Viertes Thema
Von Averroes (Ibn Rusd etwa 1180)
Die As'ariten haben über Unrecht und Gerechtigkeit bezüglich
Gottes eine Ansicht, die sich eben so sehr von dem Verstande als von der Religion entfernt, aufgestellt. Nämlich
sie sprechen ausdrücklich eine Idee
aus, welche die Religion nicht ausdrücklich lehrt, sondern das gerade
Gegenteil. Sie sagen nämlich, daß hierin
das Jenseitige sich anders verhält als das Diesseitige: nach ihrer Behauptung wird das diesseitige Wesen mit
Gerechtigkeit und Unrecht
qualifiziert, bloß deswegen, weil es in seinen Handlungen von dem religiösen Gesetz beherrscht wird, so daß, wenn der Mensch etwas nach dem Gesetz
Gerechtes tut, er gerecht ist, und
wenn er etwas tut, das das Gesetz für Unrecht erklärt, er ungerecht ist. Sie sagen weiter: Wenn jemand nicht verantwortlich
ist und nicht unter der Herrschaft des Gesetzes steht, so existiert für ihn
keine Handlung, welche gerecht oder ungerecht
wäre; ja seine Handlungen sind alle gerecht; und sie sind gezwungen zu
sagen, daß es hier nichts gebe, was an und für
sich gerecht oder ungerecht wäre. Dieses ist aber im höchsten Grade schändlich, •weil es dann hier nichts
gäbe, was an und für sich gut oder schlimm wäre. Denn die Gerechtigkeit
ist selbstverständlich gut und die
Ungerechtigkeit schlimm; und es wäre
der Polytheismus nicht an und für sich Unrecht und Ungerechtigkeit, sondern
bloß vom Gesichtspunkt des Gesetzes, und hätte das Gesetz die
Notwendigkeit, an einen Nebengott zu glauben,
gelehrt, so wäre dieses Gerechtigkeit: und hätte es die Sünde vorgeschrieben, so wäre diese Gerechtigkeit. Dieses widerspricht aber den Aussprüchen des Gesetzes und
dem Verstande; das erste, weil Gott
sich selbst im Koran mit Gerechtigkeit
qualifiziert und von sich die Ungerechtigkeit negiert hat. Sur. III, 16: Gott bezeugt, daß kein Gott ist
als er; ebenso die Engel
und die Wissenden: (er) indem er die Gerechtigkeit beobachtet. Ferner Sur. XLI, 46: Nicht ist dem Herr
ungerecht gegen die
Diener, (cf. III, 178; VIII, 53; XXII, 10; L, 28) Ferner
Sur. X, 45: [114] Gott fügt kein
Unrecht den Menschen zu, sondern diese sich selbst.
Wenn man fragt: Was sagst du über
das Irreführen der Menschen, ist
dieses Unrecht oder Gerechtigkeit, da Gott in mehr als einer Stelle des Korans sagt, daß er in die
Irre führt und recht leitet, z.B. Sur. XIII, 27; II, 24; XVI, 95; XXXV, 9;
LXXIV, 74: Gott führt m die Irre,
-wen er -will, und leitet, wen er will; ferner XXXII, 13: Wenn wir wollten, würden wir jeder Seele ihre wahre Leitung geben; so antworten wir: diese Verse kann man nicht
nach ihrem äußeren Wortlaut nehmen,
denn es gibt auf der anderen Seite
viele Verse, die diesen in ihrem Wortlaut wider sprechen, wie jene, in welchen Gott von sich die Ungerechtigkeit negiert
hat, und wie der in Sur. XXXIX, 9: Gott will nicht den Unglauben von seinen Dienern. Und es ist klar, wenn er von ihnen den Unglauben nicht will, daß er sie nicht
in die Irre führt. Was die As'ariten
sagen, daß es für Gott zulässig ist, etwas zu tun, was er nicht will, oder etwas zu befehlen, was er nicht wünscht, so möge uns Gott behüten vor einer solchen
Annahme in bezug auf Gott; denn sie
wäre Unglauben. Daß die Menschen nicht in die Irre geführt werden und
daß sie nicht für den Irrtum geschaffen
worden sind, beweist die Stelle Sur. XXX,
29: Richte dein Angesicht als Rechtgläubiger zur Religion, gemäß der von Gott in die Menschen gelegten
Naturanlage; und die Stelle Sur. VII, 171: Als dein Herr von den
