III

»Ich, die Weisheit, habe ausgegossen die Ströme* [Sir 24, 40], Diese Ströme verstehe ich als das Fluten des ewigen Hervorgehens, in welchem der Sohn vom Vater und der Heilige Geist von beiden auf unaussprechliche Weise ausgeht. Diese Ströme waren einst verborgen und in gewissem Sinn un­klar, sowohl in den Gleichnissen der Schöpfung wie auch in den Rätselreden . der Schriften, so daß kaum einzelne Weise das Geheimnis der Dreieinigkeit geglaubt haben. Dann ist der Sohn Gottes gekommen und hat die einge­schlossenen Ströme ausgegossen.

[84]  Gott ist auf die höchste und wahrhafteste Weise Einer.

[85] Daß Gott Einer ist und dreifaltig, ist einzig im Glau­ben zu fassen und kann. auf keine Weise bewiesen und er­wiesen werden — wenngleich hierfür wohl einige nicht zwingende und, außer für den Glaubenden, nicht sehr be­weiskräftige Gründe beigebracht werden können.

[86] Nichts steht dem entgegen, daß in dem Einen Gott sich Gegensätzliches finde, wofern jenes Gegensätzliche ge­meint ist, das aus der Verschiedenheit der [innergöttlichen] Beziehungen sich ergibt.

[87] Es heißt, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist seien Eines, aber nicht Einer.

[88] Wie wir Gott unvollkommen erkennen, so benennen wir ihn auch unvollkommen, wie Stammelnde, sagt Gregor. Einzig er selbst hat, wenn ich so sagen darf, sich selbst voll­kommen benannt, indem er das Wort gezeugt hat, das glei­chen Wesens ist wie er.

[89] Da also in Gott der Erkennende, das Erkennen und das Erkenntnisbild oder das Wort wesenhaft eines sind,

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und es darum notwendig ist, daß jedes von ihnen Gott sei, so verbleibt einzig die Unterschiedlichkeit der Beziehung, sofern das Wort auf den, der es bildet, bezogen ist als auf den, von dem her es ist. So ist zu verstehen, was Johannes der Evangelist, nachdem er gesagt hatte »Gott war das Wort«, noch hinzufügte: »Dieses war im Anfang bei Gott«, damit man nicht meine, alle Unterschiedenheit zwischen dem Wort und dem das Wort sprechenden oder formenden Gott sei aufgehoben, wie wenn er sagte: dieses Wort, von dem ich gesagt habe, es sei Gott, ist doch auf irgendwelche Weise von Gott, der es spricht, unterschieden, und so könnte man sagen, es sei »bei« Gott.

[90] Das Wort Gottes ist das Abbild dessen, der es spricht, nach seiner Wesenheit selbst, und es kommt mit dem Spre­chenden überein in der gleichen Natur. Es ergibt sich also, daß das Wort Gottes nicht nur Abbild sei, sondern auch Sohn. Denn auf solche Weise Abbild sein, daß auch Selbig-keit der Natur vorhanden ist — das findet sich nirgends sonst als nur im Sohne, wofern von lebenden Wesen die Rede ist; was nämlich aus einem lebenden Wesen artgleich hervorgeht, heißt sein Sohn.

[91] Wie streng genommen der Name »Wort« in Gott auf die Person bezogen wird und nicht auf das Wesen, so auch das Sprechen. Wie daher das Wort nicht dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste gemeinsam ist, so ist es auch nicht wahr, daß Vater, Sohn und Heiliger Geist Ein Sprechender seien.

[92] Der Sohn ist ein anderer denn der Vater, nicht ein anderes.

[93] Der Vater zeugt den Sohn nicht kraft seines Willens, sondern kraft seiner Natur.

[94] Wie Augustinus sagt, bildet keine Weise des Hervor-gehens irgendeiner Kreatur vollkommen die Zeugung in Gott ab. Man muß also aus vielen Weisen [des Hervor­gehens] ein Gleichnis zusammenbringen, so daß, was der einen fehlt, sich irgendwie aus der anderen ergänze. Um

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deswillen heißt es in der Synode von Ephesus: »Das >Leuch-ten< mag dir kundmachen, daß der Sohn immer gleichewig mit dem Vater sei; >Wort< mag die Unleidentlichkeit der Geburt anzeigen; der Name >Sohn< weise hin auf die Gleich-wesentlichkeit.« Unter allen jedoch hat der Hervorgang des Wortes aus dem Erkenntnisvermögen die ausdrücklichste Gleichniskraft.

[95] Weil also die göttliche Weisheit Licht genannt wird, sofern sie in der unvermischten Wirklichkeit des Erkennens besteht — des Lichtes Kundwerdung aber ist sein Strahlen, das von ihm hervorbricht —, wird wohl mit Fug auch das Wort der göttlichen Weisheit das Strahlen des Lichtes ge­nannt, gemäß dem Worte des Apostels, der vom Sohne sagt: »Da er das Strahlen der Herrlichkeit ist . . .« [Hebr i, 3]. Darum auch spricht der Sohn sich selbst die Kund­machung des Vaters zu, indem er sagt: »Vater, ich habe Deinen Namen den Menschen kundgemacht« [Joh 17, 5]. Wiewohl aber der Sohn, welcher das Wort Gottes ist, im eigentlichen Sinn »gezeugte Weisheit« genannt wird, muß doch der Name »Weisheit« schlechthin dem Vater und dem Sohne gemeinsam zukommen, da die Weisheit, welche im Worte widerleuchtet, die Wesenheit des Vaters ist; die Wesenheit des Vaters aber ist ihm selbst und dem Sohne gemeinsam.

[96] In der Zeugung empfängt das Gezeugte die Natur des Zeugenden. ... In der Erschaffung aber erleidet der Er­schaffende keine Veränderung, während das Erschaffene nicht die Natur des Erschaffenden empfängt. Es heißt also der Sohn zugleich geschaffen und gezeugt, damit aus der Erschaffung die Unveränderlichkeit des Vaters und aus der Zeugung die Einheit der Natur in Vater und Sohn ersicht­lich sei.

[97] Die Zeugung des Wortes geschieht nicht so, wie die Möglichkeit zur Wirklichkeit wird, sondern wie aus Wirk­lichkeit Wirklichkeit entsteht, etwa wie das Leuchten aus dem Licht oder der Begriff aus dem tathaft erkennenden Geiste. So steht auch offenkundig die Zeugung nicht dem entgegen, daß der Sohn Gottes wahrer Gott oder daß er

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ewig sei; vielmehr ist es mit Notwendigkeit so, daß er gleichewig sei mit Gott, dessen Wort er ist, weil der tathaft erkennende Geist niemals ohne Wort ist.

