Willkommen zum Gespräch und zu Mitarbeit zu dem wohl schwierigsten Thema der Welt „Jesus und Kirche“:

Friedhelm SchulzIst der christliche Glaube noch haltbar?

Friedhelm SchulzEs gibt nichts Wirkliches außerhalb Gottes.

Friedhelm Schulz(Lothar Zenetti)

Friedhelm Schulz

Friedhelm Schulz, An der Kirche 12, 37574 Einbeck

Audio-Bibel: http://www.schlachter2000.de/schlachter2000/2samuel.html

„Der Kirchenbegriff“ von Lutz Rendtorff

Apologetik_Apologie_Hempelmann_Ratschow_ Barth_EZW_201

Gerold Prauss, 60 Jahre Grundgesetz Die Basis unserer Verfassung

Gerold Prauss für die Theologie

Immanuel Kant Prolegomena Vorrede

Friedhelm SchulzEin Vorwort: Widersprüche im Leben und im Glauben. 3. März. 04

Deine Meinung ist gefragt! 10 Fragen an die Weltreligionen. Beginn meiner Antwort (7.Okt.02)

Eine Antwort auf die zehn Fragen unter: http://bigbummi.blogg.de/eintrag.php?id=109 ; neu  9. 10. 2009

Das Gebet unseres Bruders Jesus

Kommentar neu formuliert am 13. September, 2002

Das Urchristentum nach Joh. von Walter , neu 15. 9. 2009

Was ist christliche Frömmigkeit bei J.von Walter? http://www.jesus-und-kirche.de/Urchristentum.html

Bei Pannenberg: http://www.jesus-und-kirche.de/Kirche (nur zur Diskussion im EKD-Forum!)

Kirche und Gemeinde, neu 7. Feb. 07

Um was geht es bei der „Rechtfertigung des Gottlosen“ Jüngel 2004, neu

 

Rechtfertigung des Gottlosen ist nicht Rechtfertigung der Gottlosigkeit;

Abneigung und Kampf gegen Krankheit ist nicht Abneigung und Kampf gegen die Kranken.

 

Schwulennachwuchs mit allen Mitteln,

auf allen Ebenen, in Parteien und Vereinen, in Medien und Internet, in den Kirchen von der Kanzel und nun mittels der Adoption von Kindern:

Unterwanderung von Staat, Medien und Kirche neu Dez. 2013 Juli

http://www.jesus-und-kirche.de/DummeRhetorik.html

Die rapide Verbreitung der Homosexualität

Schützen wir die Kinder, die Familie und die christlichen Wurzeln Deutschlands vor diesen negativen Tendenzen!

http://www.aktion-kig.de/kampagne/frage_web_f.html

 

Sola_scriptura

http://www.jesus-und-kirche.de/Sepsydeutsch.pdf

ZastrowGender

http://www.l-gassmann.de/newsletter/newsletterdetail.php?nid=1245505161&id=22

Neue religiöse Initiativen  neu 19. Juni. 07

http://www.l-gassmann.de/glaubensbekenntnis

Hermeneutik 2011Hermeneutik.htm

Evangelikale Bewegungen“ Kritik von Reinhard Hempelmann neu . !7. 3 . 2010

Pro-Israelischer-Pastor sprach auf der „Christus am Checkpoint“-Konferenz

Thomas von Aquin über die Dreieinigkeit

http://www.jesus-und-kirche.de/Geist aus der Flasche-Dateien/Geist.htm

Averroes: (Gottes und des Menschen) Recht und Unrecht

Evolution oder Kreation 24. Juli, 07

Evolution oder Kreation Juni 05.08, wird fortgesetzt

Die Andersartigkeit der Kirche gegenüber der Welt, nach Rendtorff,

Die Konfiguration des irdischen Verstandes nach Immanuel Kant:

Immanuel Kant: Tafel der Kategorien
1. Der Quantität: Einheit, Vielheit, Allheit.
2. Der Qualität: Realität, Negation, Limitation.
3. Der Relation: der Inhärenz und Subsistenz (substantia et accidens)
der Kausalität und Dependenz (Ursache und Wirkung)
der Gemeinschaft (Wechselwirkung zwischen dem
Handelnden und Leidenden).
4. Der Modalität: Möglichkeit - Unmöglichkeit
Dasein - Nichtsein
Notwendigkeit - Zufälligkeit

Wilckens und Pannenberg 5. August 07, als PDF

Zufall oder Schöpfung? zum Verhältnis von Glaube und Naturwissenschaft; 13 Statements bei „Wort und Wissen“ von Henrik Ullrich, EZW 2011 Nr. 204, Seite 47Zur Diskussion bei Jesus.de

Zur Trinitätslehre

Nur für die Diskussion im EKD-Forum, aus „Systematische Theologie“ Band I, Seite 327-341, Vandenhoeck, von Wolfhart Pannenberg

Christen in großer Bedrängnis

Kirche in Not, Dokumentation 2008

 Christliche Links zu „Kirche“ u. Glaube, (ist erst im Aufbau)

Christologie nach Hermann Deuser

 

Islamischer Schleier

Wir müssen den Schleier lüften, FAZ Necla Kelek

 

Das unterscheidend Christliche und das mögliche Scheitern

 

 

 

Negative Haltung

Uta Ranke-Heinemann

Die Arbeit von Augstein, "Ein Mensch namens Jesus"

Das Christentum - Das Geschäft mit dem Glauben? 
Als Statement und Frage von Tobias May..

Hier geht jemand Widersprüchen der christlichen Botschaft nach: Unimatrix

http://people.freenet.de/www.diskussion.de/index.htm

Kantzen, Entstehung des Neuen Testamentes

Ähnlich das Video

http://www.myspace.com/revolutionzeitgeist

eine interessante Theorie; man kann natürlich alles auf den Kopf stellen, ähnlich wie die Hohlwelttheorie:

http://www.weltbildfrage.de/geschichte.html

Zehn Gebote gegen den Glauben

http://hoffnung.de/news/2007/2007-05-26

 

http://www.gerdluedemann.de/

 

 

Differenzierte Nachfrage mit Antwort

Neu: Implizite und explizite Christologie, zwei Fragen von V.T./ 10. Dez. 2001, neu März 2002

Gregor Schwering "anders eigen" , ein Statement der „Szene

Antwort von Dr. Helmut Felzmann,(http://www.revolution-im-christentum.de/

Angst vor dem Islam, Angst vor Moscheepräsenz

z.B.Berlin- Heinersdorf

Neu: 11. Mai, 2006

http://basisreligion.reliprojekt.de/glaubensbekenntnis.htm

Hier finden wir viele richtige, halbdurchdachte bis absurde Aussagen über das Glaubensbekenntnis; richtig, halbdurchdacht und zugleich absurd z.B.: „Es kommt für einen wirklichen Christen gewiß nicht darauf an, was er glaubt, sondern wie es bei ihm mit der Nachfolge Jesu steht, wie er also sein Leben zuverlässig nach der Botschaft Jesu ausrichtet.“

 

 

Der christliche Glaube nur ein frommer Wunsch?

Philipp Stoellger über oder gegen Leibniz.

Phillip Stoellger

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Indisch-religiöse Gedanken und Esoterik

http://www.jesus-und-kirche.de/PoehlmannGottesfrage.htm

Die Hauptreligionen im Verhältnis zueinander

Positive Antwort

Literaturempfehlung  zu Jesus, aus:  Rainer Riesner

Antwort an Arthur Hofmann

Der christliche Glaube: Eine evangelische Orientierung; von Wolfgang Huber, Gütersloher Verlagshaus 

Mehrwert: Glauben in heftigen Zeiten von Markus Spieker, Johannis-Verlag

Gegen die Einseitigkeit, Juli 2002

Meine Gegendarstellung, 1. Teil zu AugsteinMein eigener Beitrag ist der Versuch einer Gegendarstellung

Meine Gegendarstellung, Fortsetzung 2. Teil  bis 1. August 2000"Zustand, Geschehen und Entwicklung unserer Wertestruktur in der Makroansicht

Brief an Pfarrer Metz : Soll man das christliche Glaubensbekenntnis verändern? Voraussichtliche Form der Buchveröffentlichung;  als Vorüberlegung:

Gebrauchsanweisung für ein Buch, Stand 18. Mai 2005

Max Black: wie Bilder darstellen

Der Universalienstreit nach W. Stegmüller:

http://www.blutner.de/Logica/Texte/steg.html

„Jesus starb für uns“ nach E. Jüngel

klick hier zur EinladungAltgriechisches Alphabet nach Langenscheidt u.a.Häring-Religion

 DRINGEND!!! = Knochenmarkspender Blutgruppe AB Rhfkt. negativ gesucht!!!
Ein gemeinsames Religionsbuch für alle Religionen siehe http://members.tripod.de/FriedhelmSchulz und

http://mitglied.lycos.de/FriedhelmSchulz/Ziel

Inhalt, contents, Übersicht und Einleitung
Neu: Implizite und explizite Christologie, zwei Fragen von V.T./ 10. Dez. 2001/neu März 2002

 Brief an Pfarrer Metz : Soll man das christliche Glaubensbekenntnis verändern?

Neu: Gebrauchsanweisung für ein Buch, Stand 18. Mai 2005

Die Arbeit von Augstein, "Ein Mensch namens Jesus"
Gregor Schwering "anders eigen" , ein Statement der Szene
Meine Gegendarstellung, 1. Teil Mein eigener Beitrag ist der Versuch einer Gegendarstellung

zu dem Leitartikel, den  Rudolf Augstein im "Spiegel" veröffentlichte.
Meine Gegendarstellung, Fortsetzung 2. Teil  bis 1. August 2000:

"Zustand, Geschehen und Entwicklung unserer Wertestruktur in der Makroansicht.“

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(etwa 70 DIN A4 Seiten; bitte kopieren und in Ruhe lesen! {Meine Gegendarstellung steht im Anschluß; Fortsetzung unter   ab 30. Mai 2000})

Das Heilige Jahr im Spiegel:

Rudolf Augstein über die >>scheinheiligen Legenden im "Heiligen Jahr" <<

Das Heilige Jahr, dessen sind wir schon heute sicher, wird ein scheinheiliges werden, und es lohnt einen Versuch, den Anfängen zu wehren.

Denn es wird vieles gefeiert, was sich nicht ereignet hat. Es werden viele Örtlichkeiten gezeigt, die mit Jesus sowenig zu tun haben wie die Aberhunderte von Kreuzessplitter-Reliquien, das "Turiner Grabtuch", der "Heilige Rock" von Trier und die Knochen der Heiligen Drei Könige im Kölner Dom. Es wird vieles verschwiegen werden, was man nicht wahrhaben will; und es wird vieles verbreitet werden, was nicht wahr ist.

Der Papst will uns weismachen, der 2000. Geburtstag seines Herrn Jesus Christus stelle "in Anbetracht der vorrangigen Rolle, die das Christentum in diesen zwei Jahrtausenden ausgeübt hat, indirekt für die ganze Menschheit ein außerordentlich großes Jubiläum dar".

Wie "vorrangig" wirkte das Christentum in der Geschichte, wie "außerordentlich groß" ist das Jubiläum, wie "außerordentlich groß" ist dieser Jesus Christus heute noch? Da wird man sich von vornherein den pathetischen Ansprüchen widersetzen und dann sehr genau unterscheiden müssen.

Nicht, was ein Mensch namens Jesus gedacht, gewollt, getan hat, sondern was nach seinem Tode in seinem und unter seinem Namen, aber oft nicht in seinem Sinne, sehr oft gegen seine Intentionen gedacht, gewollt, getan worden ist, hat die christliche Religion und mit ihr die Geschichte des sogenannten christlichen Abendlandes bestimmt. Was und wer immer Jesus war, ein Mann des Abendlandes war er nicht.

Neben den vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes und denen, die vor ihnen Jesus-Geschichten gesammelt und weitergegeben, radikal verändert und erfunden haben ­ neben denen also, die aus dem Menschen Jesus die Kunstfigur Christus gemacht haben, waren es zwei Männer, die bestimmt haben, was als christliche Religion die Geschichte beeinflußt hat: der Apostel Paulus, ehemals "Schaul" oder "Saulus", ein Diaspora-Jude aus der römischen Provinzhauptstadt Tarsus (heute südliche Türkei), und der Nichtchrist Konstantin, Kaiser des Römischen Reiches von 306 bis 337, der sich erst auf dem Sterbebett taufen ließ.

Paulus war, daran gibt es keinen Zweifel, einer der ganz großen Neuentwerfer der Geschichte. Nicht Jesus, sondern er war der eigentliche Religionsstifter, an Bedeutung Mohammed gleich.

Für das Leben, die Worte und die Taten seines Herrn Jesus hat er sich wenig interessiert, dessen Lebensthema vom nahen "Reich Gottes" war ihm in seinen zwischen 50 und 61 nach Christus verfaßten Briefen nur ein paar Sätze wert. Über die Zukunft irrte sich, dessen sind sich bibelkritische Exegeten sicher, erst Jesus, der das Hereinbrechen des "Reiches Gottes" noch zu seinen Lebzeiten erwartet hatte; über die Zukunft irrte dann auch der Apostel. Nur glaubte er, daß der auferstandene Christus alsbald mit Macht und Herrlichkeit wiederkommen würde.

Augstein meint: Wenn einer, dann hat Paulus die Kirche geprägt und nicht die Lichtgestalt Jesus Christus; und dies bis heute, bis ins tiefste Innere des Papstes Johannes Paul II., dessen Fleisches- und Frauenfeindlichkeit der Apostel vorwegnimmt. An eine Kirche, an ein Konzil, an einen unfehlbaren Papst aber hat auch Paulus gar nicht denken können.

Konstantin, der sich "Pontifex maximus" nannte ­ wie später und noch heute der Papst ­, erkannte, welch integrierende Kräfte dem Christenglauben innewohnten, der auf der jüdischen Gehorsamsethik aufbaute.

Max Horkheimer nennt Konstantin einen "Skrupellosen", der "unter den vorhandenen Götterlehren das Christentum als Kitt für die gefährdete Weltmacht ausersah". Damals hat sich die Kirche grundsatzloser neu orientiert als irgendeine andere Gemeinschaft zuvor oder danach. Und Ernst Bloch befand: "Indem das Christentum unter und durch Konstantin des römischen Staates sich bediente, bediente sich der Staat des Christentums, und das Christentum ward verfehlt."

* Gemälde von Marco Palmezzano (circa 1458 bis 1539), Vatikanische Museen.

Kirche und Staat, Altar und Thron gaben so ihren Bund bekannt. In Deutschland hat ihn niemand je wieder auflösen können ­ kein Napoleon, kein Demokrat 1918, kein Hitler, kein Honecker.

Schon auf dem Konzil von Arles im Jahre 314 belegte die Kirche jeden Deserteur des kaiserlichen Heeres mit dem Bann. Vorbei war's mit dem Pazifismus, mit der Verachtung der Dinge dieser Welt, mit der freiwilligen Armut der frühen Christen. Und 40 Jahre nach Konstantins Tod nannte die Kirche ein Zehntel vom Grund und Boden im römischen Westreich ihr eigen; im Mittelalter brachte sie es in Westeuropa sogar auf ein Drittel.

Die Kirche machte sich im Gegengeschäft nützlich und diente seither jedem Staat dazu, um "die Mühseligen und Beladenen bei der Stange zu halten", wie Ernst Bloch schreibt. Im Namen jenes Mannes, dem in den Mund gelegt wurde, sein Reich sei nicht von dieser Welt, errichtete die Kirche ihre durchaus weltliche Zwangsherrschaft.

Gegen Ende des vierten Jahrhunderts wurde in Trier der erste Ketzer hingerichtet, aus Verfolgten waren Verfolger geworden. "Die letzte Hexe wurde", wie der Philosoph Bloch notierte, "um 1770 in der Nähe Würzburgs verbrannt, und eine allerletzte wurde 1825 in St. Gallen vom Land der Eidgenossen dem Höllenfeuer nachgeliefert". Schon nach wenigen Jahrhunderten gab es weit mehr Opfer der Kirche als Märtyrer, die ihr Leben für sie geopfert hatten.

"Die Schrift lehrt nichts, was nicht mit der Vernunft in Einklang stünde", behauptet Walter Kasper, derzeit noch Bischof von Rottenburg-Stuttgart, demnächst im Vatikan tätig und vermutlich übers Jahr Kardinal, in seinem Jesus-Buch. Aber Millionen Unschuldiger sind verfolgt, bestraft und getötet worden, weil die Kirche den Einklang zwischen deren vernünftigem Denken und ihren eigenen Lehren bestritt, dem dogmatischen Verständnis der sogenannten Heiligen Schrift.

Erst der Bund mit Konstantin und der Verrat an den urchristlichen Lehren begründeten die geschichtliche Wirkung des Christentums. Eine religiöse Idee verwandelte sich in eine andere, fast gegenteilige. Erst mit der Konstantinischen Wende ging überdies die antijudaistische Saat auf, die in den Evangelien gesät worden war.

"Solange die Christen eine unterprivilegierte Randgruppe waren", so der amerikanische Exeget John Dominic Crossan in seinem vor kurzem erschienenen Buch "Wer tötete Jesus?", "schadeten ihre Passionserzählungen, welche die Juden als schuldig am Tode Jesu hinstellten, die Römer aber von jeder Schuld daran entlasteten, im Grunde niemandem. Doch als dann das Römische Reich christlich wurde, wurde die Fabel mörderisch."

Aber wie ist diese unerhört expansive, die Welt umgestaltende Kraft der christlichen Zivilisation zu erklären? Wohl vor allem aus der enormen Spannung zwischen polar entgegengesetzten Prinzipien: zwischen Übernatur und Realität, Heiligem und Profanem, Geistlichem und Weltlichem, Kirche und Staat; oder auch aus der Spannung zwischen Geschlechtsfeindlichkeit und Sexualgier, zwischen Seele und Körper. Kultur bildet sich nach Sigmund Freud nur im ständigen Kampf zwischen Triebunterdrückung und Auflehnung dagegen.

Es war und ist das Geschäft der Religion, Gott und den Menschen gegeneinander auszuspielen. Niemand verstand und versteht es so wie die christlichen Kirchen, den Menschen mit Schuldgefühlen unter Spannung zu bringen. Ist der Druck auf einen kaum noch erträglichen Höhepunkt getrieben, konnten und können die Kirchen mit dem Gnadenmittel der Sündenvergebung zur Stelle sein. Vor allem die Kirche selbst fand so einen Weg, die christliche Lehre nicht zu befolgen und dennoch von den Folgen dieses Nichtbefolgens freigestellt, "erlöst" zu werden.

Sind nun diese Antriebskräfte, die eine Symbolfigur von der Größenordnung des Jesus Christus geschaffen haben, erschöpft, laufen sie jetzt leer? Was liegt brach, wenn keine mythische Phantasie einen mehr beflügelt, wenn Mythos, Magie und alles Heilige total aus dem Leben verschwinden; wenn es keine "letzten", keine absoluten sittlichen Werte mehr gibt?

Das Verlangen des Menschen, sich selbst und in seinem Dasein einen Sinn zu finden, ist ja geblieben. Es gibt ein Bedürfnis, das man nicht vorschnell "religiös" nennen sollte, das aber nach Sinn, Gerechtigkeit und Wahrheit, nach einem erfüllten Leben verlangt. Die moderne Theologie versucht zwar, dieses Bedürfnis zu befriedigen, aber es gelingt ihr nicht, sowenig wie es der sterilen Rückwärts-Theologie des Papstes und der anderen Bewahrer des Vergangenen gelingt.

In immer neuen Anläufen und mit immer neuen Abwandlungen verficht beispielsweise die Hamburger Theologin Dorothee Sölle über Jahrzehnte den Gedanken, Jesus sei der Stellvertreter des abwesenden oder toten Gottes. Weder sie noch ihre Mitstreiter bemühen sich, diese Stellvertreter-Figur von dem antiken Jesus von Nazaret abzuleiten. Sie nehmen ganz bewußt das von Paulus entdeckte Vorrecht in Anspruch, eine abstrakte Figur nach den Bedürfnissen der Menschen zu entwerfen. Der einstige Jesus/Jeschua bleibt wiederum unwichtig.

Natürlich ist es nur ein Gag, wenn Theologen Gott für tot erklären. Damit ist immer der alte Gott gemeint. Sie kneten sich ihren Christus zurecht und basteln sich ihren Gott, wie er nach ihrer Meinung beschaffen sein muß, damit er noch irgendwie in die heutige Welt paßt und damit sie ihn, wie lädiert auch immer, ins dritte Jahrtausend hinüberretten können. Jede, nicht nur die christliche, Theologie sieht sich mit der Tatsache konfrontiert, daß Religion, wie sie von Kirchentreuen und -untreuen verstanden wird, keine Zukunft mehr hat ­ mit welchem Gott auch immer.

Es wird zum Beispiel darüber gestritten, ob Gott nun Mann oder Frau, ob er Mann und Frau oder ob er weder Mann noch Frau ist. Irgendein Sinn läßt sich in diesen Auseinandersetzungen nicht finden. Die Nöte in dieser Welt betrachtend, wird gesagt, man könne Gott nur noch eine von zwei Eigenschaften zuerkennen: entweder Allmacht oder Güte. Denn besäße er beide, würde er soviel Leid nicht dulden.

"Abschied vom allmächtigen Gott" war denn auch 1995 der Titel eines der Bücher, in denen diese Erkenntnis ausgebreitet wurde.

Es gibt keinen Gott, den wir erkennen oder über den wir reden könnten, auch keinen allmächtigen. Daß ein Gott vor 2000 Jahren ein für allemal gehandelt hat, ist Mythos und Magie aus den Kindertagen der Menschheit.

Die Frage, ob man Jesus braucht, um an Christus glauben zu können, ist heute unter Fachleuten wieder aktuell geworden, sie ist "in". Die naheliegende Frage aber, ob er denn wirklich gelebt hat, ist "out". In keinem der einschlägigen zwei Dutzend Jesus-Bücher, die derzeit auf dem deutschen Markt sind, ist sie dem Autor mehr wert als einen Satz, oft nicht einmal den.

Aber es muß nicht unbedingt ein "Narr" sein, wie der Philosoph Paul Deussen 1913 kühn behauptete, wer an der Geschichtlichkeit der Person Jesu zweifelt. Solche "Narren" waren immerhin Napoleon und Friedrich der Große. Auch beim jungen Goethe finden sich Sätze starken Zweifels. Der erste Theologe, der Jesus aus der Geschichte strich, war Bruno Bauer (1809 bis 1882), der daraufhin seine Lehrbefugnis verlor und einen Gemüseladen eröffnete.

Immerhin neun Prozent der erwachsenen Deutschen, gleich sechs Millionen Leute also, nehmen an, daß Jesus nie gelebt hat, so eine Umfrage in diesem Jahr (siehe Seite 222). Alles Narren?

Vieles spricht dagegen, daß es Jesus gegeben hat. Der ganze Jesus kann eine aus mehreren Figuren und Strömungen synthetisch geformte Erscheinung sein, von phantasievollen, hellenistisch gebildeten Juden bewußt oder unbewußt als eine personifizierte Heilserwartung des jüdischen Volkes erfunden. Die meisten seiner Züge, die in den Evangelien beschrieben werden, sind überindividueller Natur und auch vor ihm schon nachweisbar; die ihm zugedachten Eigenschaften entsprachen offenbar intensiven Bedürfnissen seiner Zeit- und Nachzeitgenossen.

Manches spricht aber auch dafür, daß es ihn wirklich gegeben hat. Es ist zum Beispiel schwer vor-

* Oben: Tafelbild von Albrecht Dürer (1526); Mitte: Gemälde aus der Rembrandt-Schule (um 1630); unten: Die Konstantinische Schenkung, Fresko, Rom (1246).

stellbar, daß die Evangelien ganz ohne personalen Anlaß hätten entstehen können, ohne Inspiration durch den gewaltsamen Tod eines Menschen. So kann wohl doch ein personaler Kern angenommen werden, sonst wäre die ungeheure Motorik der frühchristlichen Bewegung kaum verständlich, obwohl die nun allerdings ohne Paulus nicht zu denken ist. Es kann also durchaus einen Mann gegeben haben, den etliche seiner Mitjuden ­ einfache Leute wohl ­ mit Fähigkeiten ausgestattet glaubten, über die sie selbst nicht verfügten, dem sie einen Wechsel der Verhältnisse zutrauten.

Interessanteres als das Entstehen der christlichen Religion läßt sich in der Geistesgeschichte schwerlich finden. Der Prozeß, wie sich eine Religion aus einer anderen entwickelt und dann fast in ihr Gegenteil verkehrt, läßt sich wie in einem Fixierbad Schicht um Schicht sichtbar machen. Ob in der christlichen Religion am Anfang Jesus stand oder nicht, ist dabei nur einer von vielen Aspekten, wenn auch einer der wichtigsten. Es gilt aber zu verhindern, und dies aktuell im kommenden Christus-Jahr, daß die Frühgeschichte des Christentums geklittert, um nicht zu sagen verfälscht wird.

Würde man die frommen Gedanken des Papstes zum "Großen Jubeljahr", wie er es selbst bezeichnet, wiedergeben, so könnte man mit seinen eigenen Worten, die schon Hunderte Seiten füllen, allerhand Spott treiben. Leseprobe: "Nur mit Christus" gebe es "eine gerechtere und brüderliche Gesellschaft"; oder: Die "Solidarität unter den arbeitenden Menschen" habe "ihren Grund in der christlichen Botschaft"; und: "Die ganze menschliche Geschichte ist ein einziges großes Suchen nach Jesus."

Menschheit, Welt und Kosmos, drunter tut es Johannes Paul II. nicht, wenn er die Bedeutung Jesu preist. Anhand solcher Texte zu erörtern, ob und gegebenenfalls wie dieser Jesus die Weltgeschichte beeinflußt hat, dazu fehlt ihnen die Substanz.

Und doch hakt man an dem einen oder anderen Papstwort fest: Welch Geist steckt beispielsweise hinter dem Spruch, Christus sei "die Erfüllung der Sehnsucht aller Religionen der Welt"? Ob die Buddhisten oder die Muslime das wohl wissen? Glaubt es irgend jemand außer dem Papst, kann er es selbst überhaupt glauben?

Schwierig wird es, wenn man sich dem Papst als Religionshistoriker und als Exegeten zuwendet:

"Flüchtige, wenn auch bedeutsame Andeutungen" und "Hinweise auf Christus" gebe es in der "nichtchristlichen Geschichtsschreibung", behauptet er in einem seiner Rundbriefe. Aber er informiert nicht, er desinformiert: Den Juden Flavius Josephus (37/38 bis circa 100) nennt er, allerdings ohne ihn zu zitieren ­ aus gutem Grund. Denn ein längerer Passus bei Josephus, das "Testimonium Flavianum", wurde früher für bedeutsam gehalten, weil dieser jüdische Historiker angeblich lobende Worte für "Christus" fand. Aber es gilt schon seit etlichen Jahrzehnten nach Meinung fast aller Experten als christliche Fälschung. Allenfalls erwähnt Josephus den "Christus" an dieser und an einer anderen Stelle so beiläufig und wertfrei wie Johannes den Täufer.

Die Römer Tacitus, Sueton und Plinius den Jüngeren hingegen nennt der Papst in seinem Rundbrief nicht nur, sondern er zitiert sie auch. Aber sie gaben in der Zeit von 105 bis 122 nur wieder, was damals ­ etwa 75 bis 90 Jahre nach dem Tode Jesu ­ Christen über ihren Herrn erzählten.

Ehrlicher als der Papst ist da der katholische Bielefelder Theologe Willibald Bösen: "Die große Weltgeschichte nimmt von Jesus kaum Notiz", und "kaum" dürfte auch noch übertrieben sein. Sie nahm ihn nämlich gar nicht wahr.

Die Evangelien, so liest man nun wieder beim Papst, seien zwar "Glaubensdokumente", aber "auch als historische Zeugnisse nicht weniger zuverlässig". So einen kryptischen Satz würden deutsche Exegeten nicht einmal ihren Studenten durchgehen lassen. "Daß es sich bei den Evangelien um Lebensbeschreibungen Jesu handelt" und "das Adjektivum ,biographisch' mit Recht auf sie angewendet" werde, verbreitet weltweit mit einer "Handreichung" die für das "Heilige Jahr" zuständige Vatikan-Kommission.

Da sind die Hof-Theologen des Papstes um 90 bis 100 Jahre zurück. Daß die Evangelisten keine Biographen sind, hat schon 1906 Albert Schweitzer in seiner "Geschichte der Leben-Jesu-Forschung" ein für allemal festgestellt. Die Exegeten ziehen daraus seit Jahrzehnten die Konsequenz, so kann man im Jesus-Buch des katholischen Neutestamentlers Herbert Leroy (Augsburg) lesen: "Heute wird auf den aussichtslosen und unsachgemäßen Versuch verzichtet, eine Biographie Jesu zu schreiben."

Wenn es um Details geht, läßt sich vielleicht streiten, ob der Papst und seine engsten Berater jeweils 20, 100 oder 200 Jahre hinter der Zeit zurückgeblieben sind. Darin unterscheiden sich ihre Texte nicht vom 1993 erschienenen "Weltkatechismus", den eine Kommission unter Kardinal Joseph Ratzinger erarbeitete ­ offenbar spürbar vom Heiligen Geist erleuchtet (Kardinal Ratzinger: "Wir glaubten oft förmlich die höhere Hand zu spüren, die uns führte") ­ und den Johannes Paul II. eine "sichere Norm für die Lehre des Glaubens" nennt.

Jesus Christus sei der "Herr über den Tod", steht im "Weltkatechismus", und der Papst erklärt, was das heißt: "Dreimal gab er Toten das Leben zurück." Dazu Exeget Leroy: "Daß es sich nicht um historisch verifizierbare Ereignisse handelt, ist unbestreitbar."

* Altarbild von Michael Pacher (um 1435 bis 1498) in St. Wolfgang, Österreich.

Sogar als Herr über sein eigenes Leben und seinen eigenen Tod stellt sich laut Johannes-Evangelium Jesus selbst vor:

"Darum liebt mich mein Vater, weil ich mein Leben lasse, daß ich's wiedernehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich selber lasse es. Ich habe Macht, es zu lassen, und habe Macht, es wiederzunehmen."

Aber daß es Jesus ist, der hier spricht, glauben nur noch stockkonservative Exegeten. Für ziemlich alle anderen ist es der Evangelist Johannes, der Jesus diesen Satz in den Mund legt ­ wie alle anderen Jesus-Worte, die in seinem Evangelium stehen. Kein einziges stammt wirklich von Jesus.

Jesus Christus sei auch der "Herr über die Natur", heißt es im "Weltkatechismus" weiter, er stillt also Stürme, macht bei der Hochzeit zu Kana aus Wasser Wein ­ eine "Tatsache" nennt dies der Papst ­, braucht nur fünf Brote für 5000 Leute oder schafft dem Petrus "eine große Menge Fische" ins Netz. Dazu Bischof Kasper in seinem Jesus-Buch: "Sogenannte Naturwunder braucht man mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht als historisch anzusehen."

Mit dem Wojtyla-Papst als Bibelforscher ist keine ernsthafte Auseinandersetzung möglich. Als Exeget ist Johannes Paul II. so isoliert wie als Moralist. Für ihn stammen noch immer alle Menschen vom Urvater Adam ab, und sogar von der Himmelfahrt spricht er als einem "Ereignis", läßt aber offen, wie er es sich vorstellt.

Daß niemand weiß, wann Jesus geboren ist, deutet der Papst nur an: "Man sieht von einer zeitlich exakten Berechnung ab." Sicher ist lediglich, daß der 2000. Jahrestag der Geburt im falschen Jahr gefeiert wird. Ein Jahr null hat es nicht gegeben, und im Jahre eins ist Jesus nicht geboren, wie im sechsten Jahrhundert der Mönch Dionysius Exiguus annahm, als er den Kalender umstellte, wobei er sich auch noch verrechnete.

Auf die vagen Angaben in den Evangelien ist kein Verlaß. Jesus muß nicht "zur Zeit des Königs Herodes" geboren sein, weil es bei Matthäus so steht, und auch nicht "zu der Zeit, als ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt sich schätzen ließe", weil es bei Lukas so steht.

Herodes regierte von 37 bis 4 vor Christus. Eine "Schätzung", also eine reichsweite Steuererhebung, gab es erst 74/75 nach Christus. "Wahrscheinlich übertrug der Evangelist diese Erfahrung auf einen lokalen Zensus", so Gerd Theißen und Annette Merz in ihrem Lehrbuch "Der historische Jesus".

Und war Jesus wohl 30 Jahre alt, als er anfing, durch Galiläa zu ziehen? Das steht so im Lukas-Evangelium; wahrscheinlich aber nur deshalb, weil laut Altem Testament David mit 30 Jahren König wurde und man den angeblichen David-Nachfahren Jesus im selben Alter als Messias auftreten lassen wollte.

Daß Jesus nur ein Jahr umherzog, legen die drei älteren, die sogenannten synoptischen Evangelien Markus, Matthäus und Lukas nahe, mindestens zwei Jahre läßt das Johannes-Evangelium vermuten.

Auch das Todesjahr ist ungewiß. Gestorben ist Jesus spätestens 36 nach Christus, denn da endet die zehnjährige Amtszeit des römischen Prokurators Pontius Pilatus. Die Mehrheit der Exegeten hat sich für das Jahr 30 nach Christus entschieden, ohne daß für dieses Jahr wesentlich triftigere Gründe sprechen als für einige andere. Angemessener wäre es, die Amtszeit des Pilatus als den Zeitraum zu nennen, in dem Jesus irgendwann gestorben sein könnte.

"Als im wesentlichen unhistorische, rein theologische Darstellungen" betrachten die meisten deutschen Theologen ­ mittlerweile auch die katholischen ­ die Geburtsgeschichten, bedauert der konservative Neutestamentler Rainer Riesner. Denn historisch sind weder die Stammbäume, die Jesus als Nachfahren des Königs David ausweisen sollen, noch wurde er von einer Jungfrau geboren. Weder war Bethlehem der Geburtsort, noch gab es einen Stern von Bethlehem. Weder gab es den Kindermord des Herodes noch die Flucht nach Ägypten; und der superkluge Zwölfjährige ist auch nicht im Tempel aufgetreten. Nur die Beschneidung, ein nicht gerade häufiges Motiv der sonst so fleißigen Jesus-Maler, dürfte wirklich erfolgt sein ­ nicht weil sie von Lukas erwähnt wird, sondern weil sie damals bei keinem jüdischen Knaben unterblieb.