Kindern Adams aus ihren Rücken
nahm etc. und die Worte des
Propheten in der Tradition: Jedes Kind wird mit dem Charakter des
Islams geboren etc. Und wenn dieser Widerspruch sich vorfindet, so muß man die zwei widersprechenden Dinge nach den
Erfordernissen des Verstandes
vermitteln. So sagen wir denn: Was die Worte Gottes betrifft: Er führt in die Irre, wen er will,
und leitet, wen er will, so
bezeichnen sie den vorausgehenden Willen, welcher erfordert, daß unter den Arten der existierenden Dinge
sich Geschöpfe finden, welche irren,
d. h. die zum Irrtum durch ihre Natur disponiert sind und zu ihm durch
das getrieben werden, was sie an äußeren und
inneren Ursachen, die in die Irre führen, umgibt. Was die Worte betrifft: Wenn
wir wollten, so würden wir
jeder Seele ihre Leitung geben, so
bedeuten sie: wenn er den Willen
hätte, keine Geschöpfe zu schaffen, die disponiert wären, in den Irrtum zu geraten, sei es von Seiten
ihrer Natur, sei es von seiten
äußerer Ursachen, sei es von beiden Dingen zugleich, so würde er es tun. Und da er die Naturen hierin verschieden geschaffen hat, so widerfährt es, daß
einige Koranverse für gewisse Leute
irreführen, für andere eine wahre Leitung sind, nicht als ob durch diese
Verse Irreführung bezweckt worden wäre, wie
es im Koran heißt Sur. II: Er führt dadurch viele in die Irre und leitet dadurch viele, aber er führt
in die Irre bloß die Frevler; und Sur. XVII, 62: Wir haben die Vision, die
wir dir sehen ließen, nur zu
einer Versuchung für die Menschen gemacht, und ebenso den verfluchten Baum im Koran und Sur. LXXIV, 34 nachdem er von der Zahl der Engel der Hölle gesprochen hat: so führt Gott in die Irre, wen er will, und
leitet, wen er will. Das heißt, es widerfährt den schlimmen Naturen, daß
für sie diese Verse irreführend sind, wie es den schlechten Körpern
widerfährt, daß die ersprießlichen
Nahrungsmittel für sie schädlich wirken. Und wenn man fragt: Was war für ein
Bedürfnis da, eine Klasse von
Geschöpfen zu schaffen, welche vermöge ihrer Natur für den Irrtum empfänglich sind, da dieses doch der höchste Grad von Ungerechtigkeit ist? so antwortet
man: Die göttliche Weisheit fordert dieses, und es wäre ungerecht, wenn es anders wäre. Nämlich die Natur, von der der
Mensch geschaffen ist, und die Konstitution, in der er zusammengesetzt
ist, fordert, daß ein Teil der Menschen, und zwar der kleinere, durch ihre Natur schlimm sei, ebenso ergibt sich
bei den Ursachen, die außerhalb der Menschen zu ihrer Leitung angeordnet sind,
daß sie für einen Teil irreführend sind, während sie den größten Teil richtig
leiten: und es war, vermöge der Erfordernisse
der Weisheit, einer von zwei Fällen absolut notwendig, entweder, daß die
Arten, in welchen die schlimmen Eigenschaften
in der Minorität, die guten in der Majorität sich vorfinden, gar nicht geschaffen würden, so daß das Gute in
der Majorität wegen des Schlimmen in der Minorität gar nicht existierte,
oder daß diese Arten geschaffen werden, so
daß das mehrere Gute neben dem
Schlimmen in geringerer Anzahl existiere. Und es ist selbstverständlich, daß die Existenz des mehreren Guten neben dem Schlimmen in geringerer Anzahl
vorzuziehen ist der Vernichtung (Nichthervorbringung) des mehreren Guten wegen der Existenz des Schlimmeren in geringer
Anzahl. Dieses Geheimnis der Weisheit
ist das, welches den Engeln verborgen blieb;
wie es im Koran heißt, wo die Rede der Engel direkt angeführt wird, nachdem Gott ihnen verkündigt hatte,