[98] Empfängnis und Geburt des geistigen Wortes ge­schieht ohne Bewegung und ohne Nacheinander. Sobald es daher empfangen ist, hat es Dasein, und sobald es geboren wird, ist es schon unterschieden; wie auch das, was erleuch­tet wird, schon hell ist, sobald es erleuchtet wird, da es in der Wirkung des Lichtes kein Nacheinander gibt. Wenn dieses schon für unser geistiges Wort gilt, dann um so mehr für das Wort Gottes, nicht nur weil auch hier geistige Emp­fängnis und geistige Geburt ist, sondern weil beides in der Ewigkeit sich vollzieht, in welcher es kein Früher und Spä­ter gibt.

[99] In der Zeugung des Wortes Gottes ist dasselbe Emp­fängnis und Geburt. Das Wort Gottes wird zugleich emp­fangen und geboren und zugleich ist es da.

[100] In der Zeit ist eines das Unteilbare, der Augenblick, und ein anderes das Währende, die Zeit. In der Ewigkeit aber ist das Nun unteilbar und immerwährend zugleich. Die Zeugung des Sohnes jedoch geschieht nicht in einem Nun der Zeit oder in der Zeit, sondern in der Ewigkeit. Und darum kann, wie es bei Origenes heißt, gesagt werden, er werde immer geboren, damit so die Gegenwärtigkeit und das Währen der Ewigkeit bezeichnet sei.

[101] Immer wird der Sohn gezeugt, und immer zeugt der Vater.

[102] Die Geburt, wodurch die göttliche Weisheit vom Vater ewig gezeugt wird, ist der Anbeginn aller sonstigen Geburt, da einzig in ihr das Geborene völlig die Wesenheit des Zeugenden faßt. Alle anderen Geburten aber sind un­vollkommen, weil in ihnen das Gezeugte entweder nur einen Teil der zeugenden Wesenheit empfängt oder nur ein Ab­bild davon. Und so muß von jener Geburt alle andere Ge­burt sich herleiten; und »von ihm hat alle Vaterschaft im Himmel und auf Erden ihren Namen« [Eph 3,15]: und um deswillen heißt der Sohn der Erstgeborene aller Kreatur.

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[103] Was immer Gott weiß, schaut er in tathafter Wirk­lichkeit, und so folgt in seinem Geiste nicht Wort auf Wort. Und gleichwie er in demselben Wissen sich selbst und alle übrigen Dinge weiß, so spricht er auch in demselben Wort sich selbst und alle übrigen Dinge aus; und sein Wort wäre, wie Augustinus sagt, nicht vollkommen, wenn in seinem Wort weniger wäre als in seinem Wissen. Was immer da­her der Vater weiß, das spricht er gänzlich aus in seinem einzigen Wort. Und es ist notwendigerweise so, daß es das gleiche Wort sei, worin er sich selbst und worin er die Schöpfung ausspricht.

[104] Indem der Vater sich selbst und den Sohn und den Heiligen Geist erkennt und alles andere, was in seinem Wissen einbeschlossen ist, empfängt er das Wort, so daß so im Worte die ganze Dreieinigkeit ausgesagt ist und zu­gleich alle Kreatur.

[105] Doch ist das Wort nicht auf die gleiche Weise Gottes Wort und der anderen Dinge. Denn Gottes Wort ist es als von ihm hervorgehend; der anderen Dinge Wort aber ist es nicht als aus ihnen hervorgehend. Gott empfängt ja sein Wissen nicht von den Dingen her; vielmehr bringt er die Dinge durch sein Wissen ins Sein hervor.

[106] Wie Gottes Wissen in bezug auf Gott einzig erken­nend ist, in bezug auf die geschaffenen Dinge aber erken­nend und schaffend, so ist das Wort Gottes in bezug auf das, was in Gott dem Vater ist, einzig aussagend, in bezug auf die Schöpfungswirklichkeit aber ist es aussagend und wir­kend zugleich.

[107] Das Wort Gottes verhält sich notwendigerweise zu den anderen von Gott erkannten Dingen als das Urbild; zu Gott selbst aber, dessen Wort es ist, verhält es sich als das Abbild.

[108] Das Wort Gottes ist der Inbegriff aller Dinge, die von Gott geschaffen sind. Die Dinge sind also so zu ver­stehen, daß sie im Wort zuvor ihr Dasein gehabt haben gemäß der Weise des Wortes selbst.

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[109] So also sind alle geschaffenen Dinge nichts anderes als eine seinshafte Ausprägung und Abbildung dessen, was im Begriff des göttlichen Wortes enthalten ist, weswegen auch gesagt ist, alles sei gemacht durch das Wort.

[no] Die Platoniker nahmen »Ideen« an, indem sie sag­ten, jegliches Ding entstehe kraft der Teilhabe an der Idee — etwa des Menschen oder irgendwelcher Wesenheit sonst. An der Stelle dieser »Ideen« haben wir Eines: den Sohn, das Wort Gottes.

[in] Wenngleich das Wort Gottes mit seiner Kraft alles durchdringt, indem es ja alle Dinge im Sein bewahrt und trägt, so vermag es sich doch, auf Grund einer Verwandt­schaft der Ebenbildlichkeit, auf höhere und auf unaussag-barere Weise zu vereinigen mit der geistbegabten Kreatur, die des Wortes im eigentlichen Sinne zu genießen und an ihm teilzuhaben vermag.

[112] Durch das Wort Gottes, welches der Inbegriff des erkennenden Gottesgeistes ist, ist notwendig alle geistige Erkenntnis verursacht.

[113] Der Heilige Geist geht hervor auf die Weise der Liebe, in welcher Gott sich selber liebt.

[114] Im Bereich der göttlichen Dinge kann der Name »Liebe« bezogen werden auf die Wesenheit und auf die Person. Sofern er auf die Person bezogen wird, ist er der eigentümliche Name des Heiligen Geistes, wie »Wort« der eigentümliche Name des Sohnes ist.

[115] Wie der Vater sich selbst und alle Kreatur aussagt in dem Worte, das er gezeugt, sofern das gezeugte Wort zulänglich abbildet den Vater und alle Kreatur, so liebt der Vater sich selbst und alle Kreatur im Heiligen Geiste, so­fern der Heilige Geist hervorgeht als die Liebe der Ur-Gutheit, gemäß welcher der Vater sich selbst und alle Krea­tur liebt.