Daß Jesus in Bethlehem geboren wurde, nehmen wie Johannes Paul II. auch 77 Prozent der Bundesbürger an. Es ist, soweit wir sehen, einer der wenigen Punkte, bei dem die meisten Deutschen mit diesem hinterwäldlerischen Papst übereinstimmen. Dabei ist für fast alle evangelischen Theologen schon seit vielen Jahrzehnten, für die meisten katholischen seit etwa 15 bis 20 Jahren klar, daß Nazaret die Geburtsstadt Jesu ist.

Der Papst glaubt an Bethlehem, weil es bei Matthäus und Lukas so steht, die Deutschen wissen es nicht besser. In ihren Kirchen haben sie es nie anders gehört, in vielen Büchern nicht anders gelesen. Denn noch immer gilt, was der Göttinger Neutestamentler Hans Conzelmann 1959 schrieb: "Die Kirche lebt praktisch davon, daß die Ergebnisse der wissenschaftlichen Leben-Jesu-Forschung in ihr nicht publik sind."

Dabei ist Bethlehem nur bei Matthäus und Lukas als Geburtsort genannt, die beiden anderen Evangelisten gehen offenkundig von Nazaret aus. Und daß zwei Evangelisten Bethlehem nennen, hat keinen historischen, sondern einen theologischen Grund: Es ist die Stadt Davids. Im Alten Testament verheißt der Prophet Micha der Stadt Bethlehem: "Die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll der kommen, der in Israel Herr sei."

Über den Stern von Bethlehem ist eine Menge geschrieben worden, obwohl es, wie der Kieler Neutestamentler Jürgen Becker in seinem Jesus-Buch schreibt, "keinen Stern gibt, der im Osten aufgeht, von Norden nach Süden, konkret: von Jerusalem nach Bethlehem, sich menschlichem Tempo anpassend, einen Weg zeigt, um dann über einem Haus stillzustehen". Gelegentlich wird diese Stern-Legende auf eine Planetenkonstellation im Jahre 7 vor Christus zurückgeführt, wie sie sich nur alle 800 Jahre ereignet.

An der Greuelstory vom Kindermord des Herodes ("alle, die zweijährig und darunter waren, in Bethlehem und in der ganzen Gegend") ist auch kein wahres Wort. Aber der Kölner Kardinal Joachim Meisner hält an dem Nicht-Ereignis fest, nutzt es sogar für die Agitation gegen die Abtreibung. Im Januar dieses Jahres predigte Meisner im Kölner Dom: "Zuerst Herodes, der die Kinder von Bethlehem umbringen ließ, heute unsere Gesellschaft, in der jährlich circa 300 000 unschuldige ungeborene Kinder getötet werden." Und alljährlich begeht die katholische Kirche am 28. Dezember das "Fest der Unschuldigen Kinder". In einem 1982 erschienenen "Lexikon der Namen und Heiligen" werden diese Kinder als "Erstlingsmärtyrer" gefeiert und gleich noch durchgezählt: "vielleicht gegen 20".

Die ganze Legende vom Kindermord und von der Rettung Jesu wurde und wird vermutlich nur erzählt, weil im Alten Testament Mose, der jüdische Religionsstifter, als Kind wundersam gerettet wird und weil Jesus zum christlichen Religionsstifter und zum zweiten Mose stilisiert werden sollte.

Damit stoßen wir auf die Quelle, aus der viele Berichte in den Evangelien stammen, die deshalb nicht historisch sein können. "Nach Ansicht der Christen", schildert der amerikanische Exeget E. P. Sanders in seinem 1996 auf deutsch erschienenen Jesus-Buch das Verfahren der Urchristen, Elemente aus dem Alten Testament herauszulösen, "hatten die jüdischen Propheten von Jesus geredet, der gekommen war, die prophetischen Verheißungen zu erfüllen. Die Christen konnten deshalb die Propheten lesen und dort Dinge finden, die Jesus getan haben mußte."

"Ein Possenspiel" nannte Friedrich Nietzsche diesen Versuch, "das Alte Testament den Juden unter dem Leibe wegzuziehen mit der Behauptung, es enthalte nichts als christliche Lehren". Und Nietzsche fragte: "Hat dies jemals jemand geglaubt, der es behauptete?"

Die Schriftauslegung ging "natürlich nicht ohne Gewaltsamkeiten gegenüber dem Text vor sich", schreibt der Mainzer Neutestamentler Ludger Schenke: "Man war überzeugt, daß der Text vom ,Christus' sprach, auch wenn der Wortsinn dem nicht entsprach."

Anders klingt es, wenn der Exeget auf dem Stuhl Petri sich hierzu äußert. Das Alte Testament hat dann seinen Wert nur oder fast nur als eine Art Christus-Prolog. Johannes Paul II.: "Der Heilsplan des Alten Testaments ist im wesentlichen darauf ausgerichtet, das Kommen Christi, des Erlösers des Heils, und seines messianischen Reiches vorzubereiten und anzukündigen."

Wie will man sich mit den Juden verständigen, wenn man ihre hebräische Bibel, die nur von den Christen "Altes Testament" genannt wird, derart zweckentfremdet und vereinnahmt?

Das Alte Testament ist die wichtigste, aber nicht die einzige Quelle für die Geburtsgeschichte. Die Vorstellung, Jesus sei als Gottes Sohn durch wunderbare Zeugung zur Welt gekommen, ist für Juden absurd. "Sie stammt aus dem Polytheismus und ist im Alten Orient und im Hellenismus weit verbreitet", so der "Grundriß der Theologie des Neuen Testaments" von Hans Conzelmann und Andreas Lindemann. Da gab es beispielsweise den Glauben, daß die ägyptischen Pharaonen, der makedonische König Alexander der Große, der römische Kaiser Augustus und die griechischen Philosophen Pythagoras und Plato von Gott gezeugt seien.

Mangels jedweden Hinweises in den Evangelien wird auch über andere Dinge gerätselt:

Sechs Kilometer von Nazaret, in Sephoris, gab es zum Beispiel ein griechisches Theater. Hat Jesus es je besucht? Sprach er also neben Aramäisch, seiner Muttersprache, auch Griechisch und/oder Hebräisch, wie damals die gebildeten Juden in Palästina?

Und wie sah Jesus überhaupt aus? Kein Wort steht darüber im Neuen Testament. Die ersten Kirchenväter bezogen eine Passage über einen leidenden Gottesknecht im Alten Testament auf ihn und übernahmen auch die Beschreibung, daß "seine Gestalt häßlicher war als die anderer Leute". Aber lange mochte man dabei nicht bleiben. Schon vom dritten Jahrhundert an war Christus nur noch schön.

Eine andere Frage: War Jesus verheiratet? Seine Ehefrau könnte, wenn wir uns an die Bibel halten, nur Maria Magdalena gewesen sein. Auf keine andere Spur setzen uns die Evangelien, wenn überhaupt auf eine. Darüber ist sehr viel geschrieben und spekuliert worden; es gibt alle Varianten der Zuordnung, vom Groupie im Musical "Jesus Christ Superstar" bis zur verlassenen Ehefrau. Maria Magdalena scheint eine treue Gefolgsfrau gewesen zu sein, ob sie mehr war oder sein wollte, wissen wir nicht. Wir hätten auch nichts davon, selbst wenn wir es wüßten.

Wie lebte Jesus? "Ohne festen Wohnsitz, ohne geregelten Broterwerb und ohne familiäre Bindung", schreibt der Kieler Exeget Becker. Mit seinen Jüngern bildete

* Fresko in Padua von Giotto di Bondone (um 1266 bis 1337). 

er "eine Gruppe mit sozial abweichendem Verhalten", meint der Heidelberger Gerd Theißen. Christoph Burchard, ein anderer Neutestamentler, nimmt an, daß sich die Gruppe "durch Einladungen und Spenden unterhalten" habe; "daß sie gebettelt haben, ist nicht überliefert". Folgt man dem Evangelisten Lukas, ließ Jesus sich von vermögenden Frauen aushalten: "... und viele andere dienten ihm mit ihrer Habe".

Zum kargen Leben des "Herrn" will nicht so recht passen, daß Jesus angeblich als "Fresser und Weinsäufer" galt; seine Gegner sollen ihn so beschimpft haben. Heute ist das ein Lieblingszitat der Theologen, weil sie ihn damit volksnäher ­ nicht als Exorzisten und Wundertäter ­ präsentieren können.

Kann entwirrt werden, was die Anhänger des gestorbenen und nach ihrer Ansicht auferweckten oder auferstandenen Jesus sich zurechtgeglaubt haben, entwirrt werden von dem, was er war und von sich selber hielt? Genau das scheint unmöglich.

Wenn dieser Jesus nicht nur ein Mixtum compositum vieler Wünsche und Sehnsüchte seiner Zeit oder ein mehr zufällig Hingerichteter, wenn er also eine historische Figur war, dann müßte er ein ungestümer, von wilden Gedanken ergriffener Mensch gewesen sein. Einer, der sich über die ihm gesetzten Lebensregeln ärgerte; ein Provokateur, der sich einbildete, an ihm und an niemandem sonst entscheide sich die Herabkunft des Gottesreiches. Er müßte ein Mensch gewesen sein, der den Himmel auf die Erde ziehen wollte, der sich als Werkzeug eines höheren Willens verstand.

Dieser Jesus, über dessen Alter wir ja im Ernst nichts wissen, konnte nicht alt werden, soviel läßt sich nachfühlen.

Vorstellbar ist wohl, daß ein solcher Mann aus Nazaret wider die Reichen wetterte und sie zugleich bemitleidete, weil sie den anderen ins künftige Paradies nicht folgen konnten ­ sie hatten zuviel an den Füßen. Der Dichter Heinrich Heine nannte Jesus wegen dessen Einstellung zu den Reichen einen "göttlichen Kommunisten".

Die Liste, was Jesus vielleicht oder wahrscheinlich getan hat, ist kurz; die Liste, was er sicher nicht oder ziemlich sicher nicht getan hat, ist lang:

Er hat nicht getauft und kein Abendmahl gestiftet, er hat weder seinen Tod noch seine Auferstehung vorausgesagt. Weder hat er selbst Sünden vergeben, noch hat er eine Vollmacht erteilt, dies zu tun. Paulus jedenfalls weiß von dieser mächtigsten Waffe der jungen christlichen Kirche noch nichts.

Und Jesus hat seinen Jüngern auch nicht das Kommen und den Beistand des Heiligen Geistes versprochen. Er wußte von ihm nichts und auch nicht, daß er selbst und dieser Geist zu Bestandteilen einer Dreiergottheit erklärt würden.

Jubel und Trubel des "Heiligen Jahres" gelten also dem Christus des Glaubens ­ einem in den vier Evangelien dargestellten Unikum, das es so nicht gab: halb Mensch, halb Gott.

Mit diesem Jesus Christus des Glaubens hat der Mensch Jesus nur den Namen gemeinsam, über ihn weiß man so gut wie nichts. Trotzdem behauptet der katholische Neutestamentler und Jesus-Buch-Autor Joachim Gnilka (München), das Vertrauen der Forschung in die Zuverlässigkeit der Jesus-Überlieferungen sei gewachsen, und wie Gnilka denken auch andere Exegeten. Das muß Wunschdenken sein. Selbst wenn es keine 2000-Jahr-Feiern gäbe, lohnte allein diese Behauptung, geprüft zu werden, denn sie stimmt nicht, wie immer man sie dreht und wendet.

Doch wieviel oder wie wenig man über den historischen Jesus weiß ­ der evangelische Theologe Heinz Zahrnt jedenfalls

* Oben: Gemälde von José de Ribera, Museo del Prado, Madrid (um 1635); unten: Römisches Mosaik (2. Jh. vor Christus); Statue aus dem Aton-Tempel in Karnak.

braucht ihn nicht, um Christ zu sein. Das bliebe er auch, wenn man "den Nachweis brächte, daß Jesus von Nazaret nicht gelebt hätte". Und auch Paul Tillich, der wie Rudolf Bultmann, Karl Barth und Karl Rahner zu den großen Theologen dieses Jahrhunderts gezählt wird, scheint an Jesus nicht zu hängen: "Wenn er es nicht war, dann war es eben ein anderer."

Sogar zum "Verzicht auf Jesus" fordert der Berliner Theologe Walter Schmithals auf und steigert sich zu dem Satz: "Mag die Frage nach dem historischen Jesus auch hi-

storisch möglich und erlaubt sein, so ist sie theologisch doch verboten."

Wieso verboten? Das soll wohl heißen: Was immer über den Jesus erforscht wird, es ist für den Christus ohne Bedeutung.

Einen erstaunlichen Satz veröffentlichte auch Andreas Lindemann, Professor an der Kirchlichen Hochschule in Bethel: "Ob sich die Verkündigung und Theologie des Neuen Testaments in ,Anknüpfung' oder im ,Widerspruch' zu Jesus entwickelte, ist zwar historisch interessant, aber theologisch letztlich ohne Bedeutung." Grenzt das nicht an Schizophrenie, wenn der Historiker Lindemann, der er als kritischer Exeget ist, Widersprüche zwischen Jesus und Christus feststellt, der Theologe Lindemann sie aber für belanglos erklärt?

Was die Titel Jesu angeht, die in den Evangelien erwähnt werden, so gibt es nur einen einzigen, den nach Meinung der meisten Exegeten Jesus tatsächlich gebraucht haben soll: den mehrdeutigen Titel "Menschensohn". Im übrigen aber gilt als Ausweis moderner Gesinnung, mit traumwandlerischer Sicherheit zu behaupten, Jesus habe sich weder für den Messias ­ also den "Christus" ­ gehalten noch für den Sohn Gottes, noch für einen Nachkommen des Königs David. Daß Jesus keinen dieser ihm später beigelegten Hoheitstitel selbst gebraucht hat, "ist ziemlich übereinstimmende Meinung der protestantischen und katholischen Bibeltheologen". So steht es im Jesus-Buch des katholischen Exegeten Herbert Leroy (Augsburg).

Doch woher rührt diese divinatorische Gewißheit? Wir wissen doch gar nicht, für was Jesus sich gehalten hat, wir können und werden es auch nicht wissen.

Der "Weltkatechismus" macht es sich wie immer leicht und verlangt kategorisch: "Um Christ zu sein, muß man glauben, daß Jesus Christus der Sohn Gottes ist."

Bischof Kasper löst den Widerspruch mit dem denkwürdigen Doppelsatz auf: "Nach den synoptischen Evangelien bezeichnet sich Jesus selbst nie als Sohn Gottes. Damit ist die Gottessohnaussage eindeutig als Glaubensbekenntnis der Kirche ausgewiesen."

Also: Was Jesus nicht gesagt hat, sagt die Kirche. Es ist mithin gleichgültig, was Jesus gesagt und was er nicht gesagt hat.

Kasper hat noch eine andere Sorge: "Hätte die Deutung des Todes Jesu als sühnende Hingabe an Gott und für die Menschen keinerlei Anhalt im Leben und Sterben Jesu selbst, dann rückte das Zentrum des christlichen Lebens in gefährliche Nähe von Mythologie und Ideologie."

Für eine wachsende Zahl von Exegeten steht fest, daß der Jude Jesus nicht im Traum und nicht am Kreuz daran gedacht hat und nicht daran gedacht haben kann, für die Menschheit zu sterben, mit seinem Tod alle zu erlösen, die an ihn glauben.

Es würde zu weit führen, näher darauf einzugehen, welchen Sinn Jesus in seinem

* Gemälde, Lucas Cranach dem Älteren zugeschrieben (um 1546).

Tod gesehen haben mag, denn wie man es dreht und wendet, jeder Gedanke darüber zerbröselt: warum Jesus nach Jerusalem ging, was er dort wollte, wie er dort auftrat, was ihm vor und bei der Kreuzigung widerfuhr ­ wir wissen es nicht.

"Von keiner jüdischen Gruppe und von keiner römischen Behörde gibt es dazu ein Sterbenswörtchen", bestätigt Exeget Becker. Es gibt nur die Berichte in den Evangelien, und deren Überlieferung sei

zwar ausführlich, aber literarisch stilisiert und theologisch überformt, so der Neutestamentler Burchard.

Fast alles, was an Konkretem in den Passionsberichten der Evangelisten vorliegt, scheint aus den Weissagungen und Psalmen des Alten Testaments herausgesponnen zu sein. Ob Jesus beigesetzt, also bestattet, oder ob er verscharrt wurde mit anderen zusammen, oder ob die Römer die Juden daran hinderten, ihn vom Kreuz zu nehmen und ihn "den wilden Tieren als Nahrung ließen", wie der schriftstellernde Bischof Eusebius (circa 260 bis 339) das schreckliche Ende von Hingerichteten beschrieb ­ auch das weiß man nicht. Gleiches gilt für nahezu jedes Detail der Passionsgeschichte in den Evangelien.

Seit 2000 Jahren müssen es die Theologen für einen Irrtum erklären, daß Jesus als "König der Juden" angeklagt und hingerichtet wurde. Ob es einen Prozeß oder nur ein Verhör vor einer jüdischen Instanz oder weder das eine noch das andere gegeben hat ­ mit Recht ist dies alles strittig, weil es nicht zu klären ist.

"Mag er beiläufig hingerichtet worden sein; das ist das Wahrscheinlichste", meinte 1965 der Marburger Neutestamentler Ernst Fuchs. Kein anderer Exeget hat Fuchs seither beigepflichtet; auch die kritischsten halten daran fest, daß Pilatus gegen Jesus tätig wurde und seinen Tod beschloß, wenn auch vielleicht nicht in einem regulären Prozeß, und sicher anders, als es in den Evangelien steht. Jesus vor seinem Richter Pilatus ­ eine der großen Szenen der Weltliteratur im Johannes-Evangelium, aber eben nicht der Weltgeschichte.

Doch das eine ­ eine beiläufige Hinrichtung ­ und das andere ­ Pilatus entschied Jesu Tod am Kreuz ­ schließen sich nicht aus. Der Delinquent Jesus braucht dem Statthalter gar nicht vorgeführt worden zu sein; Jesus braucht nicht einmal Delinquent gewesen zu sein.

Es ist gut möglich, daß Pilatus, der als römischer Prokurator die üblichen Unruhen fürchtete, ein Exempel statuiert hat, indem er vor den Toren der Stadt einige Juden zur Abschreckung kreuzigen ließ, nachdem Jerusalem sich mit Passah-Pilgern zu füllen begann. Juden am Kreuz könnten als Vorsorge effektiver gewesen sein als Soldaten in der Stadt.

Doch wenn Pilatus einige jüdische Männer ans Kreuz hängen ließ, dann war es für ihn und seinen Zweck ziemlich belanglos, ob seine Soldaten wahllos oder gezielt zugriffen.

Was bleibt nun nach 2000 Jahren von der Botschaft des Jesus oder des Christus?

Das "Reich Gottes" steht nach einhelliger Meinung der Theologen im Zentrum. Bischof Kasper spricht vom "Grundmotiv". Um so erstaunlicher ist es, daß nur in den drei älteren Evangelien von diesem "Reich Gottes", der "Königsherrschaft", dem "Himmelreich" häufig die Rede ist, vorher bei Paulus kaum, später im letzten, dem Johannes-Evangelium, nur ein einziges Mal.

Die Evangelien könnte man gleich wegwerfen, wenn man nicht für möglich hielte, daß Jesus das Hereinbrechen des Gottesreiches verkündet hat. Aber schon wer liest, was in den synoptischen Evangelien über das "Reich Gottes" steht, wird verwirrt angesichts der diffusen und widersprüchlichen Sätze. Noch schlimmer wird es, wenn Jesus-Buch-Autoren uns darüber aufklären wollen, was jeweils gemeint ist.

Der Papst, als Exeget einsame Spitze, spricht vom "Reich Gottes" so, wie es ihm gerade paßt. Mal ist es "vor allem eine Person" ­ natürlich Jesus Christus ­, mal wächst es "Tag für Tag in den Herzen der Glaubenden".

Jesus wollte das "Reich Gottes", gekommen ist die Kirche; mit diesem oft zitierten Wort beschrieb der französische Freigeist Alfred Loisy (1857 bis 1940) einen unauflöslichen Widerspruch.

Woher bezieht die Kirche ihre Autorität, wenn Jesus sie nicht gründen wollte, ja, ihm allein der Gedanke an eine Kirche fremd sein mußte? Wider alle Logik, überdies gegen den Sinn und den Wortlaut aller einschlägigen Stellen in den Evangelien brachte das Zweite Vatikanische Konzil im Jahre 1964 zusammen, was sich ausschließt: "Der Herr Jesus machte den Anfang seiner Kirche, indem er die Frohe Botschaft verkündete, nämlich die Ankunft des Reiches Gottes."

Ein großes Stück Literatur ist sicherlich die Bergpredigt im Matthäus-Evangelium. Aber fast alle Exegeten sind sich darüber einig, daß Jesus sie nie gehalten hat. Sie ist "eine vom Evangelisten Matthäus gestaltete Komposition", so der Berner Neutestamentler Ulrich Luz in seinem Matthäus-Kommentar, dem mit Abstand besten, den es derzeit gibt. Bei Lukas findet man eine "Feldrede", sie ist kürzer, und einiges liest sich anders.

Einige Passagen stimmen in der "Bergpredigt" und in der "Feldrede" in etwa überein. Aber während die meisten Exegeten meinen, hier "echte Jesusworte" entdecken zu können, muß auch bei diesen Texten bezweifelt werden, daß sie wirklich von Jesus stammen ­ schon weil Markus, der das älteste Evangelium schrieb, und Paulus, dessen Briefe älter sind als alle Evangelien, nichts von der Bergpredigt, der Feldrede und all ihren Teilen wußten.

Neben vielen Sprüchen, die gern zitiert werden, obwohl viele ihren Ursprung nicht kennen ­ beispielsweise, daß man nicht zwei Herren und auch nicht Gott und dem Mammon dienen kann, oder daß man Perlen nicht vor die Säue werfen soll ­, steht auch mancher Unsinn in der Bergpredigt, wie der Rat, was zu tun sei, wenn einen die rechte Hand ärgert: "Hau sie ab, und wirf sie von dir."

Doch selbst wenn die Texte überwiegend Original-Ton Jesu wären, so wären sie größtenteils nicht originär. Am deutlichsten bezieht der Saarbrücker Theologe Karl-Heinz Ohlig Stellung: "Kein Thema der Predigt Jesu ist schlechthin singulär: Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Sünderliebe Gottes, all diese Motive finden sich schon im Alten Testament und der Sache nach zum Teil auch in außerchristlichen Religionen." Und: "Was es an Humanem bei Jesus und im Christentum gibt, findet sich auch sonstwo in der Welt."

Die Bergpredigt ist von der Kirche stets mißbraucht worden. Denn wer immer deren Autoren sind, ob Jesus und/oder Matthäus und/oder andere Urchristen, sie ist kein "Normenkatalog". Sie würde "mißverstanden, wäre sie damals oder würde sie heute in direkter Weise verwendet, um Jesu Normenverständnis für alle möglichen einzelnen Handlungsfelder daran abzulesen", so Theologe Becker.

Eben deshalb ist die Bergpredigt nicht, wie es im "Weltkatechismus" steht, "die Magna Charta der Moral des Evangeliums", und eben deshalb ist Jesus nicht, wie Johannes Paul II. erklärt, "der Lehrer für das moralische Handeln der ganzen Menschheit".

Die Kirche hat kein Recht, unter Berufung auf Jesus Christus zu behaupten, ihr komme es zu, wie sie es in ihr Gesetzbuch, den Codex iuris canonici (Buch III, Canon 747, Paragraph 2), schrieb: "immer und überall die sittlichen Grundsätze auch über die soziale Ordnung zu verkündigen wie auch über menschliche Dinge jedweder Art zu urteilen".

Seit den Tagen des Jesus und des Paulus ist die Welt nicht vorangekommen; die Menschen haben durch die 2000jährige Wirkungsgeschichte der Christus-Legende, vor allem aber durch das segensreiche Wirken der Kirche, keine höhere Ethik oder Moral erlangt.

Die simple Ethik der alten Griechen oder einzelner Denker wie etwa des Gelehrten aus Jerusalem Rabbi Hillel (circa 30 vor bis 10 nach Christus) könnte für einen Wertekanon ausreichen ­ wollte man sich an einem solchen heute noch orientieren. Es bedürfte keiner "Christlichen Ethik", wie immer sie zustande gekommen sein mag ­ zumal sie, wie man sieht, ursprünglich nicht so neu und anders war, wie man vorzugaukeln versucht.

Daß allenthalben Ersatz für verlorengegangene Religion wie mit der Wünschelrute gesucht wird und daß der Religionsbegriff ungeahnte Ausweitung erfährt, weil jeder auf Sinnsuche ist ­ auch wenn er gar nicht weiß, nach welchem Sinn er suchen soll, kann jeder miterleben.

Da die Religion das Bedürfnis nach äußerlichem Pomp, den der Papst ja noch vorlebt, selten erfüllt, machen die Menschen aus der Jagd nach platten Erfolgen eine Religion.

Für Außenstehende ist schwer auszumachen, ob in der Zuwendung zu fernöstlichen, namentlich buddhistischen Vorstellungen mehr steckt als ein modischer Trend. Und wenn die Kirchen vor jenen "Sekten" warnen, die den nahen Weltuntergang ankündigen und von den apokalyptischen Ängsten leben, die sie selbst schüren, dann sollten sie sich daran erinnern, daß ihre eigene Geschichte vor 2000 Jahren mit einem Irrtum und der düsteren Prophezeiung begann, mit der Welt sei es alsbald zu Ende.

Dahin könnte es ja sehr wohl kommen, aber die Kirchen hätten dann als Initiatoren nach Kräften mitgewirkt.

© DER SPIEGEL 21/1999 Vervielfältigung nur mit Genehmigung des SPIEGEL-Verlags

Gegendarstellung:
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Die Gegendarstellung ist nicht wissenschaftlich, sie steht über den Wissenschaften und impliziert eine entsprechende Wissenschaftstheorie und Kritik, die ich nur andeuten kann, und der Aufsatz kann deswegen auch nicht entsprechend folgerichtig gegliedert sein.

Vorausgesetzt bzw. durchgehend gefordert wird von mir die Reflexion darauf, daß sich unsere menschliche Sozialstruktur und auch Religion wie Religionskritik weitgehend durch Sprache und ähnliche Konventionen vermittelt und sich in ihr widerspiegelt, wie sich zugleich entgegengesetzt aus Sprachbildern, aus rhetorischen Positionen und Argumenten eines alten Kontextes dann in einer zeitlich und kontextuell neuen Situation nicht nur Bedeutungsschwierigkeiten, sondern auch wieder neue Vorstellungen und entsprechende Antworten ergaben und ergeben.
Dieses findet innerhalb einer Entwicklung statt, die die Menschheit in den vergangenen 5000 Jahren einmal durch das engere Zusammenwachsen verschiedener Kulturen und die damit verbundene veränderte gemeinsame Weltsicht zu bewältigen und zu lernen hatte, zum andern waren und sind es aber auch diese meist religiösen ethischen Forderungen selbst, die diese Entwicklung mitbestimmten, wobei beide zu den heutigen Kriterien führten und diese jedoch auch weiterhin tragen, mit denen wir nicht nur die vorchristliche Zeit der Barbarei und Barbarei überhaupt beurteilen, sondern nun auch jene überlieferten ethischen Grundmauern selbst, - die man natürlich nicht als Ursache früherer Barbarei sehen darf, wozu Augstein neigt, sondern als Gebot oder Mittel, solche zu überwinden. Auch aus ganz irdischer, nichtreligiöser  Sicht darf man Jesus - und in seiner Nachfolge auch die Kirchen - als jemand oder etwas verstehen, der oder das sich gegen menschliches Elend und die Verfangenheit selbstgemachter Unmenschlichkeit selbst durch menschliche und in ihrem Wesen bis heute noch unverstandene Dogmatik auch solcher ethischen Gebote wendet.

Die drei zuerst umschriebenen Schwierigkeiten sprachlicher Mitteilung führen zusammen zu einem problematischen Sprachverhalten.
 
 

 

Der Anfang umschreibt die mögliche Ratlosigkeit angesichts moderner Argumente für die christliche wie für jede Glaubenslehre.

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"Religion, Sprache und Kultur ist soweit gültig, wie ihre jeweils zugehörigen Menschen gültig sind."

Allgemein bekannte Religionsmerkmale .

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Die verborgene und unvermeidliche Doppeldeutigkeit und mögliche Widersprüchlichkeit jeder Aussage in einer menschlichen Sprache

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Begriffe als Hypostasen und Mythen

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Stand gegenwärtiger Theologie, eine Bestätigung von mir an die einfach Glaubenden. Die Einfachheit christlichen Glaubens.

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Die Struktur der Allgemeinheit im Begriffsinhalt

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Ein falsches Bild unserer Natur, daß sich aus voriger Problematik bildet, das fälschlich als unserer Sozialstruktur zugrunde liegend angenommen wird.

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Eine Gegendarstellung Ihrer Jesusbeschreibung, Herr Augstein.
©Friedhelm Schulz
 
 

Die folgenden Gedanken von mir mit dem Untertitel „Die Verunsicherung im christlichen Glauben" gehören auch zu meinem Beitrag zur Frage, ob man das christliche Glaubensbekenntnis verändern soll ( sehen Sie vielleicht meinen Brief an Pfarrer Metz im Internet oder unter http://home.t-online.de/home/friedhelm-Schulz.Mail-Art/versuch.htm ), und ich möchte dazu Ihre Arbeit im „Spiegel" zitieren, da die dort recht kompakt formulierten Gedanken - nicht Ihr Artikel - in der Tat, auch eine der Ursachen sind für die recht verbreitete Verunsicherung im Glauben. Und ich empfand Ihren Artikel mit Dankbarkeit wie einen Schubs vom lieben Gott, nun endlich mit diesem schwierigen Thema weiterzumachen. Und ich will mein Bestes versuchen.
Ihre Kritik an unserem Glauben ist zudem maßvoll, und Sie hätten sicher viel härter draufschlagen können, denn an Ungereimtheiten gibt es ja noch sehr viel mehr, wie Sie wissen. Ihre Zurückhaltung vereinfacht meine Antwort aber keinesfalls, weil ich jetzt die härteren Einwände, wie sie allgemein bestehen, nicht mehr Ihnen oder einem anderen in die Schuhe schieben und dann einfach widersprechen kann, sondern auch noch selbst präsentieren muß:
„Wurde Jesus durch übertriebene Verherrlichung durch Jünger und Evangelisten zu einem finsteren Aberglauben für 2 Jahrtausende, wie es der Islam behauptet, den gerade die Verunsicherten durch die Verneinung des christlichen Glaubens nun abstreifen? Sind Gott und der auferstandene Jesus, wenn es beide nun gibt, damit nicht Hochstapler, die dies durch die Inspirierung der Evangelienschreiber sogar förderten oder zumindest duldeten und die Übertreibungen, Unrichtigkeiten oder Schwindeleien, von denen Sie sprechen, nicht korrigierten? Und ist es nicht mehr noch als kindische Hochstaplerei, ist es nicht die Demonstration des puren Wahnsinns eines Molochs oder Despoten, wie unser Gott in der Bibel dargestellt wird, wenn ein Vater seinen unschuldigen Sohn von der eigenen mißratenen Schöpfung foltern und abtöten läßt, um sich besänftigen zu lassen und der dann auch nur gegenüber diejenigen Gnade walten läßt, die diesen Wahnsinn anbeten und gutheißen und auch die gnadenlose Vernichtung aller anderen gutheißen?"
Derart wird man dann ja wohl weiterfragen müssen. Ich muß dem nun wohl ebenso nüchtern widersprechen, Herr Augstein, wobei ich dabei den einfach glaubenden Christen nicht auch selbst noch weiter verunsichern möchte.
Aber wenn Sie selbst obiges auch nicht wörtlich derart kraß behauptet haben, so geraten Sie nun bei der Gegendarstellung dennoch mit ins Zwielicht, was ebenfalls nicht gegen Sie persönlich und bös gemeint ist, da Sie bezüglich der Fakten in den meisten Fällen schließlich Theologen zitieren. Ihre expliziten und impliziten Schlußfolgerungen sind aber Weltanschauung und Ihre eigene Entscheidung.
Einig sind sich Theologen und Wissenschaftler heute jedenfalls darin, daß wir mit den biblischen Überlieferungen „faktisch" nur den gepredigten Jesus vor uns haben, in denen also nicht Jesus selbst sich darstellt, sondern in denen die Autoren Jesus ihre eigene Predigt und ihr eigenes Verständnis quasi illustrieren lassen. Wenn ich mich bei solcher Predigt von Gott selbst verstanden, gerufen oder angesprochen fühle, kann man natürlich von dem Ergebnis einer rhetorischen Leistung sprechen. Die eigene mystische Erfahrung mit Gott und dem auferstandenen Jesus aber ist etwas Eigenes und Anderes, als die verbale Information, auch wenn dann solches Erlebnis quasi vorher durch Vorstellung und Sprache der Predigt begrifflich vorgeformt wurde. Wer dieses mystische Erlebnis nun nicht hat, findet dort zumindest die transzendente Dimension der eigenen ganz selbstverständlichen Befindlichkeit angesprochen und im biblischen Kontext formuliert und fühlt sich in einer entsprechenden Gemeinschaft aufgenommen und akzeptiert, - oder eben nicht. Daß bei Ersterem die bestehenden Widersprüche und Anachronismen in der christlichen Lehre Jahrhunderte lang und bis heute meistens nicht zum Problem und Hindernis wurden, liegt zum Teil sicher daran, daß die sonntägliche biblische Predigt eines gläubigen Predigers den eigentlichen Inhalt der Botschaft glaubhaft aktualisieren konnte, zum anderen sicher, weil hierbei quasi der aktuelle oder aktualisierte Inhalt den Blick auf die alte und uralte Form verstellt, was dann heißen müßte, daß jene Widersprüche und Schwierigkeiten, von denen wir sprechen, nur zeitgebundene Formalien uralter Zeit von heute nur sekundärer Wichtigkeit sind oder mit der Zeit dazu wurden und damit zu einer Art Geheimsprache, die Sie nicht mehr verstehen, und die nur noch Eingeweihte oder ganz unkritisch-gedankenlose Menschen verstehen, ohne dabei verwirrt und verunsichert zu werden. Sicher ist wohl, daß sich für geistliche Angelegenheiten einer separaten geistlichen Wirklichkeit des Menschen eine eigene geistliche Zuständigkeit, Logik und Sprache entwickelt oder erhalten hat, wie es besonders im Englischen deutlich erkennbar ist, wobei es naiv und respektlos wäre, das Geistliche mit der Elle der profanen Realität zu messen, d.h. Gott mit unserem profanen Verstand. Das Christentum wurde wie auch der Islam schon als Fremdsprache einer quasi eigenen Welt eingeführt, die nicht nur institutionell gesellschaftlich sondern auch im einzelnen Menschen neben der profanen Realität eine geistliche, heilige und unsterbliche Existenz hütet, behauptet, anstrebt oder in Koexistenz duldet. In jedem Land, in jeder Stadt, in jedem Dorf gehört neben dem Königspalast, Parlament oder Rathaus eben auch der Tempel oder die Kirche, wie jeder Mensch neben seinem Körper eine Seele besitzt.
Die Deutschen und wohl auch die Iraner und einige nordindische Regionen tun sich immer noch schwer, solche zivilisierte Koexistenz einfach zu akzeptieren und zu praktizieren, wie es als Trennung und friedliches Miteinander von Staat und Religion wohl Weltstandart zu werden scheint. Daß diese Koexistenz, die zu erreichen viel Kampf und Blut gekostet hat, im Augenblick noch ein anzustrebender Idealzustand von Zivilisation zu sein scheint, besagt natürlich nichts über und rechtfertigt auch nicht die vielen Merkwürdigkeiten und Widersprüche innerhalb der christlichen Religion und wohl auch aller anderen Religionen.

