“ Paulus schreibt an Timotheus:

 

Zitator 1       Wenn du kommst, bring den Mantel mit, den ich in Troas bei Karpus gelassen habe, auch die Bücher, vor allem die Pergamente.

 

Erzählerin    Die gefälschten Pastoralbriefe mussten authentisch wirken, um mit der Autorität des Paulus vor allem die Macht der Kirchenämter, also die einsetzende Hierarchisierung zu legitimieren. Dieser Zweck heiligt auch gewisse Einschübe, zum Beispiel in das Matthäusevangelium:

 

Zitator 2       Du bist Petrus, und auf diesem Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen.

 

Erzählerin    Mit großer Wahrscheinlichkeit gefälscht – vermutet Bernhard Lang in seinem Buch „Die Bibel. Eine kritische Einführung“. Diesen Satz zitieren katholische Kirchenvertreter gerne, um das Papsttum zu rechtfertigen.

 

(Musik: Ignaz Reimann, Josef Schnabel: Wir beten an.)

 

Erzählerin    Doch es wäre zweifellos unhistorisch, sich moralisch zu empören, dass man die neutestamentarischen Schriften ab und an ergänzt, illustriert und manipuliert hat. Dieser Umgang mit Texten – das zeigt die kritische Bibelwissenschaft - war vor zweitausend Jahren durchaus üblich. In den Augen der Evangelisten wurden ihre Texte offensichtlich nicht unglaubwürdig durch Rückgriffe auf hellenistische Mythologien, konkurrierende Traditionen und Mysterienkulte, auf die Lehre von wundertätigen Wanderpredigern, Exorzisten und griechische Philosophen.

 

Zitator 2       Der Glaube braucht sich vor einer wissenschaftlichen Bemühung um die Bibel nicht zu fürchten.

 

Erzählerin    So beruhigen Theologen wie Eduard Lohse.

 

O-Ton: Prof. Dr. Franz Buggle

Die Bibel ist eine Sammlung von alten Schriften, die historisch interessant ist.

 

Erzählerin    ...verfasst mit dem Bewusstsein ihrer Zeit, gesammelt nach pragmatischen, theologischen und politischen Gesichtspunkten und bearbeitet im Laufe der Jahrhunderte.

 

O-Ton: Prof. Dr. Franz Buggle

Da gibt es auch rein ästhetisch schöne Stellen drin, es gibt langweilige Stellen drin, es gibt ethisch wertvolle, es gibt aber auch diese fürchterlichen, diese vielen Genozide. Der Gott befiehlt, Kinder vor den Eltern zu zerschmettern, Primatentötungsart, da wird es einem auch als Psychologe ganz eigenartig, es ist eine Schrift, die also auf einem relativ frühen Stadium stehen geblieben ist.

 

Erzählerin    Prof. Franz Buggle ist Entwicklungs- und Religionspsychologe. In seinem Buch „Denn sie wissen nicht, was sie glauben. Oder warum man redlicherweise nicht mehr Christ sein kann“ analysiert er, was an Inhalten in den biblischen Kanon aufgenommen wurde:

 

O-Ton: Prof. Dr. Franz Buggle

Das Neue Testament, das Alte, übrigens auch der Koran und andere sogenannte Heilige Schriften, sind ja alle alt. Sie spiegeln die psychische Verfassung von Menschen wider, die vor zwei- bis dreitausend Jahren, im Falle der Bibel, gelebt haben, und diese Menschen haben ihre eigene damalige - damalige, nicht heutige - Verfassung, ihr Weltbild, ihr Denken mit massiven Defiziten - aber auch ihre humanitären und ethischen Normen, auch mit massiven Defiziten - in diesen Gott, in diesen Himmel projiziert...

 

(Musik: Ignaz Reimann, Josef Schnabel: O Engel Gottes eilt hernieder)

 

Zitator 1       Wenn der Herr, dein Gott, sie in deine Gewalt gibt, sollst du sie erschlagen.

 

Zitator 2       Warum habt ihr alle Frauen und Kinder am Leben gelassen? Nun bringt alle männlichen Kinder um und ebenso alle Frauen, die schon einen Mann erkannt und mit einem Mann geschlafen haben.

 

Zitator 1       Lobet den Herrn, denn er ist gütig! Er erschlug Ägyptens Erstgeburt, beim Menschen und beim Vieh!

 

Erzählerin    Diese Zitate aus dem Alten Testament ließen sich beliebig fortsetzen: Gott befiehlt zu morden, lässt ganze Heere im Roten Meer ertrinken, seine Engel erschlagen in einer Nacht Zehntausende Soldaten, ermorden Kinder. Weil ihm die Menschen überdrüssig sind, ertränkt er sie in der Sintflut, vernichtet Städte – alles biblisch. Alles andere als liebevoll geht er mit Hiob um, mit Abraham. Der Gott des Alten Testaments ist ein brutaler, grausamer und rachsüchtiger Gott.