[116] Weil der Heilige Geist auf die Weise der Liebe her­vorgeht, die Liebe aber hervortreibende und bewegende

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Gewalt hat, darum scheint die Bewegung, welche den Din­gen von Gott her inne ist, in eigentümlichem Sinne dem Heiligen Geiste zugeordnet zu sein.

[117] Im Glaubensbekenntnis sagen wir, daß wir an den Heiligen Geist, den »Lebendigmacher«, glauben. Das stimmt auch zu dem Namen »Geisthauch« [spiritus]; denn auch das leibliche Leben der Sinnenwesen besteht durch den lebendigen Atemhauch, der vom Lebensgrunde her die Glieder durchströmt.

[u8] Der Heilige Geist ist, so werden wir durch die Schrift belehrt, die Ursache aller Vollkommenheiten des mensch­lichen Gemütes.

[119] Weil der Heilige Geist uns zu Freunden Gottes macht und wirkt, daß er in uns wohne und wir in ihm . . ., darum folgt, daß wir durch den Heiligen Geist Freude über Gott und Trost besitzen gegen alle Widrigkeiten und Anfech­tungen der Welt. Und so nennt der Herr den Heiligen Geist den Tröster.

[120] Dem Heiligen Geiste kommt es zu, geschenkt zu werden.

[121] Wie der Sohn — weil er auf die Weise des Wortes hervorgeht, zu dessen Begriff es gehört, Bild seines Ur­sprunges zu sein — im eigentlichen Sinne »Bild« genannt wird, wiewohl auch der Heilige Geist dem Vater ähnlich ist; so auch wird der Heilige Geist, der vom Vater als Liebe hervorgeht, im eigentlichen Sinne »Geschenk« genannt, wiewohl auch der Sohn geschenkt wird.

[122] Dem Heiligen Geiste, sofern er hervorgeht als die Liebe, kommt es zu, das Geschenk der Heiligung zu sein. Dem Sohne aber, sofern er der Urgrund des Heiligen Gei­stes ist, kommt es zu, der Urheber dieser Heiligung zu sein.

[123] Weil der Sohn vom Vater hat, daß der Heilige Geist von ihm hervorgehe, so kann gesagt werden: der Vater hauche durch den Sohn den Heiligen Geist; oder, was das

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gleiche ist: der Heilige Geist gehe vom Vater hervor durch den Sohn.

[124] Die Sendung schließt in ihrem Begriff den Hervor­gang von einem anderen in sich, und zwar, in Gott, den Hervorgang des Ursprunges. Weil daher der Vater nicht »von einem anderen her« ist, kommt es ihm auf keine Weise zu, gesendet zu werden, vielmehr einzig dem Sohne und dem Heiligen Geiste, denen es eigen ist, »von einem ande­ren her« zu sein.

[125] Es ist zu sagen: im Menschen finde sich ein Bild Got­tes sowohl in bezug auf die göttliche Wesenheit wie auch in bezug auf die Dreieinigkeit der Personen.

[126] Da die ungeschaffene Dreieinigkeit in sich unter­schieden ist gemäß dem Hervorgang des Wortes aus dem Sprechenden und der Liebe aus beiden, kann man sagen, daß sich auch in der vernunftbegabten Kreatur, in der es den Hervorgang des Wortes gemäß dem Erkennen und den Hervorgang der Liebe gemäß dem Wollen gibt, ein gleich­nishaftes Bild der ungeschaffenen Dreieinigkeit finde. In den anderen Kreaturen aber gibt es weder einen Urgrund des Wortes noch das Wort noch die Liebe.

[127] Das Bild eines Wesens findet sich auf zwiefache Weise in einem anderen: auf die eine Weise in einem We­sen, das der Art nach von gleicher Natur ist: wie das Bild des Königs sich findet in seinem Sohne. Auf die andere Weise in einem Wesen von anderer Natur: wie das Bild des Königs sich findet auf einer Münze. In der ersten Weise ist der Sohn das Bild des Vaters, in der zweiten aber wird der Mensch ein Bild Gottes genannt. Um daher die Unvoll­kommenheit des Bildes im Menschen zu bezeichnen, heißt zs vom Menschen nicht allein, er sei »Bild«, sondern auch »nach dem Bilde«, wodurch die Hinbewegung auf die Voll­kommenheit ausgedrückt wird. Vom Sohne Gottes aber kann nicht gesagt werden, er sei »nach dem Bilde«, weil er des Vaters vollkommenes Ebenbild ist.

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[128] Vom Bilde Gottes im Menschen kann gesprochen werden auf Grund des Wortes, das aus der Erkenntnis

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Gottes sich bildet, und auf Grund der Liebe, die daraus er­wächst. Und so findet sich in der Seele ein Bild Gottes, so­fern sie sich zu Gott trägt oder berufen ist, sich zu Gott zu tragen.

[129] Wegen der entfernten und dunklen Abbildung in den vernunftlosen Wesen ist gesagt, in ihnen sei eine Fuß­spur der Dreieinigkeit, nicht aber ihr Bild.

IV

Es war uns notwendig, Kunde zu ha­ben von den göttlichen Personen, da­mit wir richtig dächten über des menschlichen Geschledites Heil, das vollendet wird durch den fleischge­wordenen Sohn und durch das Ge­schenk des Heiligen Geistes. [130]

Das Geheimnis der Menschwerdung übersteigt von allen göttlichenWerken am meisten die Vernunft. Nichts Wun­derbareres kann man sich als Gottestat ausdenken, als daß der wahre Gott, Gottes Sohn, wahrer Mensch würde. Und weil dies Geheimnis unter allen das wunderbarste ist, so folgt, daß alle anderen Wundertaten auf den Glau­ben an dieses Wunderbarste hinge­ordnet seien. [131]

[132] Die Allgesamtheit des ganzen göttlichen Werkes vollendet sich in bestimmtem Sinn dadurch, daß der Mensch, der zuletzt erschaffen worden ist, in einer Art Kreislauf zu seinem Ursprung zurückkehre, indem er durch das Werk der Menschwerdung eins wird mit dem Urgrund der Dinge selbst.

[133] Der christliche Glaube bezieht sich vornehmlich auf zwei Dinge: auf die Göttlichkeit der Dreieinigkeit und auf die Menschlichkeit Christi.

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[134] Zum Gegenstand des Glaubens gehört aus sich und im strengen Sinne das, wodurch der Mensch die Glückselig­keit gewinnt. Der Weg aber, auf dem die Menschen zur Glückseligkeit gelangen, ist das Geheimnis der Mensch­werdung und des Todesleidens Christi. ... Und darum muß zu allen Zeiten und bei allen das Geheimnis der Mensch­werdung Christi auf irgendeine Weise geglaubt worden sein.