Was ein Mensch heute tatsächlich glaubt.
Wenn ein Außenstehender, vielleicht ein Außerirdischer, mit heutiger Gedanklichkeit und Sprache die heutigen Gottvorstellungen kennenlernen möchte, die überall neben den politischen Strukturen bestehen, würde er sich über die vielen unterschiedlichen und merkwürdigen Angebote wundern, wie sie innerhalb der gleichen Religion und erst recht als Unterschied von einer Religion zur anderen bestehen. Wollte er im Abendland den wahren Gott und wahren Jesus oder das wahre Geschehen Jesu suchen, müßte er sich entweder einen Christen suchen und sich berichten lassen und mehr oder weniger gefühlsmäßig und intuitiv von den meist ungenauen jeweils individuellen oder dort gebräuchlichen Begriffen auf die Bedeutung schließen, und er wird darüber als ein von der gepredigten Botschaft, von der Bibel und jeder Information ganz eigenständiges Ereignis den wahren Gott und den auferstandenen Jesus erleben als etwas Großartiges, das mit unserer Sprache und unserem Verstand nicht zu fassen ist, was Gott jedem gelingen läßt, der ihn sucht, oder er liest bzw. holt sich solche Vermittlung, indem er das neue Testament liest. Die Evangelien und Briefe sind ganz sicher Aussagen von Christen, die man so lesen kann, als unterhielte man sich mit einem lebenden Christen. Die Erfahrung der Gegenwart und Zuwendung Gottes oder des Auferstandenen bedarf bei uns keiner Methode oder Technik und erfordert weder besonderen Verstand noch besondere Bildung und ist sicher das größte Erlebnis, das ein Mensch in seinem Leben haben kann.
Die allererste Erkenntnis nach einem solchen Erlebnis, die wir übereinstimmend wohl in allen Religionen antreffen, ist in vielerlei Art formuliert worden, so als sei das Verhältnis zu Gott wie ein klarer See, in dem ich ohne Hindernis bis auf den Grund der Wahrheit sehen kann, wobei aber jede gedankliche oder sprachliche Tätigkeit - ja selbst meine Existenz selbst - die Oberfläche trübt und in einen Spiegel verwandelt, in dem ich dann nur noch mich selbst und meine soziale Umgebung sehe. Der Verstand und mein Ich selbst wird als das Hindernis zur wahren Erkenntnis empfunden und auch als das Hauptproblem zu diesem Gott zu gelangen. An solchen oder ähnlichen Grunderkenntnissen ist sicher richtig, daß sie gemacht werden, daß hier der Verstand oder die Erkenntnis sich selbst verneint und damit aber auch zugleich auch die Verneinung verneint. Real daran ist auch, daß mit der ersten mystischen Erfahrung wohl eine Art Realitäts- oder Kontextverlust und Geistesverwirrung verbunden sein kann. Vielleicht sollte man das Erlebnis vergleichen mit der Situation Robinsons, wenn dieser eines Tages erführe, daß noch jemand auf der Insel lebt. Sympathisch und vielleicht wichtig an der Verwirrung ist zumindest die Selbstaufforderung, sich und den eigenen Verstand kritisch zu sehen, denn ein zweiter Schritt von Erkenntnis ist dann oft in der Tat das extreme Gegenteil von Bescheidenheit, nämlich das Gefühl und oft auch der Anspruch von Allwissenheit aufgrund der Erfahrung von Allgemeingültigkeit und eigener Kompetenz. „Wenn Gott für mich ist, wer ist wider mich!"
Eine statistische Erfassung des Religiösen verbietet sich wahrscheinlich aus Respekt vor dem Heiligen im Menschen. In der Literatur dürfte meine Schilderung kaum derart vereinfacht zu finden sein, im Ansatz aber wohl überall. Eine Normalisierung mit einer gewissen auch ethischen Neuorientierung ergibt sich durch das Zusammenleben mit anderen, die meist bereits von Kind an mit, gegen oder ohne den christlichen oder einen anderen Glauben - aber wohl selten ohne das Wissen darum - erzogen wurden, und die alle in sich eine eigene Erfahrungskompetenz und Allgemeingültigkeit mittragen, was wir heute vielleicht allgemeines Menschenrecht nennen, die voneinander wissen und dabei als friedliche Koexistenz in sich, mit den anderen Christen oder anderen Religionen und mit dem jeweiligen Staat das ganz normales Leben führen und sind.

Für uns Christen ist und war Jesus ganz sicher der Weg aus einem Dunkel heraus, in dem man die Eigenschaften eines Molochs noch für ein Zeichen der Großartigkeit, für herrlich und göttlich gehalten hat, und nicht ins Dunkel hinein. Wir denken und meinen und verstehen heute solche Darstellung in der Bibel oft als das Gegenteil von dem, was wortwörtlich eigentlich ausgedrückt wird. Wie immer auch solche alte Vorstellung von Herrlichkeit entstanden war, mit der man dann auch Gott verherrlichte, so ist es für uns Christen sicher die eigene persönliche Erfahrung mit Gott, die zwar durch die biblische Lehre und Predigt bewirkt aber außerhalb von ihr selbst gemacht wurde, wodurch man heute die Herrlichkeit Gottes mit neuen und heutigen Vorstellungen beschreibt und meint, nämlich mit Attributen der Liebe, Zuwendung und der Selbaufopferung. Dieses Phänomen der Veränderung in der Bedeutung einer Schilderung ist sicher auch für einen Atheisten nachvollziehbar. Man wird das Weihnachtsfest mit dem Kind in der Krippe als den Anfang des Lebens Jesu real als ein Fest der eigenen Kinder, der eigenen Familie und Freunde und Gemeinde feiern, wenn auch oder gerade mit den alten Texten und Überlieferungen. Man wird solche Bedeutungsänderung zurecht wohl von allen großen Religionen behaupten können.
Wo bei solchem Vergleich, wie bei meiner Egalisierung solcher Veränderung in den verschiedenen Konfessionen und Religionen, was als Vergleich inzwischen gerade zu Weihnachten in den Medien regelrecht zur Mode geworden ist, in einem Christen oder in einem Nichtchristen, ein Gefühl von Unmut und Beleidigtsein aufkommt, als wolle ich die Religion der Anderen der unsrigen Religion gleichsetzen und daraus einen synkretistischen Brei kochen, der übersieht, daß ich hier keineswegs von der Gleichheit der Konfessionen und Religionen spreche, sondern von der Gleichheit der Menschen unterschiedlicher Religion.
Ein Buddhist oder Hindu wird heute sowenig glauben, daß Gott in der Gestalt eines Elefanten irgendwo durch die Lüfte fliegt oder im wörtlichen Sinne mit seinem Rüssel eine Frau geschwängert hat, wie der Christ wohl niemals von einem regelrechten Beischlaf Gottes mit Maria ausgeht, womit dann der ewige Weltenschöpfer, also er, der Gott selbst durch sich selbst gezeugt wurde, was dann als Uroboros mit umgekehrtem Vorzeichen als ein sich selbstzeugender Gott darzustellen wäre. Wie heute kaum jemand noch mit der alten in sich widersprüchlichen Bezeichnung „Sonnenaufgang" ein geozentrisches Weltbild verbindet. Hier wird jede Religion für sich zu einer eigenen Sprachregelung finden müssen und heute gewollt oder ungewollt in direkter oder indirekter Correlation mit anderen Religionen. Die Christenheit mit mehr als einer Milliarde Mitglieder könnte ihr Glaubensbekenntnis kaum „heimlich" verändern.
Man kann sagen, daß alle Religionen gerade durch solche Widersprüche auf Erkenntnis und - so will ich vorwegnehmend schon mal behaupten - damit auch auf Wohlverhalten angelegt sind. Der sich selbst verzehrende Uroboros wie auch ein sich selbst zeugender Gott sind ja als Bild, Bezeichnung, Symbol oder Metapher durchaus bereits auch Reflexionen auf solche Widersprüche oder Schwierigkeiten in unserem Denken und Erkennen. So empfinden und sehen wir die menschliche Haut durchaus sowohl als Trennung von wie zugleich auch als Verbindung zu etwas, deren Beseitigung sowohl die Trennung wie die Verbindung beseitigt, was sich in allen Religionen etwas anders darstellt aber jedenfalls in der Umschreibung dessen, was und wie hier getrennt und verbunden wird, niedergeschlagen hat. Beide obigen Bilder sind sowohl eine Umschreibung von Leben und Tod, von irdischem und ewigem Leben als Geschehen, aber auch von etwas, das wir als Tatsache, als Weltbild, Selbstverständnis und Befindlichkeit vergegenständlichen.
Entsprechende Reflexion und Veränderung fand statt in den Sprachen der Menschen aller Religionen.
Es war wohl erst der Engländer Bertrand Russell - und nicht schon Newton und seine Verehrer-, der am Anfang des vergangenen Jahrhunderts dieses merkwürdige Phänomen in der Entwicklung der vergangenen 4000 Jahre spürte, wenn er dieses als den Schritt von dem „Glauben an etwas" zu einem neuen „Glauben wie" definiert, wenn er behauptet, daß „Plato und Aristoteles, Thomas von Aquino und Occam mit Newton nichts anzufangen gewußt hätten.", (Anfang Kapitel 6 „Philosophie des Abendlandes") da die Alten noch am mythischen Weltbild des „finsteren Mittelalters" hafteten. Aber es blieb bei der undeutlichen Ahnung Russells. Wenn er das „Wie" gelegentlich sogar im christlichen Sinne von Selbstkritik, Wahrhaftigkeit und Buße andeutet, so bleibt er aber nicht nur undeutlich darin, wieweit er Wissenschaftsphilosophie als moralische Instanz und als Methodensuche der Wahrheitsfindung voneinander abhängig macht oder miteinander verbindet, wenn er von Wahrhaftigkeit als einer Voraussetzung jeder Wissenschaft spricht, sondern er macht zwei grundsätzliche Fehler, die sehr schwer zu einzusehen sind. Der schlimmste aller Teufel unter dem Himmel und in den tiefsten Feuern rieb sich die Hände, wie fein er diese Fehler, die auch Sie übernahmen, Herr Augstein, gerade in die Wahrheiten verstecken konnte, als habe die Schwierigkeit der Widersprüchlichkeiten im Mittelalter und in den Religionen nur in dem zu Erkennenden gelegen und in dem erkennenden Menschen nur insofern, als er dumm, unwissend, ungebildet, unwahrhaftig, verachtungswürdig und ungültig ist.
Wie schwer mein folgender Versuch ist, in meiner Gegendarstellung das Menschliche unseres Glaubens zu betonen, zeigt als sein erster Fehler die Tragödie Russells, als die er sofort und zwar am Ende des gleichen Buch noch als Wahrheitspostulat wiederum wie im Mittelalter die eine menschliche Erkenntnis, nämlich die der Mathematik und der Meßinstrumente, zum Meß- und Wahrheitskriterium für eine andere Erkenntnis macht und die Abweichung fast inquisitorisch als falsch, unwahrhaftig und verfälschte Logik brandmarkt, als habe Plato und Aristoteles und nach ihnen das ganze Mittelalter bis einschließlich die Reformatoren und Gegenreformatoren bis Erasmus und Kant in betrügerischer Absicht den Mythos erfunden und benutzt, um ihre falschen Theorien beweisen zu können. Er macht den Fehler, daß er mit dieser heutigen Elle die Vergangenheit mißt und mit den Resultaten auch die Gegenwart aufräumen will. Was heißt inquisitorisch: Ich glaube nicht, daß Stalin und Mao das erwähnte Buch von Russell gelesen haben und von ihm in ihrem Handeln bestimmt wurden. Bei Mao wäre es denkbar. Aber vielleicht wird ein späterer Geschichtsschreiber in der Art Russells die Veröffentlichung und den gleichzeitigen Machtantritten der beiden Revolutionsführer Stalin und Mao und ihr Verhalten in einen kausalen Zusammenhang bringen und aufzählen, daß im Namen der Aufklärung weit mehr Andersdenkende und gläubige Menschen getötet wurden als Hexen und Häretiker im ganzen Mittelalter im Namen der katholischen Lehre - ohne daß man die Greuel der Französischen Revolution und des Nazideutschlands hinzuzählt, die aber dazugehören.
Sicher ist nicht Russell verantwortlich sondern ein hausbackener Wissenschaftsglaube innerhalb der cartesianischen Aufklärung, der Russell noch fast ebenso verhaftet blieb wie Luther und Erasmus dem Mittelalter, die sicher wie Russell allesamt ein solches Morden verabscheuten.
Der zweite teuflische Fehler Russells ist mit dem ersteren eng verknüpft, aber etwas leichter einzusehen. Er liegt gerade in dem großen Verdienst Russells, weswegen er zurecht auch den Nobelpreis bekam, nämlich in leicht verständlicher Allgemeinsprache die philosophische und soziale Entwicklung des Abendlandes beschrieben zu haben. Nur, und das ist das Verhängnisvolle, er beschreibt eine geistige Entwicklung weitgehend als eine Biographie nur der herausragenden großen Geister und Ideen; und er klassifiziert diese zusätzlich noch als bedeutende und unbedeutende Menschen, wobei nicht nur alle Generationen vor Newton, sondern auch die große Allgemeinheit von Normalmenschen der Gegenwart - wenn auch vielleicht unbeabsichtigt aber irgendwie auch unvermeidlich - als unbedeutend, ungültig und unwahrhaftig und unwert begraben wird. Und der Fehler ist, daß solche Wertung mehr ist, als das scheinbar „reale" Bild jeder Gesellschaft, wie wir es kennen, in der es immer Oben und Unten, Arm und Reich, Begabte und Unbegabte, Philosophen und Handwerker u.s.w. gibt, sondern daß dieses eine verkappte irrige Weltanschauung beinhaltet, einen Aberglauben, durch den sich nicht nur der Blick auf den realen Menschen und seine Probleme verstellt, - und damit auf unsere Wirklichkeit -, sondern auch auf Jesus und die christliche Lösung oder Botschaft. Das verborgen Weltanschauliche daran will ich aber erst im nächsten Kapitel anhand der „Bildungsschere" demonstrieren.
Vorerst gilt es, das Verstellte deutlich zu machen, das durch die Aufklärung, durch die rasante, durchaus segensreiche Entwicklung von Wissenschaft, Technik und Allgemeinbildung . Wir stoßen bei solchem Versuch auf das alte bis heute unerledigte Universalienproblem des Mittelalters, das man immer teils als Sprachproblem zu lösen versuchte und teils als ontologisches Problem, und zwar nicht nur, wenn man vom Menschen sprach, sondern von der Welt und Gott überhaupt. Es geht natürlich grundsätzlich um die Seele des Menschen und um das, was eine Seele hat oder ist. Sprachlich zeigt sich das Problem bereits, und zwar als Substraktives, dann, wenn ich vom Menschen im Plural spreche. Wenn ich von 50 Menschen spreche oder auch von 50 Seelen, klammere ich das jeweils Individuelle jedes Einzelnen aus. Ontologisch fragt sich dreierlei, 1. ob ich im Plural überhaupt von Menschen spreche, da ohne das jeweils Individuelle nichts auf der Welt ein Mensch ist, 2. ob ich nur im Plural von eigentlichen Menschen spreche, wobei das jeweils Individuelle nur Abweichung, nur die unvollkommene Annäherung oder eben nur das Zeitbedingte, Vergängliche und Sterbliche und Austauschbare ist, das ich durch Behandlung, Mißhandlung, durch Erziehung oder Verziehung verbessern oder verschlechtern kann; 3. Ob ich immer von realen Menschen spreche, die nur naturbedingt voneinander etwas variieren, wobei die grammatische Form nichts als Sprache ist.
Während sich bezüglich Gott, dessen Ebenbild der Mensch ist, dieses relativ noch einfache Plural- oder Begriffsproblem durch den Monotheismus von selbst regelte, was als Fortschritt im Selbstverständnis auch des Menschen noch kaum verstanden ist, ist beim Menschen der Plural nicht zu vermeiden. Neben allem möglichen, das dabei durch den Plural übersehen wird, kommen nun beim Menschen viele neue und neuartige Attribute additiv hinzu, er braucht Eltern, Verwandte, Sprache, Religion, Konfession, Kultur, Staatszugehörigkeit, eine Position in der Gesellschaft,  u.s.w. was heute in moderner Menschdefinition sogar als die eigentliche menschliche Identität oder als das Fehlen einer solchen empfunden und bezeichnet wird, ebenfalls ohne daß logisch klar wäre, wie und was man damit meint und nicht, besonders, wenn man damit unsere alten Schriften und Gebräuche bewertet. Dieses Labyrinth wird wohl meine Hauptschwierigkeit sein, Form und Bedeutung unseres Glaubens zu verteidigen, wenn ich solche Mißverständnisse aufzeigen und beiseite räumen möchte.
Wenn Martin Heidegger von der Seinsvergessenheit unserer materialistischen Zeit spricht, meint er natürlich zuerst den vergessenden Menschen, dessen Fehler das Vergessen ist, der durch sich selbst genauso wie durch andere, durch Philosophen und Wissenschaft, durch Politiker, Heerführer, Arbeitgeber und Revolutionäre zunehmend nur noch als Funktion, Sache, Material, Objekt objektiviert und versachlicht und als das Einmalige oder die Seele der Existenz übersehen wird. Was aber das ist, was bei aller Philosophie und Wissenschaftlichkeit und Sachlichkeit vergessen und übersehen wird, gehört für uns praktisch noch immer zur Sprache des Kerygmas, des allerersten Christentums, wenn wir dabei von der Seele sprechen, die Schaden nehmen kann.
Das heißt, die eigentlichen Probleme des eigentlichen Menschen, die bis heute oder überhaupt nicht philosophischer oder kosmologischer und auch nicht wissenschaftlicher Art sind und auch nicht wissenschaftlich definiert, formuliert, beantwortet und gelöst werden können, werden nur verdeckt aber nicht gelöst, wobei das Christentum nun angesichts der übermächtigen Dignität von Staat, Wissenschaft und Technik wie ein erratischer Block, wie ein unnützes, auch von Ihnen un- und mißverstandenes Ungeheuer aus alter Zeit für Sie so herumsteht, wie die alten indianischen Tempel im amerikanischen Urwald.
Natürlich sind die Christen selbst und die christlichen Grundwerte auch mit der Aufklärung und mit Wissenschaft und Technik erhalten geblieben, wenn man z.B. die Erfindung der Waschmaschine und medizinischen Apparate und Techniken oder das Einrichten von anonymen Spendenkonten für Notgebiete nicht anders als die sozialistischen Revolutionen als Akt der christlichen Nächstenliebe empfindet oder tut. Was man an diesem Beispiel als solches Verdecken des eigentlichen Menschen etwas vereinfacht deutlich machen kann, ist, daß hier der Ingenieur oder der wissenschaftlich geschulte Mediziner oder Soziologe zwar die Bedürfnisse und den Körper, die Krankheit und vielleicht auch die Psyche, also die Universalien des Kunden oder Patienten „besser" kennt als jener selbst, obwohl er ihn persönlich eben nicht kennt und nicht kennen braucht und vielleicht auch gar nicht kennen will. Von Jesus kennen wir eine Fernheilung. Wir können uns heute vorstellen, daß der Computer bei der Berechnung der Sozialhilfe oder Rente unbestechlich und gerecht ist, was ganz sicher mehr als Nächstenliebe ist, mehr als Loyalität und Parteinahme. Natürlich ist es Nächstenliebe, was uns in einem medizinischen Institut, in einer Medizin oder demnächst vielleicht in einem medizinischen Roboter oder in einem Haushaltsroboter begegnet, wobei der Akt der Nächstenliebe natürlich nicht vom Roboter oder der chemischen Medizin ausgeht, sondern vom Konstrukteur oder von der Art der Herkunft dieser Gegenstände, wozu auch Schule, Lehre, Universität und Fabrik gehören.
Wir Christen haben innerhalb des Religiösen und im Kontext mit dem jeweiligen Zeitgeist je nach Konfession und Tradition recht brauchbare Begriffe und Umschreibungen des natürlich Unfertigen und Widersprüchlichen unserer Glaubensvorstellungen entwickelt, wenn es um das geht, was eine Institution, eine Penizilintablette oder ein Computer am Menschen nicht erkennen kann, womit wir heute miteinander gottlob auch einigermaßen friedlich zurechtkommen, und miteinander als gemeinsame Sprache einer Gemeinde Bedeutungen verstehen, die sich bis heute auf einem anderen Weg nicht präziser darstellen lassen, die allerdings nicht zuletzt durch die Aufklärung für einen Nichtchristen in der Tat zunehmend unverständlich werden und in der ursprünglichen Bedeutung ganz anders oder gar nicht mehr verstanden werden können.
Wir leben mit den alten Schriften und Überlieferungen, mit alten Gebräuchen und Gewohnheiten und mit vielen Widersprüchen, die Sie zurecht anführen und die man auch nicht leugnen kann. Deswegen gehören diese alten Überlieferungen, Formen; Formeln und Gewohnheiten aber nicht einfach in den Müll, nur weil sie für die Wissenschaften nichts Brauchbares mehr hergeben.
Vielleicht gehört es zur Notwendigkeit einer globalen Begriffsbildung, die wahrscheinlich sogar im Englischen stattzufinden hat, wenn wir nach dem Fragen, was vergessen und übersehen wird.
Ein Roboter kann meine Existenz und vielleicht alle registrierbaren Daten herausfinden; das Erlebnis der eigenen Existenz und das Erlebnis der eigenen Erkenntnis davon kann man vielleicht demnächst durch Hirnstrommessungen als Tatsache feststellen, vielleicht sogar als Tatsache von Menschsein und vielleicht auch als Tatsache von Erlebnis, nicht aber als das Erlebnis der Beseeltheit selbst. Dies gilt auch für das Erlebnis, als das ich auch die Existenz und die Erkenntnis eines anderen Menschen empfinden kann, und erst recht, wie schon gesagt, das Erlebnis der Existenz Gottes.
Natürlich ist das, was ich dabei „Erlebnis" nenne, nicht das Leben selbst und auch keine Definition der menschlichen Seele oder Gottes, sondern ist hier nur als ein bescheiden gesetzter Unterschied des wirklichen Menschen vom meßbaren Menschen und als Unterschied von Mensch und Roboter gedacht. Daß der Mensch oft das Tier als Freund jedem Menschen vorzieht und vielleicht in Zukunft lieber gesetzlich geregelte Hilfe oder eine solche Hilfe durch den Roboter der menschlichen Nächstenhilfe oder auch Nächstenliebe vorzieht, wie es Nietzsche so ähnlich meinte, zeigt vordergründig zwar, daß der Mensch derart der menschlichen Verschlagenheit, Tücke und Bosheit aus dem Wege gehen möchte, im Tieferen steht dahinter aber die Vorstellung und Sehnsucht nach einer sündlosen und ungefährlichen Zuwendung, die nur durch Gott selbst erlebt werden kann und als Mensch in Jesus Gestalt annahm und Realität wurde. Ein Atheist, Moselem oder Jude würde vielleicht sagen, daß Jesus als solcher nur aufgebaut wurde. In jedem Fall existiert er als Ideal; wenn auch selten als Maßstab für eigenes Verhalten, so doch zumindest als Maßstab oder Hoffnung für das Verhalten anderer.
Natürlich würde Jesus als Mensch auch heute kaum Karriere machen. Man würde seine Gutheit gnadenlos ausnutzen und entweder verlachen, verachten oder zu eigenem Vorteil instrumentalisieren, wie es die vergangenen Jahrhunderte genügend demonstriert haben. Hat also bereits Jesus am Kreuz und seitdem das Christentum versagt? Dies gilt es natürlich zu verstehen. Ich würde den gleichen Fehler machen, den ich Russell und jedem Soziologen vorwerfe, wenn ich von der Prämisse des Plurals der „allgemeinen" Menschen der Menschheit ausgehe und davon auf das Substrat eines substraktiv verkürzten oder verengten Menschenbildes schließe: dann war der gute Mensch seit je ein Idiot, dessen Glaube an das Gute zu seiner weiteren Verdummung, Unterdrückung und Ausbeutung nur ausgenutzt wurde, und für den jedes Sozialprogramm eine Beleidigung ist, da sie ihn in solche soziologische Verengung hineinpreßt.
Wenn ich aber frage: „Kann es eine funktionierende menschliche Gesellschaftsordnung für Unmenschen geben, wie sich die Übernahme der DDR durch die BRD der rücksichtslosen Unmenschen manchmal geriert und als was es von vielen auch so erlebt und empfunden wird, als sei dennoch der Unmensch der Übermensch und als müsse sich das Menschliche der westlichen Welt hinter der Mechanik von D-Mark, Robotern, Stiftungen und Sozialprogrammen verstecken?", dann stelle ich damit auch die Frage nach dem Entwicklungskriterium der zukünftigen Menschheit überhaupt; dann darf ich jedoch nicht einen zweiten Denkfehler dem ersten aufsetzen, als sei das Unterlassen der Bosheit und als sei das ja immer mögliche Unterlassen der Unmenschlichkeit von der gleichen substraktiven Struktur. Dies zu verstehen, ist trotz dieser groben Vereinfachung schwierig, wenn man Freiheit nur als mögliche Entscheidung zwischen Gut und Böse definiert. Das Unmenschliche triumphiert und protzt sicher noch immer, aber offen und öffentlich seit Christi Geburt auch im barbarischen Abendland zunehmend defensiv und versteckt in sozialen Sümpfen. Der jahrtausende alte Zustand, daß Normannen, Hunnen, Vandalen, Goten, Kelten u.s.w. einfach vernichteten, töteten, marodierten und plünderten, wenn man Lust hatte, sich nahm, was man wollte und vertrieb und blieb, wo man wollte und sich als "Mordskerl" einen großen Namen machte wird zunehmend überwunden, nicht nur versteckt vor Polizei und Justiz, sondern auch vor der öffentlichen Meinung. Wobei allerdings das neue Gegenteil von Böse - wenn vielleicht auch in der abstrakten Definition - selten aber in der Realität des Alltags Jesus als Maß, Leitfigur oder Vorbild gedacht wird, weder der geschichtliche noch der auferstandene.
Mit einem solchen Anspruch hätte Jesus bereits auf Grund solchen Anspruchs jede Glaubwürdigkeit verloren, wenn er sich bzw. sein Handeln als einzelner zum Schema oder Vorbild aller Menschen gedacht, gehalten oder bezeichnet hätte. Es gehört zum Wesen des Christentums, daß Jesus demonstrativ als nicht kopierbarer Einzelfall dargestellt ist. Auch frommer christlicher Glaube ist kein Handlungsschema sondern eigene Kompetenz und Autorität unter christlichem Vorzeichen. Das Vorzeichen bedeutet sehr vereinfacht „Gut", zum Nutzen des Mitmenschen und zum Wohlgefallen bei Gott, wobei Gott als gut und gnädig gedacht wird, der das Beste für alle Menschen will. Erst mit der Aufklärung entstand für „Gut", „Fromm", „Gottwohlgefällig" der humanistische, außerkirchliche und nichtreligiöse Begriff „Menschlich".
Die Wesensfrage hierbei ist jedoch, ob wir uns eine Entwicklung im heutigen Sinne überhaupt denken können, die nicht unter dem Vorzeichen des Guten steht, d.h. daß umgekehrt eine unendliche Entwicklung auch zum unendlich Guten für den Menschen führen muß. Für den Christen gibt es das biblische Versprechen, daß dieses eine Welt ohne Streit, Krieg, Krankheit, Tod und ohne Trennung von Gott sein wird.
Politisch richtet sich jede unmenschliche Entwicklung gegen den Menschen und ist damit bereits zuende, wobei jede Verengung des Menschenbildes auch eine Verengung des Guten und eine Behinderung der Entwicklung bedeutet und das Gegenteil in gleicher Weise. Für das Gegenteil des Unmenschen kann aber nicht der Mensch das Maß sein, der heute noch genauso gut wie verschlagen und böse ist wie zu Jesu Zeiten und dessen Verschlagenheit und Bosheit wir aber inzwischen - zumindest was den jeweils anderen betrifft - fürchten und ablehnen.
Man muß natürlich fragen, in welcher Weise Jesus mystifiziert, mythologisiert, idealisiert und von Menschen verherrlicht wurde, aber auch warum überhaupt. Für einen Soziologen und Atheisten kann dies nur heißen, daß mit Jesus dieses Vorzeichen des Guten personifiziert wurde; für den Christen bedeutet sein eigenes mystisches Erlebnis mit dem Auferstandenen, auch wenn es sich natürlich von solchen Beschreibungen unterscheiden wird, eine Realitätsbestätigung auch des einstigen irdischen Jesus, dem er alle Attribute auch des mystischen Erlebnisses und der allgemeinen Verherrlichung zuordnet.
Aus beiden erklärt sich, daß in merkwürdiger Weise für Christen wie Nichtchristen, für gute wie für böse Menschen die Kirche und der Kirchtum im Dorf dies Vorzeichen des Guten darstellt, auch wenn man von der Kirche und dem Pfarrer nichts hält.
Ganz allgemein ergibt sich daraus eine einfache Formel der gesellschaftlichen Entwicklung zum Guten, auch wenn der Mensch nicht anders wie einst unter der Barbarei gut, böse und verschlagen bleibt, wie er es immer war und ist, die in der bisherigen Philosophie und Theologie deswegen fehlt, weil sie einen Automatismus darstellt, der einmal außerhalb und unabhängig von Theologie und Philosophie abläuft und auch recht unappetitlich ist, als wenn man dem Menschen in seine Eingeweide schaut,  zum anderen fehlt diese Formel, weil er bzw. sie ohnehin selbstverständlich ist. Dennoch beinhaltet sie eine philosophische Dimension, weil dieser Formel zufolge die Evolution die Materie verläßt, bzw. ins Transzendete zurückkehrt, wo nach unserem Glauben - nicht nur in der Jesusdarstellung - alles herkommt und wohin es zurückkehrt. Diese Formel besagt etwa folgendes: Wenn alle von dem Individuum das Gute erwarten und das Böse ablehnen, beschimpfen, bestrafen und verfolgen und jener seine Bosheit deswegen verstecken muß, wie das Individuum selbst von allen anderen das Gute erwartet und das Böse ablehnt, verachtet, beschimpft, verfolgt, bestraft und damit ausgrenzt wie es jedes Individuum auch gegenüber der Gesamtheit tut, und wenn dabei jede Verengung des Menschenbildes und jede Verengung einer Gottvorstellung irgendwann scheitert und zum Bösen gerechnet wird, wie z.B. der Faschismus, dann wird das Gute übrigbleiben, weil sich das Böse verstecken muß und irgendwann als unmenschlich entlarvt, verachtet, abgelehnt und beseitigt oder ausgegrenzt und unsichtbar wird. Jeder Roman, jeder Film und jede Erzählung demonstriert genau das. Ein Atheist darf dabei denken, daß diese Entwicklung theoretisch auch ohne Gott, Jesus oder Buddha oder vielleicht sogar noch besser oder nur ohne diese Göttlichkeiten erfolgreich sein kann. Aber er wird eingestehen, daß der Mensch nun mal abergläubisch ist, und daß es besser ist, einem idealen oder idealisierten Gott als einem unmenschlichen Moloch verpflichtet zu sein, der die Entwicklung verhindern würde. Theologisch könnte sich die eher buddhistische Frage ergeben, ob der Mensch von einem gewissen Entwicklungsstand an selbst die Göttlichkeit erreicht und insgesamt die Materie verläßt. Letzteres könnte u.U. auch ein Christ denken.
Diese Formel hat einen apokalyptischen Schönheitsfehler: Wenn das, was wir als die Menschlichkeit am Menschen fordern, gut ist und wenn die menschliche Natur böse ist und böse bleibt, und wenn die Verengung des Menschenbildes an der realen Natur des Menschen gemessen wird, dann haben wir genau dabei das Einfallstor der Sekpsis d.h. des Verlustes des Glaubens. Wenn man z.B. Monogamie und Heterosexualität als Einengung des Menschenbildes beweist, was für manche Menschen sicher zutrifft und beweisbar ist und dabei Homosexualität und Promiskuität für gut erklärt, dann erscheint die Ausgrenzung des letzteren unmenschlich, als unmenschliche Konvention, weil damit nicht die böse Handlung oder Ansicht ausgegrenzt wird, sondern der Mensch, weil er im Sinne der Konvention oder des Konsens, was nun gut sei, das leibhaftig Böse ist und zugleich eine verengte Definition des Menschen wenn man vom Plural auf den einzelnen Menschen schließt, - sowohl bezüglich des Monogamisten wie seines Gegenteils, sowohl für den Heterosexuellen wie den für den Homosexuellen. In Wirklichkeit streiten beide Seiten, die gleicherweise gut, böse und verschlagen sind, wie alle anderen mehr oder weniger auch, über das, was nun als Gut gelten soll, was aber als Unterlassen des Bösen keine genuine Verengung sondern eine ethische Handlung ist. In der ganzen bestehenden Diskussion und Polemik wird dabei beiderseits beides ungenau. Zumindest kann die Aufregung der Diskussion derart verständlich werden. Der Ehegatte oder die Ehegattin empfindet den gezielt vorgenommenen Ehebruch durch Rivale oder Rivalin als Böse und das Unterlassen für Gut, der andere findet die Behinderung des Ehebruchs für Böse und das Aufbrechen eines Ehegefängnisses für Gut und zugleich auch die Tollerierung. Hier wird ein unausgesprochener und unreflektierter Dezisionismus zum Hauproblem: Konvention oder Konsens wird nicht durch das Gute, sondern das Gute durch die Konvention, den Konsens oder die Mehrheit bestimmt, was auf die Ausgrenzung und Verteufelung der Minderheit hinausläuft, die im Grunde mit den natürlichen archaischen Machtmitteln, mit Gewalt, Betrug und Verschlagenheit ausgetragen wird. Die Toleranz gegenüber den Minderheiten bedeutet ein Ende der Entwicklung und reines Chaos, wenn von den Minderheiten nicht auch Toleranz gegenüber den Konventionen geübt und praktiziert wird. Das ist das Häßliche dieser Automatik, weil die Entwicklung der Menschheit damit in der Abhängigkeit von ihren Teilen, Minderheiten und Individuen bleibt, die genau deswegen als die Bedrohung jeder Konvention immer als Gegenspieler und damit als Motor zwar, aber immer mißtrauisch gesehen werden und deswegen diskriminiert sind. Dies gilt ganz exemplarisch für das Individuum, das ich selbst in diesem Satz nicht als einzelnes meinen kann, sondern automatisch übersehe, als wäre es nicht das größte Ereignis im Weltgeschehen überhaupt, soweit wir das Weltgeschehen kennen, daß in ihm ein Individuum auftaucht, wenn auch nur für die kurze Zeit von etwa 70 und wenn es hoch kommt, von 80 Jahren, weswegen wir Weihnachten und Himmelfahrt auch feiern sollten. Derart muß auch das Folgende immer als ein Geschehen an, in und von einem Individuum verstamdem werden.
Wie ich im Kapitel „Die Struktur der Allgemeinheit im Begriffsinhalt" (Seite 43) etwas deutlicher darstellen will, läuft aber die Apokalypse darauf hinaus, daß sich die Natur des Menschen als das Gute selbst genau gegen das auflehnt, was ich oben als die Emanzipation der Evolution von der Materie oder von der Natur des Menschen umschrieben habe, also auch gegen Gott, - was ich persönlich als immerwährend stattfindendes Geschehen interpretiere.
Meine Gegendarstellung gilt denn auch den verunsicherten Christen, aber nicht, um sie als Steuerzahler sondern als Missionare bei der Stange zu halten? Ich hoffe, sie durch meine Analyse nicht noch mehr zu irritieren. Aber, wie gesagt, der einfache Weg des Glauben und ein einfaches Gebet führt zu Gott und bleibt für jeden zu jeder Lebenssituation gegeben.
Aber man kann die Vergangenheit in der weltlichen wie in der Kirchengeschichte bis zur Gegenwart mit all den harmlosen wie auch grausamen Irrtümern, den Kriegen, Spaltungen, Feindschaften, Kirchenkämpfen bis zu den Hexenprozessen u.s.w. u.s.w. nur verstehen und in Zukunft z.T. wenigstens vermeiden, wenn man die Menschen in ihrer Befindlichkeit und sich selbst in unserer eigenen Befindlichkeit besser versteht. Was ich oben und im Folgenden u.a. zeigen will ist die logische Kompatibilität allgemeiner Gedanken mit den biblischen Gedanken.
Die vielen Ungereimtheiten und Widersprüche der alten Schriften, - wie Sie, Herr Augstein, es in Ihrem ausführlicheren Buch nennen, -  ergeben sich aus den Unterschieden in der Befindlichkeit jener alten und der heutigen Zeit, die nur zu verstehen sind, wenn wir auf die Struktur menschlicher Befindlichkeit überhaupt reflektieren. Ich wende mich in der Hauptsache wohl an den Atheisten und Verunsicherten persönlich und gegen oberflächliche Kritik, durch die das Wesentliche des Menschen wie seines Glaubens verschüttet wird.