 

(Musik: Ignaz Reimann, Josef Schnabel: Jesus dir leb ich)

 

Zitator 1       ...es wäre besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals im tiefen Meer versenkt würde.

 

Zitator 2       Die Engel werden kommen und die Bösen von den Gerechten trennen und in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt.

 

Zitator 1       Ihre Kinder werde ich töten, der Tod wird sie treffen...

 

Zitator 2       Es wurde den Engeln befohlen, die Menschen nicht zu töten, sondern zu quälen...

 

Zitator 1       Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.

 

Erzählerin    Auch für diese Zitate aus dem Neuen Testament gilt – so das Zweite Vatikanische Konzil 1965: Es ist...

 

Zitator 1       ...all das und nur das, was Gott geschrieben haben wollte.

 

O-Ton: Prof. Dr. Franz Buggle

Es gibt keine größere Unbarmherzigkeit und es gibt keine schlimmere – das sage ich jetzt als Psychologe – Drohung, als eine Drohung mit Strafen, die nicht aufhören, mit extremen Qualen, beides noch offizielle Lehren der Kirchen. Da wurden ganze Leben zerstört durch diese Drohungen.

 

Erzählerin    Franz Buggle zeigt in seinem Buch die andere, die grausame, bedrohliche, ängstigende Seite des Neuen Testaments.

 

O-Ton: Prof. Dr. Franz Buggle

Es gibt ja eine Masse von Leuten, Theologen und hochbezahlte andere Kirchenangestellte, die das Loblied der Bibel singen, deswegen müssen wir wenigen Kritiker, die es gibt, wir müssen jetzt auch einmal diese kritischen Dinge dagegenhalten.

 

Erzählerin    Das Neue Testament zeichnet Jesus als Gott oder Halbgott, der polarisiert und entdifferenziert...

 

Zitator 2       ...wer nicht für mich ist, ist gegen mich...

 

Erzählerin    ...Abweichler, Andersgläubige werden im Neuen Testament verteufelt, es häufen sich Tiervergleiche und sadistische Vernichtungsphantasien.

 

O-Ton: Prof. Dr. Franz Buggle

Von den Juden ganz zu schweigen, die ja im Johannesevangelium von Jesus als Kinder des Teufels bezeichnet werden, eine Stelle, die furchtbare Auswirkungen hatte...

 

Zitator 1       ...freue dich über ihren Untergang, du Himmel – und auch ihr, Heilige Apostel und Propheten, freut euch!

 

Erzählerin    Selbstverständlich gibt es das Liebesgebot, die Aufforderung, erlittenes Unrecht zu verzeihen, seine Feinde zu lieben.

 

O-Ton: Prof. Dr. Franz Buggle

Das Liebesgebot wird sicher überschätzt, aus mehreren Gründen: Der wichtigste Grund ist der, dass es eben fast immer im Neuen Testament, im Alten noch viel mehr, legiert ist – ich habe das Legierung genannt, das heißt, es ist eben untrennbar von Antipoden oder mit Antipoden verbunden, Antipode heißt, inhumanen sehr massiv, exzessiv inhumanen und nicht humanitären Aspekten.

 

Erzählerin    Die Bergpredigt, das Gleichnis vom Samariter – das ist die eine Seite des Neuen Testaments, das Drohpotential, die geschürte Angst, ewig verdammt zu sein, die Gewalt- und Strafphantasien, die andere.

 

Zitator 2       Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir…

 

Erzählerin    ...bat Jesus, bevor er zu Tode gefoltert wird, seinen Vater. Der zugleich „allmächtige“ und liebevolle“ Vater weigerte sich.

 

O-Ton: Prof. Dr. Franz Buggle

Auch zum Beispiel, dass er dieses Sühneopfer, dieses blutige, fordert, um versöhnt zu werden, die Hinrichtung also eines Menschen, zu dem er auch noch in einem Vater-Kind-Verhältnis steht, um wieder versöhnt zu werden – das hat ja nun wenig mit liebevoll zu tun. Stellen Sie sich mal einen irdischen Vater vor, einen menschlichen Vater, der ja also so etwas verlangen würde und er verlangt es ja, so steht es ja in der Bibel ausdrücklich.

 

Erzählerin    Theologen deuten dieses Opfer als göttliche Liebestat.

 

O-Ton: Prof. Dr. Thomas H. Macho

Da braucht man schon sehr viel theoretisch-spekulative Anstrengung, um zu verstehen, warum der liebend-fürsorgliche Vater dafür ist, dass der einzige Sohn nicht nur geopfert wird, sondern das auch noch auf eine möglichst qualvolle und anstrengende Weise.