[135] Es ist aber gesagt, die ganze göttliche Natur sei Fleisch geworden, nicht als sei sie in allen Personen Fleisch geworden, sondern weil der fleischgewordenen Person nichts an der Vollkommenheit der göttlichen Natur fehlt.

[136] Die erste Schöpfung der Dinge ist geschehen von der Macht Gottes des Vaters durch das Wort; darum mußte auch die Neu-Schöpfung durch das Wort von der Macht Gottes des Vaters her geschehen, damit die Neu-Schöpfung der Schöpfung gemäß sei.

[137] Es hatte nämlich der erste Mensch gesündigt darin, daß er Wissen begehrte — wie es offenbar wird aus den Worten der Schlange, die dem Menschen die Wissenschaft des Guten und des Bösen versprach. Darum war es sinnvoll, daß der Mensch, der in der ungeordneten Begier nach Wis­sen sich von Gott entfernt hatte, durch das Wort der wah­ren Weisheit zu Gott zurückgeführt werde.

[138] Wie unser im Geiste empfangenes Wort unsichtbar ist, aber, nach außen durch die Stimme laut geworden, sinn­lich wahrnehmbar wird, so hat das Wort Gottes gemäß sei­ner ewigen Zeugung im Herzen des Vaters unsichtbares Sein, durch die Fleischwerdung aber ist es uns sichtbar ge­worden. Darum ist die Fleischwerdung des Wortes wie die Lautwerdung unseres Wortes. Die Lautwerdung unseres Wortes geschieht durch unseren Atemhauch, durch den die Stimme unseres Wortes Gestalt gewinnt. Es wird also mit Fug gesagt, daß durch den Geisthauch des Sohnes Gottes sein Leib gebildet worden sei.

[139] Man muß Christus zwei Geburten zusprechen: eine, gemäß welcher er in der Weise der Ewigkeit vom Vater ge-

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boren ist, eine andere, gemäß welcher er in der Weise der Zeit von der Mutter geboren ist.

[140] Die selige Jungfrau ist die wahre und natürliche Mutter Christi.

[141] Die selige Jungfrau heißt Mutter Gottes, nicht weil sie Mutter der Gottheit wäre, sondern weil sie dessen, der Gottheit und Menschheit besitzt, Mutter gemäß der Mensch­heit ist.

[142] Wiewohl Christus den Bildestoff seines Leibes von anderen Menschen her genommen hat, haben doch von ihm alle Menschen das unsterbliche Leben des Leibes empfangen.

[143] Da Christus der wahre und natürliche Sohn Gottes ist, war es nicht angemessen, daß er einen anderen Vater habe als Gott, damit nicht die Würde Gottes des Vaters auf einen anderen übertragen werde.

[144] Es war sinnvoll, daß der seligen Jungfrau verkün­digt wurde, sie werde Christus empfangen, damit erwiesen werde, daß eine geistliche Vermählung geschehe zwischen dem Sohne Gottes und der menschlichen Natur. Mit der Verkündigung wurde daher erwartet, daß die Jungfrau, für die ganze menschliche Natur, ihre Zustimmung gebe.

[145] Es ist nicht daran zu zweifeln, daß die selige Jung­frau in hervorragender Weise das Geistgeschenk der Weis­heit und die Gnade der Tugenden wie auch die Gnade der Weissagung empfangen habe. Gleichwohl hat sie sie nicht empfangen, daß sie jeglichen Gebrauch dieser und ähn­licher Gnaden hätte, so wie Christus ihn hatte, sondern gemäß dem, was ihrem Stande entsprach. Den Gebrauch der Weisheit hat sie gehabt in der Beschauung, gemäß dem Wort: »Maria aber bewahrte alle diese Worte, sie wägend in ihrem Herzen« [Luk 2, 19]; nicht aber hat sie den Ge­brauch der Weisheit gehabt in der Weise des Lehrens. Den Gebrauch der Weissagung aber hat sie besessen, wie es offenbar wird in dem Gesänge, den sie gemacht hat: »Hoch­preiset meine Seele den Herrn.«


[146] Die selige Jungfrau Maria hat eine solche Fülle der Gnade besessen, daß sie dem Urheber der Gnade am näch­sten sei: so daß sie ihn, der voll aller Gnade ist, in sich empfangen und, ihn gebärend, die Gnade sozusagen auf alle ausströmen könne.

[147] Die selige Jungfrau ist »voll der Gnade« genannt worden, nicht von der Gnade selbst her — da sie die Gnade nicht in jener höchsten Vollendung besessen hat, in welcher sie besessen werden kann — noch im Hinblick auf alle Wir­kungen der Gnade. Sondern es heißt, sie sei »voll der Gnade« gewesen, im Hinblick auf sie selbst; denn sie besaß die Gnade, die zureichte für jenen Stand, zu dem sie von Gott auserwählt worden war, daß sie nämlich die Mutter seines Einziggezeugten werden sollte. In ähnlicher Weise wird auch Stephanus »voll der Gnade« genannt, weil er die Gnade besaß, hinreichend dazu, ein treuer Diener und Zeuge Gottes zu sein, wofür er ausersehen war. Das gleiche ist von anderen zu sagen. Dennoch ist die eine Gnadenfülle vollkommener als die andere, je nachdem, ob einer von Gott zu einem höheren oder geringeren Dienst vorherbe­stimmt ist.

[148] Da die selige Jungfrau bloße geistbega'bte Kreatur ist, gebührt ihr nicht Anbetung, sondern nur Verehrung, jedoch eine höhere Verehrung als den übrigen Geschöpfen, weil sie die Mutter Gottes ist.

[149] Zum Begriff des höchsten Gutes gehört, daß es sich auf die höchste Weise der Kreatur mitteile. Das aber ge­schieht am meisten dadurch, daß es, wie Augustinus sagt, »die geschaffene Natur so mit sich vereinigt, daß eine einzige Person wird aus den dreien: Wort, Seele und Fleisch«.

[150] Die Einheit der göttlichen Person ist eine höhere Einheit als die Einheit sowohl der Person wie der Natur in uns. Und darum ist die durch die Menschwerdung verwirk­lichte Einswerdung inniger als die Vereinigung von Seele und Leib in uns.


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[151] Das Wort Gottes hat Leib und Seele miteinander vereint angenommen. So hat diese Annahme Gott zum Menschen und den Menschen zu Gott gemacht.

[152] Im Geheimnis der Menschwerdung ist auf solche Weise die Einswerdung in der Person geschehen, daß den­noch verblieben ist die Unterscheidung der Wesenheiten, wobei also jede der beiden Wesenheiten das ihr Eigentüm­liche behalten hat.