Als Beispiel solcher Unterschiede in der Befindlichkeit können wir anhand der vergangenen Weihnachten und Jahrtausendwende z. B. den Beginn unserer Geschichtsschreibung sehen, die zumindest seit Konstantin Jesus zu einem „realen" Faktor macht, was dann ja auch real Jesus oder das Kind in Bethlehem als den Beginn einer bewußten Entwicklung und Emanzipation der Menschheit deutet, was für uns Christen wohltuend als Gemeinsamkeit empfunden wird, als Botschaft der Liebe und Hoffnung und Befehl des Glaubens, wie es Lukas darstellt, womit wir bis heute auch die unwiederbringliche Einmaligkeit Jesu und ja auch die der eigenen Familie feiern, die mit der Geburt auch des eigenen Kindes beginnt, und auch die einer eigenen Existenz feiern und mit Geschenken verdeutlichen, - wobei man ja immer noch versucht ist, diese Einmaligkeit allen anderen abzusprechen, weil es so viele andere Mans gibt, und versucht ist, dieses „Absprechen" dann automatisch oder logisch wieder auf sich selbst zu erweitern. Zur Befindlichkeit von Andersgläubigen konnte und mußte dieses Christlich-Gemeinschaftliche seit Konstantin bis heute als Bedrohung und Infragestellung empfunden werden, wobei in der Gegenwart nicht nur Andersgläubige mißtrauisch sind, die ihrerseits eine andere Welterlösung erhoffen, erwarten oder erstreben, sondern auch der durch sich selbst verunsicherte Christ und zurecht auch aufgeklärte Atheisten nach unserem kriegerischen Jahrhundert, wenn immer von Menschen, Sekten, Religionen oder von Diktatoren und Staaten Glaube und Hoffnung befohlen werden und wenn diese dann zu Macht- oder Geldgeschäften instrumentalisiert werden, sei es über den mittelalterlichen Sündenablaß oder über das moderne Weihnachtsgeschäft, oder instrumentalisiert werden für Krieg und Terror.
Aber bitte fürchten Sie nun nicht, daß ich derart mit Allgemeinheiten endlos fortfahre, wenn gleichwohl diese Allgemeinheit und ihre Gültigkeiten und Bedeutungen, zu denen nun mal auch die biblischen Geschichten gehören, für uns alle zum Kern auch der Problematik gehören.
Wir kommen ganz sicher aus finsteren Zeiten und Denkweisen, die sich neben den neuen biblischen in den vorchristlichen, finsteren Denkformen und Begriffen bis heute erhalten haben, mit denen wir heute gottlob etwas anderes meinen als einen Moloch als Gott, und der gute Plato oder Sokrates damals sah keine Möglichkeit, die Menschen aus jener finsteren Höhle zu locken, wo sie nach seinem Bild angekettet sind und auch bleiben wollen.

Eine solche Kritik, wie die Ihre, und die Auseinandersetzung damit steht denn auch für alle Religionen ins Haus, auch - und wahrscheinlich viel härter noch - für den Islam und den Buddhismus, weswegen ich mich bei der Kürze betreff solcher Allgemeinheiten in den Religionen, die sich seit Jahrtausenden mit sorgfältigem Bemühen wohl der größten Geister der Menschheit einerseits und nach - noch weitgehend unerkannten - Regeln menschlicher Erkenntnis und nach menschlichem sozialen wie sprachlichem Verhalten herausgebildet haben, auch selbst um die der größtmöglichste Sorgfalt bemühe, die ich bei Ihnen vermisse.
Neben der Frage im Hintergrund, ob man unser Glaubensbekenntnis nicht ganz aufgeben soll, stehen die beiden anderen, 1. was denn nur in alter Zeit zeitgemäß bzw. heute daran nicht mehr zeitgemäß ist, und 2. was denn nun das „Maß unserer Zeit ist oder sein sollte und was daran das Maß früherer Zeit ist und war, nach dem wir den „Anachronismus" in der christlichen Glaubensdarstellung beurteilen, bzw. den Anachronismus in Form und Inhalt überwinden und was an solchem Zeitgeist als Maßstab jeweils mehr als Mode oder Meute bzw. falsch ist, dem wir in anderen Dingen ständig nachhüpfen und hinterherlaufen und auch wohl nie ganz entrinnen können.
Auf den folgenden Seiten wird dies deutlicher, und es  werden sich  zwei solche symptomatische Beispiele für formale und inhaltliche Denkfehler unserer Gegenwart ergeben, denen wir auch heute täglich ganz unbewußt aufsitzen bzw. die uns aufsitzen, wenn wir unsere christliche Tradition verteidigen genauso, wie es der Berliner Bürgermeister Diepgen kürzlich gegen eine mögliche islamische Überfremdung versuchte, wie aber auch, wenn wir unsere christliche Tradition verschämt ganz abzustreifen versuchen.
Obwohl wir damit zugleich selbst auch diesem peinlichen Nonsens unserer Zeit aufsitzen, daß wir nämlich glauben, der Reiche und Wohlhabende spreche eher die Wahrheit als der Arme, halten wir reichen Europäer uns für das Vorbild für die Armen in aller Welt und sind es realiter auch, weil ganz allgemein auch der Arme so denkt, weswegen es keine Schande für uns sondern sogar Verpflichtung wäre, als Reiche entsprechend sorgfältig zu denken. Und das gilt auch oder gerade für die Journalisten der reichen Länder, die nun mal Vorbild sind und deren Nachahmer sich nicht wundern dürfen, andernorts verboten zu werden, wenn sie undurchdachten Unsinnn verbreiten. Vorbildlich an Ihrem Artikel ist denn auch wohl nur die Demonstration, daß die härteste Kritik an unserer Tradition und unserem Glauben aus unseren eigenen Reihen kommt und wir uns das leisten können. Dennoch verbreiten Sie zugleich neben Oberflächlichkeiten bei vielen Menschen auch Zweifel und Ratlosigkeit, dem ich etwas mehr Sorgfalt und Einsicht entgegenstellen möchte. Dem seien aber zur Einführung noch einige wichtige Allgemeinheiten vorweggeschickt.

Was ist Religion? Die Oberflächenstruktur unserer Konventionen und die heutige Befindlichkeit des Religiösen, zu der nun mal gehört, daß wir solches wissen..

Religion, Sprache und Kultur ist soweit gültig, wie ihre Menschen gültig sind.
An Theorien für das Entstehen und Bestehen von  Religionen ganz allgemein will ich nur die fünf wesentlichen und Ihnen sicher geläufigen kurz vorwegschicken, die in den heutigen Weltreligionen allesamt und miteinander verknüpft wohl nachzuweisen sind:
1.  1.Wir unterscheiden zwischen der mystischen Grunderfahrung Gottes oder der Erfahrung einer animistischen Belebtheit der Welt einerseits und ihrer meist in Logik verpackten Darstellung und Erklärung an Menschen einer jeweils bestimmten Situation, Zeit, Kultur, Tradition, Absicht u.s.w. andererseits. Hierzu gehört bei der Weitervermittlung durch dann institutionelle oder professionelle Priester, Lehrer oder Wissenschaftler die Analyse und Interpretation des Ersteren wie des Letzteren, wobei bezüglich jener Grunderfahrung der Konflikt zwischen offizieller Darstellung und der jeweils eigenen Erfahrung durch jeweils persönliche Anpassung an Sprachregelungen, durch Gehorsam oder durch Objektivierung bzw. Dogmatisierung des Glaubensstoffes gelöst wird. Man muß die allgemeine Aneignung nicht als feigen Opportunismus verstehen, da solche Anpassung an Gültigkeiten bereits mit dem Erlernen der Sprache stattfindet.
2. 2. Gott, Geister oder belebte Mächte werden logisch als Ursache oder Erklärung für erlebte unerklärliche Geschehen wie z.B. für die Existenz von Kraft, der Welt, der Zeit, des Raumes u.s.w. angenommen, wodurch Gott oder Geister ihren jeweiligen Charakter erhalten.
3. 3. Gott, Geister und höhere Mächte werden zur Vergrößerung der eigenen Macht, Autorität und Glaubwürdigkeit und zur Drohung oder Reglementierung anderer zum Zwecke des Wohlverhalten, der Unterwerfung und des Gehorsams anderer angeführt, d.h. der Glaube anderer oder die Anlage zum Glauben wird quasi instrumentalisiert.
4. 4. Mit der Erziehung entsteht über Generationen der Niederschlag und die Objektivierung des Religiösen in Sprache, Gewohnheit, Tradition und Sozialisation und wird Teil der eigenen Identität.
5. 5. Der Mensch versucht schließlich, Gott, Geister oder höhere Mächte durch bestimmte Techniken, Tricks und Schmeicheleien zu instrumentalisieren zum eigenen Vorteil im Kampf gegen das Geschick oder gegen andere Menschen.

All diese bekannten Elemente sind auch in unserer Glaubenspraxis verwoben neben sehr vielen anderen, die eben eine menschliche Existenz ausmachen.
Dieses weiß der Papst, dies weiß der Pastor und dies weiß die Gemeinde, weil Informationen darüber überall zugänglich sind, und die genannten Schwierigkeiten werden nicht als Betrug empfunden, - wie man z.B. eben auch weiß, daß die menschlichen Kleider nicht die menschliche Haut vortäuschen sollen und man sie nicht als Schwindel und Betrug einsetzt, obwohl natürlich faktisch mit den Kleidern ein künstliches Aussehen erzeugt wird. Dieses zu wissen und zu tun gehört zur allgemeinen Menschenkenntnis, obwohl man nicht darüber spricht und ist zugleich Privatsphäre. Und so albern es wäre, bei der Kleidung die mögliche Tradition, Eitelkeit, den guten Zweck oder die böse oder gute Strategie jeweils bestreiten zu wollen, so albern wäre es, in jedem Einzelfall daraus ein Theater, eine Enthüllung oder einen mittelalterlichen Kleiderprozeß zu machen. Jeweilige Kleidung und jeweilige Glaubenspraxis und jeweiliges Urteil darüber gehören zur jeweiligen Kultur, und wie auch die Religion zum Wertesystem. Ob eine „christliche" Krawatte oder Schwesterntracht oder ob ein „islamisches" Kopftuch mit Schleier nun Tradition, Opportunismus, Anpassung, verdeckte Missionierung oder ein Sammeln von Pluspunkten beim Lieben Gott, beim Geistlichen, bei anderen Leuten oder nur reine Gewohnheit ist, unterliegt damit natürlich keinem Denkverbot und sollte, wie die obigen fünf Religionskriterien verstanden sein, aber ohne, daß sich damit der Pranger, wie in Ihrem Artikel im Namen der Aufklärung oder der mittelalterliche Scheiterhaufen androht.
Wieweit dabei die Kirche und alles, was man dort erzählt, jeweils bereits mehr zur Kleiderordnung, oder die Kleiderordnung zum Glauben und zur Kultur gehört, ist bei jedem Menschen und zu jeder Situation sicher anders und gehört in jedem Fall mit zu unserer Selbstdarstellung und zu unserer Begriffswelt.
Hiermit deute ich aber nur die Oberfläche und Komplexität der Problematik an, die mit solcher Verwobenheit von Individuum und Allgemeinheit auch Tiefe, Abgrund und Abhängigkeit bedeuten. „Oberfläche" und „Abgrund" und ähnliche Bezeichnungen einer Kultur sind aber nur undeutliche Begriffe für unser Verstehen, die zu gefährlichen Vergleichen und falschen Schlußfolgerungen verleiten, etwa derart bezüglich des Themas, als handele sich bei den überlieferten Geschichten der Bibel um nichts weiter als um unwichtige Oberfläche, Gewohnheit, Legende und Fabel und als ob es sich nur aus diesem Grunde verbiete, z.B. um Stätten in Jerusalem blutige Kriege zu führen, statt über solche Bedeutung nachzudenken, was als Diskussion und damit bessere Auseinandersetzung logischer Weise mit beiden potentiellen Kriegspartnern zu geschehen hat.
Sowohl die Reflexion und Reaktion auf solche genannten Grundelemente jeder Religion wie dabei auch das Mitlaufen oder Innehalten bei Kritik oder Verteidigung waren und sind eben nicht nur im Fall des christlichen Glaubens denn auch weitgehend einerseits ganz unreligiöse, nämlich nur sprachliche, anthropologische, kulturelle, ethische, politische, soziale oder soziologische Themen, was die Diskussion und ein Verständnis darüber gerade mit Andersgläubigen, oder in den Wissenschaften oder mit dem Atheisten sogar einfacher machen könnte, wenn diese nicht manisch oder fanatisch oder fundamentalistisch nur auf einen der vielen Aspekte wie z.B. nur auf das empirisch nicht beweisbare Transzendente des Glaubens fixiert sind, das man mit Hilfe und Argumenten des Allzumenschlichen widerlegen zu müssen glaubt, während man andererseits den jüdischen Grundstock im christlichen und islamischen Glauben wie auch viele übernommene Formen und Formeln beider Religionen oder aller Religionen selbst bereits als solche Auseinandersetzung und zwar als Abgrenzung gegenüber andere bzw. den nichtjüdischen und nichtchristlichen Religionen jener Zeit wie aber auch allgemein gegenüber Aber- und Irrglauben verstehen muß und anerkennen kann, woraus sich eigentlich eine weitgehende Koalition von Theologie und Wissenschaft - soweit sie gegen den Aberglauben steht - und auch von Theologie und Journalismus und zwar gegen echten Betrug, echte Bosheit und Unmenschlichkeit, echten Irrtum und echte Verirrung - auch innerhalb der eigenen Kultur - ergeben sollte, - besonders dann, wenn es sich um Kriegskriterien handelt. Theologische Themen werden zu politischen, wenn sie der Kriegsgrund sind; und auch Kleider sind dann oder niemals genauso wie Formulierungen, Begriffe, Metaphern oder Paradigmen nur unwichtige Oberfläche oder Dekoration, über welches sich nicht zu sprechen lohne, sondern sie reichen zudem in ihrer archaischen Bedeutung einerseits tief in unsere Vergangenheit und andererseits tief in unsere Gegenwartsbefindlichkeit hinein, auch wenn sie nicht offen genanntes Argument für Angst, Feindschaft und Krieg sind.

Natürlich wäre es Unsinn und Unvernunft, z.B. wegen der Kleiderordnung oder wegen bestimmter sprachlicher Formulierungen Krieg zu führen, aber da nun mal daraus Feindschaften und Kriegsgründe entstehen können, und natürlich erst recht, wenn sie bereits bestehen, sollte man solchen Zusammenhang zumindest reflektieren, selbst wenn ein Verstehen und Verständlichmachen der Zusammenhänge sehr schwierig ist, um zumindest selbst mit etwas mehr Abstand und Vernunft reagieren zu können. Man kann sich z.B. darüber streiten, ob in einem rechtwinkligen Dreieck die Größe des einen Winkels mit unbekannter Macht den anderen bestimmt oder umgekehrt, ob beide Winkel dem Willen Gottes gehorchen oder ob selbst Gott diesem Gesetz oder dieser Macht untersteht, oder ob die ganze Diskussion darüber nichts als  Unsinn ist. Dennoch gehen wir von diesen Gesetzen aus, wenn wir eine Brücke oder eine Maschine bauen. Man kann sich nun streiten, ob dabei die Gesetze uns kleinen Menschen gehorchen oder wir den Gesetzen. Ähnlich kompliziert ist nun mal all das, was zwischen Sprache, Konvention, Kultur und Religion und damit zugleich zwischen Menschen stattfindet und ganz konkret benutzt oder befolgt wird, wobei die Reflexion darauf bereits etwas Abstand und Vernunft bewirken kann, wie ich hoffe. Zuerst möchte all dieses im Folgenden zuerst aus größerem Abstand zeichnen, wobei man die Zusammenhänge eher undeutlich phänomenologisch als Kräfte und Abhängigkeiten sieht, was man dann aber aus dem Blick verliert, wenn man, wie dann anschließend, die Strukturen der Konventionen näher betrachtet, was notwenig ist, um unsere Entwicklung in den vergangenen 5000 Jahren besser verstehen bzw. überhaupt reflektieren und vielleicht vernünftiger reagieren zu können. Dabei sind natürlich die Werte, nach denen wir werten, keinesfalls Gegenstände, die zwischen den Menschen durch die Luft fliegen oder wie Drähte gespannt sind, selbst wenn wir derart denken.

Natürlich muß es z.B. scheinen und wahrscheinlich ist es sogar so, daß ich die in früheren Zeiten genau so, nämlich nach dem Wert und Verständnis damaliger Werte in damaligen Verhältnissen entstandenen „Mißbildungen", als was wir manche biblischen Darstellungen heute empfinden, um die es geht, und die ich gar nicht bestreiten kann, nur entschuldigen möchte, was eben leicht zur ihrer Verkennung oder auch zu ihrer Rechtfertigung - und selbst wieder zur militanten Rechtfertigung - verführen kann und zur totalen Desorientierung führen muß, wenn man z.B. so entstandene Formen und Formeln mit dem Inhalt gleichsetzt, was ganz unvermeidlich ist, wie wir noch sehen werden, oder wenn man dabei unreflektiert nur jeweils alle anderen Menschen oder andere Menschen unserer Zeit zum Maßstab nähme. D.h., gerade wir Christen sollten, dürfen und brauchen uns einer Klärung der vielen Anachronismen und Widersprüche im Evangelium nicht entziehen, die uns erst heute aufstoßen, klar werden oder entgegengehalten werden. Wenn z.B. der eine Evangelist berichtet, „Jesus ging dort hin." und ein anderer „Jesus ging hierhin.", dann muß wenigstens in einem Fall, wenn nicht in beiden Fällen etwas Falsches behauptet werden. Nehmen wir an, daß nun Mohammed noch etwas anderes behauptet, dann könnte ich drei oder sogar vier Kriegsparteien aufrüsten, die dann in einem Krieg die „Wahrheit entscheiden". Natürlich könnte ich theoretisch den Krieg vermeiden und einfach dem Recht geben, der das meiste Geld in der Tasche hat, weil er den Krieg wahrscheinlich gewinnen würde, was dann aber die Ärmeren zurecht als ungerecht empfinden würden, selbst wenn sie im Unrecht gewesen wären.
Bei einer kriegerischen Entscheidung aber würde der Stärkere die Andersdenkenden töten, wenn sie sich nicht seiner Sichtweise anschließen oder unterwerfen, womit natürlich nicht die Wahrheit sondern eine Doktrin dann Konvention und allgemeingültig wird. So lächerlich, grausam und verbrecherisch unmenschlich diese Art der Konsensbildung auch ganz sicher ist, so sollten wir bei solchem Urteil darüber reflektieren, daß nicht nur alle unsere religiösen Konventionen - auch im Islam - , sondern bis heute auch die zivilen Konventionen, auch unsere „freiheitliche, demokratische Grundordnung" mit solcher eigentlich lächerlichen Methode, nämlich mit Krieg entschieden und gültig wurden. Daß die folgenden Generationen dann die Werte durch die Erziehungsgewalt der Eltern übernahmen, wodurch jene Konventionen Tradition wurden, geschah zwar humaner aber im Grunde nicht anders.
Bei der Reflexion auf diesen offensichtlichen oder vielleicht nur scheinbaren Unsinn, den aber zu kennen längst zu unserer Befindlichkeit gehört, daß nämlich Kraft, Geld oder Macht oft über die Wahrheit und auch über unseren religiösen Glauben entscheidet und ihre Gültigkeit bestimmt, was irgendwann ja auch mit dem Mittel des Kriegs entschieden wurde, sollten wir zusätzlich noch ein unbeweisbares, aber allbekanntes Gefühl verstehen, daß dabei innerhalb der Konventionsbildung eben noch stärker zu sein scheint, als das Bedürfnis nach Wahrheit, Gerechtigkeit und logischer Richtigkeit und noch stärker bzw. gewichtiger ist als Kraft, Geld und Macht, ein Gefühl, mit dem solche Kriege mit großer und mitunter bestialischer Begeisterung geführt wurden und werden. Es ist eine Art der Aggressionslust, die man scheinbar beliebig begründen und deswegen beliebig z.B. für oder gegen den Stats-quo, für oder gegen eine oder seine Religion instrumentalisieren kann, bei sich selbst  genauso wie bei anderen, für oder gegen andere Menschen. Es wäre fast eine Beleidigung für die Tierwelt, wenn man, wie üblich, dabei von dem Tier im Menschen und von einem Trieb spricht, da die Tiere solche Aggressionslust oder Begeisterung eben nicht derart beliebig instrumentalisieren können.
Natürlich wird es mir hier nicht gelingen, dieses Gefühl besser zu beschreiben, als es uns bekannt und selbstverständlich ist, das sich scheinbar beliebig jedem Entschluß als eine Art Trieb anhängt. Aber dennoch ist eine Reflexion auf das Gefühl notwendig, das zugleich wie eine Kraft Bejahung oder Verneinung quasi verstärkt, mit dem wir oder durch das wir als Sklave oder Sklaventreiber, unter Kaiser, König, unter Hitler oder Stalin dennoch leben und dabei das Bejahte oder Verneinte, Hitler Stalin oder sonstwen, nicht nur ver- und damit bestärken, sondern eigentlich erst ermöglichen, und das jenseits der Psychologie, eben nicht nur als Problem, sonderm wohl auch als mentale Lebenskraft allem Tun und Lassen zu Grunde liegt, und nicht nur dem Alltag, sondern auch der Philosophie und Theologie und von Beginn an auch der Christenheit, aber eben nicht als Thema und Objekt. Und es ist unumgänglich dabei zu reflektieren, daß wir es nicht mit einem allein individuellen Phänomen zu tun haben, sondern wie bei der Sprache quasi mit einem Gemeinschaftsphänomen, als existiere es auch unabhängig von dem einzelnen Individuum und als sei eher das Individuum von ihm abhängig, als etwas also, das den Menschen bestimmt, als sei er besessen und das nicht vom Menschen frei bestimmt wird, was natürlich wie bei der Sprache nur so zu sein scheint, so lange zumindest der Mensch sich dessen bewußt ist, was er tut. Der soziale Aspekt des Gefühls liegt in unserem Sinn der Reflexion keineswegs nur darin, daß man Bekannte, die Eltern und Kinder, einen anderen Menschen, eine Menschengruppe, eine Partei oder ein Idol liebt, haßt, fürchtet u.s.w., und mit dem sozialen Aspekt des Gefühls ist auch nicht nur ein solches gegen Unbekannte wie gegenüber den Spielern einer gegnerischen Fußballmannschaft, den feindlichen Soldaten, dem Ausländer und Andersartigen gemeint, - sicher sind das ebenfalls Gefühle, die zu diesem Thema gehören, - auch die Gefühle gegenüber Dingen, Gegenstände, Landschaften oder gegenüber Ideen, Universalien wie Gut und Böse, Sozialismus, Faschismus, Kirche, Staat, Polizei u.s.w.; dies alles ist wichtig und durchaus ein sozialer Aspekt; aber der eigentliche Kernpunkt tritt offen, wo man es logischer Weise ablehnen könnte, überhaupt von echten individuellen Gefühlen wie von Begeisterung, Eifer, Liebe oder Haß u.s.w. zu sprechen, wenn mir z.B. befohlen oder geraten wird, „Liebe deinen Nächsten", „Hasse das Böse und liebe das Gute!" u.s.w., wie es uns von den Zehn Geboten geläufig ist und was ich offensichtlich doch in freier Entscheidung gehorsam befolgen oder auch ablehnen kann, wie es zumindest die drei Abrahamäischen Religionen, Judentum, Christentum und Islam voraussetzen und ohne das Jesus als Mensch und Prediger und auch nicht als der Gepredigte zu verstehen wäre. Denn mit dem Befehl oder Gebot von Liebe zu Gott und dem Nächsten und Hass gegen das Böse wird die Möglichkeit zum Gehorsam vorausgesetzt
Aber selbst, wenn man davon ausgeht, daß ein Gefühl aufgrund eines Entschlusses, eines Befehls, einer Doktrin oder Religion nicht möglich ist, oder gerade dann muß man ja fragen, welche gesellschaftlichen, theologischen oder ethischen Konsequenzen mit solcher Annahme verbunden wären. Was hierbei im Frühchristentum und im Alltag des normalen Juden, Christen oder Moslem wohl kein Problem ist, weil man auf Grund des Gebotes eben ethisch, fromm oder gehorsam so handeln wird, als ob oder wie wenn man die Eltern, als ob oder wie wenn man Gott oder seinen Mitmenschen liebt, wurde gerade dieses als mögliche Unechtheit für Luther und den ganzen Protestantismus die entscheidende Frage der Werkgerechtigkeit. Die Folgeproblematik, wie die der menschlichen Freiheit, der Determination, der möglichen Besessenheit, Verlorenheit, Schuld und Erlösung, steht in einem engen Zusammenhang mit der Frage nach dem Sinn kirchlicher Formen, Formulierungen, Institutionen, Lehren und Dogmen und wurde im Protestantismus recht widersprüchlich ( z.B. bei Calvin anders als bei Luther), ungenau, spontan und eher intuitiv und pragmatisch fast nebenbei oder zufällig geregelt und zwar weitgehend in der Fortsetzung katholischer Tradition, da ja das, was dort - mehr oder weniger gut oder chaotisch - geregelt ist und als das normale Befinden des Menschen in Gut und Böse, Falsch und Richtig oder zwischen beidem „selbstverständlich" ist. Aber natürlich verdeckt nicht nur die Selbstverständlichkeit dessen den Blick auf diesen heimlichen Hintergrund dessen, um was es dann eigentlich logisch geht, was verstanden, formuliert, verteidigt und erkämpft wird, sondern, daß jenes Befinden, Verstehen, Formulieren, Verteidigen und Kämpfen immer zugleich auch wieder als das erscheint, um was es geht,  wobei das Befinden, das Verstandene, Formulierte, Geformte, Verteidigte oder Erkämpfte immer etwas anderes bleibt, was es war, oder wieder zu dem wird, was eigentlich geregelt werden sollte.
Man kann das ganze menschliche Befinden auf den Nenner dieses Gefühls bringen und es darauf reduzieren, die Menschwerdung Gottes und die Gottwerdung des Menschen sowohl in der Person Jesus oder allgemein. Man wird Tendenzen dazu in jeder Religion, Theologie und Philosophie finden.
Es handelt sich bei unserer Frage hier aber nicht um den Willen des Menschen selbst und auch nicht um den Willen zur Macht; auch der Vergleich mit unserer Lebenskraft als Lebenstrieb ist ungenau, da wir mit der Bereitschaft, dabei zu töten, auch die Bereitschaft verbinden, getötet zu werden. Die Wissenschaften sind bemüht, diesem Phänomen auf die Spur zu kommen. Die Philosophien und die Theologien haben eher versagt, und auch die von mir oben benutzten allgemein gebräuchlichen Begriffe dafür, wie „Kraft", "Entschlußkraft", "Trieb", „Eifer", „Aggressivität", „das Tier im Menschen", „Beleidigung des Tieres", „Begeisterung", „Wille" u.s.w. sind ungenaue Umschreibungen, da das gleiche Gefühl von Eifer, Begeisterung, Haß, Liebe u.s.w. wahrscheinlich auch dem Frieden, der Freundschaft, dem Sippen- oder Nationalbewußtsein, der Solidarität, der Liebe und der Sexualität und z.B. auch unserem Weihnachtsfest und jeder Tradition und Konvention zu Grunde liegt. Für unser Thema wichtig ist dabei ja die philosophische und theologische Frage nach der Instrumentalisierbarkeit und Realisierbarkeit von Erkenntnis und Täuschung, von Wahrheit und Unsinn, - eben durch das beschriebene Sentiment. Wer dieses z.B. bejaht und die Bejahung begründet, rechtfertigt alle Kriege und alle Philosophien und Religionen und damit zugleich das Chaos und auch die Sinnlosigkeit, und wer es einfach verneint und die Verneinung begründet, rechtfertigt nicht minder alle Kriege, da alle Kriege schließlich gegen den Krieg geführt werden, und er verneint alle Logik und jede Philosophie, die ja nur damit entsteht, was dann nichts anderes ist, als ihre Bejahung und das Chaos, als wäre alles Dichten und Trachten und Tun und Lassen des Menschen ohne Bedeutung. Sicher eine schlechte und übertrieben skepische Definition menschlicher Entwicklung bis heute, was als Reflexion für die weiteren Schlußfolgerungen aber zumindest ins Bewußtsein rücken könnte, daß der Menschen fähig ist, sowohl für wie gegen jeden Sinn und Unsinn mit heller Begeisterung zu kämpfen, zu töten und sich töten zu lassen. Es ist gerade im Chaos die Freiheit, die dem Menschen dabei gelassen ist und die uns verantwortlich macht.
Mit diesem Phänomen von Begeisterung und Eifer geht alles, ohne es wahrscheinlich nichts. Ohne solches zu reflektieren kann man aber weder die Person Jesus und seine Bedeutung in seiner Zeit noch seine Bedeutung in der Geschichte und für heute und auch nicht die Überlieferungen verstehen.
Man kann die Begeisterung bei solchen Kriegen, das Leben zu riskieren und andere Menschen zu töten, also kaum allein auf den eigentlichen logischen Grund der Auseinandersetzung oder auf Mordlust oder allein auf die geschickte Propaganda der Medien oder der einzelnen Heerführer zurückführen, wie man auch den Eifer bei der Erziehung der Kinder nicht auf die Wahrheit und Richtigkeit des Vermittelten allein zurückführen kann. Aber auch nur von der Psyche, von Adrenalin und ähnlichen Hormonen auszugehen, wäre wohl, Ursache und Wirkung zu verwechseln. Und man kann die auch nachträgliche Begeisterung und Inkulturation nicht allein damit begründen, daß eben nur immer die Sieger und Opportunisten übrigblieben und ihren Sieg weitergenießen und daß die ehemalig Andersdenkenden verschwunden wären.
Natürlich bleibt es ein schlimmes Verbrechen, wenn für das Töten und Getötetwerden ein sicherer und guter Platz im Himmel versprochen wird, was zu versprechen und dem zu glauben nichts weniger ist, als Gotteslästerung. Der Entschluß der „Zeugen Jehovas", sich nicht mehr an solchen Kriegen zu beteiligen, ist brav und richtig, wobei aber die Kehrseite, ihre dogmatische Begründung, daß es solche Widersprüche und Mißverständnismöglichkeiten in den heiligen Schriften nicht gäbe, sondern nur ihr eigenes jeweiliges Verständnis, nicht minder kein Beitrag zum Verständnis ist. Denn sowohl solche Dogmatisierung selbst als Haltung oder Handlung, wie auch die entsprechende Bezeichnung gehören zu solcher ungenauen Begrifflichkeit für die Konsensbildung und bestehen letztlich genauso auch durch die gleiche Haftigkeit, durch die ein anderer Katholik, Protestant oder Moslem ist.
Das uralte Unwesen eines Dogmas, das eben nur in seiner Wirksamkeit besteht, das derart von einem solchen Trieb getragen oder bekämpft wird, wird dabei nicht verstanden oder es wird verschleiert und verheimlicht und von der Gegenseite als Begrenztheit oder Heimtücke empfunden. Die bis heute gebräuchlichen Begriffe dafür wie „Fanatismus", „Krieglüsternheit", „Heldentum" oder „Kultur -„ bzw. „Religionspatriotismus" bezeichnen und werten zwar, aber erklären nicht das Phänomen. Ebenso sind die moderneren Versuche kaum mehr als solche Verdunklung und Vereinfachung der Problematik, als seien z.B. solche möglichen Mißverständnisse in den heiligen Schriften, die ja mit Energie und Gefühl von uns Menschen zu solchen erklärt wurden und als solche geheiligt werden, entweder von Gott gewollt oder geduldet, oder aber der Beweis, daß wir es nicht mit Gott und mit heiligen und göttlichen Worten zu tun haben und man die Religionen als den Grund für die Mißverständnisse und Kriege ganz abschaffen sollte, was dann aber in den Antireligionskampagnen und Antireligionskriegen noch grausamer, unmenschlicher und blutiger und dennoch vergeblich stattfand, weil aus gleichem Grund mit dem gleichen Gefühl.
Aus solcher Reflexion darauf und aus solchen Erfahrungen resultiert wohl auch die recht verbreitete Ansicht - selbst von weisen Leuten, - als spiele Vernunft und Logik, Wahrheit oder Unsinn für die Weise des Zusammenlebens keine oder nur eine untergeordnete Rolle, als sei Kultur, Religion und Zivilisation nur ein Außenlack und nur Alibi und Rechtfertigung von etwas ganz anderem. Dennoch ist gerade das "Mensch" und macht ihn liebenswert, unter welcher Fahne, zu welcher Zeit und mit welcher Sprache und Bildung er auch lebt.
Bei den späteren Überlegungen zu der Struktur und Funktion unserer Konventionen und Begriffe für unsere Entwicklung, die es ja dennoch gibt, erscheint dieses Sentiment quasi als Kitt und wird dabei vielleicht noch etwas deutlicher.
 