 

Erzählerin    So der Kulturwissenschaftler Thomas Macho.

 

O-Ton: Prof. Dr. Thomas H. Macho

Wer das Leiden so stark integriert und zum Vehikel der Erlösung erklärt, ist natürlich immer allzu schnell bereit, das auch bei den anderen so anzunehmen und anzuerkennen.

 

Erzählerin    Wenn der göttliche Vater seinen göttlichen Sohn opfert, warum sollen seine irdischen Anhänger mit Opferungen aller Art zurückhaltend sein. Die Geschichte der Kirche und der christlichen Gesellschaften macht das eindrücklich klar.

 

O-Ton: Prof. Dr. Franz Buggle

Sie können ja nichts Schlimmeres einem Gläubigen sagen als: Dein Gott ist schlimmer als du. Und das lässt natürlich auch nicht diese Hintertüren auf, die immer gleich, ja, wir wissen ja, die böse Kirche und die sturen Bischöfe, aber die Bibel, aber Gott in der Bibel und Jesus - und das ist genau nicht so.

 

Erzählerin    Was bleibt übrig von den Texten des Neuen Testaments, woran lässt sich festhalten? Der kritische Bibelwissenschaftler und Theologe Bernhard Lang:

 

O-Ton: Prof. Dr. Bernhard Lang

Den Gottesglauben würde ich festhalten und natürlich den ethischen Impuls. Ich glaube nicht, dass es berechtigt ist, der neutestamentlichen Zeit eine zu große Überlegenheit in der ethischen Geschichte der Menschheit zu geben, dass man darüber nicht hinaus kommt und dass nicht andere Zeiten zu anderen Schlüssen kommen.

 

Erzählerin    Ethische Impulse gebe die Bibel, so Bernhard Lang, doch die Antworten müssten wir selber suchen. Franz Buggle ist noch ein wenig skeptischer:

 

O-Ton: Prof. Dr. Franz Buggle

Für mich kann sie unmöglich heute noch als Quelle von Religiosität und Ethik und als letzte und verbindliche Quelle angesehen werden.

 

(Musik: Ignaz Reimann, Josef Schnabel: Großer Gott, wir loben dich)

 

Erzählerin    Fromme Theologen empfehlen:

 

(Musik: Ignaz Reimann, Josef Schnabel: Großer Gott, wir loben dich)

 

Zitator 1       Bibelleser lassen sich nicht entmutigen, wenn sie nicht gleich alles verstehen können, sondern falten die Hände und werden still, damit Gott zu ihnen redet.

 

Ausgewählte Literatur

 

Borse, Udo: Studien zur Entstehung und Auslegung des Neuen Testaments, Stuttgart 1996

 

Buggle, F.: Denn sie wissen nicht, was sie glauben. Oder warum man redlicherweise nicht mehr Christ sein kann, Reinbek bei Hamburg 1992 (Neuauflage April 2003)

 

Campenhausen, H.v.: Die Entstehung der christlichen Bibel, Tübingen 1968

 

Deschner, K.: Abermals krähte der Hahn. Eine Demaskierung des Christentums von den Evangelisten bis zu den Faschisten, Reinbek bei Hamburg 1972

 

Ders.: Kriminalgeschichte des Christentums. Die Frühzeit, Reinbek bei Hamburg 1989

 

Gerhardsson, B.: Die Anfänge des Neuen Testaments, Wuppertal 1977

 

Herrmann, S. u.a: Die Schriften der Bibel: Entstehung und Botschaft, Stuttgart 1996

 

Hörster, G.: Bibelkunde und Einleitung zum Neuen Testament, Wuppertal 1993

 

Kahl, J.: Das Elend des Christentums, Reinbek bei Hamburg 1971

 

Lang, B.: Die Bibel. Eine kritische Einführung, Paderborn 1990

 

Lohse, E.: Die Entstehung des Neuen Testaments, Stuttgart 1990

 

Roloff, J.: Einführung in das Neue Testament, Stuttgart 1995

 

Schneider, C: Geistesgeschichte der christlichen Antike, München 1978

 

Sloterdijk, P. / Macho, T., H.: Weltrevolution der Seele. Ein Lese- und Arbeitsbuch der Gnosis, Zürich 1993

 

Stroumsa, Guy G.: Kanon und Kultur. Zwei Studien zur Hermeneutik des antiken Christentums, Berlin, New York 1999

 

Trobisch, David: Die Endredaktion des Neuen Testaments. Eine Untersuchung zur Entstehung der christlichen Bibel, Göttingen 1996