[153] Die Person des Vaters hat die menschliche Natur dem Sohne, nicht aber sich selbst vereint; und darum heißt er »der Einende, nicht Annehmende«; die Person des Sohnes aber, welche die menschliche Natur sich selbst verbunden hat, ist »einend und annehmend«. Und in ähnlicher Weise ist nicht dasselbe das Vereinte und das Angenommene; denn die göttliche Natur wird »vereint, aber nicht angenommen« genannt.

[154] Ich kann sagen: beides, Gott und Mensch, sei Gott — wegen des annehmenden Gottes; und beides, Gott und Mensch, sei Mensch — wegen des angenommenen Menschen.

[155] Jenes ewige Sein des Sohnes Gottes, welches seine göttliche Natur ist, wird zum Sein des Menschen, sofern die menschliche Natur vom Sohne Gottes aufgenommen wird in die Einheit der Person.

[156] In Gott ist Person und Wesenheit seinshaft dasselbe; und auf Grund dieser Selbigkeit wird die göttliche Wesen­heit ausgesagt vom Sohne Gottes. Nicht aber ist auch die Bezeichnungsweise dieselbe; und darum ist einiges vom Sohne Gottes gesagt, was nicht gesagt wird von der gött­lichen Wesenheit. So sagen wir, der Sohn Gottes sei gezeugt, doch sagen wir nicht, die göttliche Wesenheit sei gezeugt. Und ähnlich sagen wir im Geheimnis der Menschwerdung, der Sohn Gottes habe gelitten, nicht aber sagen wir, die göttliche Wesenheit habe gelitten.

[157] Die menschliche Natur Christi vergleicht sich Gott wie der Seele die Hand.


[158] Christus aber hat vom ersten Augenblick, da er emp­fangen wurde, in ganzer Fülle Gott in seiner Wesenheit geschaut.

[159] Sofern Christus von Natur der Sohn Gottes ist, ge­bührt ihm das ewige Erbe, welches eben ist die ungeschaf­fene Glückseligkeit durch den ungeschaffenen Akt der Er­kenntnis und der Liebe Gottes, den gleichen Akt, wodurch der Vater sich selbst erkennt und liebt.

[160] Der Engel steht, da er ein Begreifender ist, über dem Propheten, welcher noch ganz auf dem Wege ist, nicht aber über Christus, welcher zugleich auf dem Wege und Begrei­fender gewesen ist.

[161] Die Seele Christi begreift, im Worte, die Wesenheit aller Kreatur in sich und folglich das Können und die Kraft und alles, was im Vermögen der Kreatur ist.

[162] Dem größeren Lehrer gebührt die höhere Form des Lehrens. Darum kam Christus, als dem größten Lehrer, diese Weise des Lehrens zu, daß er seine Lehre den Hören­den in die Herzen einprägte. Deswegen heißt es, daß »er sie lehrte wie einer, der Macht hat« [Matth 7, 29]. Darum haben auch bei den Heiden Pythagoras und Sokrates, welche die größten Lehrer gewesen sind, nichts niederschreiben wollen.

[163] Christus hat manches den Volksscharen verhüllt mit­geteilt, indem er zur Verkündigung der Geistgeheimnisse sich der Bilderrede bediente, die zu erfassen sie nicht fähig noch würdig waren. Und dennoch war es ihnen besser, daß sie so unter der Hülle des Gleichnisses die Lehre von den Geistgeheimnissen hörten, als wenn sie ihrer gänzlich hät­ten entraten sollen. Doch hat der Herr den Jüngern die offene und unverhüllte Wahrheit dieser Gleichnisse dar­gelegt; durch sie sollte sie dann zu den anderen, die ihrer fähig wären, gelangen.

[164] Die Apostel sind unmittelbar durch das Wort Gottes belehrt worden, nicht gemäß seiner Gottheit, sondern so­fern es als Mensch gesprochen hat.


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[165] Unmittelbar Erlöser zu sein, ist eine Wesenseigen­tümlichkeit Christi, sofern er Mensch ist; wiewohl die Er­lösung der ganzen Dreieinigkeit als der ersten Ursache zu­gesprochen werden kann.

[166] Was einzig aus Gottes Willen, jenseits alles dessen, was der Kreatur geschuldet ist, hervorgeht, das kann uns nicht kund werden, wenn es uns nicht in der Heiligen Schrift überliefert wird, durch die uns der göttliche Wille zur Kenntnis gelangt. Weil nun in der Heiligen Schrift allent­halben die Begründung der Menschwerdung aus der Sünde des ersten Menschen genommen wird, sagt man deshalb mit mehr Grund, das Werk der Menschwerdung sei von Gott als Heilmittel wider die Sünde eingerichtet worden, so daß, wenn es keine Sünde gäbe, auch die Menschwerdung nicht geschehen wäre. Gleichwohl soll die Macht Gottes nicht hierauf eingeschränkt werden; denn Gott hätte, auch wenn die Sünde nicht wäre, Mensch werden können.

[167] Christus hat, als Gott, sich selbst durch das gleiche Wollen und Wirken in den Tod gegeben, durch das auch der Vater ihn in den Tod gegeben hat.

[i6!J] Daß der Mensch durch das Todesleiden Christi er­löst werde, war sowohl seiner Barmherzigkeit wie seiner Gerechtigkeit gemäß. Der Gerechtigkeit: weil Christus durch sein Todesleiden Genugtuung geleistet hat für die Sünde des menschlichen Geschlechtes; so ist der Mensch er­löst worden durch die Gerechtigkeit Christi. Der Barmher­zigkeit aber: da der Mensch aus sich nicht Genugtuung zu leisten vermochte für die Sünde des ganzen menschlichen Wesens, so hat Gott ihm als Sühner seinen Sohn gegeben, gemäß dem Worte: »Sie werden gerechtfertigt ohne Ver­dienst durch seine Gnade, durch die Erlösung in Christus Jesus; ihn hat Gott dargestellt als blutiges Sühnopfer durch den Glauben« [Rom 3, 24 f.]. Und dies zeugt mehr für eine überströmende Barmherzigkeit, als wenn Gott die Sünde ohne Genugtuung nachgelassen hätte. Darum ist gesagt: »Gott aber, der reich ist an Erbarmen, hat in seiner über­großen Liebe, mit der er uns geliebt, uns, da wir in Sünden tot waren, lebendig gemacht mit Christus« [Eph 2, 4 f.].

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[169] Der Mensch Christus hat dadurch den Sieg errungen, daß er Gott gehorsam gewesen ist, gemäß dem Worte: »Der gehorsame Mann kündet Sieg« [Spr 21, 28].