Zu bedenken jedenfalls ist dabei unsererseits, wenn man den Menschen jene Übereinstimmung des Glaubens mit den Heiligen Schriften und bestimmten Sprach- und Lebensformen wie auch die Übereinstimmung untereinander einfach wegnehmen will, soweit Glaube und Schrift und Lebensform noch unreflektiert als identisch oder als das Gleiche empfunden werden, wie es wohl bei den meisten Christen und wahrscheinlich mehr noch im Islam und ähnlich in anderen Religionen der Fall ist, daß es nämlich leichter ist, ein Haus abzubrennen, wie immer es auch zustande kam oder besteht, als ein solches aufzubauen.
Obiges nicht aus den Augen verlierend gilt es nun den sozialen Aspekt langsam zu verdeutlichen und solche Gemeinsamkeiten und Allgemeingültigkeiten und die Weise der Konsensbildung ganz nüchtern als solche zu erkennen und zu verstehen, wenn man den Menschen liebt, - aber eben auch, was das ist, wenn man einen allgemeingültigen biblischen Wortlaut wörtlich nimmt, wenn man eine sprachliche Darstellung oder ein Heiligenbild oder eine Skulptur anbetet, aber dabei sowenig den Bildgegenstand, also die Leinwand oder Farbe oder das Holz der Skulptur meint, wie die Druckerschwärze oder das Papier eines Buches. Es gilt heute zu verstehen, was mit dem mosaischen Verbot der Götzenanbetung verboten wird. Zu solcher Begrifflichkeit der Konsensbildung gehört ganz symptomatisch das Weihnachtsfest, in dem die Familie als der Beginn jeder menschlichen Existenz, als der Beginn jeder Sprache und ihrer Gültigkeiten und Begriffe gefeiert wird, wobei Eltern ihren Kindern gegenüber ja wohl immer zu Dogmatikern und Despoten werden und wir in der Familie wohl auch diese Alleingültigkeit als Einmaligkeit feiern, was wir keineswegs von der Form her aus dem Jüdischen übernommen haben, sondern was sich als Kernstruktur einer humanen Gesellschaft verdeutlichen wird.. Natürlich wird Weihnachten auch als Beginn der christlichen Allgemeinheit oder als Beginn einer universalen friedlichen Allgemeinheit der Menschheit gefeiert. Natürlich muß man dabei ganz nüchtern auch sehen, daß dabei jede Familie, jede Konfession und Religion eben auch sich feiert und meint. Nur auf den ersten Blick scheint es abwegig, wenn man die Begriffe „Sehnsucht der Kreatur nach Frieden und Verständnis" als gleiche Ungenauigkeit gleichsetzt mit schon lange gebräuchlichen Begriffen wie Begeisterung, Parteinahme, Engagement, Einsatz, Mut, Einseitigkeit, aber auch Besessenheit, Kampflust, Ehrgeiz, Dogmatismus, Verbohrtheit, Verschlossenheit, Krieg, Sieg und Feier. Nicht von ungefähr erfreuen sich Kriegsdarstellungen zu Weihnachten großer Beliebtheit, aber nicht nur zu Weihnachten. Es scheint sogar, als wenn die Kraft und der menschliche Kampfgeist um die Wahrheit am Ende den Sieg bei diesem Kampf und die Umstände, die zu diesem Sieg führten, über die Wahrheit stellen oder als die Wahrheit selbst ausgeben, wobei der allzumenschliche Despotismus nach dem Sieg die Frage nach der Wahrheit vergißt und die Kampfkriterien zu Wahrheitskriterien macht. Das alles sind alte ungenaue und unverstandene Bezeichnungen. Natürlich kann man den Papst und auch Gott so sehen. Aber seit Jesus bereits, dessen Familie er offensichtlich niemals als Abgrenzung sondern eher als Ausgrenzung empfand, seit Kopernikus und Kolumbus, Newton und Einstein hat sich nicht nur das Verständnis der Welt für den Einzelnen, sondern auch sein Verhältnis zu ihr verändert, so daß die Ungenauigkeiten der alten Begriffe der Konsensbildung viele neue Widersprüche und Mißverständlichkeiten transportieren. Aus dem Familien und Stammesgott der Juden z.B., was man als Konsens und jüdische Allgemeingültigkeit nicht nur allegorisch als genetische Zuordnung sehen darf, wurde in der nachösterlichen, neutestamentlichen Weihnachtsgeschichte der Gott für jeden, womit Judentum in der religiösen Begrifflichkeit heute als Verneinung des Außerhalb mit dem heutigen Weltverständnis als Rassismus mißverstanden würde, wenn man unreflektiert in der alten Begrifflichkeit bleibt. Dies gilt natürlich für alle Religionen, Völker und Sprachen, die in ihren jeweiligen Kriegs- und Konsensbegrifflichkeiten eine Gültigkeit immer noch zugleich als provinzielle Verneinung oder Ausgrenzung des Außerhalb formulieren und ganz real bereits durch Sprache bzw. Religion praktizieren und heute aber zugleich eine neu zu reflektierende und neu zu definierende - weil gewußte - Zugehörigkeit nicht nur zur jeweiligen Generation aller Menschen auf dem Globus bezeichnen, sondern auch Zugehörigkeit zu einem gemeinsamen Gencode, zu einer allen gemeinsamen Struktur von Religion, von Sprache, Bewußtsein und Erkenntnis.
Meine Gegendarstellung an einen Atheisten heißt denn auch erstmal ganz unreligiös als Vorwurf, daß solche „alte" Front- und Parteilichkeitsstruktur auch in Ihrem Artikel mutig, kämpferisch, begeistert, intelligent und scharfsinnig mit der eigenen Wahrheit das Ansinnen enthält, z.B. die christliche Religion zu verneinen, was so unsinnig und unvernünftig ist, wie auch alle Religionen und letztlich alle Sprachen und die Geschichte des Menschen zu verneinen und für ungültig zu erklären, obwohl all dies ja nun mal da ist, womit aber das, was wir mit „Krieg", „Wahrheit", „Für-wahr-halten", „Familie", „mutig" u.s.w. bezeichnen, um nichts besser verstanden wäre.
Ich muß deswegen darstellen, in welcher Weise sich alte Gültigkeitskriterien und ihre Begriffe zu einem abstrusen Menschenbild unserer Modernen verdichtet haben, abstrus nämlich bereits deshalb, wenn z.B. Sprache und Religion ohne ihre Entstehung und die Art ihres Bestehens gedacht wird. "Mit einem neuen Himmel und einer neuen Erde" oder mit jeder neuen Weltsicht in jedem Jahrhundert entsteht ja nicht auch eine neue Sprache, eine neue Tradition und neue Konventionen.
Ohne die aufgezeigte Problematik, die wir Christen mit der Überlieferung nun mal haben, vertuschen zu wollen, kann ich aber eine heute erforderliche und mögliche Vernunft auch als neue Aufklärung des neuen Jahrtausends verlangen und aufzeigen, wie ich im Folgenden umreißen will, die die Eigengesetzlichkeit der Form und den ganz anders strukturierten Inhalt als unser Bewußtsein oder unsere Identitätsform kennen und nennen sollte, wobei man natürlich nicht das eine vom anderen trennen kann.
Es ist doch schon der Aufklärer Kant, der vor über 200 Jahren zumindest im Ansatz schon diese Schwierigkeit zu verstehen sucht, und sich über diejenigen lustig macht, die das Jenseits mit diesseitiger Logik vermessen wollen, indem sie ja nichts anderes tun, als alte Vorstellungen statt mit den dazugehörigen nun mit neuen Kriterien messen und rechtfertigen wollen.

Daher machen sich leere Fragen nach den Örtern der unstofflichen Substanzen in der Körperwelt (von denen es doch aus eben dieser Ursache keine sinnliche Anschauung gibt, noch eine Vorstellung unter einer solchen Form), nach dem Sitz der Seele und nach anderem dieser Art breit, und da man das Sinnliche mit dem Intellektuellen, wie das Viereckige mit dem Runden, unschicklich vermischt, so trifft es sich meistens, daß einer der Streitenden den Bock zu melken, der andere ein Sieb unterzuhalten scheint. (ungefähr B 176, A 136, Schriften zur Methaphysik und Logik)

Aber er macht sich, wie ich hoffe, wohl kaum über die Einfach-Gläubigen lustig, die entweder weiter in der alten Begriffswelt oder in zwei seperaten Begriffswelten argumentieren und denken, und er meinte damit wohl die professionellen Jenseitsspekulanten auf den Lehrstühlen; er demonstriert demgegenüber zugleich, wenn vielleicht auch ungewollt, daß dies eine hochkomplizierte Problematik ist, die auch ihn selbst überforderte. (Gerold Prauss gelingt in unserer Zeit ein kleiner Schritt weiter). Zweierlei Begriffswelten zugleich ist durchaus menschenmöglich, woraus sich natürlich Widersprüchlichkeiten ergeben, mit denen wir irgendwie zurechtkommen. Die Philosophen unserer Tage sind sich in der Mehrzahl z.B. darin einig, - wozu Kant wohl beigetragen hat -, daß es Zahlen als etwas Objektives nicht gibt, woraus sich blind-aufklärerisch ja nicht nur ergeben könnte, daß es müßig wäre, die Ausmaße des biblischen Himmels und die Anzahl der Menschen dort im Himmel zu berechnen, was Kant klarmachen wollte, oder nach Buddha jegliche Anzahl zu bestreiten, indem man nur ein Ganzes annimmt, sondern daß auch die Berechnungen im Diesseits müßig wären, wenn man sie als Wahrheiten bezeichnet, was aber doch nicht heißen kann, daß wir im Leben unser Haushaltsgeld nicht vernünftig einteilen sollten oder die Konstruktion einer Brücke oder eines Hauses nicht sorgfältigst berechnen sollten und könnten, - auch wenn wir mit solchen Rechnungen weder die eigene noch eine andere irdische noch eine jenseitige Existenz bewerten können.
Entsprechend bleibt die Frage bestehen, wie denn Jesus gehandelt und gewandelt und wie Auferstehung und Himmelfahrt stattgefunden hat, was man nur mit dem „ob" oder „warum" nach dieser oder jener Beschreibung verbinden kann, was aber heute auf den Überlieferer, den Menschen mit seiner Sprache, den Christen wie Nichtchristen und seine allgemeinen und persönlichen Eigenschaften verweist, aber sie ist untergeordnet, wo immer eine persönliche Erfahrung mit diesem Jesus stattgefunden hat, wie bei seinen Jüngern, wie bei Paulus und wie auch heute noch, was man nicht einfach als Lüge, Heuchelei abtun kann, weil ersteres nicht verstanden ist.
Es bedurfte zu Beginn der Christenheit wie immer schon und bedarf heute genauso ganz offensichtlich einer Sprach- - und noch besser gesagt - einer Denkregelung, wobei heute einfach, real, selbstverständlich und dennoch mehr als trivial verstanden sein sollte, was dabei zu regeln ist, wenn darin Verstand, Verständigung und guter Wille statt Kriegsbereitschaft und Siegesbedürfnis zum Ausdruck kommt oder statt drohendem Abgrund von Gottlosigkeit, Wertlosigkeit, Verzweiflung und dem Gefühl, mit der Religion und auch der eigenen Sprache betrogen worden zu sein, wenn sie ungültig würde. Sie werden sehen, wie dieses möglich ist, - wobei die in der Tat unterschiedlichen Ansichten, ob es nun einen Gott gibt und ein Jenseits nach dem Tod oder nicht, ja keine feindlichen und nicht einmal feste Fronten sondern mehr nur unterschiedliche Erfahrungen  - oder meinetwegen - unterschiedliche Hypothesen oder Hoffnungen darstellen. Grob umschrieben oder angedeutet wäre es die Minimaleinsicht, daß die reale Individualität eines gültigen Menschen eben nicht nur in seinem individuellen meßbaren und lesbaren Gencode besteht, sondern daß man seine Gedanken und Erfahrungen und seine Geschichte, Religion, seine Wertungskriterien und Sprache als nicht minder real akzeptieren muß.
Die unterschiedlichen Beschreibungen des Himmelreiches im Neuen Testament, ob dieses Himmelreich nun in uns oder dort ist, wohin Jesus aufgefahren ist, sind z.B. solche Formen und Formeln, wie wir sie als Überlieferung nun mal haben und auch nicht in dieser oder jener Weise verändern sollten, wie es in frühester Christenheit sicher üblich war. Nichts anderes, als die Christenheit noch mehr zu spalten, wäre heute die Folge, z.B. die Präsentation einer echten und unechten Überlieferung als echte und unechte Botschaft, wobei die gemeinsame Überlieferung das langsame Entstehen einer gemeinsamen neuen Begrifflichkeit zumindest erleichtert.
 

Begriffe als Hypostasen und Mythen
zum Anfang

Hinzu kommt vorher aber noch ein weiterer Aspekt, der bis heute weitgehend übersehen oder als Mythologisierung benannt verkannt wurde: Unreflektiert benutzt man ja nicht nur in religiösen Dingen bekannte und erkennbare Formeln und Formen als Bekenntnis und zur Selbstidentifizierung, - wenn man z.B. sagt, „Ich bin ein Deutscher.", wobei man einerseits etwas andeutet, das inhaltlich sehr vielschichtig und meist nicht einmal verstanden oder sogar nicht einmal gemeint ist, womit man andererseits aber auch die Gültigkeit jener Form oder Formel behauptet. Gewissermaßen, - ich übertreibe jetzt, um zu verdeutlichen -, ist die Aussage, „Ich bin ein Deutscher." oder „Ich bin ein Christ." Oder „Dies ist ein Stein." zugleich quasi eine Kampagne für die Gültigkeit der Begriffe „Deutscher", „Christ" oder „Stein". Dies ist keine Spitzfindigkeit, die ich versuche. Neben der Funktion des Begriffs in der subjektiven Erkenntnis- und Bewußtsseinsstruktur des Menschen hat und ist die jeweilige Vokabel ja nicht nur Informationsfunktion, sondern ist immer zugleich auch noch die Behauptung ihrer jeweiligen Gültigkeit, wobei sich dieser Gültigkeitsanspruch von Begriff und Aussage aus der Gültigkeit und mit dem bzw. durch den Gültigkeitsanspruch des Sprechers ergibt, - aber zugleich eben auch umgekehrt, daß nämlich der Sprecher durch Sprache und Inhalt gültig wird. Hier vermischt und vertauscht sich wechselseitig so etwas wie Ursache und Wirkung, wobei nämlich zudem Gültigkeit nicht nur ein Produkt wie auch eine Qualität des Individuums quasi vor sich selber ist, sondern beides, sowohl Gültigkeit als Produziertes wie auch Gültigkeit als Qualitäts- oder Wahrheitswertung, von der Allgemeinheit her kommt, - d.h. also auch in diese hineingeht. Mit anderen Worten: Durch Form und Inhalt einer Aussage demonstriert und bekommt der Sprecher seine Gültigkeit vor einer Allgemeinheit, wobei genau dadurch jeder einzelne Mensch dieser Allgemeinheit auch erfährt, was gültig ist. Den darinliegenden soritistischen Widerspruch hat Bertrand Russel nur mathematisch formuliert, in seiner Philosophie aber noch nicht angewandt und Russell hat das nach ihm benannte Russellsche Antinom in solcher allgemeinen Konsequenz wohl auch nur geahnt.
Diese vereinfachte Umschreibung soll zeigen, das hier der Mensch ohne Reflexion quasi zu einer Art Fehlschaltung, d.h. zu einer Art Mißverständnis neigt, wenn eine Aussage als Wahrheit zu einem Begriff und zu einer Art Vokabel wird, und sich der Mensch dann in solcher Abhängigkeit fühlt. Weil es fehlende Reflexion ist, die dazu führt, kann man natürlich bei den Folgen von Naivität oder Dummheit sprechen und von Verschlagenheit, solches auszunutzen und zu instrumentalisieren, wenn z.B. aus einer komplexen und komplizierten gesellschaftlichen Theorie oder Struktur wie Staat oder Familie ein Ismus wird mit einem Begriff und einer Vokabel wie z.B. Nationalismus, Sozialismus oder Fundamentalismus. Andererseits aber ist es nichts anderes als Kultur, als unser alltägliches Verhalten, mit der Logik solcher Begriffe zu argumentieren, danach zu handeln und zu werten, wie wir noch sehen werden, wobei es noch keiner Philosophie, Soziologie oder Psychologie gelungen ist, die jeweilige Kausalität der freien, bewußten menschlichen Handlung dahinter zu entschlüsseln. Und auch, wenn es gelingen wird, einen allgemeinen Begriff für derartiges Fehlverhalten zu finden, wenn wir z.B. von der Ideologisierung einer Idee sprechen, kann auch dieser wiederum zum Fehlverhalten verleiten, wenn wir ihn zurecht oder zu Unrecht als Keule benutzen statt zur Aufklärung.
Eine Reflexion auf die genannte Doppelstruktur jeder Aussage, ehe ich z.B. auf die Aussage „Ich bin ein Deutscher." einfach antworte „Deutscher ist Quatsch oder Unsinn." oder „Christ ist Quatsch oder Unsinn" oder auch wenn ich auf die Behauptung „Dies ist ein Stein." antworte „Stein ist Quatsch oder Unsinn", ist nicht nur eine Sache oder ein Gebot von Höflichkeit und Anstand, sondern bedeutet auch Verantwortung für die Situation, die man damit herbeiführt und ist somit eine Handlung, was uns zugleich zum Kern unseres Themas bringt.
So funktioniert ja nicht nur Sprache überhaupt, wenn man die Vokabel eines Begriffs als solche Formel
X=N
verstehen will, wie es Gottlob Frege quasi als warnender Prophet noch vor den weltanschaulichen Katastrophen unseres Jahrhunderts auf den Punkt brachte oder ins Licht setzte, sondern liegt über die Art menschlicher Erkenntnis auch dem Verhalten und Fehlverhalten zugrunde, wenn z.B. der Begriff „ein Mensch" als X und N für einen konkreten Menschen genommen wird wie „Dieser Mensch ist Augstein.". Die Geschichte vom „kranken Lazarus" z.B. wurde zu einem Begriff „X", wonach dann „N" eine konkrete Situation heute wäre, wobei es für die Anwendung eigentlich völlig gleichgültig ist, ob jene Geschichte tatsächlich passierte, ob sie eine authentische Äußerung Jesu war als ein Gleichnis, oder eine Erfindung des Evangelisten. Gottlob Frege verlangte aber, um diese Einsicht für eine rein wissenschaftliche Begriffsschrift nutzen zu können, daß man die jeweilige Bedeutung von Begriff oder Name, d.h. von „X" oder „N" unterscheidet von dem jeweiligen Sinn, in dem „X" oder „N" benutzt wird und Letzteres ausklammert, was in keiner normalen Sprache und erst recht nicht in einer theologischen möglich ist, wo immer die Bedeutung zugleich der Sinn oder nur der Sinn sein kann und wo der Name wiederum zu einem Begriff werden kann, wenn ich zum Beispiel sagen würde „Georg ist ein Augstein" oder „Georg ist kein Augstein.", womit ja keine bestehende oder fehlende Gleichheit oder Ähnlichkeit von Georg mit Augstein gemeint sein könnte, und dieses auch nicht in der Bedeutung von Allgemeingültigkeit. Hiermit deute ich nur an, daß in solchem, aber auch im allgemeinen Sprachgebrauch, mit dem wir völlig zurecht dennoch etwas ganz Bestimmtes und Eindeutiges aussagen können, dennoch auch die Möglichkeit oder Gefahr von falschem Verständnis und falschen Schlußfolgerungen und Widersprüchlichkeiten erwachsen können, wenn ich dann Behaupten würde „Augstein ist wie Georg", was Russell als grammatisches Problem bezeichnet, was aber nicht nur bedeutet, daß als Problem ein falscher Gebrauch der richtigen Grammatik vorkommen kann, sondern, daß die Sprache und Grammatik überhaupt Fallgruben von Widersprüchlichkeiten enthält, ohne welche eine Sprache überhaupt nicht funktionieren könnte, wie wir noch sehen werden. Der Name „Augstein" hätte dann aber nicht mehr die gleiche Bedeutung wie der Begriff „Augstein". Es wäre anschließend z.B. legitim nach obigem Beispiel „Georg ist kein Augstein" die Prädikation von Augstein, die damit den Namen „der Augstein" zu einem Begriff „ein Augstein" verändert hat, zu substantivieren d.h. als Subjekt zu gebrauchen, was dann aber keine Rückverwandlung des Begriffs zu dem ursprünglichen Namen bedeutet, denn wie man das Prädikat „groß" zu „Größe" substantivieren kann, wonach man z.B. behaupten könnte, „Größe ist, Gleichmut zu bewahren.", so könnte man von „Augstein" als substantivierter Begriff ganz richtig sagen kann „Ein Augstein hat Politik bestimmt." , was sich unterscheidet von der Aussage "Der Augstein hat die Politik bestimmt.". „Augstein" ist dann nicht mehr der Name eines Menschen sondern ein ganz bestimmtes Qualitätskriterium für Journalisten. Der Bedeutungswandel bei dem Wortwandel von Name zu Begriff und dann zu einem neuen Namen für eine journalistische Qualität ist keineswegs beliebig, sondern wird von dem Sinn der ersten Prädikation bestimmt und ist in der genannten Anwendung von „Größe" ganz offensichtlich und hat nichts mehr mit einem Längenmaß, oder einer Schuhgröße oder schauspielerischen Talenten zu tun. Weniger offensichtlich falsch wie Längenmaß, Schuhgröße oder schauspielerisches Talent im vorigen Beispiel mit dem Prädikat „groß" wäre es, wenn aus dem substantivierten  Prädikat und Qualitätskriterium „Augstein" eine falsche, unberechtigte Bedeutung würde, wie etwa „Ein guter Journalist muß die Politik bestimmen." oder „Die Politik wird von Journalisten bestimmt." oder noch negativer „Die Politik wird von Augsteinschem Journalismus bestimmt."
Übersehen wurde bislang, daß in dem bereits recht komplizierten grammatischen Konstrukt „Augsteinscheinschem" nicht nur eine Allgemeinheit bezüglich der Menge des so gemeinten Journalismus enthalten ist, die als Ganzheit über jede Sprachgrenze hinausreichen kann, sondern auch eine Allgemeinheit der Bedeutung bezüglich der Sprechenden, von der die Allgemeinheit der Journalisten nur ein kleiner Teil ist, die derart jenachdem gegenüber der größeren Menge mit Lob bedacht oder in Mißkredit gebracht werden oder gebracht werden können. Mathematisch betrachtet haben wir mit diesen beiden Mengen ein Sorites oder stoßen damit auf das Husserlsche Antinom, das sprachlich oder weltanschaulich als ganz reale und verbreitete Fehlleistung deutlich wird, wenn z.B. ein Journalist sich selbst als Öffentlichkeit versteht oder wenn man den Journalismus als Öffentlichkeit bezeichnet, was in einem Fall als Bedeutung richtig und in einem anderen Fall sicher falsch sein könnte. Wenn man z.B. von einem Haufen Weizenkörner ein Korn wegnimmt oder auch die Hälfte aller Körner, bleibt dennoch der Haufen erhalten; man hätte im letzteren Fall dann sogar zwei Haufen oder einen ganzen Haufen von Haufen, bzw. eine Menge von Mengen, nicht aber einen halben Haufen oder gar halber Weizen oder halbe Körner, wie es grammatisch logisch und möglich und sinnvoll sein aber auch Unsinn sein kann, von einer halben Sprache, einer halben Religion, einer halben Kultur oder einem halben Menschen zu sprechen. Relativ einfach ist es, anhand solcher Beispiele viele mögliche Mißverständnisse aufzuspüren, daß z.B. „Journalismus" nicht nur oder jenachdem überhaupt nicht die Menge aller Journalisten bedeutet, wie „Sprache" nicht nur oder jenachdem, was man sagen will, überhaupt nicht die Menge aller Leute bedeutet, die diese Sprache sprechen, sondern substantiviert wie einen Gegenstand verstanden wird, der auch ohne die Leute, die die Sprache sprechen, existiert, was als Aussage sowohl berechtigt wie auch Unsinn sein kann. Wir wissen, daß bei den Pythagoäern noch Zahlen und geometrisches Funktionen und zwar in der Form solcher substantivierter Attribute wie Gottheiten empfunden und verehrt wurden, wie es auch heute ganz unsinnig wäre, bei der durchaus auch (oder noch) sinnvollen Bezeichnung z.B. „Winkelfunktion" von der Funktion eines Winkels im Sinne einer allmächtigen und göttlichen Tätigkeit eines Winkels zu sprechen. Derartige Hypostasierungen zu Göttlichkeiten auch von Rechtsbegriffen kennen wir noch in der sog. „Pax Romana" bis ins 3. Jahrhundert d.h. bis zur Zeit der Festlegung des Neuen Testamentes und unseres christlichen Glaubensbekenntnisses, was damals als Verirrung nicht nur in dem römischen Staatsverständnis, sondern sich mit oder neben dem christlichen Glauben auch in Gnosis und Gnostik niederschlug und was bis heute im Okultismus verschiedenster Art noch lebendig ist. Dieses kann die Heiligkeit biblischer und apostolischer Schriften und Zeremonien jener Zeit, was sich auch auf den jeweilig erzählten Inhalt erstreckte, verständlich machen, was sich erst heute recht verstehen und zwischen Sinn und Unsinn unterscheiden läßt. Schwieriger ist es, die auch weiter bestehende ethische Dimension hinter solcher Grammatik zu reflektieren, und unmöglich wäre es, alle möglichen Mißverständnisse und allen möglichen Mißbrauch im Einzelnen zu nennen und zu verbieten.
Bertrand Russell war es denn auch, der zwar die Bedeutung der Kantschen Philosophie für das Verständnis der Grammatik verkannte, was man auch Kant unterstellen darf, wobei Russel aber die große Bedeutung Freges erkannte, der eine eindeutige Begriffsschrift entwarf, wobei Russell jedoch offenließ, ob solcher Mangel der Umgangssprache durch eine Perfektionierung der Grammatik erreicht werden kann, wie es Frege ausschließlich für die Wissenschaften mit einer hochkomplizierten Zeichenschrift versuchte und forderte, oder ob oder wie solcher Mangel über die Reflektion auf die Gesamtproblematik von Sprache und Grammatik zu versuchen sei, wie ich es im Folgenden versuche, soweit es die Erfahrungen bis heute ermöglichen und notwendig erscheinen lassen. Angesichts der großen Leichenfelder unseres Jahrhunderts, mit denen gerade die „aufgeklärten" Nationen das finstere Mittelalter und alle anderen Kulturen übertrafen, ging Russell an die breite d.h. laienhafte Öffentlichkeit, eben zu jener Allgemeinheit. Und sicher wäre es auch zu einfach, unsere Schuld allein mit solchen Hypostasierungen durch Substantivierungen der Begriffe aus dem Bereich von Blut, Boden, Rasse, Evolution und Kultur zu begründen, als sei auch der Mensch nur eine Funktion der Grammatik oder der Materie und ohne Verantwortung. Erst in der Gegenwart gelang es Gerold Prauss nachzuweisen, daß sich mit solcher Prädikation nicht nur eine Existenzaussage des Prädizierten verbindet (Siehe Gerold Prauss „Die Welt und wir" ab Seite 675), wie z.B. „das Deutsche", sondern daß dieses als erkanntes Prädikat in der zeitlichen Grundstruktur immer auch als anderes objektives Subjekt oder subjektives Objekt entworfen ist (Siehe Gerold Prauss „Die Welt und wir" ab Seite 919), was unreflektiert allerdings einen Rückfall in Animismus bedeuten würde, selbst dann, wenn inhaltlich damit das Gegenteil von Animismus gemeint wäre, als könne man dann wie einen Götzen Gott, Nation, Kultur, Rasse, Evolution und auch Wissenschaft u.s.w. machen, anbeten, ehren u.s.w. und anschließend als solche handeln, nämlich als Gott, Nation, Kultur, Rasse, Evolution bzw. Christentum, Islam oder auch als Wissenschaft u.s.w. und zugleich quasi in deren Auftrag auch noch gehorsam sein, wie man sich durchaus sinnvoll auch einem Augsteinschen Journalismus verpflichtet fühlen kann, was alles als Denkbarkeit und besonders als Bezeichnung oder Darstellung aber seine Berechtigung hat, wenn Gott, Nation, Kultur, Rasse, Evolution, Augsteinscher Journalismus oder Christentum, Islam - oder welcher Ismus auch immer - nicht zum Subjekt, zum Götzen, zur Doktrin oder zur Keule gegen andere Menschen wird.

Auch oder gerade mit dem berechtigten und verbreiteten wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Argument unserer Tage muß man auf die Leichenfelder der Ideologien, der National- und Religionskriege sehen, daß natürlich die Aufklärung samt Reformation, französischer Revolution, Aufblühen von Allgemeinbildung, Wissenschaft, Sozialforderungen, Rechts- und Staatsstruktur, Rechtskultur und medizinischer Versorgung u.s.w. andererseits auch die Voraussetzung und Möglichkeit war, daß in den letzten 15 Generationen etwa 20 bis 40 Milliarden Menschen überhaupt das Licht dieser Welt erblickten bzw. das Erwachsenenalter erreichen konnten, wie dennoch als sich fast aufdrängendes Mißverständnis keine Geburt  einen Mord rechtfertigen könnte, besonders, wenn der Massenmord quasi als Mißverständnis, als Denkfehler oder Unsinn, nämlich als Wahnsinn geschah oder geschieht, - wie im „Kalten Krieg" auf beiden Seiten im Namen der Menschlichkeit, in den Weltkriegen auf allen Seiten im Namen nationaler oder völkischer Macht oder Souveränität, in den rassistischen und eugenischen Verbrechen der Deutschen im Namen der Wissenschaft, wo aus Wissenschaft Empirismus und Epistemopathie, nämlich abergläubischer Wahnsinn wurde, oder Rechtfertigung dafür, daß im Dreißigjährigen Krieg die Konfessionen im Namen des gleichen Gottes 2/3 der Bevölkerung vernichteten.

