Das unterscheidend Christliche und der religiöse Pluralismus,

Siehe auch: Islamischer Schleier, Wir müssen den Schleier lüften, FAZ Necla Kelek

Reinhard Hempelmann in EZW 201Apologetische Aufgaben und religionstheologische Perspektiven

Für die christlichen Kirchen kommt es im Kontext religiös-weltanschaulicher Vielfalt darauf an, die Darlegung des elementar Christlichen und des unterscheidend Christlichen einzuüben.

Zur Bestimmung dieses unterscheidend Christlichen aber gehört die Orientierung am trinitarischen Bekenntnis, an der Rechtfertigungsbotschatt und einer Ethik der Verantwortung, die der christlichen Hoffnung und der friedensstittenden Kraft des Evangeliums entspricht. Zugleich fordert diese Situation dazu heraus, unterschiedliche religiöse und weltanschauliche Geltungs- und Wahrheitsansprüche aufeinander zu beziehen. Für das Gespräch der Religionen und Weltanschauungen miteinander ist beides wichtig, Hörfähigkeit und Auskunftstähigkeit im Blick auf die eigenen Glaubensgrundlagen.

Verschmelzungswünsche und Harmonisierungsstrategien sind als Antwort ebenso untauglich wie fundamentalistische Abwehrreaktionen, die von starren Wahrnehmungsmustern ausgehen und vor allem an scharfen Abgrenzungen interessiert sind. Christinnen und Christen sollten keine Angst haben, sich mit fremden Glaubensüberzeugungen zu befassen und auseinanderzusetzen. 

Dialogtähigkeit einerseits und Glaubensgewissheit anderseits schließen sich nicht aus.

 

Reinhard Hempelmann in EZW 201, auch Rodney Stark /William S. Bainbridge, The Futurc of Religion, Secularization, Rcvival and Cult Formation, Berkeley 1985, 24t'f. Vgl. dazu auch Reinhart Hummel, Religiöser Pluralismus oder christliches Abendland? Herausforderung an Kirche und Gesellschaft, Darmstadt 1994, 71 ff. Daraul hat mit Recht der Systematiker Falk Wagner hingewiesen: ders., Gott - Ein Wort unserer Sprache? In: Theo Faulhaber / Bernhard Stillfried iHg.i, Wenn Gott verloren geht. Die Zukunft des Glaubens in der säkularisierten Gesellschaft, QD 174, Freiburg i. Br. / Basel /Wien 1998, 222.

 

Drei fragwürdige aber populäre Ansätze einer Theologie der Religionen gibt es auf der protestantischen Seite:

1.  Exklusivismus (außerhalb der christlichen Religionen gibt es kein Heil),

2. Inklusivismus (das Heil im Christentum schließt alle Religionen ein) und

3. Pluralismus (alle Religionen sind unterschiedliche, aber gleichwertige Heilswege)

Wilfried Härle, Aus dem Heiligen Geist. Positioneller Pluralismus als christliche Konsequenz, in: Die Zeichen der Zeit, Lutherische Monatshefte 7/1998, 21-24, hier 23.

Bei Christian Danz und Reinhold Bernhardt geht es v. a. um Chancen und Grenzen der pluralistischcn Religionstheologie; vgl. Christian Danz, Einführung in die Theologie der Religionen, Wien 2005 (dort weitere Literatur), und Reinhold Bernhardt, Ende des Dialogs? Die Begegnung der Religionen.

 

 

Jürgen Habermas:

Drei Gründe für ein Scheitern einer zivilisierten d.h. beiderseitig selbstkritischen Auseinandersetzung mit Faschismus und Fundamentalismus nennt Jürgen Habermas. Ich zitiere aus der Laudatio für Habermas von Jan Philipp Reemtsma:  

 

 "Es sind nach Habermas im Wesentlichen drei Wege der Destruktion denkbar.

1. Denkbar ist eine Zerstörung moderner Rationalität, die den Preis gesellschaftlicher Entdifferenzierung zu zahlen bereit ist. Träger solcher Zerstörung könnte das Militant-und Mörderischwerden der Globalisierungskritik sein (ich brauche die Stichworte nicht zu nennen) -oder eine Reaktion darauf, die sich emotioneil wie machtpragmatisch in diesen Strudel der Entdifferenzierung ziehen lässt.

2. Denkbar ist zweitens eine Selbstdestruktion durch beschleunigt fortschreitende Differenzierung: die Aufzehrung lebensweltlicher kommunikativer Rationalität durch die Imperative formal organisierter Handlungssysteme. (Bildungssystem und religiöse Parallelwelten) Dieser Prozess ist, nach Luhmann, bereits weitgehend abgeschlossen. Allerdings ist das, wenn ich richtig sehe, für Luhmann eine Frage der Theorie, für Habermas eine der Empirie.

3. Schließlich - und dieser Möglichkeit galten Habermas' jüngste Beiträge zur Diskussion um die Chancen und Risiken der Gentechnologie - wäre denkbar, dass es dem Menschen so an die anthropologische Substanz geht, und zwar durch die Auswirkungen seiner Fähigkeiten zur Selbstmanipulation auf Selbstbild und -bewusstsein, dass ihm sowohl das Gefühl für die Kontingenz der eigenen Existenz als Voraussetzung der Fähigkeit zur kritischen Aneignung seines eigenen Lebens als auch sein Potential der Lebensführung in Eigenregie abhanden kommt. Ob sich hier tatsächlich eine neue Gefahr der Destruktion moderner Rationahtät auftut, ob dem post-post-modernen Menschen vielleicht wirklich die Existentiale abhanden kommen, ist zwar auch eine empirische Frage, und Habermas formuliert hier eine Hypothese mit Fragezeichen - aber die ist natürlich normativ aufgeladen: auf die Ungewisse Möglichkeit ihrer Falsifikation dürfe man es nicht ankommen lassen.

Zwar betont Habermas, dass es ihm nicht um das gehe, was traditionellerweise »Kulturkritik« heiße, vielleicht aus Sorge, etwa mit jenen Passagen der Dialektik der Aufklärung in Zusammenhang gebracht zu werden, die bei der Re-Lektüre etwas altbacken wirken, aber in einem natürlich relevant bleiben: dass die lebensweltliche Rationalität natürlich auch durch schlichte Verblödung vor die Hunde gehen kann - und was heißt da schon »nur«. Dass eine Bedrohung unserer Freiheit nicht als Zerstörung des Rechts, nach eigener Facon selig zu werden, auftritt, sondern als Demontage der Fähigkeit, sich eine eigene Facon zu geben, ist die nicht aus der Luft gegriffene Besorgnis, in der sich traditionelle Kulturkritik und Habermas' Warnung vor den Möglichkeiten der Selbstmanipulation der Gattung treffen.“

 

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