[170] Durch den Tod Christi ist, so heißt es, in uns der Tod der Seele, welcher in unserer Sünde beruht, zunichte ge­macht, und auch der leibliche Tod, welcher in der Abschei­dung der Seele besteht.

[171] Wie Christus durch sein Sterben unseren Tod zu­nichte gemacht hat, so hat er uns durch seinen Schmerz von den Schmerzen befreit; und darum wollte er unter Schmer­zen sterben.

[172] Christus hat sich kraft eigenen Willens dem Teufel dargeboten, daß er von ihm versucht werde, wie er sich auch kraft eigenen Willens seinen [des Teufels] Gliedern dar­geboten hat, daß sie ihn töteten.

[173] Das Todesleiden Christi war, von denen her gesehen, die ihn getötet haben, eine Untat. Von ihm selbst her ge­sehen, der aus Liebe gelitten hat, war es ein Opfer. Und darum wird gesagt, Christus habe dieses Opfer dargebracht, nicht aber jene, die ihn getötet haben.

[174] Es bedarf der Mensch des Opfers aus dreifachem Grunde: Einesteils zur Nachlassung der Sünde, die ihn von Gott abwendet. Darum sagt der Apostel, es sei das Amt des Priesters, »daß er Gaben und Opfer darbringe für die Sün­den« [Hebr 5, i]. Zweitens, damit der Mensch im Stande der Gnade bewahrt werde und stets Gott anhange, worin sein Friede und sein Heil beruht. Darum wurde auch im Alten Gesetz ein Friedensopfer dargebracht für das Heil der Opfernden, wie es im Buche Levitikus heißt [3]. Drit­tens bedarf der Mensch des Opfers, auf daß der Geist des Menschen vollkommen mit Gott vereinigt werde, was auf die höchste Weise in der Herrlichkeit geschehen wird. Dar­um wurde auch im Alten Gesetz ein Ganzopfer, als ein völ­lig entflammtes, dargebracht, wie es heißt [Lev i]. — Dies alles aber ist uns durch die Menschheit Christi erwachsen. Denn erstens sind unsere Sünden getilgt, gemäß dem Worte: »Er ist dahingegeben worden um unserer Sünden willen«

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[Rom 4, 25]. Zweitens haben wir durch ihn die Gnade emp­fangen, die uns das Heil bringt, gemäß dem Worte: »Allen, die ihm gehorsam sind, ist er die Ursache ewigen Heiles ge­worden« [Hebr 5, 9]. Drittens haben wir durch ihn die Vollendung der Herrlichkeit erlangt: »Durch sein Blut ha­ben wir das Vertrauen, einzugehen zu den Heiligen« [Hebr 10, 19], das heißt, in die himmlische Herrlichkeit. Und so ist Christus nicht allein Priester gewesen, sondern auch voll­kommene Opfergabe — Opfer für die Sünde, Friedensopfer und Ganzopfer zugleich.

[175] Im Amt des Priesters kann zweierlei ins Auge gefaßt werden: erstens die Darbringung des Opfers selbst, zwei­tens die Vollendung des Opfers, welche darin besteht, daß jene, für die das Opfer dargebracht wird, das Ziel des Op­fers erreichen. Das Ziel des Opfers aber, das Christus dar­gebracht hat, waren nicht zeitliche Güter, sondern ewige, die wir durch seinen Tod genießen. Darum ist gesagt, Chri­stus sei »der Hohepriester der künftigen Güter« [Hebr 9, 11], weswegen das Priestertum Christi ein ewiges Priester-tum genannt wird. Und diese Vollendung des Opfers Christi wurde vorgebildet darin, daß der gesetzliche Hohepriester einmal im Jahre mit dem Blute von Bock und Kalb in das Allerheiligste eintrat, wie es heißt [Lev 16, 27], wobei er jedoch Bock und Kalb nicht im Allerheiligsten opferte, son­dern draußen. Ähnlich ist auch Christus in das Allerhei­ligste, das ist in den Himmel, eingegangen und hat uns den Weg bereitet, daß auch wir eintreten durch die Kraft seines Blutes, das er für uns auf der Erde vergossen hat.

[176] Wenn auch Christus nicht als Gott, sondern als Mensch Priester war, so ist es dennoch einer und derselbe, der Priester war und Gott.

[177] Christus allein ist der vollkommene Mittler zwi­schen Gott und den Menschen.

[178] Auf Grund seiner menschlichen Natur wird Christus der Mittler zwischen Gott und den Menschen genannt. So gelangen die göttlichen Geschenke von Gott her durch die Vermittlung der Menschheit Christi zu den Menschen.

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[179] Die Dämonen haben mit Gott die Unsterblichkeit gemein, mit den Menschen aber das Elend. Hierzu nämlich macht sich der unsterbliche und elende Dämon zum Mittler: daß er den Zutritt in die glückselige Unsterblichkeit ver­wehre, hinführe aber zu unsterblichem Elend. So ist er wie ein schlechter Mittler, der Freunde entzweit. - Christus aber hatte mit Gott die Glückseligkeit gemein, mit den Men­schen aber die Sterblichkeit. Darum hat er sich um deswillen zum Mittler gemacht: daß er nach abgetaner Sterblichkeit sowohl — was er, auferstehend, an sich selber erwiesen hat — aus Toten Unsterbliche wie auch aus Elenden Glückselige mache. So ist er ein guter Mittler, der Feinde versöhnt.

[180] Das Priestertum Christi hat die volle Gewalt, die Sünden auszulöschen.

[181] Der ganze Ritus der christlichen Religion leitet sich her vom Priestertum Christi.

[182] Das Priestertum Christi aber und sein Reich ist vor­nehmlich vollendet worden in seinem Todesleiden.

[183] Christus hat nicht im Tempel oder innerhalb der Stadt gelitten, sondern außerhalb der Tore, damit die Wirklichkeit dem Bilde entsprechend sei. Denn Kalb und Bock, die in hochfeierlichem Opfer zur sühnenden Reini­gung des ganzen Volkes dargebracht wurden, sind außer­halb des Lagers verbrannt worden, wie es [Lev 16, 27] vor­geschrieben war. Darum heißt es: »Denn die Leiber der Tiere, deren Blut zur Sündentilgung durch den Hohenprie­ster ins Lager getragen wird, verbrennt man außerhalb des Lagers. Deshalb hat auch Jesus, um durch sein eigenes Blut sein Volk zu heiligen, außerhalb des Tores gelitten« [Hebr 13, n].