Keinesfalls aber will ich Ihre Kritik an unserem Christentum nur als solche Entgleisung abtun; und ich will auch nicht die von Ihnen umrissene Problematik in unserem Glauben derart leugnen, und Sie sprechen ja aus, was allgemein gedacht wird und von namhaften Theologen vertreten wird. Würde ich aber einfach nur behaupten, daß Ihre oder daß diese Kritikpunkte unseren Glauben gar nicht berühren, müßte ich die verbreitete Verunsicherung und Ratlosigkeit ignorieren, die durch diese Argumente längst entstanden sind. Es geht mir hier um die Bedeutung von Jesus, deren Problematik in Ihrer Fragestellung und auch noch in der Sicht von R. Bultmann vor fast 100 Jahren nicht beantwortet werden konnte und auch nicht kann, insofern, als zwischen dem realen oder existentialen (nach Bultmann) oder dem geschichtlichen Jesus als dem wahren einerseits und dem unwahren mythologisierten Jesus zu unterscheiden wäre. Natürlich ist nicht zu rechtfertigen, den Leuten und Kindern eine Unwahrheit zu predigen und glauben zu lassen, damit sie Christen und Kirchenmitglieder werden oder bleiben, oder damit sie anständige Menschen werden oder bleiben und erst recht nicht, damit sie unterwürfige staatstreue Bürger bleiben - ganz gleichgültig, ob sie damit Objekte einer guten oder bösen Politik wären. In der peinlichen Konsequenz hieße dieses aber auch, wie es auch Nietzsche ausdrückt, als sei der Jesusglaube nur durch Irrtum, Schwindel und Gewalt von Seiten der Predigt und durch betrogene Leichtgläubigkeit und üblichen Opportunismus auf Seiten der Gläubigen zur Weltreligion geworden.
Was heute zu erkennen ist und was ich deutlich und plausibel zu machen versuche, ist, daß jener Denkansatz der Aufklärung in verhängnisvoller Weise zu einfach, ja falsch und geradezu naiv ist, und daß die daraus resultierende Peinlichkeit, nämlich unserer Zeit, noch größer ist, als die Postulate der Evangelien, wenn sicher viele Theologen und auch Pfarrer und Kirchenbeamte wie Angestellte der Gegenwart die „Wahrheit" bzw. das „Wissen" um die "Unwahrheit" in esoterischer Überlegenheit und Verschlagenheit als Geheimwissen für sich behalten und die „Unwahrheit" predigen und ganz bewußt gelogen sie als Wahrheit ausgeben oder stillschweigend tollerieren, was natürlich mit Heuchelei richtig bezeichnet ist.
Wie bei unserem Beispiel einer brauchbaren Mathematik mit aber nicht existenten Zahlen kann Sprachregelung eben nicht bedeuten, die Mathematik als Schwindel zu bezeichnen und lächerlich zu machen.
Aber die meisten Pfarrer zitieren die biblischen Rahmenerzählungen längst als Berichte „nach Markus", „nach Mathäus", „nach Lukas" oder - „Johannes" und kommen dann auf das Wesentliche, was nur dann als ein rhetorischer Trick und als Heuchelei bezeichnet werden könnte, wenn dahinter auch der Glaube an Gott und an den menschlichen und dann auferstandenen Jesus nicht mehr bestünde.
Was ich verdeutlichen muß ist genau das Husserlsche Antinom oder der Sorites in der Ablehnung dessen, was mit Mythologisierung, Sage oder Legende als das Unechte der Überlieferung stigmatisiert wird, weil damit als Voraussetzung der Ablehnung das im Prinzip gleiche Hypostatische als das Entgegengesetzte, nämlich das „faktisch Reale" oder „Existenziale" oder Beweisbare nicht nur benutzt sondern zusätzlich hypostasiert wird. Dieses läßt sich durch moderne Physik und Mathematik beweisen, aber besser noch über den Weg der Philosophie, wie sie Prauss demonstriert. Wenn wir den Menschen Jesus vor uns hätten, müßten wir ja in gleicher Weise die Hypostasen „Vater", „Mutter", „erstgeborener Sohn", „Sohn", „Mann", „Nazarener", „Jude", „Gesicht", „Intelligenz", „Sprache", „sein Einfluß", „Heilungen" u.s.w. bejahen wenn wir alles solches ganz „normal" und real und existential verstehen wollten, es sei denn, wir wollten das Faktische auf physikalische Vorgänge beschränken, das würde in letzter Konsequenz bedeuten, daß wir z.B. auch das subjektive Gefühl von Hunger auf die Anziehungskraft bestimmter Moleküle im Körper auf andere Moleküle zurückführen, damit sie ihre Funktionen erfüllen können. Wir würden derart Jesus und sein Handeln natürlich nicht verstehen können und erst recht nicht, ob er ein von Gott gewolltes Wesen ist.
Nur in der Reflexion darauf und nicht in der teilweise Bejahung und Ablehnung des Hypostatischen, ohne das wir gar keine Begriffe hätten, ist ein annäherndes Verständnis Jesu, der Evangelisten und der frühen und der heutigen Christen möglich. Die Menschen gehen ja nicht zur Weihnachtsvesper oder beten zu Gott, weil Jesus am 24. Dezember geboren ist, weil er bestimmte Wunder getan hat, weil die Hirten die Engel hörten und ein Kind aufsuchten, sondern, weil Weihnachten ist. Und so dringend sich hierbei die Notwendigkeit zeigt, das Kriterium der Allgemeinheit zu berücksichtigen, die z.B. Weihnachten feiert, so konsequent zeigt sich dabei, daß gelungene Reflexion immer Selbsterkenntnis und Menschenkenntnis bedeutet, d.h. Blick auf sich selbst im Kontext zur sprechenden Person, zur Sprache und zur jeweiligen Allgemeinheit.

Stand  gegenwärtiger Theologie.

Ich muß in diesem Kapitel, quasi als Einschiebung, den einfach Glaubenden in Schutz nehmen, vor Ihnen und Ihren Vereinfachungen natürlich, auch vor meiner Kompliziertheit des Vorigen, die sich mit dem Thema des nächsten Kapitel, den meist gar nicht in den Begriffen erkennbaren Bedeutungsinhalten und „natürlichen" Grundwerten noch weiter kompliziert und erst später von da aus klären läßt, aber auch vor dem heutigen Stand der Theologie, und zwar insgesamt vor dem Eindruck, als handle es sich bei diesem Jesus nur um ein Mißverständnis, und ich hoffe, daß ich ihn nicht noch mehr verwirre sondern bereits ein paar positive Aussagen machen kann.
Ein heutiger Theologe sagt z.B.:

Dabei ist in aller Klarheit festzuhalten, daß die Auferstehung kein historisches Ereignis ist. In dieser Feststellung ist enthalten, daß die Theologie keine historischen Tatsachen postulieren kann und zu postulieren braucht, da sie von der Verkündigung lebt; daß sie sich andererseits nicht pauschal an der historischen Forschung desinteressiert erklären kann, indem sie sich auf ein Glaubenszeugnis zurückzieht. Sonst ergibt sich die fatale Konsequenz, daß dieses zum Glaubensgegenstand wird und Glauben hieße dann, ein historisches Faktum auf fremden Glauben hin für wahr zu halten. Glaube wäre zum Entschluß, also zum »Werk« geworden. Das ist der Preis, der für die Veranschaulichung des Glaubensgegenstandes  zu zahlen ist. Gerade angesichts des Zeugnisses von der Auferstehung muß festgestellt werden, daß der Glaubensgegenstand nur dem Glauben selbst erscheint. Offenbarung ist kein vorliegender Tatbestand; sie erscheint heute im Wort.
Die Verweigerung einer historischen Objektivierung der Auferstehung bedeutet nun gerade nicht ihre Auflösung in ein psychisches Phänomen, nämlich das Erlebnis des Sehenden, sondern ermöglicht gerade die Überwindung der peinlichen Alternative von subjektiv — objektiv ...
(H. Conzelmann, Die Religion in Geschichte und Gegenwart, Seite 650 Ende)

Dieses könnte den Eindruck nähren, als ginge es in der Tat nicht um etwas Wirkliches sondern um etwas Suggeriertes, das durch Predigt nur immer weiter suggeriert werden müsse, um weiter als wirklich gehalten werden zu können für alle, die ein solches religiöses Bedürfnis hätten, was die Aufgabe der Kirche und der Predigt sei.
Oder als wolle man sich an der Tatsache vorbeimogeln, daß also nichts dergleichen wie Ostern und Pfingsten wirklich d.h. objektiv stattgefunden habe.
Als eine Art Selbstversicherung für Christen ist solche Abwägung zugleich Übergang oder Absprung zu einer noch radikaleren Bereitschaft zur Selbstreflexion, die immer auch Selbstkritik und Religionskritik wie natürlich auch Theologiekritik ist, wenn man die Kluft zwischen Religion und Theologie verstehen will, die Conzelmann oben natürlich kennt.
Selbst ohne den erkenntnistheoretischen Rückgriff, wie ihn Kant konzipierte und Prauss weiterführte, ist von großer Bedeutung, was ich hierbei zuletzt als Hypostasierung des Objekts oder Prädikats bezeichnete, oder was im vorherigen Kapitel nur an Unklarheit eines Begriffs als Konnotat, also als Nebenbedeutung und Konfusion, aber unreflektiert nur in heute neuer Dimension mitgenannt und mitgehandelt bzw. ausgeschlossen aber nicht verstanden wird, als die subjektive Sicht des Objekts erkennbar. Eindeutig wohl immer, wenn der Mensch quasi nur als Suggerierung von Individualität und Subjektivität von "meinem" Vater, "meiner" Mutter, "meiner" Frau, "meinen" Kindern, "meinem" Freund spricht, aber auch von "meinem" Geburtstag, "meinem" Körper, "meiner" Intelligenz, "meiner" Kraft, "meinem" Gott, "meinem" Glauben, aber auch von "meiner" Sprache, "meinem" Vaterland, "mein" Sieg, "meine" Eigenschaft, "meine" Individualität in "meiner" Welt  u.s.w., womit nicht die Abgrenzung zum und die Verneinung des anderen Menschen mitgenannt wird wie "nicht dein" Vater, "nicht dein" Körper, "nicht dein" Gott u.s.w. sondern auch die Verneinung der eigenen Possesion insofern als man nur Teil, Objekt, Produkt, Folge und Eigentum oder Anhängsel von "anderem" ist, "abhängiges" Teil, Produkt oder Anhängsel des Körpers, der Intelligenz, der Familie, der Welt, des Gottes u.s.w. , wonach dann nicht nur die Unterscheidung von "Mein" und "Dein" sondern auch die Idee einer Individualität keine logische und natürliche sondern eine künstliche unnatürliche Regelung ist und nichts mit objektiver Wahrheit zu tun hat.
Individualität und Allmacht in und über „meine" Welt und Ausgeliefertsein demonstriert Jesus, wie immer im Einzelnen sein Leben und sein Tod auch stattgefunden hat, wobei immer nur letzteres objektiv zu sein scheint und beweisbar und ersteres nur behauptet.

Aus heutiger Sicht hat Pythagoras von Samos, * um 580 v. Chr. den geometrischen Funktionen und mathematischen Gesetzen von sich aus und eben subjektiv besondere göttliche Bedeutungen angedichtet, was wir heute als Hypostasierung oder Mythologisierung von „objektiven Fakten" und damit als eine negative Belastung oder Verzerrung bezeichnen würden. Aus seiner Sicht aber war es diese göttliche Universalität, die er erkannte und erlebte, der die Moderne unserer Zeit eine andere, nämlich die tote empiristische Universalität aufdrückt, die wir aus der Aufschreibbarkeit der Formel und der mathematischen Beweisbarkeit ableiten, was Pythagoras sicher als subjektive, negative Belastung und Verzerrung seiner Erkenntnisse empfinden würde.
So ist z.B. die Kanzel in der Kirche und nicht anders die öffentliche Zeitung sicher eine praktische Einrichtung, weil dort jeder den Prediger sehen und besser verstehen bzw. jeder den Zeitungsartikel lesen kann. Diese natürliche Funktion, die wir in der Vegetation bei der Fortpflanzung und Arterhaltung objektiv nachweisen können und der wir selbst unterliegen, gerade da, wo wir sie anwenden, gehört für uns zum objektiven Geschehen. Körperlichkeit, Funktion, Erfolg und Tod gehören denn auch mit zu den objektiven Tatsachen dieser Welt. Für Jesus und seine Mission und sein Weltverständnis wird dieser Vergleich oft angeführt. Dies ist offensichtlich und kein Problem, auch wenn wir die genaue Körpergröße, Gewicht und ähnliches nicht wissen. Offensichtlich ist aber auch, daß der andere Teil oder der andere Aspekt des Menschen, der sich nicht messen und wiegen und beweisen läßt, das eigentliche Erlebnis und Anliegen aller Evangelien ist, das als göttlich, als Wunder, als übernatürlich und unsterblich auch mit Hilfe der Wunder, des Göttlichen und Übernatürlichen betont wird und zwar gewollt, bewußt und überzeugt und nicht als grammatisches Versehen. „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne." Solche und ähnliche Aussagen sind leicht verständlich und haben nicht zum Thema, wie nun beides auch im Menschen als Leib, Körper, Funktion, Erfolg u.s.w. einerseits und Seele, Seele, Hoffnung, Glaube, Liebe, Geist u.s.w. andererseits zusammenhängen, zusammenhängen müssen oder nicht oder nicht dürfen und können. Dies wurde das Thema der folgenden Jahrhunderte und Jahrtausende im Zusammenhang oder in Auseinandersetzung mit den Theologien und Philosophien anderer Religionen und Kulturen. Einfach und verständlich ist denn auch, daß nach Ostern in Jesus der Sagende mit dem Gesagten als ein Ganzes, als Einheit erscheint, und zwar nicht als rhetorisches Mittel oder als grammatische Ungenauigkeit.
Die Frage, ob es einen Gott gibt, war zu jener Zeit keine Frage und war auch nicht Jesu Anliegen und Predigt, sondern das richtige Verhältnis des Menschen zu Gott und zu seinen Mitmenschen. Durch das Erlebnis mit dem auferstandenen Jesus bekamen nicht nur die Worte Jesu, sondern auch der Erlebende und Hörende selbst eine neue Seinsdimension und eine absolute Kompetenz, was man aber aus der jüdischen Tradition prophetischer Erzählungen kannte oder wiedererkannte und sicher auch nachempfand (was immer das als menschliche Schwäche oder als Orientierung bedeutet), was besonders deutlich der Verfasser des Johannesevangelium demonstriert.
Dies alles ist einfach und leicht nachvollziehbar und hat sich bis heute nicht geändert.
Wer solches Jesuserlebnis nicht hat, steht außen vor, wird aber von Christen nicht abgelehnt, er kann dennoch ein gutes oder schlechtes Leben führen, ein guter oder schlechter Mensch sein.

Schwierig und das eigentliche Thema christlicher Philosophie und der dabei implizierten Christologie und Theologie ist dann nicht nur das Phänomen des Menschen, Gottes und des auferstandenen Jesus, wie sich der nachösterliche Jesus im Deutschen formuliert, und zwar im Vergleich mit anderen Göttern und Theorien, Philosophien, Sprachregelungen und Gewohnheiten, sondern Jesus und seine Jünger und Apostel machten gewissermaßen Karriere, womit der auch damals wie heute ganz selbstverständliche karrieristische Aspekt, dem sich kein Mensch entziehen kann, immer zugleich Problem und Thema wurde, und gerade wohl wegen der Selbstverständlichkeit bis heute nicht verstanden wurde.
Am Beispiel der ohne Zweifel praktischen Einrichtung von Kanzel, Buch oder Zeitung, kann man es so verdeutlichen, daß mit der Position des Sprechers auf der Kanzel, oder durch die Funktion des Verlegers, des Autor oder Redakteur quasi ein zusätzliches Wert- Wahrheits- und Gültigkeitskriterium entsteht, und zwar sowohl für das Gesagte wie für den Sprecher oder Schreiber, dem aber heute eine andere Weltsicht zu Grunde liegt, als vor 2000 Jahren und auch eine ganz andere neue Problematik. Letzteres kann man sich verdeutlichen, wenn man Karrierismus in dem neuen Verhältnis unterschiedlicher Religionen, Kulturen, Sprachen und Völker und auch Nationen unter die Voraussetzung normaler Vernunft stellt. Es fragt sich für Christen natürlich - wie für alle anderen Religionen -, wie sich die uralte, einfache Frage und die uralte Antwort, wie sie allen empirischen Wissenschaften zu Grunde liegen, auch mit der jeweiligen Lehre vereinbart oder nicht, ob der Erfolg oder Mißerfolg aus der Wahrheit oder Unwahrheit resultiert oder umgekehrt, ob sich Wahrheit durch den Erfolg und Unwahrheit durch den Mißerfolg erweist. Es wäre weltfremd, hier die die ethischen, ganz individuellen und niemals überprüfbaren Kriterien Wahrhaftigkeit und Verschlagenheit des Menschen auszuklammern. Peinlich jedoch ist, daß die ganz alltägliche, allen bekannte und scheinbar triviale Relation von Erfolg und Wahrheit bis heute unverstanden ist, - verständlich nur deshalb, weil jede Antwort schon parteilich ist und keine Antwort unparteiisch sein kann, solange sie von Menschen gegeben wird, - es sei denn die ganz private, wie man weiß.

Reduziert also auf die praktische Funktion von Informationsverbreitung wäre also die Kanzel oder Zeitung keineswegs bereits verstanden oder objektiv richtig verstanden, wenn man den benutzten Autoritätsanspruch und die benutzte Autoritätswirkung der Predigt oder der öffentlichen Mitteilung durch die Kanzel oder Zeitung und auch die Wirkung der Kanzel oder Zeitung auf den Prediger oder Journalisten ignorieren würde. Im Gegenteil wäre es unwahr oder Blindheit, die jeweils subjektive und nicht beweisbare und meßbare Absicht und Funktion als objektive Tatsache zu bestreiten. Eine fruchtbare Reflexion kann also nicht in der Ablehnung des Subjektiven gelingen, sondern nur in der ehrlichen Bejahung, was immer mit Selbsterkenntnis einher zu gehen hat. Natürlich kann derart durch die Bejahung die Kanzel genauso wie die Zeitung zu einem Dogmatisierungsautomaten werden aber auch nur so als Instrument verstanden werden, das sich mißbrauchen läßt.

Frege war es, der diese nur im Ansatz verstandene Problematik der Umgangssprache als hinzunehmender Nachteil für die großen Vorteile deutlich machte, aber immer allgemeinen Anstand und Wahrhaftigkeit voraussetzte.

Deutlich wird zudem, daß solche Autoritätswirkung, solche Bedeutung zusätzlich zu Hypostase oder Mythos von Kanzel oder Zeitung ja nicht durch das Holz von Kanzel oder Zeitungspapier erfolgt, sondern durch die exponierte Positionierung des Redners oder Journalisten zur Allgemeinheit oder Öffentlichkeit. Weniger deutlich aber dennoch nachvollziehbar dürfte sein, daß jede Sprache und in ihr jeder Begriff und jedes Wort - bereits durch die Zugehörigkeit zu einer Sprache und deren Geschichte und deren Volk - neben der Doppelfunktion und neben dem hypostatischen oder mythischen Mantel auch dieses Karrierismusproblem mit sich trägt, was zudem und zusätzlich noch bei jedem Gespräch zum Ausdruck kommt: Der Sprechende wie jedes gesprochene Wort befindet sich immer in einer exponierteren Position als der Verstehende und vielleicht auch das Verstandene.

Man kann also die Struktur der Sprache und jenen vorauszusetzenden Anstand einer funktionierenden Sprache gar nicht verstehen, wenn man nicht auch diese drei bereits genannten Strukturen in ihrer jeweiligen Vielschichtigkeit in jeder sprechenden Allgemeinheit reflektiert.

Natürlich wäre es denn auch naiv und weltfremd, wenn man solche Verbrechen, die Kriege immer sind, nur als Folge von Denkfehlern oder gar nur als grammatische Fehler, nämlich als Irrtum der Verstehenden sähe und neben der Verschlagenheit der Menschen dahinter, der sprechenden genauso wie der hörenden und folgenden nicht auch das ungelöste Wahrheits- und Erfolgsproblem sehen würde. Denn es ist keineswegs klar und eindeutig, daß ein von der Kanzel gesprochenes Wort nicht dadurch wahr wird, weil es von der Kanzel gesprochen oder an eine Kirchentür angeschlagen wurde, denn ein Wort ist immer zugleich Handlung mit dem auch Tatsachen geschaffen werden können, gute wie Verbrechen. Natürlich ist es menschliche Verschlagenheit, die die zu Aberglauben verwandelte Hypostase, sei es der an Gott, Nation oder auch Wissenschaft -, nicht nur zu eigenem Nutzen instrumentalisiert sondern auch künstlich erzeugt, wie es die Nazis machten, auch, wenn sie anschließend selbst daran glaubten. Die Instrumentalisierung der einfachen Leute und auch vieler Wissenschaftler und Theologen geschah aber mit Wort und Gewalt und eben auch mit Wortgewalt, durch die eine der gläubigsten und gebildetsten Nationen oder Sprachen in finsteren Aberglauben stürzte, einerseits ganz bewußt und gezielt verführt andererseits aber verfallen. Dies sollte zur Jahrtausendwende zumindest erkannt sein. Der 2. Weltkrieg demonstrierte aber nicht nur die mögliche bösartige Anwendung und damit die bewußte Anwendbarkeit von Hypostasen und deren schreckliche Wirkung wie der ganz bewußten Predigt, daß der Erfolg Recht gibt, sondern auch die künstliche Machbarkeit von Erfolg genauso wie auch solcher Hypostasen, Mythen, Götzen und deren Wirkung sowohl auf die Allgemeinheit wie auch auf die Macher. Dies geschah aber nicht nur in Deutschland, sondern in aller Welt. Und der Verdacht, daß nicht nur alle uns kaum bewußten Hypostasen letztlich künstlich und selbstgemacht sind, verdichtet sich zur These, daß wir mit der Sprache und all ihren Nebenbedeutungen und Wirkungen auf die Struktur der Allgemeinheit in einer künstlichen - wenn auch überlieferten -aber dennoch vom Menschen selbstgemachten - aber auch machbaren Welt leben, dem wir gar nicht entgehen können. xx

Reflexion auf verborgene, nicht gemeinte und ganz unbewußt auch widersprüchliche Bedeutungen, wie sie unserer täglichen Rede und erst recht in alten Formulierungen und Übersetzungen nun mal vorkommen, bedeutet ja nicht Respektlosigkeit, Mißtrauen, Vorbehalt und vorsätzliche Kritik, sondern muß uns bei der Suche nach dem tatsächlich Gemeinten im Gegenteil auf unsere eigene immer schon vorhandene Voreingenommenheit und in jeder Zeit vorhandene modische oder gar weltanschauliche Einseitigkeit aufmerksam machen, wie es besonders deutlich wird, wenn wir heute auf das Künstliche und Gemachte einer Predigt genauso wie auf das Künstliche einer Formulierung der Bibel reflektieren, was im heutigen Verständnis als „Mache" oder „Machwerk" nicht nur sehr negativ gesehen wird, sondern dem sich die Gegenbedeutung, das „Natürliche", als etwas Positives, als das eigentlich Wahre geradezu als Weltanschauung oder Hypostase entgegenstellt.

Bei der Reflexion auf sich selbst muß man aber nicht minder aufmerksam das Gegenargument immer im Auge behalten, daß antinomisch in der Reflexion auf Hypostase, Mythos und Begriff eigentlich enthalten ist, was als absolute Wahrheit, als die Natur - auch als die eigentlich Natur des Menschen - entgegen dem Künstlichen, Phantastischen, Hypostatischen oder Mythischen, als das physikalische Gesetz, als das letztlich einzig Objektive und Faktische Thema der Wissenschaften ist. Es ist das sog. Materielle, was hypostasiert, mythologisiert oder begrifflich bezeichnet wird. Als Grundlage der Technik, der Wissenschaft, der Medizin, der Mathematik, als Grundlage eines jeden Haushaltes und der Ernährung z.B. mit den Angaben über die Menge der Vitamine, die wir brauchen, einer jeden Lebensversicherung und eines jeden Fahrplanes genießt dieser rationelle und bewußte Teil der Wahrheit eine große Dignität, die, wie gesagt, selbst schon hypostatische Züge und Bedeutung hat, derart, als hätten mit ihr die eigentliche Materie, den eigentlichen Menschen in der Hand. Es ist eine Realität, die den Blick auf Jesus und seine Bedeutung und im gleichen Maße den Blick auf den wirklichen Menschen zu verbieten scheint, wie andererseits in Ihrer Konzeption und durchaus noch nach Bultmann es die Begriffe jener Zeit, die Hypostasen, Legenden, die Subjektivität und der Mythos den Blick auf den wahren Jesus verdecken soll.
Es ist bis heute die Schwierigkeit und keineswegs die Unlösbarkeit der Problematik beider Sichtweisen, wie es Prauss nachweist, die hier mehr zur Konfusion, zur Angst und Unsicherheit führt als zum Verständnis.
Wir müssen hierzu das Johannesevangelium ganz neu lesen, denn es demonstriert durchgehend vom ersten Vers an und sagt es ausdrücklich an vielen Stellen, daß es der unnatürlichen Wunder bedurfte, damit die Leute Jesus glauben. Es mag nun der jüdische oder römische Rationalismus oder Materialismus gewesen sein, der zur Zeit Jesu oder des Evangelisten mit der größten geschichtlichen Distanz zum Kerygma zu der demonstrativen und als solche auch erkennbaren Überbetonung und Übertreibung der Wunder und des Wunderbaren führte, wodurch der ganz normale große Eindruck bzw. der große Eindruck des ganz normalen Jesus auch für uns verständlich und nachvollziehbar wird, wenn wir die Johanneserzählungen nicht als einen Schleier zu subtrahieren versuchen, sondern als eine Notwendigkeit für den Evangelisten erkennen, Jesus für seine Zeit deutlich zu machen. Johannes ist sicher der mutigste und bereits selbständigste der Evangelisten - und sicher wegen der geschichtlichen Distanz auch der unbekümmertste von den anerkannten Evangelisten, insofern als zu seiner Zeit bereits die gnostischen Phantasien wucherten, gegen welche Johannes eine ganz andere Mauer ziehen mußte als gegenüber der sophistisch-stoischen Tendenz agnostischem Materialismus seiner Zeit, sei es der Griechen und Römer, sei es der Juden. Bei allem sollten wir akzeptieren, daß es dabei nicht um Jesus und seine Karriere ging und geht, sondern um den Menschen. Jesus wurde geopfert für den Menschen.
Wenn man in diesem kleinen Rahmen diese unterschiedlichen Sichtweisen, also einerseits die metaphorische, die vom Begriff, von der Hypostase, vom Schicksal, von der Prophezeihung oder dem Mythos - also dem Geist - zum Menschenbild und zu seiner Realität hinführt,

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und andererseits die materialistische, die z.B. vom DNS, von der Anatomie, vom Körperlichen oder Ding oder aus der Materie her zum Menschen gelangt, als zwei verschiedene Richtungen darstellt, dann wäre Jesus derjenige, der vom Glauben, vom Geist, von Gott heraus heilt, und der Mediziner wäre derjenige, der vom Körper, also z.B. von einem Knochenbruch ausgeht und operiert oder gegen Kopfschmerzen Chemie verabreicht.
Sie werden sehen, daß wir die Wissenschaften ohne den Glauben nicht hätten, weil genau dieser, nämlich als Aberglaube die Wissenschaften be- bzw. verhindert hätte, daß aber die Wissenschaften eine Versuchung darstellen, den Glauben zu ersetzen und zu verdrängen.
Beide Richtungen als Alternativen und die eine als die Negation oder den Teufel der anderen zu sehen, führt bei Johannes deutlich erkennbar zu einer quasi pietistischen Deformation des normalen Denkens. Der Jesus mit dem Wasser des Lebens am Jakobsbrunnen mit der Frau, die die Leute aus ihrem Dorf Sichar herbeiruft (Joh.4), könnte nicht in Sichar leben, sondern er „erscheint" in einer idealen, einmaligen, von Gott vorbereiteten Situation praktisch nur als „Wort" und „Bedeutung", durch das und durch die die bestehende Welt in einen neuen und zwar seinen Kontext gesetzt wird. Das ist schon der gepredigte und nicht der predigende Jesus. Von Johannes so tief wie sonst nirgends nachempfunden erlebt Jesus sich als göttliche, quasi künstliche Inszenierung und Handlung Gottes; und was Jesus als „die andere Speise", die er zu essen habe, bezeichnet, ist die Bekräftigung seiner Berufung durch das Bereitetsein dieser Situation und vielleicht dadurch, daß die anderen aus der Stadt Sichar ihm glauben. Über ein aber durchaus mögliches geschichtliches Ereignis dieser Art können wir nur spekulieren. Die konstruierte Symbolik dieser Geschichte, in der der Jakopsbrunnen als das Alte Testament und Jesus als das neue Evangelium als Kontinuum und Erfüllung der Prophezeihungen dargestellt werden sollen, deutet auf ein bereits existierendes christliches Publikum hin (Kap. 15). Diese Schilderung ist bereits die literarisch angewandte Erfahrung dessen, was Christsein oder persönliches Verhältnis zu Gott bedeutet, was sich von dem Gott jeder Theologie oder Theorie so unterscheidet, wie sich die persönliche Begegnung mit einem Menschen als sein Erkennen grundsätzlich von dem unterscheidet, was wir z.B. in medizinischen oder psychologischen Handbüchern oder in Erzählungen über andere Menschen kennenlernen, selbst wenn in ihnen die ganze Begriffs- und Wertekomplexität und jeder Buchstabe der Konversation und vielleicht mit einer kompletten zeitlich lückenlosen Videoaufzeichnung geschildert wäre. Was in oder mit beiden Menschen bei einer Begegnung jeweils stattfindet, bleibt dennoch Spekulation. Die grundsätzliche Problematik liegt ja in einer soritistischen Denkart oder Begrenztheit des Begrifflichen, in dem das eigentliche „Ich" des Menschen auch dann noch ausgeklammert bleibt, ja gerade erneut ausgeklammert wird, wenn ich von einem konkreten Menschen, wie es der gesuchte Jesus ist und damit ja auch von jedem konkreten Menschen, als von einem der Einzelfälle und dann bei Jesus eben von einem tragischen Einzelfall spreche. Auch für einen Nichtchristen bleibt nachvollziehbar, daß mit dem Kerygma, mit der Fortsetzung der Begegnung mit Jesus diese begriffliche Mauer durchbrochen wird, wie immer man dieses, nämlich den Einzelfall Jesus, auch begründet und dadurch sich selbst und den Menschen als Einzelfall erkennt.
Für einen Christen mag solche Grammatikalisierung des Heilsgeschehens, das heißt die Rückführung auf den Gebrauch unserer Begriffe, wie eine unzulässige Trivialisierung und nicht wie ein wesentlicher Aspekt der Erlösung erscheinen. Dem will ich jetzt nur entgegnen, daß die nicht zufällig oft wiederholte Gleichstellung von Gott und Mitmensch im Neuen Testament auf das Überbegriffliche des Menschen verweist, was dann auch das Überzeitliche bedeutet. Daß der Mensch nicht nur Gott und seinen Mitmenschen, sondern auch sich selbst in solcher Begrifflichkeit versteht und einordnet und darin gefangen ist und danach handelt, kann man durchaus als Umschreibung der Verlorenheit und Gottesferne wie auch des Selbstverlustes als das eigentliche Thema der Heilsgeschichte sehen, wobei dann die Sünde ein jeweiliger Fall wäre, Gott oder den Menschen und sich selbst wie einen berechenbaren Gegenstand zu sehen und zu behandeln, und die Buße eine entsprechende Einsicht bedeutet. Der historische Jesus seiner Zeit würde dennoch eine solche Definition seiner Botschaft nicht akzeptieren, da sich bereits durch die Formulierung und durch die unumgängliche Vorsätzlichkeit die Objektivierung des Subjektiven nur um einen Reflexionsschritt zurückverlegt und sich daraus, wie bei dem Fußabdruck, den Robinson eines Tages im Sand entdeckte, statt Liebe eher Angst, Schrecken und Abscheu ergäbe und zwar vor dem Mitmenschen wie vor Gott. Jesus würde wiederholen, daß man zuerst lieben müsse wie ein Kind, daß man quasi wieder zu einem Kind werden müsse. Dennoch ist mit meiner Definition der Menschheit älteste Form der Selbsterlösung und deren Sackgasse oder Scheitern umschrieben: Für einen Menschen, dessen Leben scheinbar ohnehin mehr als Subjekt abzulaufen scheint, weil er reich, oder mächtig oder besonders begabt oder sonstwie privilegiert ist und dafür auch gerne auf Liebe verzichtet, besteht meist auch kein Bedürfnis mehr zu solcher Erlösung und wohl auch kein Verständnis; aktuell war und bleibt diesProblem, wo sich ein Mensch vorwiegend oder ausschließlich als Objekt, als austauschbares und deswegen eigentlich wertloses Objekt mißhandelt und verachtet sieht. Sackgasse und Fehlentwicklung ist jene scheinbar auch für den Menschen natürliche Form der Selbsterlösung deswegen, weil man dabei zum Subjekt nur dadurch wird, daß man den schwächeren Mitmenschen durch Kraft und Intelligenz zum Objekt macht, was sich nur vorübergehen - weil man älter wird - und nur mit natürlichen aber im Grunde unmenschlichen Mitteln aufrecht erhalten läßt und immer ein Unrecht bleibt. Die Exensivität der Problematik kann man also nicht nur grammatikalisch verstehen und lösen, d.h. sie liegt eben nicht nur in dem jeweils Allgemeinen der begrifflichen Bedeutung, sondern auch in dem Allgemeinen der jeweils konkreten Allgemeinheit, in dem sich ein Subjekt eben nicht als Objekt befindet, sondern als solches mißverstanden und damit bereits mißhandelt wird.
Ein Widerspruch liegt natürlich auch in dem Gebot der Nächstenliebe, was nicht nur als Aufforderung zu einem Gefühl, das man also nicht hat, die Aufforderung zur Heuchelei wäre, sondern das als Aufforderung zur kritiklosen Naivität glatter Selbstmord wäre. Wesen des „Kindes" oder der „Kindschaft Gottes" ist die Erfahrung des göttlichen Immer-schon-geliebt-worden-seins als Voraussetzung einer eigenen Nächstenliebe von der göttlichen Position aus, die immer ein Verhältnis zum Subjekt und nicht zum Objekt ist.
Auch dieses ist natürlich eine Verkürzung der christlichen Botschaft, weil ich, um diese Grundbedeutung der christlichen Botschaft auch für einen Atheisten nachvollziehbar zu halten, die Handlung Gottes, das Reich Gottes, das Leben nach dem Tode und die eschatologische Erwartung ausgeklammert habe und das nicht materielle Verhältnis von Mensch zu Mensch dem Verhältnis des Menschen zu Gott und Gottes Verhältnis zum Menschen quasi gleichgestellt habe. Die Begegnung von zwei bewußten Wesen ist nun mal etwas grundsätzlich anderes für beide, als dies zwischen Pflanzen oder zwischen Tieren oder zwischen Mensch und Tier für den Menschen ist, wobei vielleicht die Physiognomie, Körpergröße,Kleidung, jeweiliger Wortwechsel u.s.w. aber niemals das eigene und das andere sich selbst bewußte Bewußtsein ein Objekt ist, was aber selbst als grammatische Zuordnung bis heute nicht geklärt ist, was in der frühen Gnostik und auch bei Johannes als Licht, als Teil Gottes im Menschen oder ähnlich objektiviert, später in der Leibseele und in der Zweinaturentheorie Jesu und in der Gnostik zu unlösbaren, abstrusen Kosmologien und Theologien führte. Auch der das ganze Johannesevangelium bestimmenden Selbstoffenbahrung Jesu als Gott oder außerirdisch muß ein entsprechendes Selbsterlebnis des Autors zu Grunde liegen, dem ein mystisches Erlebnis voranging, wie die Entwicklung der abendländischen Philosophie und christlichen Theologie eindeutig auch ein Weg zum Subjekt des Menschen ist.