daß er einen Stellvertreter auf
Erden setzen werde, nämlich die Kinder Adams,
Sur. II, 28, sie sagten: Willst du auf ihr Wesen setzen, welche Verderben
anrichten auf ihr und Blut vergießen, während wir zu deinem Lob Hymnen singen, bis zu den Worten: ich weiß am besten das, was
ihr nicht wißt. Er will sagen, daß die Wissenschaft, die ihnen verborgen
ist, darin besteht, daß, wenn die Existenz
eines Dinges gut und schlimm ist, aber das Gute überwiegt, die Weisheit
seine Hervorbringung fordert, nicht es im [116] Nichtsein zu lassen. Aus dieser
Auseinandersetzung ist klar geworden, in
welchem Sinne man Gott die Führung in den Irrtum mit der Gerechtigkeit und der Negation der Ungerechtigkeit
zuschreiben kann. Nämlich er hat die Ursachen des Irrtums nur geschaffen, weil aus ihnen überwiegend
die wahre Leitung in häufigeren Fällen
als das Irreführen hervorgeht. Denn es
gibt Wesen, welche von den Ursachen der wahren Leitung nur solche empfangen
haben, bei welchen eine Irreführung durchaus nicht stattfindet; dieses
ist der Fall bei den Engeln: auf der
anderen Seite gibt es Wesen, welche unter den Ursachen der wahren
Leitung solche empfangen haben, bei denen ein Irreführen für die geringere Anzahl stattfindet, weil in ihrer Natur infolge
der Zusammensetzung nicht mehr vorhanden ist; und dieses ist der Fall bei den Menschen.
Wenn man fragt: Was ist
die Ursache, daß diese widersprechenden
Verse in diesem Betreff vorkommen, so daß man zu der Interpretation
gezwungen ist, da du doch die Interpretation für
jeden Fall verwirfst? so antworten wir: der Umstand, der großen Menge in der Stellung, die sie zu dieser
Frage einnimmt, die Sache verständlich zu machen, hat sie dazu
gezwungen; nämlich sie brauchten darüber belehrt zu werden, daß Gott mit
Gerechtigkeit qualifiziert und daß er Schöpfer von allem, Guten und Schlimmen,
ist, weil viele von den im Irrtum befangenen
Völkern annehmen, daß es zwei Götter gibt, einen Gott, der das Gute schafft, und einen Gott, der das
Schlimme schafft: sie sind nun belehrt, daß Gott beides schafft, und da
das In-die-Irre-Führen ein Übel ist und es
keinen Schöpfer dafür als Gott gibt, so müßte man dieses auch ihm
zuschreiben, wie man ihm die Schöpfung des Übels zuschreibt. Jedoch darf man
dieses nicht absolut verstehen, sondern so,
daß er das Gute wegen des Guten selbst
schafft, hingegen das Schlimme wegen des Guten, das heißt, wegen des Guten, das
mit ihm verbunden ist. Auf diese Weise ist die Schöpfung des Schlimmen eine
Gerechtigkeit. Ein Bild davon ist das
Feuer, welches wegen des Bestandes der Wesen geschaffen ist, deren
Existenz ohne die Existenz des Feuers nicht
gedacht werden kann. Jedoch ergibt sich aus seiner Natur, daß es einige Dinge ins Verderben stürzt; aber wenn man den Schaden, der aus ihm entspringt und
der ein Übel ist, mit dem vergleicht,
"was aus ihm an Existenz jener Wesen, d.h. an Gutem entspringt, so ist
seine Existenz seiner Nichtexistenz vorzuziehen, und somit ist es gut. [117]
Was die Stelle betrifft
Sur. XXI, 23: Er wird nicht zur Rechenschaft gezogen, wohl aber sie, so ist ihr Sinn: er übt keine Aktion deswegen aus, weil es für ihn notwendig wäre, sie auszuüben, denn
der sich in dieser Lage findet, hat ein Bedürfnis nach dieser Aktion, und was so beschaffen ist, in dessen
Existenz hegt es, dieser Handlung zu
bedürfen, sei es aus Naturnotwendigkeit,
sei es, damit es sich dadurch vervollständige. Aber Gott ist frei davon.