[184] Weil die Kirche nicht in die Grenzen des jüdischen Volkes eingeschränkt werden, sondern in der ganzen Welt gegründet werden sollte, darum ist das Todesleiden Christi nicht innerhalb der Stadt der Juden vollbracht worden, son­dern unter freiem Himmel, damit so die ganze Welt sozu­sagen das Haus sei für das Todesleiden Christi.


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[185] Christus hat sinnvollerweise gerade in Jerusalem sein Todesleiden erduldet. Jerusalem nämlich war der Ort, von Gott auserwählt, daß ihm dort die Opfer dargebracht würden. Diese bildlichen Opfer aber stellten zeichenhaft das Todesleiden Christi dar, welches das wahre Opfer ist.

[186] Das Geschenk der Sprachen ist den Aposteln ver­liehen worden, weil sie gesendet waren, zu lehren alle Völ­ker. Christus aber hat nur in dem einen Volk der Juden per­sönlich lehren wollen, wie er selbst es sagt: »Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel« [Matth 15, 24].

[187] Über die drei Tage des Todes hin ist Christus »als Ganzer« im Grabe gewesen, »als Ganzer« in der Unterwelt und »als Ganzer« im Himmel — wegen der Person, welche sowohl vereinigt war mit dem Leibe im Grabe und mit der Seele, welche die Unterwelt heimsuchte, als auch in der gött­lichen, im Himmel königlich herrschenden Wesenheit ihr Dasein hatte. Nicht aber kann man sagen, Christus sei »ganz« im Grabe oder entweder im Grabe oder in der Unterwelt gewesen, da ja nicht die ganze menschliche Natur, sondern ein Teil von ihr im Grabe oder in der Unterwelt gewesen ist.

[188] Wenn ein Weib um ihrer Schönheit willen zur Ehe geführt wird . . ., so bleibt, wenn auch die Schönheit ver­gangen ist, doch das eheliche Band. Ähnlich bleibt, nachdem die Seele [im Tode] abgeschieden ist, die Vereinigung des Wortes Gottes mit dem Leibe.

[189] Da Christus hinabstieg zu denen in der Unterwelt, sind alle, die in irgendwelchem Teil der Unterwelt waren, irgend heimgesucht worden; einige aber zu ihrer Tröstung und Befreiung, andere jedoch, wie die Verdammten, zu ihrer Verwerfung und Verwirrung.

[190] Die Seele Christi ist zu denen in der Unterwelt hin­abgestiegen nicht so, wie die Körper sich bewegen, sondern in jener Art der Bewegung, in der die Engel sich be­wegen.

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[191] Wie die Kraft des Todesleidens Christi den Leben­den zugewendet wird durch die Sakramente, die uns dem Todesleiden Christi gleichgestalten, so ist sie den Toten zu­gewendet worden durch den Niederstieg Christi zu denen in der Unterwelt. Darum heißt es bezeichnend, daß er »die Gefesselten herausgeführt hat aus dem See im Blute seines Bundes« [Zach 9, n], das heißt, durch die Kraft seines Todesleidens.

[192] Es entbehrt nicht des Geheimnisses, daß Christus am dritten Tage hat auferstehen wollen, damit hierdurch offenbar werde, daß er aus der Kraft der ganzen Dreieinig­keit auferstanden ist. Darum wird zuweilen auch gesagt, der Vater habe ihn auferweckt, zuweilen aber, er sei aus eigener Kraft auferstanden, was kein WTiderspruch ist, da die gött­liche Kraft des Vaters die gleiche ist wie die des Sohnes und des Heiligen Geistes. Und auch um anzuzeigen, daß die Wie­derherstellung des Lebens nicht am ersten Tage der Welt­zeit, das ist unter dem natürlichen Gesetz, noch auch am zwei­ten Tage, das ist unter dem mosaischen Gesetz, geschehen ist, sondern am dritten Tage, das ist: zur Zeit der Gnade.

[193] Wie gesagt ist, daß Christus durch eigene Kraft auf­erstanden und dennoch vom Vater auferweckt sei, da es ja dieselbe Kraft des Vaters wie des Sohnes ist; so auch ist Christus aus eigener Kraft in den Himmel aufgefahren und ist dennoch vom Vater emporgehoben und aufgenommen worden.

[194] Mag auch die Wirkung der Auferstehung Christi sich erstrecken auf die Auferstehung der Guten wie der Bösen, so erstreckt sich ihre Urbildlichkeit im eigentlichen Sinne nur auf die Guten, die, wie es heißt [Rom 8, 29], gleichge­staltet worden sind dem Bilde des Sohnes.

[195] Christus hat, auffahrend um unseres Heiles willen, erstlich uns den Weg bereitet, aufzusteigen in den Himmel, gemäß dem, was er selbst sagt: »Ich gehe, euch eine Stätte zubereiten« [Joh 14, 2], und: »Er ist aufgestiegen,bahnend den Weg vor ihnen her« [Mich 2,13]. Weil er nämlich unser Haupt ist, so müssen die Glieder dahin folgen, wohin das


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Haupt vorausgegangen. Darum heißt es: »Damit, wo ich bin, auch ihr seid« [Joh 14, 3]. Zum Zeichen dessen hat er die Seelen der Heiligen, die er aus der Unterwelt heraus­geführt hatte, in den Himmel geführt, gemäß dem Worte: »Auffahrend zur Höhe, führt er gefangen mit sich die Ge­fangenschaft« [Ps 67, 17]. Er hat nämlich die, welche vom Teufel gefangen gehalten worden waren — nun gefangen in guter Haft, zu eigen erworben durch den Sieg —, mit sich in den Himmel geführt, als an einen für die menschliche Natur fremden Ort.

[196] Niemandem sonst, weder einem Engel noch einem Menschen, kommt es zu, zur Rechten des Vaters zu sitzen: nur Christus allein.

[197] Da die Rechte die göttliche Glückseligkeit ist, so be­deutet das Sitzen zur Rechten nicht einfachhin, in der Glück­seligkeit zu sein, sondern die Glückseligkeit zu besitzen zu­gleich mit Herrschgewalt, und zwar einer wesenseigenen und von Natur zukommenden: dies aber ist einzig Christus eigen, keiner anderen Kreatur.

[198] Christus hat richterliche Gewalt auch über die Engel, die guten wie die bösen.

[199] Zum Richterspruch ist gefordert, daß die Vollmacht des Richters erkannt werde. Darum muß die Ankunft Christi zum Gericht eine offenbare Ankunft sein. Seine erste An­kunft aber ist geschehen zum Heile aller, welches begründet wird durch den Glauben. Der aber richtet sich auf das nicht Offenkundige. So mußte die erste Ankunft im verborgenen geschehen.