Das grundsätzliche Problem jeder Überlieferung jeweiliger Umstände liegt ja darin, daß jede Beschreibung einer solchen Begegnung mit einem bestimmten anderen Menschen immer in einem und als ein Verhältnis mit einem anderen oder mit anderen Menschen als solches Subjekt stattfindet und dabei wie ein objektives Geschehen benannt oder umschrieben wird und das zu einer anderen Zeit in einem anderen Kontext, so daß sich das einzig objektive, empirische Faktum eigentlich auf das konsekutive „daß" beschränkt, „daß" - in unserem Fall - also eine Begegnung mit dem historischen Jesus stattgefunden hat, „daß" er existiert hat, u.s.w. und alles andere bereits durch den Gebrauch von Begriffen eine Zuordnung, eine Umschreibung und damit etwas grundsätzlich anderes ist. Verloren ging eigentlich nicht uns der geschichtliche Jesus, sondern verloren ging seinen Zeitgenossen nur die Möglichkeit der weiteren persönlichen quasi körperlichen Begegnung, die sich aber mit der mystischen oder transzendenten Begegnung fortsetzte und zwar verbunden mit einer neuen Art oder Dimension von Erkenntnis - und zwar eigener Erkenntnis auch von sich selbst. Der Grund für das Fehlen einer authentischen Biographie des irdischen Jesus ist geradezu der Beweis für die damalige Kontinuität der irdischen in der neuen mystischen. Die Evangelien benutzen ein irdisches - quasi irgend ein damals vorstellbares irdisches - Bild zur Illustration und Begründung der Darstellung des Auferstandenen für jeweilige Zeitgenossen, das zu den damals bestehenden Überlieferungen genauso wie zu den damals bestehenden Menschen und den Erfahrungen des Kerygma konvergiert. Am wenigsten verdeckt ist bei Johannes der Umstand, daß das jeweilige Jesusbild aus dem Kerygma kommt und nicht umgekehrt das Kerygma aus diesen Evangelien. Wenn Sie heute umgekehrt folgern, ist es ungenaue Beobachtung oder Kenntnis oder ungenaue Selbstreflexion; ich würde - übertrieben ausgedrückt - sagen: Kein Mensch geht in seiner jeweils individuellen Begründung deswegen in die Kirche, weil Jesus dieses oder jenes gesagt, dieses oder jenes Wunder getan hat, gekreuzigt wurde und auferstanden ist, sondern aus einem eigenen Entschluß. Die geschichtliche Kausalität eines normalen individuellen Kirchgangs an irgend einem Sonntag zu einer bestimmten Kirche kann man fast beliebig mit Karl dem Großen, mit den Dekreten irgendwelcher Päpste, mit Bonifazius, mit dem dreißigjährigen Krieg, mit dem westfälischen Frieden, mit dem Beruf oder mit der Erziehung der Eltern begründen, - oder, wie Sie es tun, - mit den Reisen und Briefen des Paulus, oder aber, was nicht minder legitim ist, mit der wahren geschichtlichen Person Jesus, wie immer sie auch gewesen sein mag und was immer Jesus auch tatsächlich gesagt und getan hat und wie immer solches auch dargestellt wurde, was wir Christen noch bis Abraham und bis zur Genesis als eine Handlung Gottes weiterführen. Wenn man in solcher kausalen Begründung verharrt und sich quasi verbeißt, gerät man in Widersprüchlichkeiten, wie bereits der englische Philosoph Humes herausfand, es verstellt sich der Blick nicht nur auf den eigentlichen Menschen, nämlich darauf, daß dieses nur die kausale Form einer Erkenntnis, also eine Metapher, und nicht die Erkenntnis selbst ist, sondern auch auf die eigentliche Bedeutung solcher Form und nicht nur der Form jeder Tradition als Zeitliches, sondern eben auch jeder jedweiligen Allgemeinheit jedweiliger Gegenwart. Hier können die Begründungen, wenn sie in der Form etwas ganz anderes aussagen als im gemeinten Inhalt, sich gänzlich widersprechen, womit wir Menschen - und auch die Wissenschaften - ohne Problem leben können, wie ich sofort nachweisen werde (Seite 18), ohne daß man dabei Lüge, Unwahrheit oder Heuchelei schon unterstellen muß. Aber in der Tat beinhaltet solche Sprachstruktur möglicher Widersprüchlichkeit die Möglichkeit von Verschlagenheit, Betrug und Aufwiegelung im Mantel und im Namen der Wahrheit genau so wie auch Irrtum, wie es Bertrand Russell vielerorts aufdeckte und andernorts aber erlag, weil er den Zusammenhang nicht grundsätzlich erkannte. Kant war es, der die Kausalität dann auch ganz in den Menschen zu verlegen versuchte (Prolegomena) und so die vier berühmten Antinomien als Scheinwidersprüche entlarven konnte, dieses aber nur mit einer Kausalität auch außerhalb des Menschen begründen konnte, wie es Russell richtig als Widerspruch erkannte, womit sich die Problematik, wie wir mit dem wahren Jesusbild in der Tat haben, aber keineswegs vereinfacht oder mit der zu einfachen Bezeichnung Paradigma, Parabel oder Metapher schon gelöst hat.

In dem kulturellen, religiösen und sprachlichen Schmelztiegel des damaligen Mittelmeerraumes war längst eine neue Variabilität der Begriffsinhalte entstanden, wobei die für jeden individuell zugängliche und als solche erkennbare und miteinander vergleichbare Begegnung mit dem bis heute immer gleichen auferstandenen Christus und Gott ein Kontinuum bildet, so sehr die Schilderungen dieser jeweils individuellen mystischen Begegnungen gemäß der jeweiligen Zeit, der jeweiligen Sprache und dem jeweiligen Publikum auch variieren. Ich nehme an, daß dieser Gesichtspunkt von Kontinuität für Sie nicht nachvollziehbar ist und ist statistisch oder objektiv auch wohl kaum meßbar. Allgemein nachvollziehbar dürfte aber sein, daß sich ein Mensch - mit oder ohne solche mystische Erfahrung - in einen solchen sprachlichen Kontext begeben kann oder muß, wenn er in dieser Gemeinschaft als einer bestimmten Allgemeinheit leben muß oder will, um verstanden und akzeptiert zu werden. Dieses scheint nur ein völlig anderes Thema.
Es ist eine Schande für uns Deutsche, denen man Hang und Begabung zur Philosophie nachsagt, daß wir diesen Aspekt bis heute, nach den Erfahrungen des Westfälischen Friedens zuerst und dann in unserem Jahrhundert mit dem Beginn und Ende des NS-Regimes und mit dem Ende der DDR nicht beachtet, geschweige denn verstanden haben, wenn wir die „Wende" in den damals als katholisch oder protestantisch ausgeklüngelten Regionen, die sich bis heute erhalten haben, wenn wir die Wende zum Nationalsozialismus und dann die Wende von diesem weg und hin zur „freiheitlich demokratischen Grundordnung" und in jüngster Zeit die Wende der Ossis weg vom DDR-Regime und hin zur Bundesrepublik nur als Opportunismus oder als Erlösung vom Falschen und Befreiung zum Richtigen sehen. Kein Ruhmesblatt für die Geschichtsschreibung und kein Ruhmesblatt für den Journalismus, sondern peinlich. Dieses ist so peinlich falsch, als wenn man jeden Deutschen, der in England Englisch spricht, als Wendehals und Opportunisten beschimpfen würde, was dann ja auch für jeden Deutschen gelten müßte, der in Deutschland Deutsch oder für jeden Engländer der in England Englisch spricht, was für jeden Christen gelten müßte, der im Abendland Christ ist und für jeden Hindu, der in Indien Hindu ist, und für jeden Moslem, der im Islam Mohammedaner ist. Bertrand Russell hat diese Widersprüchlichkeit, wenn auch sehr undeutlich und nur geahnt, gelegentlich - aber zurecht - als ein grammatisches Problem gesehen, und wenn man Russells Hinwendung zur allgemeinen Öffentlichkeit als eine Art Gestik, als Fingerzeig auf Ort und Lösung des Problems versteht, das in der Tat in diesem Allgemeinen liegt, das er nicht deutlicher sah und anders nicht auszudrücken vermochte, ist Russell geehrt und gewürdigt, selbst wenn er explizit oft genug das Gegenteil und eine Menge Unsinn und viel Ungereimtheiten sagt. Russell demonstriert dabei also immer eine Aussage mit dem Gegenteil.
Dieses ist keinesfalls nur ein theoretisches, grammatisches, philosophisches oder theologisches Problem, sondern angesichts der Globalisierung ein brennend politisches wie auch journalistisches Problem.

Die Struktur der  Allgemeinheit im Begriffsinhalt.
Die soziale Struktur dieser Allgemeinheit scheint denn auch ohne den christlichen Aspekt nur mystisch begründeter Kontinuität von einer anderen und auch gänzlich andersartigen Problematik als Theologie, Philosophie und unsere Grammatik, was bis heute als dem vorigen immanent nur undeutlich und zudem als lästig und beiläufig beachtet wurde, weil es bereits als Voraussetzung jeder Sprache zutiefst selbstverständlich ist - vergleichbar dem Schwergewicht für unser Gehen - und ist wahrscheinlich dennoch die eigentliche Ursache zu Ihrer Stellungnahme oder Position, die auch Frege nicht gesehen und verstanden hat, selbst wenn er sie eben als selbstverständlich vorausgesetzt hat und obwohl er unter ihr leiden mußte und an ihr zu Lebzeiten auch gescheitert ist:

Es ist unten vereinfacht fast als Karikatur als die gewohnte, uralte Autoritäts- und Bildungsschere dargestellt, die man sicher teilweise zurecht sowohl als das Problem unterschiedlicher Intelligenz wie aber auch als Ursache und Folge der gesellschaftlichen Machtstruktur sehen kann, wie sie in der Folge und Mode der Aufklärung wohl auch Marx gesehen und interpretiert hat.

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Dem vorweg sollten wir aber unser empirisches, „aufgeklärtes" geschichtliches Selbstverständnis unserer traurigen Natur grob skizzieren, wie es als Meßlatte oder Maß wohl auch Ihrem Artikel und seinen Begriffen zu Grunde liegt:
Entwicklungsgeschichtlich war es ganz natürlich, daß sich beim Kampf um den Lebenserhalt, wie in der Natur selbst, auch in der quantitativ größeren und damit komplizierteren Sozialstruktur der Menschen nicht mehr der Stärkste, z.B. der Dinosaurier, sondern der raffinierteste, verschlagendste und intelligenteste durchsetze, der den anderen verdrängen, vernichten oder dienstbar machen konnte. Es führt hier zu weit, aber es wäre notwendig, an anderer Stelle Identität und Unterschied von Gewalt und Intelligenz zu untersuchen und unter welchen Voraussetzungen und mit welchen Folgen für unser Denken und unsere Sprache der Rivalitätskampf zwischen Stämmen und Volksgruppen mit Tricks, Werkzeugen und Waffen mittels Krieg nach den archaischen Kraftkriterien dennoch oder erst recht weiterging und geht, und wie tief und in welcher Art solches Kraftmessen bei der sexuellen Partnerwahl und im Lebenskampf und in unserem ganzen Wertesystem noch enthalten ist.
Denn vor jeder Wertediskussion muß ja wohl geklärt sein, wie weit wir hier alle ein ökonomisches oder biologisches Naturgesetz befolgen und uns dann entsprechend gegeneinander einstellen oder miteinander auskommen.
Logischer Weise ist es solche Doppelstrategie von Kraft und Tricks bzw. Intelligenz, die sich über den ökonomischen Erfolg durch intelligenten Krafteinsatz durchsetzt und die Grundform von organischem Leben überhaupt wäre, die vielleicht auch die natürliche Grundstruktur unseres Gehirns (nicht unserer Erkenntnis) ausmacht, - es sei denn, daß wir telelogisch von einem höheren Sinn der Entwicklung ausgehen und hier mit einer Theologie ansetzen wollten. In unserer Wahrnehmung erscheint das Wunder der Natur mit den Fähigkeiten einer uns ähnlichen Erkenntnis und als die Anwendung wie z.B. Färbung, Tarnung, Vermehrung, Nestbau, Nahrungssuche u.s.w. wie realisierte oder reale Intelligenz.
Wenn ein Wesen aus einer anderen Welt oder Zeit, diesen heutigen Sprachgebrauch, wie er seit etwa 200 Jahren bei uns üblich ist, lesen würde, wie z.B. „Die Distel benutzt für ihre Blüte die blaue Farbe, um bestimmte spätfliegende Insekten anzulocken." dann würde er daraus schließen müssen, daß wir der Distel nicht nur eine genaue Kenntnis der Insektenwelt sondern auch ein logisches Denk- und Handlungsvermögen zuschreiben . Oder dieses fremde Wesen würde annehmen müssen, daß eine Elite von Biologen ihr Wissen geheim hält und dem Volk etwas vorschwindelt. Natürlich gilt dies auch, wenn ich, wie oben, der Natur eine Doppelstrategie von Intelligenz und Kraft unterstelle. Jeder Biologe würde solches als Aberglaube abstreiten, - aber nicht aus Angst vor der Kirche.
Dennoch haben wir damit einen der grundlegendsten natürlichen Werte, daß sich nämlich der Stärkste und Intelligenteste durchsetzt, „mehr Kraft" und „mehr Intelligenz" ist positiv. Und wenn ich heute einem Biologen  sagen würde, daß wir mit solcher Zweckmäßigkeit, die wir in der Natur überall vorfinden, und die wir uns zum Vorbild nehmen, wie es uns auch in der Bibel empfohlen wird, mit der Intellegenz des Schöpfers zu tun haben, käme das gleiche Dementi aus gleichem Grund.
Wenn wir uns aber so ausdrücken, als verbreiteten und glaubten wir mit unseren Naturwissenschaften einen primitiven Animismus, liegt es in der Tat nahe, daß wir auch so widersprüchlich denken und handeln, obwohl wir es vielleicht besser wissen. Deutlich daran wird jedoch besonders, daß Wissenschaftler nicht anders wie auch Christen ohne Probleme derart widersprüchlich reden können und damit leben können, und daß es weltfremd wäre, hier sofort Heuchelei und Betrug zu unterstellen.
Dennoch zeigt der genannte erste natürliche Grundwert unseres Wertesystems zweierlei, daß in diesem Grundwert als ethisches Kriterium sowohl Richtigkeit wie auch Falschheit, Dummheit oder Mißverständnis, zumindest aber viel Mißverständlichkeit enthalten ist.

In der bekannten Geschichte des Menschen war es immer so und ist es bis heute, daß Gewinner, Herrscher oder Eliten ganz ähnlich der Natur mit besonderer Sprache und Stimme, mit Prunk, Kleidung und Kopfschmuck und mit göttlichen Attributen und Gesetzen ihren Einfluß auf das Volk und auf dessen Gefolgsbereitschaft erreichten, sicherten und vergrößerten, was immer auch mit Gewalt verbunden war, die, - wenn auch in differenzierter Form -, von instrumentalisierten d.h. bezahlten Gefolgsleuten wie Anhänger, Priester, Soldaten, Polizisten und Beamte u.s.w. ausgeführt wurde. Ganz natürlich ist es auch, daß der Komfort eines zivilisierten Arrangements der Herrschenden untereinander, was wir als Kultur der Ägypter, Griechen, Römer, Indianer als Vorbild bewundern, immer ein zeitlich begrenztes Privileg der Stärkeren und Intelligenteren, also der Männer und der Elite blieb und nicht für Frauen, Sklaven, unterdrückte Völker, geistige und körperliche Schwächlinge oder Fremdlinge galt, - es sei denn dort bei den Beherrschten als Vorbild der Verlierer untereinander, wie es Nitzsche sah.
Die sog. „Goldene Regel" für oder aus solchem Arrangement,
„Wie du mir, so ich dir" = Rache und Krieg
 und
„Wie du mir nicht, so ich dir nicht" = Frieden
bedeutet im Ursprung also keineswegs Gewaltverzicht, Humanität oder Moral.
Diese uns vertraute „natürliche" Grundstruktur der Natur und des Menschen und unserer Gesellschaft, von der die Sprache ein struktureller Teil ist, wobei sich zusätzlich diese natürliche Grundstruktur in der Begriffswelt der Sprache niedergeschlagen oder abgebildet hat, müssen wir im Auge behalten, d.h. immer als unsere Meßlatte reflektieren, wenn wir empirischem bzw. empiristischem Denken folgen wollen - bis zu den Widersprüchlichkeiten solcher Auffassung. Denn solche Natur wäre ein natürliches Vegetieren und nicht menschlich und ist nicht normal. Dem gilt mein Widerspruch zuerst. Denn in diese Verirrung hinein aber notabene mit deren Sprache und Begriffswelt als Instrument geht die frohe Botschaft des Evangeliums und stülpt sich quasi als die eigentliche Bestimmung des Menschen und zwar mit der Befreiung des Menschen zu sich selbst, zu seiner normalen Menschlichkeit. Dies sind erstmal nur die altbekannten Worte, die ich begründen will.
Allerdings wird es auch nicht schwer sein, auch die jüdische und christliche Botschaft nur als Fortsetzung, Anhängsel oder weitere Differenzierung der im Grunde weiter archaischen Grundstruktur zu sehen, wo Gott als der Oberste, Gewaltigste, Schrecklichste alle vernichten oder bestrafen wird, die sich ihm nicht unterwerfen, wo Jesus als mächtigster König und Weltenherrscher - am Weltenende auch gnadenlos - richten wird, also als Projektion unserer eigenen Natur zu interpretieren.
Man sollte dieses reflektieren, auch wenn man die Bibel liest, denn solche hier sehr vereinfachte Darstellungen ist das Resultat einer langen Geistesgeschichte und bedeutet als Erkenntnis und Reflexionsmöglichkeit einen wichtigen Entwicklungsschritt, und auch dann oder gerade, wenn man weiß, daß die Welt und die Natur und erst recht der Mensch hiermit falsch dargestellt ist; sicher daran ist nur, daß der Mensch neben anderem so denkt und denken muß und sich erst dann aufgrund solcher Gedanken entsprechend verhält. Im heutigen Sprachgebrauch müßte man die ganz unreligiöse Frage, ob der geschichtliche Jesus unter heutigen Bedingungen lebensfähig wäre oder nicht wiederum gekreuzigt würde, mit der Frage verbinden, ob heute ein normaler Mensch leben kann. Das heißt: Hat sich die Welt seit Jesus zum Menschlichen hin normalisiert?
Wir werden genauer sehen, ob diese letztere Einwendung einen Unterschied macht, wenn wir auf den Einfluß griechischer Philosophie auf die Theologie zu sprechen kommen, wo genau dieser Einwand zur Sprache kommt.

Des ungeachtet kann man aber die Struktur und Problematik jener Schere, wie sie auch in Ihrer Statistik der Gegenwart erscheint, - armes, einfaches und braves, beherrschtes Volk auf der einen Seite als die Verlierer und die herrschende oder bestimmende Elite in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kirche und Kultur auf der anderen Seite als die Gewinner - , und die Problematik seit je als Zerfall der Sitten auch in unserer Zeit beklagt, mehr als die scheinbare Folge der Denk-, Begriffs- und Sprachstruktur denn als Folge unterschiedlichen Wissens-oder Bildungsstandes, also als Folge von Beherrschtwerden und Beherrschen sehen. Denn ein Problem als Folge des jeweiligen Bildungsinhaltes, der Kultur oder der Religion ist es ja wohl kaum, als was sich einerseits das ganze Thema alltäglicher, trivialer Menschlichkeit in eine uferlose, spießige, moraline Oberflächlichkeit ausweitet und gerade mit der Trivialität antiker oder klassischer Sprüche oder Begriffe wie Nächstenliebe, Anstand oder Gerechtigkeit nervt, erstickt oder langweilt, und nicht nur den Jugendlichen, der vielleicht sogar mehr der Penetranz solcher Sprüche als ihrem jeweiligen Inhalt zu entkommen oder zu widersprechen sucht, abstoßend wohl hauptsächlich wegen der bourgeois-spießigen, konservativen und unduldsamen Verengung und Verkennung des Menschenbildes durch die entsprechend oberflächliche Kehrseite oder Negation solcher Begriffe der moralischen Werte, wozu aber auch Arm und Reich gehört, mit der man den Mitmenschen verurteilt, wozu eben teils auch das bibeltreue Christentum gehört, wobei man eben nicht grundsätzlich zwischen ethisch-religiöser, kultureller und grammatischer positiver Struktur einerseits und Enge und böser Intoleranz andererseits unterscheiden kann. Die älteren asiatischen Kulturen und Religionen versuchten dieser Verbindung von Gut und Böse dadurch auszuweichen, und zwar vergeblich, indem sie von vornherein Gut und Böse wie Plus und Minus, Wert und Unwert als Einheit oder Ganzes oder Gleichwertiges interpretierten. Diese Problematik liegt nicht in einer statischen Gesellschaftsstruktur voneinander getrennter Menschen oder Gruppen selbst, sondern betrifft eigentlich jeden, denjenigen nicht minder, der sich eine Kaiser- oder Königskrone aufsetzt, ein Ministerbüro bezieht, einen Schulabschluß oder sonst ein Examen erreicht oder die Kommunion, Konfirmation oder Jugendweihe feiert, als auch denjenigen, der das Ereignis nur bejubeln darf, - und es ja auch tut. Keiner drückte seinen Abscheu und seine Widernis gegen sich selbst wie auch gegen seine Untertanen so deutlich aus, wie der König Salomo mit seinen Sprüchen. Die Problematik ist bis heute nicht verstanden, weil sie schwierig ist. Hermann Broch versuchte es in seinen „Schlafwandlern", wo der Held Jesch so lange gegen ein drohendes gesellschaftliches Leichentuch ankämpfte, wie er täglich seine Frau verprügelte und erst resignierte, als er damit aufhörte. Am besten zumindest demonstriert, wenn auch nicht verstanden, wurde die Problematik von DADA, die ihr Publikum verachtete, dem sie dennoch nachlief.
Wenn man hier von einer kollektiven Depression ausginge und z.B., wie es als Mode in den USA auftaucht, eine entsprechende Droge für alle verschreiben würde, wäre dieses nur ein Superlativ von Beleidigung des Menschen und ein Gipfel genau dieser Problematik und keine Lösung.

In verhängnisvoll anderer Weise abstoßend aber wirkt die andere, nämlich die analytisch-logische oder wissenschaftliche und die theologische Richtung dieser Schere in der Entwicklung, und zwar durch das zunehmende Wissen in Wissenschaft, Philosophie und Theologie und durch die zunehmende Vielschichtigkeit und Komplexität wissenschaftlichen Denkens und Verhaltens, bei dem und mit dem sich bis heute alle Theorien und Systeme einmal als trockene, immer kompliziertere und unverständliche abstrakte Theorien und Ordnungssysteme vom Alltag entfernen und sich dabei in nicht minder schwierigen Widersprüchlichkeiten befinden, von denen ja auch Sie sprechen. Es ist fast so, als folge z.B. die Kirche längst als Dienstleistungsbetrieb einem allgemeinen religiösen Bedürfnis, das ihr auch selbst längst fragwürdig geworden ist. Es gibt die viel schlimmere Entsprechung in Verwaltung, Politik, Kunst und Wissenschaft und selbst in der Medizin, was ich hier mit Absicht nicht aufführe, weil es vom eigentlichen Thema ablenkt.

Verhängnisvoll aber ist diese Schere des Widerwillens und der Langeweile zudem, weil letztlich dabei jeder das Kind mit dem Bade des anderen ausschüttet: Denn das Desaster liegt ja darin, daß wir einerseits die Werte ignorieren und ihnen andererseits gerade dadurch ganz unverstanden und unreflektiert ausgeliefert sind.

 Fortsetzung demnächst hier.   Friedhelm Schulz, 29. Febr. 2000



23. Mai 2000
Die Werte Recht und Ordnung als gültige Übereinstimmung einerseits gegen Irrsinn, Barbarei und Chaos als Gefahr für das Individuum andererseits.
Die Funktion von Konventionen und Begriffen.
Dennoch steht das Individuum eher für Letzteres
Den jeweils eigenen Standort in dieser Schere zu bestimmen und zu werten, der von Situation zu Situation wechselt, ist natürlich schwierig. Bei dieser Skizze der beiden Zustände und Entwicklungen sind scheinbar versehentlich immer je zwei Personen zugleich genannt, zunächst derjenige also, der auf der einen Seite der Schere langweilt oder auf der anderen abstößt und der andere, der jeweils gelangweilt oder abgestoßen wird. Hierbei bleibt der Kausalzusammenhang eines Prozesses als die Achse dieser Schere, nämlich Oben und Unten, Gewinner und Verlierer durchaus und gerade auch dann gültig, wenn die gleiche Person teils Elite oder spezialisiert ist und bezüglich Amt wie Thema überall sonst aber oder auch zugleich Untertan ist, und entsprechend auch teils langweilt und abstößt, wie zugleich gelangweilt und abgestoßen wird, wie es bei der Erziehung und dem Erzogenwerden von Kindern, beim Richten und Gerichtetwerden, beim Verwalten und Verwaltetwerden u.s.w. ganz automatisch in Personalunion der Fall ist, wo immer der Mensch im Alltag oder in Wissenschaft, Staat, Wehrmacht, Kirche u.s.w. sowohl Subjekt wie Objekt ist, wie wir es in jeder Hierarchie, aber ebenso in jeder Demokratie antreffen. Sicher ist solche Personalunion von latenter Beflissenheit und Heuchelei recht unappetitlich eine auch charakterliche Zweigleisigkeit, aber sie bringt notabene solche Reflexion und Distanz auf bzw. zu sich selbst und die Gesellschaft mit sich, und ist eigentlich Grundlage jeder pragmatischen Vernunft.
Man kann sich ja vorstellen, daß in einer bestimmten Situation zwei Menschen beide in bester, geradliniger Absicht bereit sind, sich gegenseitig zu töten und auch getötet zu werden, wenn es z.B. um die Nationalflagge auf irgend einem Gebäude geht, wobei dann kaum reflektiert viel weniger noch verstanden wird, wie wenig dabei wem alles ein Menschenleben gilt und wie weit es als Gegenpreis für diese Menschenverachtung dabei um den Wert „Recht und Ordnung" oder um eine Holzstange mit Stoff und Farbe, ob es um den Begriff geht, oder um das Recht, eine solche oder einen solchen zu besitzen oder um was für eine Bedeutung sonst noch.

Mag die aktuelle Geschichte auch noch so spannend sein, wenn von Mut, Ehre, Tapferkeit und Todesverachtung die Rede war, so langweilt dabei in unmenschlicher Weise die Frage nach den „mutigen", „tapferen" Menschen, die man anschließend nur vergräbt. Auch unsere christlichen Väter kennen solchen Wahnsinn noch zu gut wie auch die peinliche Mißachtung von Menschenleben, die damit einhergeht: Der Mensch als peinliches Anhängsel einer aber wichtigen oder unwichtigen Funktion.

Natürlich ist solche Schere gefährlich, wie das vergangene Jahrhundert zeigt und wie es jede vorhandene wie gewesene Kultur demonstriert, aber sie könnte und dürfte auch nicht einfach aufgehalten oder abgeschafft werden.
Seit je natürlich, aber innerhalb unserer demokratischen Verhältnisse ganz legal und sichtbar, bildet und etabliert sich abgestoßen von beiden Seiten der Schere ein subversiver Zwischenbereich. Kulturell gesehen ist es das Gold der sog. „goldenen zwanziger Jahre": Dieser Bereich ist naturgemäß einerseits etwas weniger spießig, prüde, vermieft und moralisch und etwas weniger politisch, wissenschaftlich, philosophisch oder theologisch festgelegt. Dieser in erfrischender Weise von mehr Unabhängigkeit und weniger Dogmatik und Verbissenheit bestimmte Bereich, der die sog. Moderne bestimmt, weil er als der Freiraum zugleich die Plattform aller Kultur wurde, ist natürlich nicht in gleicher Weise die Existenzweise bestimmter Personen, obwohl es Gruppierungen und sogar Parteien unter diesem ursprünglichen Vorzeichen immer gab und gibt. Existenzialisten, DADAisten, Aussteiger, Punks, Gammler, Hippies, Alternative, Autonome verstehen und versammeln sich vielleicht unter solchem Vorzeichen, das jedoch überwiegend für eine Haltung steht, die sich gegen die institutionelle Reduzierung des Menschen sowohl als handelndes Subjekt auf die instrumentalisierte Funktion richtet, wie es sich dann als Amt, Macht, Würde und Anmaßung u.s.w. äußert, wie zugleich gegen die institutionelle Reduzierung des Menschen als behandeltes Objekt, was sich als Anpassung, Unterwerfung, Gehorsam, Einfügen, Beflissenheit, Loyalität, Schlangestehen, Ohnmacht u.s.w., aber auch als Instrumentalisierbarkeit, möglicher Mißbrauch, Bestechlichkeit u.s.w. äußert, wie wir es innerhalb jeder Art von Patriotismus für eine Sache, eine Idee, eine Religion oder Konfession, für einen Staat genauso wie für eine Fußballmannschaft finden.

Ich will zugunsten vieler alternativer Bewegungen postulieren, daß es auch gegen die beiderseits unvermeidliche Einengung des Menschenbildes überhaupt geht, wo immer Recht und Ordnung, wo immer Organisation und Verwaltung von Menschen stattfindet - ob nun in Staat oder Kirche -, wenn für den Einzelnen der Anlaß auch meist Ungerechtigkeit und eine Benachteiligung in dieser Schere sein mag.

Ich will mich bemühen, den ethischen Aspekt mit zeitgemäßen und weniger oberflächlichen Begriffen darzustellen, und den theoretischen Aspekt mit solchen Beispielen soweit wie möglich zu vereinfachen aber dabei keinesfalls den Zusammenhang beider Aspekte aufzugeben.
Es geht mir ja darum zu zeigen, daß quasi jenseits bzw. über jeder Ethik von Recht und Ordnung irdischer Organisationsform (aber nicht gegen!), die Richtung von Erkenntnis, Streben, Handeln und Urteilen zu einem wahren Menschenbild führt, zu einem menschlichen Menschen, der nicht durch Reichtum oder Armut, Macht oder Ohnmacht, Kraft oder Krankheit u.s.w. verzerrt, denaturiert oder geistig verkrüppelt ist oder so gesehen und bewertet wird.
Weltfremd wäre es, die alternative Subkultur, die ganz sicher ein ethisches Postulat enthält, derart zu verstehen, als wenn sich dort nur unbestechlichere Menschen versammeln, die weder unterworfen oder geordnet sein wollen noch unterwerfen und ordnen würden. Sicher sind es meist mehr die offensichtlichen Anachronismen und Widersprüche zwischen Recht und Ordnung in bestehenden Strukturen, durch die sich einfache Argumente gegen das Verhalten von Oben und Unten anbieten, als daß beide Seiten in ihrer jeweiligen Abhängigkeit, Verstrickung und menschlichen Schwäche verstanden würden, wie sie sich im obigen Beispiel, wo sich zwei Menschen wegen einer Flagge töten, zeigt.

Und wie wir an solcher Sterbens- und Tötungsbereitschaft in aller Welt bis ins europäische Jugoslawien und Deutschland der Gegenwart sehen können, ist solche Identifizierung oder Abgrenzung religiöser, kultureller oder nationaler Art natürlich kaum dadurch zu verstehen und zu lösen, daß man Religion, Kultur und Staat, Nation - und auch Wissenschaft - einfach als Unsinn bezeichnet, wie es heute recht verbreitet oder gar Mode ist, was bereits die Stoiker vor 2000 Jahren erfolglos versuchten, weil sie die Bedeutung solcher Formen auch für ihr eigenes Denken nicht verstanden. Der Versuch einer einfachen Negierung wäre unsachlich, weltfremd und recht verstanden ungerecht, was zurecht in den Begriffen Kulturlosigkeit oder Gottlosigkeit noch mitschwingt. Ich möchte sogar präjudizieren, daß, wie bei den Eifersuchtstragödien in der Ehe, es gerade die Verunsicherung ist, die einen (auch den wissenschaftlichen) Fundamentalismus dann sogar steigern und entarten läßt und eine Kultur und alle besten Absichten gerade durch diese oberflächliche Intellektualisierung zum unmenschlichen Dogmatismus verführen kann.
Jene teuflische Finsternis der Vergangenheit, in der der oben skizzierte Wahnsinn noch ganz selbstverständlich als etwas Herrliches galt, bei dem man Menschen und auch noch stolz seine eigenen Kinder um der „guten Sache Willen", wie immer sie sich jeweils nennt, opfert , ist immer und auch heute noch ganz gegenwärtig und wird als Fragwürdigkeit, Unsicherheit, Schmutz, Desaster, Chaos, Verirrung, Wahn, Ungültigkeit gefürchtet - und zwar als immer mögliche auch eigene Entgleisung.