Der Mensch ist gerecht, damit er durch die Gerechtigkeit ein Gut für sich selbst gewinne, das ihm nicht werden würde, wenn er nicht gerecht wäre. Gott ist aber
gerecht, nicht damit sein Wesen durch
diese Gerechtigkeit sich vervollständige:
im Gegenteil, die Vollkommenheit, die in seinem Wesen liegt, erheischt, daß er gerecht sei. Wenn man
diesen Gedanken auf diese Weise versteht, so ist offenbar, daß Gott nicht auf
dieselbe Weise wie der Mensch mit der
Gerechtigkeit qualifiziert •wird.
Dieses bedingt aber nicht, daß ihm die Eigenschaft der Gerechtigkeit
absolut nicht beigelegt werde und daß alle Handlungen in bezug auf ihn weder Gerechtigkeit noch Ungerechtigkeit seien,
wie die Scholastiker meinen. Denn dieses wäre Aufhebung dessen, was der Mensch
versteht, und Aufhebung des äußeren
Wortlauts der Religion. Sondern die Leute haben eine Idee gemerkt, sind aber darunter geblieben (haben sie nicht vollständig entwickelt). Nämlich, wenn wir
annehmen, daß er mit der Gerechtigkeit
durchaus nicht qualifiziert wird, so wird aufgehoben, was der Verstand setzt, daß es Dinge gibt, die an und für sich gerecht und gut sind, und Dinge, die
an und für sich ungerecht und bös
sind, und wenn wir von der anderen Seite annehmen, daß er auf dieselbe
Weise wie der Mensch mit der Gerechtigkeit
qualifiziert wird, so folgt daraus, daß in seinem Wesen eine
Unvollkommenheit ist, denn die Existenz dessen,
der gerecht ist, ist bloß wegen dem, für den er gerecht ist, und er ist insofern er Gerechtigkeit ausübt, Diener
eines ändern. Du mußt wissen, daß die
Kenntnis dieses Maßes von Interpretation nicht für alle Menschen
notwendig ist. Diejenigen, für welche diese
Kenntnis notwendig ist, sind die, welchen hierüber ein Zweifel aufstößt. Aber nicht jeder in der großen Menge
merkt die Widersprüche, die in diesen Allgemeinheiten sich finden. Die Pflicht dessen, der sie nicht merkt, ist, diese Allgemeinheiten nach ihrem Wortlaut aufzufassen.
Nämlich für das Vorkommen dieser Allgemeinheiten gibt es noch eine andere Ursache, und diese ist, daß die Menschen das
Unmögliche nicht von dem Möglichen
sondern und Gott nicht die Macht über
das Unmögliche beigelegt wird. Wenn man nun zu ihnen über das, was an sich unmöglich ist, bei ihnen aber zu den Möglichkeiten
gehört, das heißt in ihrer Meinung, spricht, daß Gott die Macht hierüber nicht beigelegt -wird, so bilden sie sich davon
eine Unvollkommenheit und Schwäche in dem Schöpfer ein, nämlich, daß derjenige,
der nicht Macht über das Mögliche hat,
schwach ist. Und da es nach der Meinung der großen Menge möglich ist, daß alle Wesen von dem Übel
frei seien, da Gott gesagt hat Sur.
XXXII, 13: Wenn wir wollten, so würden wir jeder Seele ihre
wahre Leitung zukommen lassen, aber es verwirklicht sich mein Ausspruch: Traun!
ich werde die Hölle mit den Ginn und den
Menschen insgesamt füllen: so
versteht die große Menge hierbei einen Sinn, die Auserwählten aber einen
anderen; und dieser ist, daß es für Gott nicht notwendig ist, Menschen zu
schaffen, mit deren Existenz ein Übel verknüpft ist, und der Sinn der Stelle: wenn wir wollten, so würden wir jeder Seele ihre
rechte Leitung zukommen lassen, wäre: wenn wir wollten, würden wir Menschen schaffen, mit deren Existenz kein
Übel verknüpft ist, sondern Menschen, welche die lautere Tugend wären, so daß
dann jeder Seele ihre rechte Leitung zukäme.