[200] Die Gnade ist Christus gegeben worden nicht als einem einzelnen Menschen, sondern als dem Haupte der Kirche, damit sie von ihm her überströme in die Glieder. . . . Daher hat Christus durch sein Todesleiden das Heil ver­dient nicht nur für sich selbst, sondern auch für alle seine Glieder.

[201] Von der Fülle Christi empfangen alle Menschen ge­mäß ihrem Glauben an ihn.

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[202] Durch die Sakramente, welche aus der Seite des am Kreuze hängenden Christus hervorgeströmt sind, ist, so heißt es, die Kirche Christi erbaut.

[203] Die durch Christus geleistete Genugtuung kommt in uns zur Frucht, sofern wir ihm eingekörpert werden wie Glieder dem Haupte.

[204] Christus ist nicht allein das Haupt der Menschen, sondern auch der Engel.

[205] Wiewohl die Engel zur Einheit der Kirche gehören, sind sie doch nicht Glieder der Kirche, sofern die Kirche kraft der Gleichförmigkeit mit der [menschlichen] Natur [in Christus] Braut genannt wird.

[206] In Christus war die Gnade nicht als in einem einzel­nen Menschen, sondern als in dem Haupte der ganzen Kirche, mit dem alle eins sind wie mit dem Haupte die Glie­der, aus denen auf geheimnisvolle Weise eine einzige Per­son sich gestaltet.

[207] Die ganze Kirche, welche der mystische Leib Christi ist, gilt als eine Person mit ihrem Haupte, welches Christus ist.

[208] Für die ganze Weltzeit ist Christus das Haupt aller Menschen, jedoch in verschiedenem Grade. Zunächst und vornehmlich ist er das Haupt derer, die in tathafter Wirk­lichkeit eins mit ihm sind in der Herrlichkeit; zweitens derer, die in tathafter Wirklichkeit eins mit ihm sind durch die Liebe; drittens derer, die in tathafter Wirklichkeit eins mit ihm sind durch den Glauben; viertens aber derer, die mit ihm eins sind bloß dem Können nach, das noch nicht Wirk­lichkeit geworden ist, jedoch, gemäß der göttlichen Vor­herbestimmung, zur Wirklichkeit geführt werden kann; fünftens derer, die zwar dem Können nach mit ihm eins sind, das jedoch niemals Wirklichkeit werden wird; das sind die Menschen, die, in dieser Welt lebend, nicht vorher­bestimmt sind: wenn sie aus dieser Welt scheiden, hören sie ganz auf, Christi Glieder zu sein, da sie dann auch nicht mehr das Können besitzen, mit Christus vereinigt zu werden.


[209] Jene, die ungläubig sind, gehören, auch wenn sie nicht wirklich zur Kirche gehören, dennoch der Möglichkeit nach zu ihr. Und zwar gründet sich diese Möglichkeit auf zwei Dinge: erstlich und vornehmlich auf die Kraft Christi, welche zureichend ist für das Heil des ganzen menschlichen Geschlechts; zweitens auf die Freiheit der Entscheidungs­kraft.

[210] Das Haupt hat im Vergleich zu den übrigen Gliedern die offenbare Überragung, das Herz aber tut verborgene Wirkung. Darum ist der Heilige Geist dem Herzen zu ver­gleichen, da er unsichtbar die Kirche lebendig macht und eint. Dem Haupte aber ist Christus selbst vergleichbar, in seiner sichtbaren Natur, gemäß welcher ein Mensch über die Menschen gesetzt wird.


[214] Das Todesleiden Christi ist die zureichende Ursache des menschlichen Heiles. Doch folgt daraus nicht, daß die Sakramente nicht notwendig wären zum menschlichen Heile. Denn sie wirken ja in der Kraft des Todesleidens Christi, und das Todesleiden Christi wird den Menschen durch die Sakramente zugewendet.

[215] Die Vorväter sind gerettet worden durch den Glau­ben an den kommenden Christus. So werden wir gerettet durch den Glauben an Christus, der bereits geboren ist und das Todesleiden getragen hat. Die Sakramente aber sind Zeichen, die den Glauben bekunden, durch den der Mensch gerechtfertigt wird.

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[216]  Mit Notwendigkeit ist es so, daß die das Heil brin­gende  Kraft  von  der  Gottheit  Christi  her  durch Menschheit in die Sakramente geleitet wird.


So ist das Sakrament zugleidi ein Ge­dächtnis-Zeichen dessen, was voraus­gegangen, nämlich des Todesleidens Christi; ein erweisendes Zeichen des­sen, was in uns durch Christi Todes­leiden gewirkt ist, nämlich der Gnade; ein vorausweiscndes und vorherver­kündendes Zeichen der zukünftigen Herrlichkeit. [211]

[212] Die erste und universale Ursache des Heiles der Men­schen ist das fleischgewordene Wort. Es war also sinnvoll, daß sich in der Arznei, durch welche die Kraft der univer­salen Ursache zu den Menschen gelangt, ein Bild jener Ur­sache darstelle: daß nämlich in ihr die Kraft Gottes wirkend sei unter sichtbaren Zeichen.

[213] Weil der Tod Christi die universale Ursache des menschlichen Heiles ist, eine universale Ursache aber zu einer jeden Wirkung der Zuwendung bedarf, so war es notwendig, daß den Menschen gewisse Heilmittel dargebo­ten würden, durch welche ihnen die Wohltat des Todes Christi zuteil würde. Das aber sind die Sakramente der Kirche.


[217] Das Wort, durch das alle Sakramente ihre Wirkkraft besitzen, hatte Fleisch angenommen und war das Wort Got­tes. Und wie das Fleisch Christi wegen seiner Verbunden­heit mit dem Worte die werkzeugliche Kraft besessen hat, Wunder zu tun, so die Sakramente durch die Verbunden­heit mit Christus, der gekreuzigt worden ist und das Leiden getragen hat.

[218] Das Sakrament ist nichts anderes denn eine Heili­gung, die dem Menschen dargeboten wird in einem sicht­baren Zeichen.

[219] Es ist offenbar, daß durch die Sakramente des Neuen Gesetzes der Mensch Christus eingekörpert wird.

[220] Das Sakrament des Neuen Gesetzes ist die werkzeug­liche Ursache der Gnade.

[221]  Das Sakrament gehört zur Gattung des Zeichens.

[222] Es ist dem Menschen natürlich, daß er durch das Sinnliche zur Erkenntnis des Geistigen gelange. Ein Zei­gen aber besteht dadurch, daß einer durch es zur Erkennt-


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