Die Wahrheit als Metapher

Und wie es die Sprache überhaupt, wie es jede Konvention und wie es gerade der gegenwärtige Papst demonstriert, besteht der Zusammenhang jener Achse der Schere von Amt, bzw. Funktion und Ordnung einerseits und Würde/Würdigung bzw. Gültigkeit andererseits keineswegs allein durch die Macht des Ersteren, sondern auch durch das Bedürfnis Amt und Ordnung zu würdigen und gültig zu erhalten, weil dies immer auch eigene Gültigkeit bedeutet, obwohl ja gerade dabei der jeweilige, nämlich der tatsächliche Mensch verblaßt .

Wenn Sie dem weiter entgegenhalten, daß man aber nicht den Teufel mit Beelzebub fernhalten kann, daß es unwürdig, lächerlich und unhaltbar und am Ende auch vergeblich ist, Recht und Ordnung und den Anstand der Leute mit unwahren Geschichten wie dem jährlichen Nikolaus und Christkind, mit Schwindel und Heucheleien und der Anbetung in Bethlehem u.s.w. aufrecht zu erhalten, und daß dies nichts anderes sei als Verdummung und Verarschung der Leute und Verstärker des Teufelskreises von Aber- und Irrglauben, dann sollten Sie versuchen, zumindest in den folgenden 8 Seiten meiner Gegendarstellung mal davon auszugehen, daß ich damit keinen Betrug auch nicht aus Höflichkeit zu rechtfertigen versuche. Manchmal wünschte ich mir die Problematik in der Tat etwas einfacher, so daß alle Überlieferungen objektiv und wörtlich genommen werden könnten und alles so bleiben könnte, wie es ist, oder daß Fernsehteams und Geschichtsschreiber unserer Zeit damals dabei gewesen wären, und daß wir einen lückenlosen Film des einen Jahrs Jesu oder der drei Jahre Jesu als Prediger mit allen Äußerungen und Handlungen zur Verfügung hätten. Zu solcher Dokumentation müßte natürlich gehören, wie man damals sein Erscheinen und seine Worte verstanden bzw. nicht oder falsch verstanden - aber auch, wie er es gemeint hat. Aber hätten wir mit heutigen Reportern und Journalisten aber tatsächlich ein besseres Bild, einen tatsächlich gläsernen Jesus in einer gläsernen Zeit und damit weniger Streit und Mißverständnisse und eine einige Kirche oder würden gerade diese Bilder und Dokumente den wahren Jesus, um den es uns Christen geht, nicht erst recht verkleistern? mehr noch als die gutgemeinten Illustrationen auf Altären und in Bilderbibeln mit den offensichtlich polemisch gezeichneten, „häßlich geizigen", „eifersüchtigen" oder „fanatischen" Gesichtern der Juden, mit den „dummen" Römern und den „schönen, intelligenten" Gesichtern der Christen? - War der wahre Jesus jemals sichtbar?

Es bedarf einiger Reflexionsschritte mehr, als wir es heute auf Grund unserer Menschenkenntnis, Bildung und Befangenheit schon könnten, um die Evangelien unbefangen als das zu sehen, was sie dennoch schon immer sind und bleiben können. Es sind ganz sicher Aussagen, die eine Wahrheit ordnen und mitteilen wollen. Auch wenn man sie nur gutwillig nur als Entwurf eines Ideals verstünde, den man dann zur Idealisierung eines gescheiterten, zufälligen Menschen oder Propheten benutzte, wozu Sie wohl neigen, dann wäre der so angenommene Anlaß immer noch ein im Heute befangenes Urteil von „gescheitert" und „zufällig" und damit ganz unrealistisch. Der Anlaß der Evangelienschreiber, soviel können wir uns vorstellen, wenn wir wollen, liegt ja bereits in dem Bestehen einer teils schon organisierten Gemeinde, deren Ursprung einerseits bis auf die Lebenszeit Jesu zurückgeht, deren Konventionen, Ordnungen, Sprachregelungen aber schon ganz mit dem Bild unserer unvermeidlichen Schere einen Entwicklungsprozess und einen Entwicklungs- bzw. Kristallisationszeitpunkt darstellen, wo Jesus bereits als Märtyrer, Star und Superstar und als mystisch erfahrener Gott und als logisch eingeordneter Sohn Gottes anerkannt war und angebetet wurde, also angesichts einer bereits bestehenden Konvention, dem der Schreiber verpflichtet ist - und ja auch verpflichtet sein will.

Ich versuche mir manchmal drei Menschen, die heute z.B. in einer Kneipe, einem Kaufhauscenter oder auf der Straße in einem normalen Gespräch sind - vielleicht über das Fernsehprogramm - , so vorzustellen, daß einer von ihnen noch ein ptolomäisches, der andere ein kopernikanisches und der dritte ein Newtonsches Weltbild besäßen , die alle drei falsch sind (auch Newton ging noch von einer objektiven, quasi gegenständlichen Zeit aus), und die dennoch zueinander drei unterschiedliche Entwicklungsstufen der Wissenschaft und der Menschheit darstellen und sich ganz unabhängig von ihrer Weltanschauung gut oder weniger gut unterhalten und vertragen können, - ob ich nun als Besserwisser ihr Leben und alles, was sie sagen, fühlen und tun, für ungültig erklären dürfte?
Wenn ich Gorbatschow und über ihn die Wende als einen Prozeß verstehen und darstellen wollte, müßte ich auch die Zeit vor 1917 darstellen, den Bildungsstand von Lenin und den 95prozentigen Analphabetismus seiner Zeit in Rußland, Asien, China, Afrika und Amerika, Christianisierung, Ideologisierung, Kolonialismus, Kapitalismus, Nationalismus, was erst durch Anlaß der angestrebten Weltrevolution langsam beseitigt oder zivilisiert erst zu dieser Wende führte bzw. zu ihr gehört. Die Frage, ob Gorbatschow nun sowohl Produkt der Entwicklung und zugleich ganz zufällig der richtige Mann zum richtigen Zeitpunkt für die Wende war, ob Kenntnisse über seinen Kleiderschrank, seine Gespräche und möglichen Freundschaften, seine Körpergröße, seine Eltern, sein Geburtsort usw., - also der gläserne Gorbatschow mehr Verständnis vermittelt, während wir Bildung, Alphabetismus und selbst als Deutsche den Nationalismus noch gar nicht verstanden haben, aber darstellen müßten, zeigt zumindest, daß Ihre Kritik an unseren übernommenen Jesusdarstellungen zumindest auch kritisch gesehen werden können, - zumindest in der leichtfertigen Radikalität der pauschalen Ablehnung und Lächerlichmachung als Nonsens. Wir sind froh, daß wir diese eher zufällig entstanden Schriften des frühen Christentums überhaupt besitzen und betrachten sie als ein Geschenk Gottes so wie sie nun mal sind, - samt der ganzen Problematik, mit der wir zu jeder Zeit wenn auch jeweils anders unsere Schwierigkeiten und Streitigkeiten hatten.
Aber so sehr man mit solchen Formen von „Wahrheiten" über solche Überlieferung, daß z.B. die Hochzeit zu Kana vielleicht nie stattgefunden und Jesus nie Wasser zu Wein verwandelt hat, des Pudels Kern oder den Sinn der Erzählung auch völlig verfehlen kann, besonders dann, wenn man ihre alte und heute ganz andere begriffliche Funktion in der Gegenwart ignoriert, - während noch vor 2000 oder 1000 oder 300 Jahren ein solches Wunder kein Problem für den Glauben war, sondern eher eine Probe des Glaubens, würde man sich heute streiten, ob jene Veränderung von Wasser zu Wein nicht eine Veränderung der subjektiven Wahrnehmung war, ob die Erweckung von den Toten nicht eine Erweckung aus einem Koma war oder ähnliches, so ist es dennoch nicht leeres Stroh, das Sie dreschen, Herr Augstein. Als Journalist wissen Sie, daß man im Kleiderschrank oder in der schmutzigen Wäsche immer auch Zündstoff und Argumente finden oder durch Einseitigkeiten herauspulen kann, mit denen man nach Belieben Eintracht oder Zwietracht sähen kann, daß sich dort immer auch eine Keule finden läßt, mit dem man Menschen totschlagen kann, wenn man will, so daß auch die Wahrheit zur Kampagne gerät, wie der Prozeß gegen Jesus, wenn man außer acht läßt oder verschweigt, daß man die reine Technik der Machbarkeit und das Vorsätzlich Gemachte solcher Kampagne verschleiert.

Im Gegenteil weist aber die aufgezeigte Vielschichtigkeit des Themas darauf hin, die wir heute und wohl niemals rein intellektuell werden bewältigen können, was im Folgenden noch deutlicher wird, daß eben nicht die vorschnelle Verneinung sondern die Bejahung der eigenen wie die Achtung (anderen Bejahung) der fremden Kulturform, Begrifflichkeit und Religion sowohl Selbstverständnis wie auch gegenseitige Verständigung ermöglicht und die Kultur der Zukunft sein wird, wie es sich auch längst abzeichnet, was aber nicht bedeuten kann, als ob wir es mit nichts weiter als mit Begrifflichkeit und Konventionen zu tun hätten. Und es ist ja gerade die Vielschichtigkeit selbst, die auf den Ursprung der Vielschichtigkeit und der ganzen Problematik hinweist, nämlich auf den Menschen, den wir eben nicht undeutlich werden lassen dürfen!, wobei wir Begriff und Individuum sorgfältig unterscheiden müssen, was uns wohl erst heute als Problem entgegentritt.
Daß nämlich der individuelle Jesus von solcher Begrifflichkeit gänzlich verdeckt wird wie in gleicher Weise auch der individuelle Normalmensch, deuten Sie nur an, Herr Augstein, ohne es verständlich zu machen.
Der Glaube der Christenheit, das Kerygma, die Entstehung dessen, was man christliche Religion nennt, resultiert und resultierte letztlich aber aus der Begegnung und immer nur persönlichen Erfahrung des tatsächlichen Jesus, und zwar nach seinem Tod in einer transzendenten Form, was wir den auferstandenen, den eigentlichen Jesus als den Christus nennen, wobei aber jede begriffliche Fassung jener Erfahrung in der jeweiligen Situation und Zeit immer bereits wieder eben auch solche Situation samt Begrifflichkeit ist, wenn wir dabei auch von einem lebendigen Wort Gottes sprechen, weil wir eben darin auch jenen Ursprung erkennen bzw. mehr erleben können.

Die moderne Antwort auch auf spirituelle Erfahrungen der Gegenwart, d.h. auf ein gläubiges Leben mit Gott, wie nicht anders die Antwort auf solche Erfahrungen der Vergangenheit, die uns mit der Bibel überliefert sind, wie die jeweilige Antwort auf die Begegnung mit der jeweiligen Gegenwart, mit all den verschiedenen Glaubensformen, Traditionen, Sprachregelungen auf unterschiedlichstem Niveau theologischer und intellektueller Kenntnis und Bildung lautet aber keinesfalls, daß dabei die Wahrheit keine Rolle spielt, und daß wir praktisch nur in einer virtuellen Welt jeweiliger Begrifflichkeit leben, sondern kann nur lauten, daß wir es nach unserem Tod wissen werden, - ob all dieses nur Sprache, Redaktion, Lobpreisung und Begrifflichkeit und ob jenes Wirklichkeit war nach unserem gegenwärtigen Stand und Maß eigener wie geschichtlicher Erkenntnis.
Jesus, der uns im Himmelreich erwartet, wird uns dann wohl kaum anschwindeln und uns damit zeigen, was alles an menschlicher Religion menschlich war. D.h., wir werden sehen, was an Bibel oder Koran menschlich und menschliche Vorstellung und Ordnung ist, und was daran göttlich ist: Eine notwendige und auch erlaubte Denkübung für jeden Christen, die zu einem gesunderen Verhältnis zu den heiligen Schriften führt.
Hieraus ergibt sich für den Atheisten die moderne Antwort, daß dieses nur erdachte Jenseits mit einem nur erdachten auferstandenen Jesus ein treffliches Alibi ist für Phantasie, Schwindel, Dichtung und Spekulation, wie es sinngemäß auch Kant formuliert, das nie aufgedeckt wird, weil es nicht existiert, worauf sich letztlich auch die Verkünder solcher „Märchen" verlassen hätten, die Nichtexistenz Gottes und eines Jenseits mit dem Argument untermauernd, wo denn Jesus und sein Vater in den Weltkriegen war, als im Holocaust, im Faschismus, bei den stalinistischen Säuberungen, bei den Bombenabwürfen über Deutschland, über Hiroshima und Nagasaki Millionen gläubiger Menschen zu ihm schrien, um errettet zu werden, während sicher noch weit mehr gläubige Christen sich direkt und indirekt an solchen Greueln beteiligten. Man kann dieses von Seiten der Christen keineswegs damit abtun, daß es sich um eine einmalige Entgleisung gehandelt hätte, aus der wir gelernt hätten. Gelernt hätten wir Christen und Nichtchristen daraus nur dann genügend, wenn man sich heute nicht mehr ähnliches und nicht noch viel schlimmeres an menschlicher Handlung und Verirrung als den Holocaust vorstellen könnte.
Für einen gläubigen Christen, der sich einst im Jenseits und derart als erwartung bereits jetzt mit der Wahrheit konfrontiert weiß, gilt solches Alibi eben nicht. Und selbst ein Atheist könnte einsehen, daß es dabei gerade der Glaube an jene Konfrontation mit der Wahrheit war und ist, - selbst wenn es solche niemals tatsächlich geben sollte, wie es aber nur der Atheist glaubt - , daß es der christliche Glaube ist, der verhindert, daß wir uns mit einer falschen zeitgebundenen Logik und Konvention dann in einer solchen quasi selbst einzementieren und damit in der Entwicklung unserer Erkenntnis stehenbleiben, sondern, daß uns nicht nur Kritik, Wahrheitsliebe und notwendige Glaubwürdigkeit und ein edles Gewissen treiben, in Erkenntnis, Wahrhaftigkeit und Selbsterkenntnis weiterzukommen, sondern eben auch der Glaube an die unvermeidliche Konfrontation mit Gott selbst und mit jedem Wort, das wir Christen verkünden.
Die zu meisternde Schwierigkeit läßt sich heute wahrscheinlich nur mit der (ebenfalls nur scheinbaren) Selbstverständlichkeit unserer Sprache deutlich machen, die man natürlich ganz zurecht ebenso als Konventionsmüllplatz von sehr viel Unsinn und Unart entlarven kann, und zwar nicht nur bezüglich vieler gedankenloser Bezeichnungen und unsinniger Begriffe, sondern die man auch in ihrer Struktur als Zwang, als Joch, als Fremdbestimmung, als Beteiligung am Gruppenzwang und Gehorsam wie Unterwerfung sehen kann, was ja alles auch richtig ist, wie ich es in meinem Brief an Pfarrer Metz etwas ausführlicher bereits formulierte. So geht z.B. im Deutschen die sprachliche Form des Wortes „Begriff" auf Greifen und Begreifen mit Händen zurück und ist damit bereits eine ganz unhaltbare Definition von Erkenntnis, und ist zudem als Bezeichnung dessen, wie wir das Wort inzwischen gebrauchen, sicher ein Anachronismus. Was für den konkreten „Tisch" in einer konkreten Zeit und in einer konkreten Küche z.B. eventuell gelten könnte, den wir sehen, vermessen und anfassen können, kann natürlich eben nicht für den allgemeinen Begriff „Tisch" gelten, der nirgendwo konkret und gegenständlich existiert und angefaßt werden könnte, höchstens als abstraktes Ideal in einem anderen Reich der Ideen, wie es Plato annahm. Und dieses Bestehen von förmlichem Nonsens gilt für viele Begriffe, wenn nicht für alle.
Aber dennoch ist für uns Menschen die fragwürdige Struktur der Sprache wie auch das Bestehen und die weitere Gültigkeit von Worten und Begriffen die unverzichtbare Voraussetzung, um überhaupt sprechen zu können; und ist die andere Voraussetzung, daß wir Menschen uns in der Kommunikation dann vielleicht auch dahin entwickeln können, auch jene Problematik der Sprache zu lösen, - was aber eben nicht durch einfache die Ablehnung oder Aufgabe von Sprache oder irgendeiner Sprache gelingen kann. Der Versuch einer alternativen, reinen Begriffsschrift, wie sie von Gottlob Frege existiert, zeugt deutlich davon, daß wir Menschen uns erst ganz am Anfang solcher Selbsterkenntnis befinden und auch bei dem Gebrauch solcher reinen Begriffsschrift noch ganz und gerade dann auf unsere Normalsprache angewiesen sind. Und in ähnlicher Weise gebrauchen wir im religiösen Bereich aller Kulturen die elementaren Begriffe Jenseits, Auferstehung und Himmelfahrt mit Bildern, die z.B. nie und auch heute nicht etwas mit einer Raumfahrt zu tun hatten und haben und zu tun haben sollen und in diesem Sinne sicher falsch sind, obwohl es gerade das Jenseits ist - und eben nicht die jeweils richtige oder falsche Beschreibungsform! -, das es zu erkennen und zu vergegenwärtigen gilt, wozu jene Umschreibung und Erzählung schon immer und auch heute noch die Voraussetzungen sind, um überhaupt verstehen zu können, was gemeint ist und was erkannt werden soll.
So ist nicht nur das Alte Testament sondern gerade das Neue Testament eben nicht eine Sackgasse auf dem Weg des Menschen zu Gott wie zu sich selbst und zum Mitmenschen, wie Sie es darzustellen versuchen, sondern war, ist und bleibt die unverzichtbare Voraussetzung für ein wachsendes gemeinsames Verständnis und eine gemeinsame Verständigung auch über sich selbst, nämlich über die eigenen konfessionellen, religiösen und kulturellen Grenzen hinaus.
Die Schwierigkeit, dieses zu reflektieren, liegt dabei vereinfacht dargestellt darin, daß eine Progression in Erkenntnis und Selbsterkenntnis bzw. sogar eine Emanzipation durch Reflexion - eben nicht der Sprachformen, sondern Emanzipation von eigenen Denkinhalten bedeutet, und eigentlich nur vergleichbar ist mit der Schwierigkeit, an sich selbst hochzuklettern oder sich selbst als Stufe zu benutzen, was eben wohl nur dadurch möglich ist, wenn die Form der eigenen Denkinhalte durch ihre Gültigkeit oder Konventionalität innerhalb einer sozialen Allgemeinheit quasi getragen oder gerechtfertigt ist und dabei gültig bleiben muß. Hierin liegt wohl der merkwürdige Umstand begründet, daß wir auch individuelle Identität nicht nur in der Eigenart und Sonderart und Unterscheidung von anderen sehen und empfinden, sondern im Gegenteil in der Übereinstimmung mit anderen, mit Konvention, Religion, Konfession und Kultur. So ist die Voraussetzung einer individuellen wie weltweiten Entwicklung im gegenseitigen Verständnis zugleich die Hauptschwierigkeit. Denkinhalten daß es keinesfalls gleichgültig ist, was an Inhalt dabei zur gemeinsamen, gültigen  Metapher bzw. zur Form oder zur Stufe wird, sei es eine Formulierung von etwas, wie das Glaubensbekenntnis oder die ganze Bibel, sei es die Form der Kirche, die Form des Gottesdienstes, sei es der Turban, das Kopftuch und selbst der Tages- und Jahresrythmus u.s.w., sondern liegt in der Notwendigkeit, daß dieses irgendwie ist oder geschieht, und zwar inklusive dessen, wie es geschieht, - auch eben als solche Schere, die um so deutlicher wird, je größer die Verunsicherung ist, damit Frage, Antwort und Kommunikation überhaupt möglich sind.

Mit dem nun unvermeidlichem Einwand Ihrerseits, falls nun tatsächlich Mensch und Menschheit derart mit der Hilfe von Konventionen auch aus Fehlern lernen würde, selbst wenn dies derart möglich wäre, verbinde sich die weitere Frage, ob denn nun dabei nicht im Gegenteil gerade das konservative, konventionelle Christentum samt der christlichen Kultur versagt habe oder ob nicht dabei gerade das konservative Christentum selbst die Ursache oder zumindest der Verstärker gerade des Fehlverhaltens ist, wie es Marx oder Lenin formulierte und wie es Milosowitsch mit seinem christlichen Kulturbewußtsein gegen den Islam, und wie es wohl nicht viel anders der konservative Islam gegen das christliche Serbien demonstrierten, stellt sich auch mir selbst die weitere Frage, was wir Christen oder Nichtchristen allesamt denn hätten vorher gelernt haben können oder zumindest nun lernen oder tun sollten, wenn nicht die drohende Einsicht, jenen konventionellen Inhalt samt konventioneller Form von alter Religion und versteinerter Kulturform aufzugeben und sich in die hedonistische Libertinage der reichen Industrieländer zu stürzen, wie es der Islam und auch der Hinduismus fürchtet, wo nur noch Geld und Justiz, die ja gerade in einer Demokratie Konsens und Konvention sind,  Möglichkeiten und Grenzen, Wert und Unwert des Menschen bestimmen.
Zumindest eine - eher nonkonformistische - Einsicht dürfte in solchem Kontext heute interkulturell und weltweit an Boden gewinnen und ist wohl dabei, auch gemeinsamer Teil und gemeinsame neue Dimension aller Religionen werden, daß nämlich bei den größten Übeln in Gegenwart und Vergangenheit die politische und ideologische Instrumentalisierbarkeit von Konventionen sowohl die strengsten Gläubigen - aber auch gerade die schlimmsten Verbrecher - dazu verführt, die Gläubigen zu instrumentalisieren, und daß gerade das Konventionelle von Glaubensformen dazu verführt, sich dann auch instrumentalisieren zu lassen, - und zwar gerade angesichts von drohender Verunsicherung, von drohender Gottlosigkeit und Kulturlosigkeit, womit aber keineswegs und auch nicht im Ansatz schon verstanden wäre, was die Instrumentalisierbarkeit von Glaubensbekenntnis und Lehre, von Kleidung und Architektur, von Sprache und Lebensgewohnheiten eigentlich ist und nicht ist, denn die genannte Einsicht ist nur der halbe Schritt über den Abgrund der Selbstaufgabe. Immerhin ist als Haltung hierin die Veränderung enthalten, daß sich dabei nicht mehr Staat und Wissenschaft der Kirche bzw. dem Diktat der Religion entzieht, sondern umgekehrt, die Kirche bzw. die Religion dem staatlichen Zugriff und der Unterordnung unter Wissenschaft und Justiz, was nicht weniger problematisch ist, wie wir es seit dem Mittelalter gelernt haben könnten, es aber wohl nicht taten, weil der Universalienstreit, der dort im Hintergrund wieder deutlich wird, wenn wir nach dem Wert des Menschen fragen, bis heute ungelöst blieb und durch die ungeheure Dignität von Recht, Wissenschaft und Technik nur verdeckt, nicht aber beantwortet wurde.
Denn sicher ist, daß diese Einsicht nur eine halbe und nur ein halber Schritt wäre, und zwar genau in den Abgrund hinein, den man fürchtet, nämlich in die Vergegenständlichung und Versachlichung des Menschen samt seiner Ansichten, was die Nominalisten den Universalien vorwerfen und dem selbst um so schlimmer verfallen, und zwar gerade dadurch, daß man ihn als instrumentalisierbares Instrument ansprechend vor der Instrumentalisierung warnt oder bewahren will, womit man nicht nur Gott, sondern auch das Göttliche des Menschen, nämlich seinen freien Willen, nicht weniger ausklammert, als es die Wissenschaften in ihrem dogmatischen Empirismus tun zu müssen glauben, was scheinbar paradoxer Weise bedeutet, daß sich der Glaube und der Gläubige eben nicht damit aus Wissenschaft und Politik und aus jener Schere verabschieden kann, sowenig, wie er sich deren Sachzwängen entziehen aber auch nicht beugen darf, weil er vor sich selbst, vor seinen Mitmenschen wie vor Gott verantwortlich bleibt. Dieses klingt selbstverständlich und geradezu trivial, als drehe man sich ohne Antwort im Kreis, was Form und Inhalt aller religiösen und ethischen Gott- und Menschvorstellungen betrifft. Aber die Reflexion des schwierigen Spagats ist keineswegs einfach, auch wenn er Schritt für Schritt seit Jahrtausenden stattfindet, wo nicht Religionen und Kulturen sich wegen der fehlenden oder nicht weiter möglichen Emanzipation beschriebener Art in Nichts auflösen mußten. So mußte die Entwicklung innerhalb der dogmatisierten naiven Sonnenverehrung der Ägypter als Fundament ihrer Kulturordnung und Konvention spätestens an dem Punkt enden, wo die Erkenntnis evident wurde, daß die Sonne ein unbelebter und gehörloser toter Stern oder Feuerball ist, womit die kulturelle Macht verloren war und sich nur Konventionsfetzen über andere Kulturen verstreuten und dort als Aufbaustücke für ganz andere Entwicklungen benutzt wurden.
So geht  gerade der Bezug auf den ungegenständlichen jüdischen Gott, soweit er mehr als alle konventionalisierten Aussagen und Vorstellungen über ihn gilt, dann auch über alle Konventionen hinweg, ohne sie deswegen aufgeben zu müssen und zu verlieren. Ein schönes, rührenden Beispiel soll dies veranschaulichen: In allen Kulturen der Welt wie auch bei unseren kulturellen Vorfahren, den Germanen und Kelten wurde fast übereinstimmens menschliche Enttäuschung und seelischer Schmerz als Herzeleid umschrieben, was auch heute noch verstanden und als Sprachform benutzt wird, auch wenn inzwischen längst ebenfalls Konsens und Konvention bezüglich des Inhalts lautet, daß wir es bei solchem Schmerz mit einem psychischen und psychophysischen Phänomen zu tun haben, und das wir das Herz als Muskel definieren, der den Blutkreislauf bestimmt und durch Hormone und andere Botenstoffe beschleunigt oder verlangsamt werden kann, die aus Rückenmark oder Gehirn stammen. Einfach einzusehen ist dabei, daß ein alter Begriff als Metapher oder Bezeichnung für eine alte Bedeutung von Leid dennoch brauchbar bleibt und keineswegs zu einer falschen Definition des Herzens verleiten muß. Schwieriger einzusehen ist dabei, daß die Emanzipation zu einer wissenschaftlicheren empirischen Definition des Herzens durchaus auf alten Vorstellungen aufbaut, aber dann etwas ganz anderes findet und meint, als es die alte Vorstellung meint und auch weiter ist, wenn auch die alte Vorstellung trotz Emanzipation zu einer neuen so undeutlich bleibt, wie vorher, und daß die neue Vorstellung offensichtlich keine unmittelbare Erweiterung der alten Ahnung war. In ähnlicher Weise ist uns der Schritt von der alten Bedeutung "Himmel" zu einer neuen Bedeutung im Sinne von "Weltenraum" oder "Weltraum", wie schon gesagt, vertraut, ohne daß wir dabei die alte Bedeutung aufgegeben hätten und etwa bei einer Himmelfahrt Jesu oder Mohammeds und Buddhas an eine Raumfahrt dächten und ohne daß wir scheinbar letztere Bedeutung zum besseren Verständnis der ersteren Bedeutung benutzen könnten, weil wir es nun mit zwei unterschiedlichen Begriffen zu tun haben, für die wir meist auch schon unterschiedliche Bezeichnungen verwenden.
Schwierig ist die Reflexion darauf in Form von Menschenkenntnis und Selbsterkenntnis und ist nach 500 Jahren, seit wir "Himmel" in zwei unterschiedlichen Bedeutungen als zwei unterschiedliche Begriffe benutzen, keineswegs abgeschlossen, daß nämlich hier durchaus weiter eine Korrelation besteht, wenn auch erstere und ältere Begrifflichkeit nicht mehr in der letzteren, wissenschaftlichen Begrifflichkeit enthalten zu sein scheint, was aber zu denken nur gewollt und bewußt scheinbar vermieden werden muß, um wissenschaftlich bleiben zu können, d.h. um letztere Begrifflichkeit überhaupt denken und erhalten zu können.
Obwohl wir dabei durchaus von einer Entwicklung und Emanzipation in Bewußtsein und Wissenschaft bzw. Wissenschaftlichkeit sprechen, leugnen wir dieses aber - wenn auch indirekt, indem wir in Lehre und Disposition nun von Zweierlei sprechen, das miteinander nur noch eine geschichtliche- aber keine inhaltliche und kausale Verbindung mehr habe, was denn dann auch nicht nur die Reflexion, sondern in der Folge auch die letztere Erkenntnis zu einer nur halben bzw. falschen Erkenntnis macht mit der Gefahr, damit auch die erstere und ursprüngliche Vorstellung von Himmel nicht nur zu ignorieren, zu übersehen, zu vergessen oder als falsche und irrtümliche zu empfinden, sondern sie in der Tat mit dem Maß der neuen Bedeutung zu messen und gar nicht mehr oder falsch und irrig zu verstehen.
Schwierig dabei ist, daß man im Normalfall in der Tat eine Stufe nicht um ihrer selbst willen benutzt, sondern, um etwas ganz anderes zu erreichen, wobei aber in unserem Fall oder Beispiel der Mensch sowohl Stufe ist wie auch dieses Ziel bleibt, so daß genau dieses nicht nur vergessen, sondern auch verfehlt wird mit der Konsequenz, daß wir nun diese Stufe, nämlich die alte Vorstellung von Himmel, die in der Tat subjektiv und ungenau war und bleibt, im Vergleich mit der neuen Einsicht als Mensch und menschlich und subjektiv zu überwinden und verlassen zu können glauben und die neue Erkenntnis, nämlich die, über das reale menschliche Muskelorgan Herz oder den heute befahrbaren Weltenraum als reales Objekt und als objektive und damit wahre Erkenntnis erreichen, was nun keineswegs mehr als Selbsterkenntnis gilt, weil nun auch die Wahrheit nicht mehr im subjektiv befangenen Menschen liegt, sondern außerhalb von ihm in dem realen Objekt, in jenem Muskelorgan oder im Weltenraum, wo sie nur gesucht, untersucht, gemessen und derart gefunden werden braucht.
Gerold Prauss beschreibt nahezu alle Folgen an Denkfehlern aus dieser nur halben Reflexion besser, als es hier möglich wäre, - und auch den derart unvermeidlichen Absturz in den Abgrund des Selbstverlustes.
Weniger offensichtlich wie in unseren beiden Beispielen Herz und Himmel aber ist dieses Fehlverhalten und zwar auch als Folge dieser Schwierigkeit bei der Anwendung und Entwicklung von Konventionen in komplexeren Zusammenhängen einzusehen wie z.B. in der Mathematik, und zwar als Reflexion auf die Entwicklungsstufen vom einfachen Zählen zum religiösen Phytagoraismus bereits höherer Mathematik und Geometrie dann zum modernen sachlichen, wissenschaftlichen und objektivem Gebrauch, weil wir dabei inzwischen ganz selbstverständlich bereits von einem benutzbaren Instrument ausgehen, dessen Mechanismus sich aber nicht anders als bei den vorherigen Beispielen „Herz und Himmel" objektiv nun aus den Zahlen und geometrischen Figuren und Gesetzen zu ergeben scheint, wie er denn auch erforscht und abgeleitet werden kann und wird, wie sich Vorgänge im Weltenraum und die Ereignisse im und am menschlichen Herzmuskel ebenfalls aus deren Beschaffenheit zu ergeben scheinen.

Es liegt im Wesen und Wahrheitskriterium einer Konvention, daß sich die Richtigkeit dadurch ergibt, weil sie von allen, die zu solcher Konvention gehören, für wahr gehalten wird.

Dennoch wurden ohne Zweifel die Kirchen schuldig innerhalb und außerhalb von Justiz, Politik, Wissenschaft und Kulturbetrieb, wenn Millionen Andersrassige, Millionen Kommunisten als solche und Widerständler und Andersgläubige als solche, Freiheitskämpfer wie Unterdrücker unmenschlich hingemetzelt und getötet wurden, wie es massiver, grausamer und herzloser selbst die Kreuzzügler im Mittelalter nicht vermochten.

Berlin, den 23. Mai 2000
Fortsetzung 2. Teil  bis 1. August 2000

 

Gegen die Einseitigkeit

Daß ich die allgemeine Kritik an Christentum und Kirche zitiere, um anschließend diese auch zu beantworten, sollte eigentlich nicht zu dem Eindruck führen, als wüßte ich nicht die andere, die positive Seite der Medaille. Ich lebe z.B. in Berlin und liebe die Stadt. Wenn ich einen Filmbericht über Berlin sähe, in dem im Jahre 2002 nur Abrißhäuser, Trümmer, Müllberge, Bettler, Drogen- und Aidskranke, Sterbende, Kriminelle, und nur Berichte über Korruption, Mord, Verbrechen, Fanatismus und Hass gezeigt würde, dann würde ich niemals aus Patriotismus leugnen, daß es all dieses in Berlin gibt - wie in jeder Großstadt - und ich würde damit auch nicht behaupten, daß all dieses nun gut sei. Dennoch kenne ich ja die andere Seite dieser Stadt.
Tatsache ist ja, daß an allen Enden der Welt überall da, wo der Staat und die Menschen versagen und wo Menschen leiden, die Kirchen mit ihrer Hilfe zu finden sind mit Krankenhäusern, Schulen, Entwicklungshilfe, Nahrung, Zuwendung und Aufmerksamkeit; und dahinter stehen fast immer Menschen, denen man trauen kann, - auch wenn dir ihre Ansichten nicht passen.
Andererseits wäre die kommentarlose Ablehnung jeder Kritik – gerade gegenüber der Kirche und Kirchengeschichte – nicht weniger misstrauisch zu sehen. In den Weisheiten und Sprüchen des Abendlandes – und vielleicht der Menschheit - fehlt die Formulierung einer allgemeinen, bitteren Erfahrung: Nach dem mühevollen Säubern eines Zimmers oder eines Hauses fällt weniger das Aufgeräumte oder der weggeräumte Mist auf, sondern mehr als vorher der restliche Unrat, den man noch nicht beseitigt oder vergessen hat – oder aus irgendwelchen Gründen nicht für Unrat hält.

Aber wir arbeiten ja dran.


Für heute alles Gute
Friedhelm Schulz

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Fortsetzung folgt,

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